7. IV. 24.

Lieber u. verehrter Herr Professor! 1

So war das mit der Öffentlichkeit von mir nicht gemeint, daß die Leserschaft als Instanz gelten soll, sondern so, daß sie sehen soll, wie eine anständig geführte Fehde aussieht, in der ein Gegner auch mal gern Unrecht hat, d.h. dankbar ist wenn er bessere Einsicht bekennt. 2 Wenn Sie sich aber die Mühe machen, mir in einem Brief diese u. jene Stelle zu zeigen, wo ich ausrutschte, u. die Nichtgenialität meiner Musik {2} sich offenbart, so ist mirs auch so recht. Es sind nicht viele Fälle nötig aufzuweisen, denn ich vermute von vornherein, daß mir das fehlt was Sie meinen, oder ich halte es doch für sehr möglich. 3

„Vordergrundmusik“ – ein guter Ausdruck, den ich, je nach Befund, wohl auch für meine Musik akzeptieren würde mit viel Bescheidenheit sowohl als mit etwas Stolz, d.h.: ich glaube schon lang, daß das Vordergründliche oder Oberfläch lich ige über dem {3} Hinter- u. Untergründlichen, oder die Körperlichkeit über dem Geistigen vernachlässigt worden ist. 4 Sie sagen dagegen: alles ist nur ein Körper, u. darin liegt gerade die Genialiatät. Zugegeben: aber darum doch noch nicht eo ipso die Schönheit – die ist auch Etwas! Unschöne Phsyiognomie, Körperteile sind biologisch ebenso ein Wunder wie schöne. Gefühl: werde ich keineswegs ausschalten, spreche aber, wie sichs gehört, nur privatim davon. Die Erkenntnis, die Tatsachen aufzeigt, wird ja doch auch vom Gefühl geleitet. Die Tatsachen präsentiert man dann in der Hoffnung, oder auf gut Glück, daß sie bei dem Leser ins {4} Gefühl zurückleiten, dieses speisen. Tatsachen: ich habe stets gesagt: was ich über Beethovens Musik schreibe, halte ich für unwiederlegbar; dagegen bin ich stets gewärtig, daß noch andere Gewichte in die Wagschalen geworfen werden; das Steigen u. Sinken dieser ist nicht endgiltig. Was Sie von Beethoven anführen, ist mir, fast alles, wertvoll, ich bewundere es, zum Teil beglückt es mich, so z.B. eben die in Ihrem letzten Brief angeführte Stelle.

Religiöses Gefühl gegenüber der Musik: eben aus diesem heraus meine ich die Musik sei an sich geistig, u. man müßte sie nicht noch extra vergeistigen. Die unmittelbare Erscheinung, der Vordergrund, ist mir deshalb so wichtig. Bruckner hat die Unschuld wiedergewonnen (die Klassiker hatten’s zu eilig). Seine Volltaktigkeit, seine Solidität (Anfang mit I,,) rechne ich ihm gerade zur Größe an. Was Sie erzählen (von der Steigerung) ist gewiß scheint zuerst tief bedenklich, {5} macht micht aber nicht irre [cued from left margin, written top to bottom:]Einfachste Erklärung: Er schätzte Sie u. wollte Ihnen eine schöne Stelle zeigen u. tat dies unter ungeschicktem Vorwand.[end cue] – ich sehe zuviel von Struktur u. Bewußtheit, Willen u. Können – ich habe da doch wohl einen ordentlich gefüllten Sack voll Tatsachen herbeigeschleppt – u. könnte noch manche Bögen füllen. Aber wäre es selbst so, daß es sich nur um „herrliche Musikbilder“ handelte – das ist ja vor allem das, was uns nach den Klassikern nottat; Musik der reinen Gegenwart. Aber wie gesagt, ich bestreite, daß es bloß das ist, u. glaube das Gegenteil erwiesen zu haben.

Dr. Kurth, Ich denke, er sagt doch wohl einiges mehr als wie Sie es darstellen, u. dieses Mehr scheint mir wichtig. Der „Stoß,“ den Sie führten, hat mir also sein Bild nicht umgeworfen, aber {6} Sie dürfen keine Sorge haben, daß ich so was nicht aushielte. Was mir einer umwerfen kann, das mag nur umfallen; sowohl meine eigene Musik als ihre Stützen u. Hilfen. Es freut mich immer, wenn jemand meine Musik gefällt; beweise man mir, daß er nichts versteht, so ist mirs doch willkommen, ihm Freude zu bereiten. [cued from left margin, written top to bottom:]Es ist gewiß möglich, daß jemand meine Musik gefällt, der wenig von Musik versteht, ja auch jemand, der diese meine Musik selbst nicht versteht.[end cue] Schon lang, schon beim ersten Kennenlernen Ihrer Schriften, merkte ich den Unterschied; Sie sind viel mehr esoterisch als ich.

