Wien, 8. Nov. 1905

Sehr geehrter Herr!

Indem ich mich auf H. Dr Wilhelm Goldbaum , berufe, der zu jeder Auskunft über meine Person u. mein künstlerisches Wirken sich bereit hält, erlaube ich mir Ihnen folgenden Antrag zu stellen:

Ich habe ein Buch unter dem Titel : „Neue musikalische Theorien u. Phantasien von einem Künstler“ geschrieben u. würde es mir zur Ehre anrechnen, wenn Sie dieses in Ihrem sehr gesch. Verlag in Commission zu übernehmen die Liebenswürdigkeit haben wollten. 1

Vorerst die Erklärung der Anonymität. Eine auf Bestellung der hiesigen „ Universal-Edition “ veröffentlichte kritische Ph. Em. Bach-Ausgabe, der ich ein Buch „Beitrag zur Ornamentik “ beigegeben habe, {2} hatte einen solchen Erfolg bei der Presse u. dem Publikum, daß sich, nach einer lieben alten Gewohnheit der Menschen, plötzlich Vorurteile gegen meine kompositorische Tätigkeit ge laut zu machen versucht haben, trotz den Erfolgen der Aufführungen, u. trotzdem Firmen wie Simrock , Br. & Härtel , Weinberger , etc. meine Sachen druckten. 2 Um den künftigen Arbeiten nicht zu schaden, entschied ich mich zur vorläufigen Anomymität.

Außerdem enthält das Buch, das ein Lehrbuch der Harmonie ist, 3 u. als solches einen in kleine § geteilten, fortlaufenden wissenschaftlichen Text bringt, in einigen Anmerkungen gegen den modernen Dilletantismus ziemlich starke Pointen, so z. B. gegen die angebliche „Meisterschaft“ eines Bruckner , Strauss , Reger etc. 4 Es sind aber auch diese Pointen mit {3} Gründen theoretischer Natur motivirt, keineswegs blos in journalistischer Weise behauptet. Nun lag es mir daran, die Wirkung dieser Waffen abzuwarten, in aller Ruhe, um in der Abfassung des IIten Bandes, einer „Psychologie u. Kritik des Contrapunctes auf neuer Grundlage“ nicht gestört zu werden. 5

Eben wegen dieser Angriffe empfahl es sich aber zugleich, einen neutralen Verlag zu wählen, der nicht Bruckner , Strauss , etc. gedruckt hat. In diesem Sinne wurde ich nun hier, wo das Buch – trotz allen Geheimnissen – von Fachleuten, u. Anhängern u. Schülern mit größter Spannung, wie es H. Dr Goldbaum ja bestätigen mag, erwartet wird, dahin beraten, daß ich mich mit der Bitte um dem Comissionsverlag an Sie wende.

{4} Ich tue es hiemit, u. bitte zugleich, mit einem principiellen Bescheid zunächst zukommen lassen zu wollen.

Wollten Sie auch darauf Rücksicht nehmen, daß ich mit dem Erscheinen des Buches ziemlich eilig habe, so wäre ich für diese Leibenswürdigkeit sehr zu Dank verpflichtet.


In ausgez. Hochachtung
zeichne
[signed:] Dr Heinrich Schenker
III Reisnerstrasse 38

© Transcription Ian Bent, 2005, 2017


Vienna, November 8, 1905

Dear Sir,

Dr. Wilhelm Goldbaum has agreed to provide any information regarding me personally or my work as an artist. In referring [you] to him, I take the liberty of putting the following proposal to you:

I have written a book entitled New Musical Theories and Fantasies, by an Artist, and should be greatly honored if you would do me the favor of accepting this in your highly esteemed commission-publishing house. 1

First let me explain the anonymity. A critical edition of C. P. E. Bach, published by order of Universal Edition here, to which I have written a supplementary book, A Contribution to Ornamentation , {2} has had such success with the press and the public that, in accordance with a long-standing human foible, hostile opinions have suddenly been expressed about my work as a composer, despite the successes of the performances, and despite the fact that firms such as Simrock, Breitkopf & Härtel, Weinberger, etc. have published my works. 2 So as not to jeopardize my future work, I elected to assume anonymity for the time being.

