Roma, 1. den 11. März 1922.
Via dell’ Umiltà Nr. 33


Lieber verehrter Meister! 1

Verzeihen Sie bitte, dass ich so lange nicht auf Ihre liebe Karte 2 geantwortet habe. Ich wollte Ihnen gern mit der Uebersendung des Buches 3 selbst die Antwort auf Ihre Anfrage nach demselben geben. Aber die schlimmen, disziplinlosen Verhältnisse in Deutschland haben ein auch nur nur [sic] einigermassen pünktliches Erscheinen des Buches unmöglich gemacht. Es liegt seit vielen Wochen ausgedruckt beim Buchbinder. Inzwischen ist es von dem Nietzsche-Archiv in Weimar, 4 wo die Druckbogen vorgelegen haben, mit dem Ehrenpreis der Nietzsche-Stiftung ausgezeichnet worden. Durch die Gewaltherrschaft der Schriftsetzer und Buchbinder ist seine Wirkung aber bis jetzt noch gehemmt worden. Ich hoffe trotz alledem, dass es Ihnen in einiger Zeit zugehen wird. Der diesbezügliche Auftrag an den Münchener Verleger ist schon seit langem erteilt. Sie müssen mir dieses Geschenk für Sie gestatten. Denn Ihnen allein ist es zu danken, dass das Buch überhaupt geschrieben werden konnte.

Wollen Sie es mir glauben: die beste nationale Erziehung für die deutsche Jugend wäre die, sie ins Ausland zu schicken, um Ihnen ihr einen Begriff lebendiger Art von der Grösse der deutschen Kultur zu geben. Wahrlich, der unglückliche Ausgang des Krieges hat die angeborene Eitelkeit der lateini[s]chen und slavischen, von den angelsächsischen Völkern garnicht zu reden, bis zur Blödsinnigkeit gesteigert. Ich bin, wie Sie wissen, kein Freund des Krieges, weil der vergangene Krieg für einen an- {2} ständigen Deutschen ein Martyrium unter der sinnlosen Einrichtung der Befehlsbefugnis der Dummen und Gemeinen war. Und ich kann es niemals begreifen und verzeihen, dass unsere eigenen Volksgenossen es waren, die uns, die geistige Blüte und Zukunft Deutschlands unter der Knute von Pferdeknechten die Vaterlandsliebe mit Gewalt austrieben. Aber ein Blick auf die neue Karte von Deutschland lässt keinen Augenblick darüber im Zweifel, dass sie einer Korrektur bedarf. Wir werden eines Tages wieder Krieg bekommen. Mein einziger Wunsch ist der, dass er nicht wieder auf Kosten der Intelligenz und zum Besten der Wucherer und Arbeiter geführt werde. Doch wer wird dafür bürgen? Ich wüsste niemanden. In dem Augenblick, wo der erste Rausch der Volkserhebeung [sic] vorüber ist, setzt wieder die Mechanisierung unter Herrn Rathenaus Leitung ein!

Das Bild, das Deutschland aus der Ferne gewährt, ist furchtbar. Man sieht vor lauter Parteien und ihrem Schacher keine Deutschen mehr. Ja, es ist nicht mehr das Deutschland Beethovens, Goethes, Schopenhauers. Es ist ein fürchterliches Etwas, das vor dem Golde auf dem Bauch liegt, anstatt all den feisten Blutsaugern von drinnen und draussen die Tür zu weisen. Und es ist kein Vergnügen, in den italienischen Zeitungen die behaglichen, vor Eitelkeit triefenden Schilderungen aus Wien zu lesen, wo das Valutagesindel internationaler Prägung eine leichte Herrenrolle spielt. Hoffen wir auf Mozart, Haydn und Beethoven, dass es einmal besser wird!

Ich arbeite fleissig; aber leider kann ich der äusseren Schwierigkeiten mit aller Mühe nicht Herr werden und meine Frau muss mir mehr als mir lieb ist dabei helfen, was sie mit unendlicher [continues in left margin, written sideways, including valediction and signature:] Tapferkeit tut. Hoffentlich wird es bald besser.


Nun viele Herzliche Grüsse an Sie und Ihre vererhte Gattin
— auch von meiner Frau
Ihr dankbar ergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2011


Rome I, March 11, 1922,
Via dell’ Umiltà No. 33


Dear, revered Master, 1

Please forgive me for taking so long to reply to your lovely postcard. 2 I wanted to give the answer to your inquiry about the book 3 by sending it itself. But the terrible and undisciplined conditions in Germany have made even just a reasonably punctual publication of the book impossible. It has been lying for many weeks printed at the binder. In the meantime it has been given the honorary Nietzsche Foundation Award by the Nietzsche Archive in Weimar, 4 where the printed sheets were submitted. Because of the tyranny of the typesetter and bookbinder its impact has until now been inhibited. I hope that, despite all this, it will soon reach you. The concerned order to the Munich publisher has already been handed over some time ago. You must permit me this gift for you. Because you alone are the one to thank that the book has even been written.