— Die Quartettstimmen 5 sende ich demnächst ab. Wenn Sie bei einer Probe zuhören, so beeinflussen Sie doch, so gut es geht, die Spieler, daß sie {7} nicht hetzen. Im allgemeinen finde ich, daß die Spieler stets schnelleres Tempo nehmen als ich es meine (Temperaments-Surrogat!). Von Grenzen u. Ländern 6 will ich Ihnen durch den Verlag zusenden lassen. Noch nicht geschrieben haben Sie mir, was Sie von meiner Kammermusik nicht haben (IV., V. Heft?). 7 [cued from top margin, inverted:]Am liebsten ließe ich Ihnen die Stimmen mit den andern Heften zusammen zusenden, also bitte schreiben Sie bald darüber.[end cue] 8

Einen Beitrag für Drucklegungen nehme ich, wenn Sie eine entsprechend[e] Stiftung, oder ähnl., zur Verfügung haben, gern an 9 – ich darf doch aus dem Angebot (wenn ein solches mal in betracht kommt) schließen, daß Sie m. Musik veröffentlicht wünschen, u. daß Ihnen nicht eine andere bekannt ist, die es nach Ihrem Urteil mehr {8} verdient als meine. Immerhin denke ich, Sie sollten in solchem Fall, wo Sie z.B. entschieden haben, etwas von Ihren Schriften veröffentlichen, wo die Verleger versagen oder gar hindern (ich habe mit Bedauern u. aufrichtiger Teilnahme von Ihren Schwierigkeiten mit dieser Gesellschaft 10 gelesen u. kann mir wohl denken, daß Sie da nur eine kleine Vorhang-Spalte von einer sehr unsauberen Geschäftsbühne geöffnet haben.). Es kann nicht anders sein, als daß Sie Ihre Schriften für die Musik für wichtiger halten als meine Musik, u. danach müßten Sie entscheiden u. handeln. Das wäre nun doch wahrhaftig keine Eigensucht.

{9} Sie schreiben, daß Sie mir wohl schon mitgeteilt hätten, „wie Bruckner mühsam die Figuren auf den Klang abgestimmt habe.“ 11 Das ist noch nicht geschehen, es wird mich sehr interessieren, sehr, u. ich bitte Sie, es mir zu schreiben [cued from left margin, written bottom to top:]Oder erwähnen Sie doch einmal Beispiele davon in einem Heft „Tonwille“.[end cue] auch wenn Sie nunmehr annehmen werden, daß ich mich von meinem Standpunkt dadurch nicht abbringen lasse. Denn schließlich kommts doch auf das Resultat der Mühsal an; wie auch bei Beethoven, der mir in seinen Skizzen auch {10} (14.IV.24) manchmal unerwartet ungeschickt erscheint. 12

Zum Anfang zurück: ich halte es nach dem, was ich so beobachte (gelegentlich, denn ich studiere meine Sachen nicht so wie die andern), immerhin für möglich, daß eine schöne Urlinie in ihnen nachgewiesen werden könnte, auch das Gegenteil mag möglich sein. Mein wirkliches bewußtes Arbeiten (so wie der Maler Kompositionsstudien,, von dem Bild macht) betrifft hauptsächlich die Harmonik, das andere suche ich, bis ich etwas finde was mich zufriedenstellt – ohne so eingehende Arbeit wie beim {11} Harmonischen. Da ich aber auch hinsichtlich der Linie sehr empfindlich [cued from bottom of page:]Sie sagen wohl, ich sei zu wenig empfindlich, zu wenig hellhörig – ich versuche nicht, Ihnen meine Meinung hierüber aufzudrängen u. meine das jetzt rein praktisch: ich bin tatsächlich empfindlich, ob ich nun falsch oder richtig empfinde.[end cue] gegen ungenügende Weiterführung bin, so vermute ich, daß irgend eine Synthese vorhanden sein muß, vielleicht die Urlinie, vielleicht eine unbekannte.