Moreover, as a harmony textbook 3 with a continuously reasoned scholarly text subdivided into short paragraphs, my book includes some commentary sections containing quite robust criticisms of modern dilettantism, for example of the alleged "mastery" of Bruckner, Strauss, Reger, etc. 4 These criticisms, however, {3} far from being merely asserted in journalistic fashion, are bolstered by arguments theoretical in nature. Now, it was important to me to let the dust from these attacks settle, in order not to be disturbed while writing volume II, a Psychology and Critique of Counterpoint based on new principles. 5

At the same time, precisely in view of these attacks, it seemed advisable to select a neutral publishing house that had not printed Bruckner, Strauss, etc. It is for this reason that I was advised here ‒ where the book, despite all the secrecy, is awaited with great excitement by specialists, disciples, and pupils, as Dr. Goldbaum can certainly attest ‒ to the effect that I should turn to you with a request for inclusion [in] your commission-publishing house.

{4} This I do herewith, asking you at the same time in the first place to let me have an answer in principle.

I should be greatly indebted if you would be so kind as to bear in mind that I am anxious to see the book in print as soon as possible.


With kind regards,
I remain,
[signed:] Dr. Heinrich Schenker
[Vienna] III, Reisnerstrasse 38

© Translation Ian Bent, 2005, 2017


Wien, 8. Nov. 1905

Sehr geehrter Herr!

Indem ich mich auf H. Dr Wilhelm Goldbaum , berufe, der zu jeder Auskunft über meine Person u. mein künstlerisches Wirken sich bereit hält, erlaube ich mir Ihnen folgenden Antrag zu stellen:

Ich habe ein Buch unter dem Titel : „Neue musikalische Theorien u. Phantasien von einem Künstler“ geschrieben u. würde es mir zur Ehre anrechnen, wenn Sie dieses in Ihrem sehr gesch. Verlag in Commission zu übernehmen die Liebenswürdigkeit haben wollten. 1

Vorerst die Erklärung der Anonymität. Eine auf Bestellung der hiesigen „ Universal-Edition “ veröffentlichte kritische Ph. Em. Bach-Ausgabe, der ich ein Buch „Beitrag zur Ornamentik “ beigegeben habe, {2} hatte einen solchen Erfolg bei der Presse u. dem Publikum, daß sich, nach einer lieben alten Gewohnheit der Menschen, plötzlich Vorurteile gegen meine kompositorische Tätigkeit ge laut zu machen versucht haben, trotz den Erfolgen der Aufführungen, u. trotzdem Firmen wie Simrock , Br. & Härtel , Weinberger , etc. meine Sachen druckten. 2 Um den künftigen Arbeiten nicht zu schaden, entschied ich mich zur vorläufigen Anomymität.

Außerdem enthält das Buch, das ein Lehrbuch der Harmonie ist, 3 u. als solches einen in kleine § geteilten, fortlaufenden wissenschaftlichen Text bringt, in einigen Anmerkungen gegen den modernen Dilletantismus ziemlich starke Pointen, so z. B. gegen die angebliche „Meisterschaft“ eines Bruckner , Strauss , Reger etc. 4 Es sind aber auch diese Pointen mit {3} Gründen theoretischer Natur motivirt, keineswegs blos in journalistischer Weise behauptet. Nun lag es mir daran, die Wirkung dieser Waffen abzuwarten, in aller Ruhe, um in der Abfassung des IIten Bandes, einer „Psychologie u. Kritik des Contrapunctes auf neuer Grundlage“ nicht gestört zu werden. 5

Eben wegen dieser Angriffe empfahl es sich aber zugleich, einen neutralen Verlag zu wählen, der nicht Bruckner , Strauss , etc. gedruckt hat. In diesem Sinne wurde ich nun hier, wo das Buch – trotz allen Geheimnissen – von Fachleuten, u. Anhängern u. Schülern mit größter Spannung, wie es H. Dr Goldbaum ja bestätigen mag, erwartet wird, dahin beraten, daß ich mich mit der Bitte um dem Comissionsverlag an Sie wende.

{4} Ich tue es hiemit, u. bitte zugleich, mit einem principiellen Bescheid zunächst zukommen lassen zu wollen.

Wollten Sie auch darauf Rücksicht nehmen, daß ich mit dem Erscheinen des Buches ziemlich eilig habe, so wäre ich für diese Leibenswürdigkeit sehr zu Dank verpflichtet.


