15. III. 24

Lieber u. verehrter Herr Professor! 1

Ich beginne meinen Brief mit einem Angriff bzw. mit Abwehr. Was Sie in dem Heft 5 Tonwille über Berlioz schreiben, 2 will ich bei nächster Gelegenheit öffentlich abweisen, möchte aber doch zuerst u. zunächst persönlich meinem Empfinden Ausdruck geben, daß so abschätzige Verurteilung nicht ohne genaues Namhaftmachen des Gemeinten, oder, wenn Sie die gesamte Melodik von Berlioz meinen, ohne das ausdrücklich zu sagen, angängig ist; Beispiele wären hier nötig, u. sie sollten besprochen, das Verunglückte sollte {2} aufgezeigt werden. Und auch dann ist zu erwägen, ob mit weniger heftigen Ausdrücken nicht dieselbe Klarheit geschaffen werden kann. Sie können mir glauben, daß ich bei Brahms manches albern finde, könnte wenn ich meiner natürlichen Abneigung gegen ihn nachgebe; öffentlich möchte ich das doch nicht tun, wenn es nicht unbedingt nötig ist ‒ das ist es auch nicht, denn im ganzen sehe ich doch seine Lebensarbeit im Hintergrund.

{3} Wenn Berlioz ungeschickt ist, ist mirs immer noch wohler zu mut als bei der leidigen Gewandtheit Mendelssohns. 3 Und von einem Teil meiner Melodik sage ich, daß das Beste von Berlioz stammt; ich glaube schon lang, daß ich der erste bin der gemerkt hat, daß man gerade in der Melodik von Berlioz lernen kann, u. ich will, wenn's zutrifft, stolz darauf sein. Außerdem hat Berlioz so Einzigartiges, Unnachahmliches, daß ich ohne große Dankbarkeit gar nicht {4} an ihn denken kann. Wo er mir schwach erscheint, vergesse ich jenes diese doch nicht; mein Urteil trübt sie aber nicht.

Im übrigen will ich gerade das was Sie über Beethovens V. Sÿmphonie in dieser Nummer schreiben, sobald ich kann, genauer durchnehmen, schon aus Gerechtigkeitsgefühl u. sozusagen zur eigenen Erziehung u. Prüfung, weil mir eben diese Sÿmphonie die fremdste, die eigentlich feindliche unter den Sÿmphonien Beethovens ist. Die Klaviersonaten, 4 Bände, habe ich erhalten u. ich danke Ihnen sehr[,] {5} daß Sie mir diese wertvolle Gabe haben zukommen lassen. In Ihrem Brief 4 hoffe ich nun bald Ihre Wünsche, meine Musik betreffend, zu finden. Ich sende sie Ihnen besonders gern (auch wenn Sie nicht so gut über sie denken wie ich selbst). Gegenwärtig ist meine Musik zum Sommernachtstraum beim Stechen, in den nächsten Tagen soll die zum Wintermärchen dazu kommen, 5 alle meine Schauspiel-Musiken sind für kleine Besatzung, d.h. für unser Schulorchester geschrieben.


Mit herzlichen Grüßen,
Ihr
[signed:] A. Halm.

{6} Nicht wahr Sie schreiben mir auch, ob Sie die Stimmen zu meinem A-dur-Quartett gern haben möchten.

Nachschrift 1. IV. 24. Ja, schließlich soll man natürlich sagen was man für wahr hält, aber doch so, daß man damit was ausrichtet. Einem Anhänger von Berlioz (übrigens: gibt es denn davon so viele, daß eine Bekehrungszug notwendig, auch bei Ihrer Auffassung?) wird doch durch solche Werte nicht zu ruhiger Prüfung seines Standpunkts veranlaßt.

Wie gesagt, ich gebe diese u. jene Schwächen von Berlioz ohne weiteres zu. Aber er ist mir eitel, selbstgefällig ‒ ich finde diese Züge manchmal bei Brahms. Und dann: ist so eine Melodie wie "Rosen brach ich nachts mir"; "Holder klingt der Vogelsang" 6 etwa weniger albern als die verunglückte Melodie von Berlioz?