Vorgestern kam op. 101, nehmen Sie

6.V.24

Eine Osterreise kam dazwischen: bei einer Jugendtagung in Hildesheim, die Dr. Wyneken leitete, waren 4 Abende meiner Musik gewidmet; {12} vorher hatte ich mancherlei mit Vorbereitungen dazu zu tun. Nun hätte ich ja manches noch zu sagen, aber der Brief soll nun endlich fort.


Ich sage Ihnen herzliche Grüße,
Ihr
[signed:] A. Halm.

Reger: 13 Ich meine, gegen ihn ist soviel zu sagen (u. für ihn hat meines Wissens keiner seiner Anhänger etwas Greifbares u. Habhaftes gesagt), daß es mir fast unnötig erscheint, daß Sie sich damit abgeben. Das Beihnahe wäre interessanter, aufschlußreicher ‒ ich verstehe, daß dieses Beinahe nach Ihren Einstellung gerade eine [cued from left margin,written top to bottom:]Wesens-Unterschied also Riesen-Distanz bedeuten muß.[end cue] 14

© Transcription Lee Rothfarb, 2006


April 7, 1924.

Dear and revered Professor, 1

I didn't mean it that way with the [debate in] public, that the readership should count as a court of appeal, but rather that it should see how a respectably conducted dispute looks in which an opponent is sometimes gladly in the wrong, i.e., is grateful when he admits better insight. 2 However, If you take the trouble to show me in a letter one or another passage where I got off track and the lack of genius in my music {2} reveals itself, that's all right with me too. It is not necessary to point out many instances, for I suppose from the start that I lack what you mean, or I do consider it very possible. 3

"Foreground music" ‒ a good expression which, depending on the findings, I would surely also accept for my music with much modesty as well as some pride. That is, I have long since believed that the foreground, or surface, has been neglected at the expense of the {3} background and foundation, corporeality at the expense of spirituality. 4 You counter: everything is merely a body and therein lies the quality of genius. Granted, but certainly not, therefore, on that account beauty. That is something! Unattractive physiognomy, body parts are biologically just as much a wonder as beautiful ones. Feeling: I won't dismiss it by any means, but I talk about it only in private, as it should be. Knowledge that demonstrates facts is surely also guided by feeling. One presents facts in the hope, or relying on luck, that they will guide the reader to {4} feelings, to relish them. Regarding facts, I have always said: I consider irrefutable what I write about Beethoven's music. On the other hand, I am constantly aware that yet other weights can be tossed on to the scales. Their rise and fall is not definitive. What you adduce about Beethoven is almost all valuable to me. I admire it; in part, it elates me, for example precisely the passage you mentioned in your last letter.

Regarding religious feeling vis-à-vis music: specifically on account of such feeling I think music is spiritual in itself, and one doesn't have to spiritualize it yet further. The immediate phenomenon, the foreground, is therefore so important to me. Bruckner regained innocence (the classicists were too much in a hurry). His downbeat quality, his solidity (opening with tonic harmony) I accredit him as greatness. What you recount (about escalation) is certainly seems at first of deep concern {5} but does not confuse me. [cued from left margin, written top to bottom:]Simplest explanation: he respected you and wanted to show you a nice passage and did it under an awkward pretense.[end cue] I see too much structure and intention, will and ability. I have hauled out a fairly full bag of facts here, and could fill yet quite a few sheets of paper. But even if it were just a matter of "wonderful musical images" ‒ that is of course above all what was needed after the classicists; music purely of the present. But as I said, I dispute that it is merely that, and believe I have proved the opposite.

Regarding Dr. Kurth, I think he certainly said a bit more than how you present it, and that More seems important to me. The "blow" that you struck has thus not overthrown his image for me. But {6} you need not worry that I cannot abide such things. What someone can overthrow for me may merely fall down, my own music as well as your support and assistance. I am always delighted when my music pleases someone. If one were to prove to me that he understands nothing, it is for me a pleasure to bring him joy. [cued from left margin, written top to bottom:]It is certainly possible that my music pleases someone who understands little of music, even someone who does not understand my music in particular.[end cue] For some time, already at my first acquaintance with your writings, I noticed the difference; you are much more esoteric than I am.

