Muggenbrunn
d. 15. 7. 14.


Sehr geehrter Herr Doktor! 1

Ihr freundlicher Brief 2 hat mich in meiner Einsiedelei herzlich erquickt. Die Gesundung von Herz und Nerven macht täglich Fortschritte und nichts ist schöner als dieses Kraftgefühl, mit dem man dem Kommenden entgegensehen kann, und gerade dem Schwierigsten und Widrigsten mit der grössten Kämpfer wonne. Jede Zeile von Ihnen schärft das Bild unserer Zeit mir noch um einige Nuancen. Aber das Herzlichste ist das Bewusstsein und die Lust, zu dem Damm gegen die Schlammflut des Schlechten und Minderwertigen (vor allem: des Unehrlichen) ein kleines Steinchen beitragen zu können. Nun haben Sie selbst die selige Gewissheit, dass Ihr Werk wächst, dass langsam aber unaufhaltsam die Wirkung sich ausbreitet, dass Freunde von allen Seiten kommen mit heissem Herzen und dem Verlangen mitzuhelfen und dass Ihr Wirken {2} den Unredlichen, diesen verruchten Kunst-Verderbern, immer schärfer in die Augen sticht. Auch Wien wird zur Erkenntnis reifen. Sind es erst einige, die aus Ihren Born schöpfen, so werden es immer mehr und eine Gralsritterschaft (aber keine mitleidsvolle tränenselige, sondern eine kühne, kämpferische) wird da erstehen, die die modernen Zaubergärten ausrodet. Triumph! –

Ihr Erlebnis mit der Wiener Konzerthausgesellschaft spricht wieder einmal Bände. Was für ein erbärmliches, dummes Volk. Das Schönste aber ist Ihr Standpunkt, mit dem Sie allem Kleinlichen, aller Verbitterung so sehr überlegen sind. Wie wird man später einmal jammern! Uns bleibt allen das tröstende Bewusstsein, dass die Strauß, Reger und Mahler trotz aller erdenklichen „Förderungen“, trotz aller krampfhaften Lobpreisungen und Denkmäler und Titel und Goldstücke doch den kürzeren ziehen werden. Die Geschichte ist hart und {3} unbestechlich. Die Wahrheit wird für die späteren Generationen lehrreich sein; aber sie werden ihren Grossen ebenso blind zunächst gegenüberstehen wie es bei uns ist und wie es immer war. Ich habe gerade Schopenhauer über „Ruhm, Kritik etc.“ 3 gelesen und alles so klar und nötig gefunden, dass das Grosse eben Zeit haben muss und das Kartenhaus des Tagesruhms in sich zusammenfällt, wenn der Wind kommt.

Hier rauschen die Bäche in das Briefschreiben hinein und alles ist in so unendliche Schönheit getaucht, dass einem ganz liebevoll und mildversöhnlich ums Herz wird. Aber wir können eben nur mit dem Schönen und Guten Freundschaft schliessen; darum geht der Kampf an, wenn wir wieder dort sind, wo unsere Gegner hausen und wüsten.

Ihnen die beste Erholung und Kräftigung wünschend verbleibe ich mit den herzlichsten Grüssen


und Dank
[signed:] Ihr Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Muggenbrunn
July 15, 1914


Dear Dr. Schenker! 1

Your kind letter 2 has thoroughly revitalized me in my hermitage. The recovery of heart and nerves progresses daily, and nothing is more beautiful than this feeling of strength with which one can await what is to come and take delight in the greatest difficulties and adversities with the greatest fighter. Every line of yours continues to sharpen the picture of our time to me a few shades. But most splendid of all is the awareness and joy of being able to contribute a little stone to the dam against the flow of mud of wicked and less worthy people (above all: the disingenuous). Now you yourself have the blessed certainty that your work is spreading, that slowly but inexorably the effects are disseminating, that friends from all parts come with fiery hearts and the desire to help, and that your work {2} pierces ever more sharply the eyes of the dishonest, these demented art degenerates. Even Vienna will come to this realization. If there are at first some who spring from your well then it will continue to grow, and a knighthood of the holy grail (but not a pitiful or teary-eyed, rather a bold and fierce one) will arise, which will uproot the modern magic garden. Triumph! –

Your experience with the Vienna Concert Hall Society yet again speaks volumes. What a pitiful, stupid bunch of people. The best part of it though is your position, with which you outmatched all the pettiness and bitterness. How one will later lament! To all of us the consoling awareness remains, that the Strausses, Regers and Mahlers, despite all the imaginable "advances," despite all the desperate praise and monuments and titles and gold pieces, will shortly be pulled aside. History is hard and {3} unerring. The truth will be instructive for later generations; but they will stand by their great masters just as blindly as they do today and as they always have. I have just read Schopenhauer on "Fame, Criticism, etc." 3 and found everything so clear and necessary, that greatness even requires time and that the house of cards of quotidian fame collapses on itself when the winds blows in.

Here the streams flow into the writing of this letter and everything is so endlessly immersed in beauty, that something wholly wonderful and mildly conciliatory gathers around the heart. But we can really only ally ourselves with beauty and good friendship, therefore the fight goes on if we are there again, where our foes live and dissipate.

Wishing you the best recovery and renewal of vigor, I remain with the warmest greetings


and thanks,
[signed:] Ihr Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012


Muggenbrunn
d. 15. 7. 14.