© Transcription Lee Rothfarb, 2006


March 15, 1924

Dear, revered Professor, 1

I will begin my letter on the offensive, that is on the defensive. At the next opportunity I plan to refute what you write about Berlioz in volume 5 of Der Tonwille , 2 would like first and initially, however, to express personally my feeling that such derogatory condemnation is not permissible without specifying precisely what is meant or, if you mean the entirety of Berlioz's melodic practice, without saying that explicitly. Examples would be necessary here, and they should be discussed, the failures should be {2} shown. And even then one should consider whether the same clarity cannot be achieved with less harsh language. You can believe that I find some silly things in Brahms if I give in to my natural disinclination toward him. I would rather not do that publicly if it is not absolutely necessary ‒ and it isn't because I do see his life's work in the background.

{3} If Berlioz is clumsy, it is nevertheless more to my liking than the tiresome fluency of Mendelssohn. 3 And of a part of my melodic practice I say that the best of it derives from Berlioz. For some time, I believe that I am the first to have noticed that we can learn from Berlioz precisely in melodic practice and, if that is correct, I will be proud of it. Moreover, in Berlioz there are such unique, inimitable elements that I cannot think {4} of him without immense gratitude. Where he appears weak to me, I certainly do not forget those passages, but they do not tarnish my opinion.

Additionally, as soon as I can I especially want to study more carefully what you say about Beethoven’s Fifth Symphony in that issue, above all out of a sense of fairness and, so to speak, for my own education and assessment, because that symphony is for me the most alien, the inimical one among Beethoven's symphonies. I received the piano sonatas, four volumes, and very much thank you {5} that you arranged for this valuable gift to be sent to me. In your letter 4 I hope soon to find your wishes with regard to my music. I send it to you especially gladly (even if you don't think as well of it as I do). My music for A Midsummer Night’s Dream is currently being typeset. In the next few days the music for Winter’s Tale is to follow. 5 All of my theater music is written for small instrumentation, i.e. for our school orchestra.


With cordial greetings,
Yours,
[signed:] A. Halm

{6} You will also write me whether you would like to have the parts for my A major Quartet, right?

P.S. April 1, 1924 You know, one should of course in the end say what one considers to be true, but in a way that communicates something by it. Such ideals will not lead devotees of Berlioz (by the way, are there in fact so many of them that a wave of proselytizing is necessary, even with your view?) to quiet examination of their viewpoint.

As I said, without question I concede one and another weakness in Berlioz. But to me he is vain, smug ‒ I find these traits sometimes in Brahms. And then, is a melody like "Rosen brach ich nachts mir"; "Holder klingt der Vogelsang" 6 perchance less silly than the failed melody of Berlioz?

© Translation Lee Rothfarb, 2006


15. III. 24

Lieber u. verehrter Herr Professor! 1

Ich beginne meinen Brief mit einem Angriff bzw. mit Abwehr. Was Sie in dem Heft 5 Tonwille über Berlioz schreiben, 2 will ich bei nächster Gelegenheit öffentlich abweisen, möchte aber doch zuerst u. zunächst persönlich meinem Empfinden Ausdruck geben, daß so abschätzige Verurteilung nicht ohne genaues Namhaftmachen des Gemeinten, oder, wenn Sie die gesamte Melodik von Berlioz meinen, ohne das ausdrücklich zu sagen, angängig ist; Beispiele wären hier nötig, u. sie sollten besprochen, das Verunglückte sollte {2} aufgezeigt werden. Und auch dann ist zu erwägen, ob mit weniger heftigen Ausdrücken nicht dieselbe Klarheit geschaffen werden kann. Sie können mir glauben, daß ich bei Brahms manches albern finde, könnte wenn ich meiner natürlichen Abneigung gegen ihn nachgebe; öffentlich möchte ich das doch nicht tun, wenn es nicht unbedingt nötig ist ‒ das ist es auch nicht, denn im ganzen sehe ich doch seine Lebensarbeit im Hintergrund.