— I will soon be sending you the quartet parts. 5 If you listen in on a rehearsal, do try to influence the players, as far as you can, {7} not to rush. In general I find that players always take a faster tempo than I intend (surrogate for spiritedness!). I will have Of Boundaries and Countries 6 sent to you by the publisher. You have still not written me what items of my Chamber Music you do not have (volume 4, 5?). 7 [cued from top margin, inverted:]Most preferably, I would have the parts sent together with the other volumes, so write me soon about it.[end cue] 8

I will gladly accept a contribution toward printing costs if you have an appropriate foundation at your disposal. 9 I may conclude from the offer (if such comes under consideration at some point) that you wish to see my music published, and that you are not familiar with other music that in your opinion {8} deserves it more than mine. Should you, for example, have decided [on a contribution], I still think you should publish something from your writings when publishers don't come through or even stand in the way. (I read with regret and sincere sympathy about your difficulties with that company 10 , and can readily imagine that you have opened only a small slit in the curtain on a very sullied commercial stage.) It can be no other way than for you to consider your writings more important for music than my music, and you would have to make decisions and act accordingly. In truth, that would truly not be egotism.

{9} You write that you had already told me "how Bruckner laboriously coordinated the figurations with the harmony." 11 That has not yet occurred. It would very much interest me, and I ask that you write me about it[cued from left margin, written bottom to top:], or mention an example of it in a volume of Der Tonwille ,[end cue] even if you will then assume that I will not be budged thereby from my viewpoint. For ultimately it depends on the outcome of the labor; as with Beethoven, who also sometimes appears {10} (April 14, 1924) unexpectedly awkward to me in his sketches. 12

Back to the beginning: After what I have observed (occasionally, for I don't study my pieces as I do those of others), I still consider it possible that a beautiful Urlinie could be demonstrated in them. The opposite may also be possible. My actual, conscious work (as the painter makes composition studies of a picture) mainly applies to harmony. The remainder I search out until I find something that satisfies me ‒ without such intensive work as with the {11} harmony. However, with respect to line, since I am also very sensitive [cued from bottom of the page:](You say I am insufficiently sensitive, insufficiently aurally aware ‒ I won't try to impose my opinion on you on that point, and mean this now purely from a practical viewpoint: I am indeed sensitive, whether I sense incorrectly or correctly.)[end cue] to unsatisfactory continuation, I suspect, accordingly, that some kind of synthesis must exist, perhaps the Urlinie, perhaps an unknown type.

Op. 101 arrived the day before yesterday. Cordial thanks.

May 6, 1924

An Easter trip intervened. Four evenings were devoted to my music at a youth convention in Hildesheim that Dr. Wyneken directed; {12} before that, I had various things to do with preparations. I do now have other things to say, but the letter should finally be off.


I express to you cordial greetings,
Yours
[signed:] A. Halm

Reger: 13 I mean, there is so much to say against him (and to my knowledge none of his devotees has said anything tangible or concrete for him), that to me it almost seems unnecessary that you have to deal with it. The Nearly would be more interesting, enlightening. I understand that according to your attitude this Nearly must mean a [cued left margin, written top to bottom:]difference in nature, i.e. a huge gap.[end cue] 14

© Translation Lee Rothfarb, 2006


7. IV. 24.

Lieber u. verehrter Herr Professor! 1

So war das mit der Öffentlichkeit von mir nicht gemeint, daß die Leserschaft als Instanz gelten soll, sondern so, daß sie sehen soll, wie eine anständig geführte Fehde aussieht, in der ein Gegner auch mal gern Unrecht hat, d.h. dankbar ist wenn er bessere Einsicht bekennt. 2 Wenn Sie sich aber die Mühe machen, mir in einem Brief diese u. jene Stelle zu zeigen, wo ich ausrutschte, u. die Nichtgenialität meiner Musik {2} sich offenbart, so ist mirs auch so recht. Es sind nicht viele Fälle nötig aufzuweisen, denn ich vermute von vornherein, daß mir das fehlt was Sie meinen, oder ich halte es doch für sehr möglich. 3

„Vordergrundmusik“ – ein guter Ausdruck, den ich, je nach Befund, wohl auch für meine Musik akzeptieren würde mit viel Bescheidenheit sowohl als mit etwas Stolz, d.h.: ich glaube schon lang, daß das Vordergründliche oder Oberfläch lich ige über dem {3} Hinter- u. Untergründlichen, oder die Körperlichkeit über dem Geistigen vernachlässigt worden ist. 4 Sie sagen dagegen: alles ist nur ein Körper, u. darin liegt gerade die Genialiatät. Zugegeben: aber darum doch noch nicht eo ipso die Schönheit – die ist auch Etwas! Unschöne Phsyiognomie, Körperteile sind biologisch ebenso ein Wunder wie schöne. Gefühl: werde ich keineswegs ausschalten, spreche aber, wie sichs gehört, nur privatim davon. Die Erkenntnis, die Tatsachen aufzeigt, wird ja doch auch vom Gefühl geleitet. Die Tatsachen präsentiert man dann in der Hoffnung, oder auf gut Glück, daß sie bei dem Leser ins {4} Gefühl zurückleiten, dieses speisen. Tatsachen: ich habe stets gesagt: was ich über Beethovens Musik schreibe, halte ich für unwiederlegbar; dagegen bin ich stets gewärtig, daß noch andere Gewichte in die Wagschalen geworfen werden; das Steigen u. Sinken dieser ist nicht endgiltig. Was Sie von Beethoven anführen, ist mir, fast alles, wertvoll, ich bewundere es, zum Teil beglückt es mich, so z.B. eben die in Ihrem letzten Brief angeführte Stelle.