Would you believe me: the best national education for German youth would be to send them abroad, in order to give them an idea of the living nature of the greatness of German culture. Truthfully, the unfortunate outcome of the war had increased the inherent vanity of the Latin and Slavic peoples to the point of idiocy, not to mention that of the Anglo-Saxon people. As you know, I am no friend of war, because the last war was a martyrdom for an honest {2} German under the meaningless organization of the commanding authority of idiots and cowards. And I can never grasp nor pardon the fact that it was our own countrymen who with force drove out of us the love for the fatherland, the spiritual blood and future of Germany under the whip of grooms. Just one look at the new map of Germany leaves not a single doubt that it needs correction. We will be at war again one day. My only wish is that it will not again be handled by the best of the profiteers and workers at the cost of intelligence. But who will guarantee such a thing? I would not know anyone. The moment that the first frenzy of the people's revolt is over, the mechanization would begin again under Herr Rathenau's leadership.

The picture that Germany gives from afar is dreadful. One sees from the unsophisticated parties and from their haggling not a single German anymore. Yes, it is no longer the Germany of Beethoven, Goethe, or Schopenhauer. It is a dreadful something that lies on its belly in front of gold, instead of showing all the obese blood-suckers from inside and outside the door. And it is no pleasure to read in the Italian newspapers about the comfy, for the sake of vanity, sopping depictions from Vienna, where the foreign currency mob of international imprint plays a light man's role. We lay our hopes on Mozart, Haydn, and Beethoven, that it will be better once again!

I am working diligently; but unfortunately with all my effort I cannot become master of my external difficulties, and my wife must help me more than I would like, which she with unending [continues in left margin, written sideways, including valediction and signature:] courage does. Hopefully it will soon be better.


Now, many cordial regards to you and your dear wife
— also from my wife
Your thankful devotee,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2011


Roma, 1. den 11. März 1922.
Via dell’ Umiltà Nr. 33


Lieber verehrter Meister! 1

Verzeihen Sie bitte, dass ich so lange nicht auf Ihre liebe Karte 2 geantwortet habe. Ich wollte Ihnen gern mit der Uebersendung des Buches 3 selbst die Antwort auf Ihre Anfrage nach demselben geben. Aber die schlimmen, disziplinlosen Verhältnisse in Deutschland haben ein auch nur nur [sic] einigermassen pünktliches Erscheinen des Buches unmöglich gemacht. Es liegt seit vielen Wochen ausgedruckt beim Buchbinder. Inzwischen ist es von dem Nietzsche-Archiv in Weimar, 4 wo die Druckbogen vorgelegen haben, mit dem Ehrenpreis der Nietzsche-Stiftung ausgezeichnet worden. Durch die Gewaltherrschaft der Schriftsetzer und Buchbinder ist seine Wirkung aber bis jetzt noch gehemmt worden. Ich hoffe trotz alledem, dass es Ihnen in einiger Zeit zugehen wird. Der diesbezügliche Auftrag an den Münchener Verleger ist schon seit langem erteilt. Sie müssen mir dieses Geschenk für Sie gestatten. Denn Ihnen allein ist es zu danken, dass das Buch überhaupt geschrieben werden konnte.

Wollen Sie es mir glauben: die beste nationale Erziehung für die deutsche Jugend wäre die, sie ins Ausland zu schicken, um Ihnen ihr einen Begriff lebendiger Art von der Grösse der deutschen Kultur zu geben. Wahrlich, der unglückliche Ausgang des Krieges hat die angeborene Eitelkeit der lateini[s]chen und slavischen, von den angelsächsischen Völkern garnicht zu reden, bis zur Blödsinnigkeit gesteigert. Ich bin, wie Sie wissen, kein Freund des Krieges, weil der vergangene Krieg für einen an- {2} ständigen Deutschen ein Martyrium unter der sinnlosen Einrichtung der Befehlsbefugnis der Dummen und Gemeinen war. Und ich kann es niemals begreifen und verzeihen, dass unsere eigenen Volksgenossen es waren, die uns, die geistige Blüte und Zukunft Deutschlands unter der Knute von Pferdeknechten die Vaterlandsliebe mit Gewalt austrieben. Aber ein Blick auf die neue Karte von Deutschland lässt keinen Augenblick darüber im Zweifel, dass sie einer Korrektur bedarf. Wir werden eines Tages wieder Krieg bekommen. Mein einziger Wunsch ist der, dass er nicht wieder auf Kosten der Intelligenz und zum Besten der Wucherer und Arbeiter geführt werde. Doch wer wird dafür bürgen? Ich wüsste niemanden. In dem Augenblick, wo der erste Rausch der Volkserhebeung [sic] vorüber ist, setzt wieder die Mechanisierung unter Herrn Rathenaus Leitung ein!