Sehr geehrter Herr Doktor! 1

Ihr freundlicher Brief 2 hat mich in meiner Einsiedelei herzlich erquickt. Die Gesundung von Herz und Nerven macht täglich Fortschritte und nichts ist schöner als dieses Kraftgefühl, mit dem man dem Kommenden entgegensehen kann, und gerade dem Schwierigsten und Widrigsten mit der grössten Kämpfer wonne. Jede Zeile von Ihnen schärft das Bild unserer Zeit mir noch um einige Nuancen. Aber das Herzlichste ist das Bewusstsein und die Lust, zu dem Damm gegen die Schlammflut des Schlechten und Minderwertigen (vor allem: des Unehrlichen) ein kleines Steinchen beitragen zu können. Nun haben Sie selbst die selige Gewissheit, dass Ihr Werk wächst, dass langsam aber unaufhaltsam die Wirkung sich ausbreitet, dass Freunde von allen Seiten kommen mit heissem Herzen und dem Verlangen mitzuhelfen und dass Ihr Wirken {2} den Unredlichen, diesen verruchten Kunst-Verderbern, immer schärfer in die Augen sticht. Auch Wien wird zur Erkenntnis reifen. Sind es erst einige, die aus Ihren Born schöpfen, so werden es immer mehr und eine Gralsritterschaft (aber keine mitleidsvolle tränenselige, sondern eine kühne, kämpferische) wird da erstehen, die die modernen Zaubergärten ausrodet. Triumph! –

Ihr Erlebnis mit der Wiener Konzerthausgesellschaft spricht wieder einmal Bände. Was für ein erbärmliches, dummes Volk. Das Schönste aber ist Ihr Standpunkt, mit dem Sie allem Kleinlichen, aller Verbitterung so sehr überlegen sind. Wie wird man später einmal jammern! Uns bleibt allen das tröstende Bewusstsein, dass die Strauß, Reger und Mahler trotz aller erdenklichen „Förderungen“, trotz aller krampfhaften Lobpreisungen und Denkmäler und Titel und Goldstücke doch den kürzeren ziehen werden. Die Geschichte ist hart und {3} unbestechlich. Die Wahrheit wird für die späteren Generationen lehrreich sein; aber sie werden ihren Grossen ebenso blind zunächst gegenüberstehen wie es bei uns ist und wie es immer war. Ich habe gerade Schopenhauer über „Ruhm, Kritik etc.“ 3 gelesen und alles so klar und nötig gefunden, dass das Grosse eben Zeit haben muss und das Kartenhaus des Tagesruhms in sich zusammenfällt, wenn der Wind kommt.

Hier rauschen die Bäche in das Briefschreiben hinein und alles ist in so unendliche Schönheit getaucht, dass einem ganz liebevoll und mildversöhnlich ums Herz wird. Aber wir können eben nur mit dem Schönen und Guten Freundschaft schliessen; darum geht der Kampf an, wenn wir wieder dort sind, wo unsere Gegner hausen und wüsten.

Ihnen die beste Erholung und Kräftigung wünschend verbleibe ich mit den herzlichsten Grüssen


und Dank
[signed:] Ihr Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2012


Muggenbrunn
July 15, 1914


Dear Dr. Schenker! 1

Your kind letter 2 has thoroughly revitalized me in my hermitage. The recovery of heart and nerves progresses daily, and nothing is more beautiful than this feeling of strength with which one can await what is to come and take delight in the greatest difficulties and adversities with the greatest fighter. Every line of yours continues to sharpen the picture of our time to me a few shades. But most splendid of all is the awareness and joy of being able to contribute a little stone to the dam against the flow of mud of wicked and less worthy people (above all: the disingenuous). Now you yourself have the blessed certainty that your work is spreading, that slowly but inexorably the effects are disseminating, that friends from all parts come with fiery hearts and the desire to help, and that your work {2} pierces ever more sharply the eyes of the dishonest, these demented art degenerates. Even Vienna will come to this realization. If there are at first some who spring from your well then it will continue to grow, and a knighthood of the holy grail (but not a pitiful or teary-eyed, rather a bold and fierce one) will arise, which will uproot the modern magic garden. Triumph! –

Your experience with the Vienna Concert Hall Society yet again speaks volumes. What a pitiful, stupid bunch of people. The best part of it though is your position, with which you outmatched all the pettiness and bitterness. How one will later lament! To all of us the consoling awareness remains, that the Strausses, Regers and Mahlers, despite all the imaginable "advances," despite all the desperate praise and monuments and titles and gold pieces, will shortly be pulled aside. History is hard and {3} unerring. The truth will be instructive for later generations; but they will stand by their great masters just as blindly as they do today and as they always have. I have just read Schopenhauer on "Fame, Criticism, etc." 3 and found everything so clear and necessary, that greatness even requires time and that the house of cards of quotidian fame collapses on itself when the winds blows in.

Here the streams flow into the writing of this letter and everything is so endlessly immersed in beauty, that something wholly wonderful and mildly conciliatory gathers around the heart. But we can really only ally ourselves with beauty and good friendship, therefore the fight goes on if we are there again, where our foes live and dissipate.

Wishing you the best recovery and renewal of vigor, I remain with the warmest greetings


and thanks,
[signed:] Ihr Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2012

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 1/15, p. 617, July 17, 1914: "Briefe: ... von Dahms, wie immer herzlich ergeben u. ausführlich." ("Letters: ... from Dahms, as ever, heartily devoted and detailed.").

2 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 1/15, p. 613, July 12, 1914: "Brief an Dahms u. Frl. Fanny." ("Letter[s] to Dahms and Miss Fanny [Violin].").

3 Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena (1851), Part II, chapter 15, section 20, "Über Urteil, Kritik, Beifall und Ruhm" (On Judgment, Criticism, Applause, and Fame).

Commentary

Format
3p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2012-08-09
Last updated: 2012-08-09