{3} Wenn Berlioz ungeschickt ist, ist mirs immer noch wohler zu mut als bei der leidigen Gewandtheit Mendelssohns. 3 Und von einem Teil meiner Melodik sage ich, daß das Beste von Berlioz stammt; ich glaube schon lang, daß ich der erste bin der gemerkt hat, daß man gerade in der Melodik von Berlioz lernen kann, u. ich will, wenn's zutrifft, stolz darauf sein. Außerdem hat Berlioz so Einzigartiges, Unnachahmliches, daß ich ohne große Dankbarkeit gar nicht {4} an ihn denken kann. Wo er mir schwach erscheint, vergesse ich jenes diese doch nicht; mein Urteil trübt sie aber nicht.

Im übrigen will ich gerade das was Sie über Beethovens V. Sÿmphonie in dieser Nummer schreiben, sobald ich kann, genauer durchnehmen, schon aus Gerechtigkeitsgefühl u. sozusagen zur eigenen Erziehung u. Prüfung, weil mir eben diese Sÿmphonie die fremdste, die eigentlich feindliche unter den Sÿmphonien Beethovens ist. Die Klaviersonaten, 4 Bände, habe ich erhalten u. ich danke Ihnen sehr[,] {5} daß Sie mir diese wertvolle Gabe haben zukommen lassen. In Ihrem Brief 4 hoffe ich nun bald Ihre Wünsche, meine Musik betreffend, zu finden. Ich sende sie Ihnen besonders gern (auch wenn Sie nicht so gut über sie denken wie ich selbst). Gegenwärtig ist meine Musik zum Sommernachtstraum beim Stechen, in den nächsten Tagen soll die zum Wintermärchen dazu kommen, 5 alle meine Schauspiel-Musiken sind für kleine Besatzung, d.h. für unser Schulorchester geschrieben.


Mit herzlichen Grüßen,
Ihr
[signed:] A. Halm.

{6} Nicht wahr Sie schreiben mir auch, ob Sie die Stimmen zu meinem A-dur-Quartett gern haben möchten.

Nachschrift 1. IV. 24. Ja, schließlich soll man natürlich sagen was man für wahr hält, aber doch so, daß man damit was ausrichtet. Einem Anhänger von Berlioz (übrigens: gibt es denn davon so viele, daß eine Bekehrungszug notwendig, auch bei Ihrer Auffassung?) wird doch durch solche Werte nicht zu ruhiger Prüfung seines Standpunkts veranlaßt.

Wie gesagt, ich gebe diese u. jene Schwächen von Berlioz ohne weiteres zu. Aber er ist mir eitel, selbstgefällig ‒ ich finde diese Züge manchmal bei Brahms. Und dann: ist so eine Melodie wie "Rosen brach ich nachts mir"; "Holder klingt der Vogelsang" 6 etwa weniger albern als die verunglückte Melodie von Berlioz?

© Transcription Lee Rothfarb, 2006


March 15, 1924

Dear, revered Professor, 1

I will begin my letter on the offensive, that is on the defensive. At the next opportunity I plan to refute what you write about Berlioz in volume 5 of Der Tonwille , 2 would like first and initially, however, to express personally my feeling that such derogatory condemnation is not permissible without specifying precisely what is meant or, if you mean the entirety of Berlioz's melodic practice, without saying that explicitly. Examples would be necessary here, and they should be discussed, the failures should be {2} shown. And even then one should consider whether the same clarity cannot be achieved with less harsh language. You can believe that I find some silly things in Brahms if I give in to my natural disinclination toward him. I would rather not do that publicly if it is not absolutely necessary ‒ and it isn't because I do see his life's work in the background.