Religiöses Gefühl gegenüber der Musik: eben aus diesem heraus meine ich die Musik sei an sich geistig, u. man müßte sie nicht noch extra vergeistigen. Die unmittelbare Erscheinung, der Vordergrund, ist mir deshalb so wichtig. Bruckner hat die Unschuld wiedergewonnen (die Klassiker hatten’s zu eilig). Seine Volltaktigkeit, seine Solidität (Anfang mit I,,) rechne ich ihm gerade zur Größe an. Was Sie erzählen (von der Steigerung) ist gewiß scheint zuerst tief bedenklich, {5} macht micht aber nicht irre [cued from left margin, written top to bottom:]Einfachste Erklärung: Er schätzte Sie u. wollte Ihnen eine schöne Stelle zeigen u. tat dies unter ungeschicktem Vorwand.[end cue] – ich sehe zuviel von Struktur u. Bewußtheit, Willen u. Können – ich habe da doch wohl einen ordentlich gefüllten Sack voll Tatsachen herbeigeschleppt – u. könnte noch manche Bögen füllen. Aber wäre es selbst so, daß es sich nur um „herrliche Musikbilder“ handelte – das ist ja vor allem das, was uns nach den Klassikern nottat; Musik der reinen Gegenwart. Aber wie gesagt, ich bestreite, daß es bloß das ist, u. glaube das Gegenteil erwiesen zu haben.

Dr. Kurth, Ich denke, er sagt doch wohl einiges mehr als wie Sie es darstellen, u. dieses Mehr scheint mir wichtig. Der „Stoß,“ den Sie führten, hat mir also sein Bild nicht umgeworfen, aber {6} Sie dürfen keine Sorge haben, daß ich so was nicht aushielte. Was mir einer umwerfen kann, das mag nur umfallen; sowohl meine eigene Musik als ihre Stützen u. Hilfen. Es freut mich immer, wenn jemand meine Musik gefällt; beweise man mir, daß er nichts versteht, so ist mirs doch willkommen, ihm Freude zu bereiten. [cued from left margin, written top to bottom:]Es ist gewiß möglich, daß jemand meine Musik gefällt, der wenig von Musik versteht, ja auch jemand, der diese meine Musik selbst nicht versteht.[end cue] Schon lang, schon beim ersten Kennenlernen Ihrer Schriften, merkte ich den Unterschied; Sie sind viel mehr esoterisch als ich.

— Die Quartettstimmen 5 sende ich demnächst ab. Wenn Sie bei einer Probe zuhören, so beeinflussen Sie doch, so gut es geht, die Spieler, daß sie {7} nicht hetzen. Im allgemeinen finde ich, daß die Spieler stets schnelleres Tempo nehmen als ich es meine (Temperaments-Surrogat!). Von Grenzen u. Ländern 6 will ich Ihnen durch den Verlag zusenden lassen. Noch nicht geschrieben haben Sie mir, was Sie von meiner Kammermusik nicht haben (IV., V. Heft?). 7 [cued from top margin, inverted:]Am liebsten ließe ich Ihnen die Stimmen mit den andern Heften zusammen zusenden, also bitte schreiben Sie bald darüber.[end cue] 8

Einen Beitrag für Drucklegungen nehme ich, wenn Sie eine entsprechend[e] Stiftung, oder ähnl., zur Verfügung haben, gern an 9 – ich darf doch aus dem Angebot (wenn ein solches mal in betracht kommt) schließen, daß Sie m. Musik veröffentlicht wünschen, u. daß Ihnen nicht eine andere bekannt ist, die es nach Ihrem Urteil mehr {8} verdient als meine. Immerhin denke ich, Sie sollten in solchem Fall, wo Sie z.B. entschieden haben, etwas von Ihren Schriften veröffentlichen, wo die Verleger versagen oder gar hindern (ich habe mit Bedauern u. aufrichtiger Teilnahme von Ihren Schwierigkeiten mit dieser Gesellschaft 10 gelesen u. kann mir wohl denken, daß Sie da nur eine kleine Vorhang-Spalte von einer sehr unsauberen Geschäftsbühne geöffnet haben.). Es kann nicht anders sein, als daß Sie Ihre Schriften für die Musik für wichtiger halten als meine Musik, u. danach müßten Sie entscheiden u. handeln. Das wäre nun doch wahrhaftig keine Eigensucht.

