Gmain / Reichenhall, d 21. 8. 21


Lieber, verehrter Meister!

Sie 1 machen mir das Herz schwerz! 2 Natürlich möchte ich lieber heute als morgen nach Galtür kommen, um mit Ihnen und Vrieslander zusammen zu sein. —Aber: ich bin seit ca. 14 Tagen aus Berlin zurück und muss jetzt hier still am Fleck sitzen, da ich jeden Tag auf wichtige entscheidungsvolle Nachrichten warte, die mich entweder schnellstens nach München oder nochmals nach Berlin rufen. Es handelt sich um einen „Auftrag“ für Italien, wodurch mir die Reise dorthin ermöglicht würde, und ich darf in diesem Falle mit meiner Zusage und persönlichen Erscheinen nicht einen Tag zögern.

Schon im vorigen Jahr musste ich den Besuch bei Ihnen versäumen. In diesem Jahr hoffte ich bestimmt auf die Erfüllung dieses meines dringendsten Wunsches. Aber nun kommt: Flügelverkauf, Wohungsvemietung etc. noch als Beigabe zu allem anderen dazu, wenn die Hauptsache, von der dies alles abhängt, klappt.

Ich bin im Geist bei Ihnen. Vor kurzem erhielt ich den „Tonwille“ und bin mitten im Studium dieser prachtvollen Publikation. Ich hoffe recht bald ein paar hinweisende Worte irgendwo anbringen zu können.

{2} Aus Berlin hätte ich Ihnen nur traurige Grotesken erzählen können. Der Name „Hochstapelei“ ist eine ungerechtfertigte Verschleierung des Tatbestandes. Die Dinge spielen sich dort in Formen ab, die einfach nicht mehr zu glauben sind. Aber: umso besser!! Berlin geht mit Riesenschritten seinem Ende entgegen, und man fühlt jetzt schon deutlich bei den wildsten Grossmäulern die geheime Angst, dass man ihnen nirgendwo als nun noch in Berlin glaubt. Daher eine Steigerung des Ausdrucks bis ins Delirium. — Auch hier haben mich die Berliner „Künstler“ u. Kritiker massenhaft heimgesucht; alle wollten sie den merkwürdigen, durch seine oberbaÿrische „Verblödung“, so „wahnsinnig interessanten“ Karl 3 sehen. Ich habe wahre Lachkrämpfe ausgestanden über Deutschlands „ berühmt besten Chopinspieler“, der nach seinen eigenen Worten eine „Kreuzung zwischen Moriz Rosenthal und Arthur Schnabel“ ist. Sie können sich vorstellen, was das für ein Gaudium war. — — — — — —

Also, lieber Meister, so schwer mir’s wird – ich muss in Gmain sitzen statt nach Galtür kommen zu können. Grüssen Sie bitte Herrn u. Frau Vrieslander herzlich und sein Sie selbst nebst Ihrer Frau Gemahlin auf uns herzlichst begrüsst – auch von meiner Frau


von Ihrem stets ergebenen u. getreuen
[signed:] Walter Dahms

[left margin, written sideways:] N. B. Ehe die Karte ankam, habe ich gerade an Herrn Vrieslander geschrieben und ihn um Angabe des Verlag der Brahms-Chrÿsanderschen „Couperin-Ausgabe“ gebeten, die ich mir beschaffen möchte. Vielleicht kann er mir von dort schreiben, wenn’s ihm einfällt.

© Transcription John Koslovsky, 2011


Großgmain / Reichenhall, August 21, 1921


Dear, revered Master,

You 1 make my heart heavy! 2 Of course I would prefer to come today to Galtür rather than tomorrow, to be together with you and Vrieslander. —But: I have been back from Berlin for about two weeks and I must stay put, because every day I wait for important and crucial news, which will call me either quickly to Munich or once again to Berlin. It has to do with an "application" for Italy, which would make possible for me the trip there, and I may not hesitate in this case with my acceptance and personal appearance.