In ausgez. Hochachtung
zeichne
[signed:] Dr Heinrich Schenker
III Reisnerstrasse 38

© Transcription Ian Bent, 2005, 2017


Vienna, November 8, 1905

Dear Sir,

Dr. Wilhelm Goldbaum has agreed to provide any information regarding me personally or my work as an artist. In referring [you] to him, I take the liberty of putting the following proposal to you:

I have written a book entitled New Musical Theories and Fantasies, by an Artist, and should be greatly honored if you would do me the favor of accepting this in your highly esteemed commission-publishing house. 1

First let me explain the anonymity. A critical edition of C. P. E. Bach, published by order of Universal Edition here, to which I have written a supplementary book, A Contribution to Ornamentation , {2} has had such success with the press and the public that, in accordance with a long-standing human foible, hostile opinions have suddenly been expressed about my work as a composer, despite the successes of the performances, and despite the fact that firms such as Simrock, Breitkopf & Härtel, Weinberger, etc. have published my works. 2 So as not to jeopardize my future work, I elected to assume anonymity for the time being.

Moreover, as a harmony textbook 3 with a continuously reasoned scholarly text subdivided into short paragraphs, my book includes some commentary sections containing quite robust criticisms of modern dilettantism, for example of the alleged "mastery" of Bruckner, Strauss, Reger, etc. 4 These criticisms, however, {3} far from being merely asserted in journalistic fashion, are bolstered by arguments theoretical in nature. Now, it was important to me to let the dust from these attacks settle, in order not to be disturbed while writing volume II, a Psychology and Critique of Counterpoint based on new principles. 5

At the same time, precisely in view of these attacks, it seemed advisable to select a neutral publishing house that had not printed Bruckner, Strauss, etc. It is for this reason that I was advised here ‒ where the book, despite all the secrecy, is awaited with great excitement by specialists, disciples, and pupils, as Dr. Goldbaum can certainly attest ‒ to the effect that I should turn to you with a request for inclusion [in] your commission-publishing house.

{4} This I do herewith, asking you at the same time in the first place to let me have an answer in principle.

I should be greatly indebted if you would be so kind as to bear in mind that I am anxious to see the book in print as soon as possible.


With kind regards,
I remain,
[signed:] Dr. Heinrich Schenker
[Vienna] III, Reisnerstrasse 38

© Translation Ian Bent, 2005, 2017

Footnotes

1 A commission-publishing house was an arrangement whereby the work was undertaken by the publisher and full accounts were rendered to the author, and upon receiving bills the author would advance the necessary sums, or ‒ as in the case of Schenker ‒ call on his patron to do so.

2 In the late 1890s and early 1900s, Schenker established himself as a composer of piano, solo vocal, choral, and vocal/orchestral works, many of which were given public performances; of these, some eight were published, e.g. Fünf Klavierstücke, Op.4 (Leipzig: Breitkopf u. Härtel, 1898), Ländler für Pianoforte, Op.10 (Berlin: Simrock, 1899), Syrische Tänze für Pianofort zu 4 Händen (Vienna: Weinberger, [1899]).

3 Eventually published as Harmonielehre , volume I of Neue musikalische Theorien und Phantasien (Stuttgart: J. G. Cotta’sche Nachfolger, 1906).

4 See in particular Harmonielehre , pp. 220–23, fn.1 (Reger); 273–77, 376–78 (Bruckner); 291–93, fn.1, 299–304 (Strauss) (Eng. transl., pp. 174 (footnote omitted); 208 (material omitted); 285‒87; 219‒20, 226‒27 (material omitted)).

5 Eventually published as Kontrapunkt , Parts I and II, Neue musikalische Theorien und Phantasien , vol.II/1 Cantus Firmus und Zweistimmiger Satz (Stuttgart: J. G. Cotta'sche Nachfolger, 1910), vol.II/2 Drei- und Mehrstimmiger Satz; Übergänge zum freien Satz (Vienna: Universal Edition, 1922). We may assume that the dust has by this time settled, since in the final paragraph Schenker declares himself in a hurry to see the book out.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph salutation, message, valediction, and signature
Rights Holder
Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Provenance
J.G. Cotta’sche Nachfolger/Stuttgarter Zeitung (document date-c.1954); Cotta-Archiv (Stiftung der Stuttgarter Zeitung), Schiller-Nationalmuseum, Marbach am Neckar, Germany (c.1954-)

Digital version created: 2017-06-22
Last updated: 2012-11-02