{9} Sie schreiben, daß Sie mir wohl schon mitgeteilt hätten, „wie Bruckner mühsam die Figuren auf den Klang abgestimmt habe.“ 11 Das ist noch nicht geschehen, es wird mich sehr interessieren, sehr, u. ich bitte Sie, es mir zu schreiben [cued from left margin, written bottom to top:]Oder erwähnen Sie doch einmal Beispiele davon in einem Heft „Tonwille“.[end cue] auch wenn Sie nunmehr annehmen werden, daß ich mich von meinem Standpunkt dadurch nicht abbringen lasse. Denn schließlich kommts doch auf das Resultat der Mühsal an; wie auch bei Beethoven, der mir in seinen Skizzen auch {10} (14.IV.24) manchmal unerwartet ungeschickt erscheint. 12

Zum Anfang zurück: ich halte es nach dem, was ich so beobachte (gelegentlich, denn ich studiere meine Sachen nicht so wie die andern), immerhin für möglich, daß eine schöne Urlinie in ihnen nachgewiesen werden könnte, auch das Gegenteil mag möglich sein. Mein wirkliches bewußtes Arbeiten (so wie der Maler Kompositionsstudien,, von dem Bild macht) betrifft hauptsächlich die Harmonik, das andere suche ich, bis ich etwas finde was mich zufriedenstellt – ohne so eingehende Arbeit wie beim {11} Harmonischen. Da ich aber auch hinsichtlich der Linie sehr empfindlich [cued from bottom of page:]Sie sagen wohl, ich sei zu wenig empfindlich, zu wenig hellhörig – ich versuche nicht, Ihnen meine Meinung hierüber aufzudrängen u. meine das jetzt rein praktisch: ich bin tatsächlich empfindlich, ob ich nun falsch oder richtig empfinde.[end cue] gegen ungenügende Weiterführung bin, so vermute ich, daß irgend eine Synthese vorhanden sein muß, vielleicht die Urlinie, vielleicht eine unbekannte.

Vorgestern kam op. 101, nehmen Sie

6.V.24

Eine Osterreise kam dazwischen: bei einer Jugendtagung in Hildesheim, die Dr. Wyneken leitete, waren 4 Abende meiner Musik gewidmet; {12} vorher hatte ich mancherlei mit Vorbereitungen dazu zu tun. Nun hätte ich ja manches noch zu sagen, aber der Brief soll nun endlich fort.


Ich sage Ihnen herzliche Grüße,
Ihr
[signed:] A. Halm.

Reger: 13 Ich meine, gegen ihn ist soviel zu sagen (u. für ihn hat meines Wissens keiner seiner Anhänger etwas Greifbares u. Habhaftes gesagt), daß es mir fast unnötig erscheint, daß Sie sich damit abgeben. Das Beihnahe wäre interessanter, aufschlußreicher ‒ ich verstehe, daß dieses Beinahe nach Ihren Einstellung gerade eine [cued from left margin,written top to bottom:]Wesens-Unterschied also Riesen-Distanz bedeuten muß.[end cue] 14

© Transcription Lee Rothfarb, 2006


April 7, 1924.

Dear and revered Professor, 1

I didn't mean it that way with the [debate in] public, that the readership should count as a court of appeal, but rather that it should see how a respectably conducted dispute looks in which an opponent is sometimes gladly in the wrong, i.e., is grateful when he admits better insight. 2 However, If you take the trouble to show me in a letter one or another passage where I got off track and the lack of genius in my music {2} reveals itself, that's all right with me too. It is not necessary to point out many instances, for I suppose from the start that I lack what you mean, or I do consider it very possible. 3