Already last year I had to miss my visit to you. This year I firmly hoped for the fulfillment of this, my strongest wish. But now, with the purchase of a piano, the leasing of a house, etc. still as an addition on which everything depends, if the principal matter works out.

I am with you in spirit. I recently obtained Der Tonwille and am in the meantime studying this magnificent publication. I hope soon to be able to make some pointed remarks.

{2} About Berlin I can tell you only sad and atrocious things. The name "high-class robbery" is an unjustified cover up of the facts. Things play themselves out in ways that are simply no longer believable. But: all the better!! Berlin is heading with great strides towards its end, and one already clearly feels a mysterious fear in the most ferocious loud-mouths, that to them no one anywhere believes in Berlin anymore. Thus an increase of expression to the point of delirium. — To me, even here the Berlin "artists" and critics have taken over on a massive scale; they all wanted to see that peculiar and "insanely interesting" Karl, 3 with his upper-Bavarian "obliviousness." I have endured real fits of laughter about Germany's " most famous best interpreter of Chopin," who according to him is a "cross between Moriz Rosenthal and Arthur Schnabel." You can image what fun that was. — — — —

So, dear master, it has became so difficult for me – I must stay in G'main rather than come to Galtür. Please send my warm greetings to Mr. and Mrs Vrieslander, and please accept the most cordial greetings to you and your wife – also from my wife


From your ever devoted and trusted
[signed:] Walter Dahms

[left margin, written sideways:] N.B. Before your postcard arrived I wrote directly to Vrieslander and asked him about information regarding the publisher of the "Couperin edition" by Brahms-Chrysander, which I would like to get a hold of. Perhaps he can write me from there, if it occurs to him.

© Translation John Koslovsky, 2011


Gmain / Reichenhall, d 21. 8. 21


Lieber, verehrter Meister!

Sie 1 machen mir das Herz schwerz! 2 Natürlich möchte ich lieber heute als morgen nach Galtür kommen, um mit Ihnen und Vrieslander zusammen zu sein. —Aber: ich bin seit ca. 14 Tagen aus Berlin zurück und muss jetzt hier still am Fleck sitzen, da ich jeden Tag auf wichtige entscheidungsvolle Nachrichten warte, die mich entweder schnellstens nach München oder nochmals nach Berlin rufen. Es handelt sich um einen „Auftrag“ für Italien, wodurch mir die Reise dorthin ermöglicht würde, und ich darf in diesem Falle mit meiner Zusage und persönlichen Erscheinen nicht einen Tag zögern.

Schon im vorigen Jahr musste ich den Besuch bei Ihnen versäumen. In diesem Jahr hoffte ich bestimmt auf die Erfüllung dieses meines dringendsten Wunsches. Aber nun kommt: Flügelverkauf, Wohungsvemietung etc. noch als Beigabe zu allem anderen dazu, wenn die Hauptsache, von der dies alles abhängt, klappt.

Ich bin im Geist bei Ihnen. Vor kurzem erhielt ich den „Tonwille“ und bin mitten im Studium dieser prachtvollen Publikation. Ich hoffe recht bald ein paar hinweisende Worte irgendwo anbringen zu können.

{2} Aus Berlin hätte ich Ihnen nur traurige Grotesken erzählen können. Der Name „Hochstapelei“ ist eine ungerechtfertigte Verschleierung des Tatbestandes. Die Dinge spielen sich dort in Formen ab, die einfach nicht mehr zu glauben sind. Aber: umso besser!! Berlin geht mit Riesenschritten seinem Ende entgegen, und man fühlt jetzt schon deutlich bei den wildsten Grossmäulern die geheime Angst, dass man ihnen nirgendwo als nun noch in Berlin glaubt. Daher eine Steigerung des Ausdrucks bis ins Delirium. — Auch hier haben mich die Berliner „Künstler“ u. Kritiker massenhaft heimgesucht; alle wollten sie den merkwürdigen, durch seine oberbaÿrische „Verblödung“, so „wahnsinnig interessanten“ Karl 3 sehen. Ich habe wahre Lachkrämpfe ausgestanden über Deutschlands „ berühmt besten Chopinspieler“, der nach seinen eigenen Worten eine „Kreuzung zwischen Moriz Rosenthal und Arthur Schnabel“ ist. Sie können sich vorstellen, was das für ein Gaudium war. — — — — — —