Das Bild, das Deutschland aus der Ferne gewährt, ist furchtbar. Man sieht vor lauter Parteien und ihrem Schacher keine Deutschen mehr. Ja, es ist nicht mehr das Deutschland Beethovens, Goethes, Schopenhauers. Es ist ein fürchterliches Etwas, das vor dem Golde auf dem Bauch liegt, anstatt all den feisten Blutsaugern von drinnen und draussen die Tür zu weisen. Und es ist kein Vergnügen, in den italienischen Zeitungen die behaglichen, vor Eitelkeit triefenden Schilderungen aus Wien zu lesen, wo das Valutagesindel internationaler Prägung eine leichte Herrenrolle spielt. Hoffen wir auf Mozart, Haydn und Beethoven, dass es einmal besser wird!

Ich arbeite fleissig; aber leider kann ich der äusseren Schwierigkeiten mit aller Mühe nicht Herr werden und meine Frau muss mir mehr als mir lieb ist dabei helfen, was sie mit unendlicher [continues in left margin, written sideways, including valediction and signature:] Tapferkeit tut. Hoffentlich wird es bald besser.


Nun viele Herzliche Grüsse an Sie und Ihre vererhte Gattin
— auch von meiner Frau
Ihr dankbar ergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2011


Rome I, March 11, 1922,
Via dell’ Umiltà No. 33


Dear, revered Master, 1

Please forgive me for taking so long to reply to your lovely postcard. 2 I wanted to give the answer to your inquiry about the book 3 by sending it itself. But the terrible and undisciplined conditions in Germany have made even just a reasonably punctual publication of the book impossible. It has been lying for many weeks printed at the binder. In the meantime it has been given the honorary Nietzsche Foundation Award by the Nietzsche Archive in Weimar, 4 where the printed sheets were submitted. Because of the tyranny of the typesetter and bookbinder its impact has until now been inhibited. I hope that, despite all this, it will soon reach you. The concerned order to the Munich publisher has already been handed over some time ago. You must permit me this gift for you. Because you alone are the one to thank that the book has even been written.

Would you believe me: the best national education for German youth would be to send them abroad, in order to give them an idea of the living nature of the greatness of German culture. Truthfully, the unfortunate outcome of the war had increased the inherent vanity of the Latin and Slavic peoples to the point of idiocy, not to mention that of the Anglo-Saxon people. As you know, I am no friend of war, because the last war was a martyrdom for an honest {2} German under the meaningless organization of the commanding authority of idiots and cowards. And I can never grasp nor pardon the fact that it was our own countrymen who with force drove out of us the love for the fatherland, the spiritual blood and future of Germany under the whip of grooms. Just one look at the new map of Germany leaves not a single doubt that it needs correction. We will be at war again one day. My only wish is that it will not again be handled by the best of the profiteers and workers at the cost of intelligence. But who will guarantee such a thing? I would not know anyone. The moment that the first frenzy of the people's revolt is over, the mechanization would begin again under Herr Rathenau's leadership.

The picture that Germany gives from afar is dreadful. One sees from the unsophisticated parties and from their haggling not a single German anymore. Yes, it is no longer the Germany of Beethoven, Goethe, or Schopenhauer. It is a dreadful something that lies on its belly in front of gold, instead of showing all the obese blood-suckers from inside and outside the door. And it is no pleasure to read in the Italian newspapers about the comfy, for the sake of vanity, sopping depictions from Vienna, where the foreign currency mob of international imprint plays a light man's role. We lay our hopes on Mozart, Haydn, and Beethoven, that it will be better once again!

I am working diligently; but unfortunately with all my effort I cannot become master of my external difficulties, and my wife must help me more than I would like, which she with unending [continues in left margin, written sideways, including valediction and signature:] courage does. Hopefully it will soon be better.


Now, many cordial regards to you and your dear wife
— also from my wife
Your thankful devotee,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/3, pp. 2420-2421, March 15, 1922: "Von Dahms (Br.): sein Buch werde schon kommen; auffällig eine kriegerische Wendung: so kanns nicht bleiben." ("From Dahms (letter): his book will be coming; a belligerent turn is conspicuous: it can't stay like that."). Punctuation added by hand by Dahms has been included without comment.

2 Schenker's postcard is not known to survive.

3 Dahms, Die Offenbarung der Musik: Eine Apotheose Friedrich Nietzsches (Munich: Musarion, 1922), a copy of which was in Schenker's library at his death.

4 Evidence of Dahms's receipt of the Nietzsche Foundation award comes from a letter dated January 22, 1922 from Dahms to Elisabeth Förster-Nietzsche, the sister of the philosopher and head of the Nietzsche Archive. This letter indicates that Dahms received notice of the award on January 8, 1922.

Commentary

Format
2p letter, typed and holograph message, holograph signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-08-16
Last updated: 2011-08-16