{3} If Berlioz is clumsy, it is nevertheless more to my liking than the tiresome fluency of Mendelssohn. 3 And of a part of my melodic practice I say that the best of it derives from Berlioz. For some time, I believe that I am the first to have noticed that we can learn from Berlioz precisely in melodic practice and, if that is correct, I will be proud of it. Moreover, in Berlioz there are such unique, inimitable elements that I cannot think {4} of him without immense gratitude. Where he appears weak to me, I certainly do not forget those passages, but they do not tarnish my opinion.

Additionally, as soon as I can I especially want to study more carefully what you say about Beethoven’s Fifth Symphony in that issue, above all out of a sense of fairness and, so to speak, for my own education and assessment, because that symphony is for me the most alien, the inimical one among Beethoven's symphonies. I received the piano sonatas, four volumes, and very much thank you {5} that you arranged for this valuable gift to be sent to me. In your letter 4 I hope soon to find your wishes with regard to my music. I send it to you especially gladly (even if you don't think as well of it as I do). My music for A Midsummer Night’s Dream is currently being typeset. In the next few days the music for Winter’s Tale is to follow. 5 All of my theater music is written for small instrumentation, i.e. for our school orchestra.


With cordial greetings,
Yours,
[signed:] A. Halm

{6} You will also write me whether you would like to have the parts for my A major Quartet, right?

P.S. April 1, 1924 You know, one should of course in the end say what one considers to be true, but in a way that communicates something by it. Such ideals will not lead devotees of Berlioz (by the way, are there in fact so many of them that a wave of proselytizing is necessary, even with your view?) to quiet examination of their viewpoint.

As I said, without question I concede one and another weakness in Berlioz. But to me he is vain, smug ‒ I find these traits sometimes in Brahms. And then, is a melody like "Rosen brach ich nachts mir"; "Holder klingt der Vogelsang" 6 perchance less silly than the failed melody of Berlioz?

© Translation Lee Rothfarb, 2006

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/6, p. 2651, April 3, 1924: "Von Halm (Br.): offenbar schwer in seinem Berlioz-Herzen getroffen; will meinen doch sehr verborgen gehaltenen Angriff öffentlich abweisen." ("From Halm (letter): his Berlioz heart obviously aching; clearly wants to repulse publicly my attack, albeit it was kept very low-key.").

2 The remark appears near the end of "Beethoven: V. Sinfonie (Fortsetzung)," Tonwille 5 (1923 ‒ actually published just before February 23, 1924, thus recently released), pp. 10–42, on pp.18–19 and footnote (Eng. trans., vol. I, p. 189): "Berlioz, because he believed that the entire wonder of Beethoven's effect (rather like Wagner) was contained in the simple triadic unfolding of his principal themes, felt himself induced to follow Beethoven in this respect; which bestowed upon him no more than the most feeble, misconceived, unspeakably awkward and childish melodies." The footnote quotes Mendelssohn on Berlioz.

3 Mendelssohn is another composer on whom Schenker and Halm disagreed, as Halm points out in his 1917 review of Schenker's Beethoven edition ("Heinrich Schenker," in Von Form und Sinn der Musik, p. 273). Gustav Wyneken was proud of his institution's musical one-sidedness, focusing on Bach, Beethoven, and Bruckner, while avoiding Mendelssohn, Schumann, and Brahms: Wyneken, Wickersdorf (Lauenburg: Adolf Saal, 1922), p. 108.

4 Halm is presumably referring to Schenker's next letter.

5 Halm, Sommernachtstraum and Wintermärchen, published as part of Bühnenmusik I (Wolfenbüttel: Zwissler, 1924).

6 Op. 94, No. 4 and Op. 71, No.5: both songs are in the Dover edition, series III (pp. 158 and 60, respectively).

Commentary

Rights Holder
Heirs of August Halm, published here with kind permission
License
Permission to publish granted by the principal heir, Eberhard Halm, 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
6p letter, pp. 1-4 Bogen format, pp 5-6 single sheet, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-1938)--Oster, Ernst (1938-1977)—New York Public Library (c.1977-)
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978-)

Digital version created: 2015-04-20
Last updated: 2013-04-15