Also, lieber Meister, so schwer mir’s wird – ich muss in Gmain sitzen statt nach Galtür kommen zu können. Grüssen Sie bitte Herrn u. Frau Vrieslander herzlich und sein Sie selbst nebst Ihrer Frau Gemahlin auf uns herzlichst begrüsst – auch von meiner Frau


von Ihrem stets ergebenen u. getreuen
[signed:] Walter Dahms

[left margin, written sideways:] N. B. Ehe die Karte ankam, habe ich gerade an Herrn Vrieslander geschrieben und ihn um Angabe des Verlag der Brahms-Chrÿsanderschen „Couperin-Ausgabe“ gebeten, die ich mir beschaffen möchte. Vielleicht kann er mir von dort schreiben, wenn’s ihm einfällt.

© Transcription John Koslovsky, 2011


Großgmain / Reichenhall, August 21, 1921


Dear, revered Master,

You 1 make my heart heavy! 2 Of course I would prefer to come today to Galtür rather than tomorrow, to be together with you and Vrieslander. —But: I have been back from Berlin for about two weeks and I must stay put, because every day I wait for important and crucial news, which will call me either quickly to Munich or once again to Berlin. It has to do with an "application" for Italy, which would make possible for me the trip there, and I may not hesitate in this case with my acceptance and personal appearance.

Already last year I had to miss my visit to you. This year I firmly hoped for the fulfillment of this, my strongest wish. But now, with the purchase of a piano, the leasing of a house, etc. still as an addition on which everything depends, if the principal matter works out.

I am with you in spirit. I recently obtained Der Tonwille and am in the meantime studying this magnificent publication. I hope soon to be able to make some pointed remarks.

{2} About Berlin I can tell you only sad and atrocious things. The name "high-class robbery" is an unjustified cover up of the facts. Things play themselves out in ways that are simply no longer believable. But: all the better!! Berlin is heading with great strides towards its end, and one already clearly feels a mysterious fear in the most ferocious loud-mouths, that to them no one anywhere believes in Berlin anymore. Thus an increase of expression to the point of delirium. — To me, even here the Berlin "artists" and critics have taken over on a massive scale; they all wanted to see that peculiar and "insanely interesting" Karl, 3 with his upper-Bavarian "obliviousness." I have endured real fits of laughter about Germany's " most famous best interpreter of Chopin," who according to him is a "cross between Moriz Rosenthal and Arthur Schnabel." You can image what fun that was. — — — —

So, dear master, it has became so difficult for me – I must stay in G'main rather than come to Galtür. Please send my warm greetings to Mr. and Mrs Vrieslander, and please accept the most cordial greetings to you and your wife – also from my wife


From your ever devoted and trusted
[signed:] Walter Dahms

[left margin, written sideways:] N.B. Before your postcard arrived I wrote directly to Vrieslander and asked him about information regarding the publisher of the "Couperin edition" by Brahms-Chrysander, which I would like to get a hold of. Perhaps he can write me from there, if it occurs to him.

© Translation John Koslovsky, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/2, p. 2380, August 23, 1921: "Von Dahms (Br.): kann nicht kommen; möglicherweise Auftrag für Italien; gegen Berliner Musiker aufgebracht." ("From Dahms (letter): cannot come; possibly a commission for Italy; indignant about the musicians in Berlin.").

2 Schenker had written a picture postcard to Dahms on August 14, 1921; it is not known to survive, but its writing is recorded in Schenker's diary at OJ 3/2, p. 2377: "Ansichtskarten an Roth u. Dahms mit unterfertigt." ("Picture postcards to Roth and Dahms jointly signed.").

3 Dahms is likely referring here to the German pianist Karl Heinrich Barth (1847-1922).

Commentary

Format
2p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-05-20
Last updated: 2011-05-20