"Foreground music" ‒ a good expression which, depending on the findings, I would surely also accept for my music with much modesty as well as some pride. That is, I have long since believed that the foreground, or surface, has been neglected at the expense of the {3} background and foundation, corporeality at the expense of spirituality. 4 You counter: everything is merely a body and therein lies the quality of genius. Granted, but certainly not, therefore, on that account beauty. That is something! Unattractive physiognomy, body parts are biologically just as much a wonder as beautiful ones. Feeling: I won't dismiss it by any means, but I talk about it only in private, as it should be. Knowledge that demonstrates facts is surely also guided by feeling. One presents facts in the hope, or relying on luck, that they will guide the reader to {4} feelings, to relish them. Regarding facts, I have always said: I consider irrefutable what I write about Beethoven's music. On the other hand, I am constantly aware that yet other weights can be tossed on to the scales. Their rise and fall is not definitive. What you adduce about Beethoven is almost all valuable to me. I admire it; in part, it elates me, for example precisely the passage you mentioned in your last letter.

Regarding religious feeling vis-à-vis music: specifically on account of such feeling I think music is spiritual in itself, and one doesn't have to spiritualize it yet further. The immediate phenomenon, the foreground, is therefore so important to me. Bruckner regained innocence (the classicists were too much in a hurry). His downbeat quality, his solidity (opening with tonic harmony) I accredit him as greatness. What you recount (about escalation) is certainly seems at first of deep concern {5} but does not confuse me. [cued from left margin, written top to bottom:]Simplest explanation: he respected you and wanted to show you a nice passage and did it under an awkward pretense.[end cue] I see too much structure and intention, will and ability. I have hauled out a fairly full bag of facts here, and could fill yet quite a few sheets of paper. But even if it were just a matter of "wonderful musical images" ‒ that is of course above all what was needed after the classicists; music purely of the present. But as I said, I dispute that it is merely that, and believe I have proved the opposite.

Regarding Dr. Kurth, I think he certainly said a bit more than how you present it, and that More seems important to me. The "blow" that you struck has thus not overthrown his image for me. But {6} you need not worry that I cannot abide such things. What someone can overthrow for me may merely fall down, my own music as well as your support and assistance. I am always delighted when my music pleases someone. If one were to prove to me that he understands nothing, it is for me a pleasure to bring him joy. [cued from left margin, written top to bottom:]It is certainly possible that my music pleases someone who understands little of music, even someone who does not understand my music in particular.[end cue] For some time, already at my first acquaintance with your writings, I noticed the difference; you are much more esoteric than I am.

— I will soon be sending you the quartet parts. 5 If you listen in on a rehearsal, do try to influence the players, as far as you can, {7} not to rush. In general I find that players always take a faster tempo than I intend (surrogate for spiritedness!). I will have Of Boundaries and Countries 6 sent to you by the publisher. You have still not written me what items of my Chamber Music you do not have (volume 4, 5?). 7 [cued from top margin, inverted:]Most preferably, I would have the parts sent together with the other volumes, so write me soon about it.[end cue] 8

I will gladly accept a contribution toward printing costs if you have an appropriate foundation at your disposal. 9 I may conclude from the offer (if such comes under consideration at some point) that you wish to see my music published, and that you are not familiar with other music that in your opinion {8} deserves it more than mine. Should you, for example, have decided [on a contribution], I still think you should publish something from your writings when publishers don't come through or even stand in the way. (I read with regret and sincere sympathy about your difficulties with that company 10 , and can readily imagine that you have opened only a small slit in the curtain on a very sullied commercial stage.) It can be no other way than for you to consider your writings more important for music than my music, and you would have to make decisions and act accordingly. In truth, that would truly not be egotism.

{9} You write that you had already told me "how Bruckner laboriously coordinated the figurations with the harmony." 11 That has not yet occurred. It would very much interest me, and I ask that you write me about it[cued from left margin, written bottom to top:], or mention an example of it in a volume of Der Tonwille ,[end cue] even if you will then assume that I will not be budged thereby from my viewpoint. For ultimately it depends on the outcome of the labor; as with Beethoven, who also sometimes appears {10} (April 14, 1924) unexpectedly awkward to me in his sketches. 12

Back to the beginning: After what I have observed (occasionally, for I don't study my pieces as I do those of others), I still consider it possible that a beautiful Urlinie could be demonstrated in them. The opposite may also be possible. My actual, conscious work (as the painter makes composition studies of a picture) mainly applies to harmony. The remainder I search out until I find something that satisfies me ‒ without such intensive work as with the {11} harmony. However, with respect to line, since I am also very sensitive [cued from bottom of the page:](You say I am insufficiently sensitive, insufficiently aurally aware ‒ I won't try to impose my opinion on you on that point, and mean this now purely from a practical viewpoint: I am indeed sensitive, whether I sense incorrectly or correctly.)[end cue] to unsatisfactory continuation, I suspect, accordingly, that some kind of synthesis must exist, perhaps the Urlinie, perhaps an unknown type.

Op. 101 arrived the day before yesterday. Cordial thanks.

May 6, 1924

An Easter trip intervened. Four evenings were devoted to my music at a youth convention in Hildesheim that Dr. Wyneken directed; {12} before that, I had various things to do with preparations. I do now have other things to say, but the letter should finally be off.


I express to you cordial greetings,
Yours
[signed:] A. Halm

Reger: 13 I mean, there is so much to say against him (and to my knowledge none of his devotees has said anything tangible or concrete for him), that to me it almost seems unnecessary that you have to deal with it. The Nearly would be more interesting, enlightening. I understand that according to your attitude this Nearly must mean a [cued left margin, written top to bottom:]difference in nature, i.e. a huge gap.[end cue] 14

© Translation Lee Rothfarb, 2006

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/6, p. 2664, May 8, 1924: "Von Halm (Br.): lesen vertagt." ("From Halm (letter): reading postponed"); Schenker does not record reading the letter later; however, the underlining and sidelining on p. 7 provides evidence that he did read it.

2 Halm is presumably responding to Schenker's letter DLA 69.930/12, April 3‒4, 1924. He is in any case matching twelve pages for twelve pages.

3 No paragraph-break in the original.

4 Neither "vordergründlich" nor "oberflächig" ‒ the latter very deliberately used (NB the crossed-out letters "liche" in order to produce "oberflächig") ‒ are proper German. Correct would be "vordergründig" and "oberflächlich." Halm rejected the latter because of its negative connotation (superficial), and coins "oberflächig" to mean surface detail. Similarly, Halm writes "vordergründlich" because "vordergründig" means superficial, simplistic.

5 The parts of Halm's A major String Quartet, as promised in OC 12/10–12, February 1–6, 1924. Schenker has agreed to receive them, DLA 69.930/12, April 3‒4, 1924, and to comment on the work in a forthcoming letter.

6 Halm, Von Grenzen und Ländern der Musik (Munich: Georg Müller, 1916). Halm mentions it in OC 12/10–12, February 1–6, 1924, and in DLA 69.930/12, April 3‒4, 1924, Schenker admits that he does not know it, and promises a copy of his elucidatory edition of Beethoven's Op.101 (1920) in return if Halm sends it (see below).

7 "Noch nicht", "Kammermusik nicht haben": underlining, also heavy sidelining, by Schenker.

8 No paragraph-break in the original.

9 In DLA 69.930/12, April 3‒4, 1924, Schenker writes: "It is not impossible that I could be able to send you a payment for your purposes." This seems a somewhat ungracious reply. Reference is to the Sofie Deutsch stipends.

10 This must be in response to Schenker's remark in DLA 69.903/12, April 3‒4, 1924: "wie schwelgen da die Herzen der Juden Hertzka, Kalmus u.Bruder usw!" ("how the hearts of the Jews Hertzka, Kalmus and brother, etc. wallow!"): Schenker and his lawyer were threatening to go to the courts at this time with charges of breach of contract on the part of Universal Edition: see Der Tonwille, Eng. transl., vol. II (New York, Oxford University Press, 2005), General Preface, pp. v‒xii.

11 Schenker's sentence in DLA 69.930/12 reads: "... darüber, wie [Bruckner] seine Figuren auf den Klang mit Mühe abstimmte, glaube ich Ihnen schon einmal geschrieben zu haben." ("I believe I have already written to you [describing] with what labor [Bruckner] coordinated his figurations to harmony.").

12 No paragraph-break in the original.

13 Max Reger's music has been discussed already in OC 12/10–12, February 1–6, 1924, and in DLA 69.930/12, April 3‒4, 1924.

14 Written "Wesens- also Riesen-Unterschied Distanz bedeuten muß" then indicated for inversion. Following this letter, as OC 12/18, is a two-sided sheet on which are jotted in Schenker's hand points from Halm's letter ‒ perhaps in preparation for a reply.

Commentary

Rights Holder
Heirs of Augustus Halm, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted by the principal heir, Eberhard Halm, 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
12-page letter, Bogen format, holograph salutations, message, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (1924-1935)--Schenker, Jeanette (1935-1938)--Oster, Ernst (1938-1977)—New York Public Library (c.1977-)
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978-)

Digital version created: 2015-05-07
Last updated: 2013-04-15