17. IX.

Sehr geehrter Herr! 1

Ich danke Ihnen bestens für Ihr ausführliches Schreiben vom 15. September, 2 es hat mich von Neuem für Sie eingenommen. Obwohl ich mit Allem einverstanden bin was Sie sagen, bleibt doch noch Einiges zu bedenken. Was zunächst die Fähigkeiten meiner Frau betrifft so bleibt natürlich alles Ihrem Urteil überlassen. Weit unangenehmer ist mir der Umstand dass ich, wenigstens vorläufig, bei genauester Überlegung nicht mehr als 60 Kronen monatlich für diesen Zweck ausgeben kann. Und genau genommen müsste ich jetzt schliessen, da ich nicht wagen kann Ihre Leistungen geringer zu honorieren als Sie selbst es für gut finden dafür zu verlangen. Glauben Sie mir, ich hätte diesen Punkt nicht be- {2} rührt wenn ich nur irgend dazu in der Lage wäre – Das dritte Bedenken an das ich Anfangs gar nicht so recht dachte ist folgendes: Ich bin ein Feind der modernen Klaviere und so anmaßend zu behaupten, dass sie eigentlich alle einen monströsen und unmusikalischen Ton haben. Nun habe ich eigentlich gar nicht das Recht andern – und besonders Musikern – gegenüber, auf meiner Meinung zu bestehen, ich will es auch gar nicht. Thatsache aber ist, dass ich eigentlich kein Instrument besitze wie es einem modernen Klavierlehrer – etwa Leschetitzky – als unbedingt notwendig erscheint. Ich habe einen Flügel aus dem Jahre 1820 von André Stein aus Augsburg, 3 eine ausgezeichnete Kopie eines ganz kleinen alten Hammerklavieres und ein schönes {3} altes Clavichord. Die Folge davon ist, dass bei uns höchstens Mendelssohn, Schubert, einiges von Beethoven und sonst nur Bach, Haydn und Mozart zu hören ist. Schumann oder Brahms kann man auf dem Steinschen Flügel unmöglich spielen. Diese Umstände würden dem Unterricht, bezüglich der auszuführenden Werke, schon Schranken ziehen, von denen ich nicht weiss ob Sie sich dieselben gefallen liessen. — Ich habe nun alles aufrichtig gesagt, komme mir wohl ein wenig unverschämt vor mit meinen Einschränkungen, bitte Sie aber, mir meine Geradheit nicht übel zu deuten, sie entspringt aus der Achtung die ich für Sie hege und diese gebietet mir, Ihnen nichts vorzumachen sondern wahr zu sein. — Wünschen Sie meinen, oder den Besuch meiner Frau {4} so stehen wir Ihnen gerne zu Diensten.


Ihr, Sie aufrichtig schätzender
[signed:] Victor Hammer

© Transcription Hedi Siegel & Stephanie Probst, 2016


September 17

Dear Sir, 1

I thank you very much for your detailed letter of September 15; 2 it renewed my admiration for you. While I am in agreement with everything you say, a few things still remain to be considered. First, concerning my wife's abilities of course everything is left to your judgment. Much more unpleasant for me is the circumstance that, after careful consideration, I must conclude that, at least for now, I cannot spend more than 60 Kronen a month for this purpose. And strictly speaking I should close at this point, since I cannot presume to offer a lesser honorarium for your efforts than what you yourself find it appropriate to ask. Believe me, I would not have brought up this matter {2} if it were in any way possible for me. – The third problem, which I hadn't really thought about initially, is as follows: I am an enemy of modern pianos and make the presumptuous claim that in truth they all produce a monstrous and unmusical sound. Now I have absolutely no right to impose my opinion on others – particularly musicians – and I have no wish to do so. But the fact is that I actually don't own an instrument of the kind that a modern piano teacher – Leschetizky, say – would find absolutely necessary. I have a piano dating from 1820 by Andreas Stein of Augsburg, 3 an excellent copy of a very small old fortepiano, and a beautiful {3} old clavichord. As a result, at best Mendelssohn, Schubert, some of Beethoven, and besides that only Bach, Haydn, and Mozart can be heard at our home. It is impossible to play Schumann or Brahms on the Stein piano. These circumstances would impose limitations on teaching, in regard to the works to be performed; I don't know if you would be willing to put up with them. — Having now said everything openly, I feel I am being rather impertinent with my restrictions, but I ask you not to take offense at my directness; it stems from the respect I hold for you and this compels me not to deceive you but rather to be honest with you. — If you would like me or my wife to visit you, {4} we would be happy to oblige.


Yours, in sincere appreciation,
[signed:] Victor Hammer

© Translation Hedi Siegel & Stephanie Probst, 2016


17. IX.

Sehr geehrter Herr! 1

Ich danke Ihnen bestens für Ihr ausführliches Schreiben vom 15. September, 2 es hat mich von Neuem für Sie eingenommen. Obwohl ich mit Allem einverstanden bin was Sie sagen, bleibt doch noch Einiges zu bedenken. Was zunächst die Fähigkeiten meiner Frau betrifft so bleibt natürlich alles Ihrem Urteil überlassen. Weit unangenehmer ist mir der Umstand dass ich, wenigstens vorläufig, bei genauester Überlegung nicht mehr als 60 Kronen monatlich für diesen Zweck ausgeben kann. Und genau genommen müsste ich jetzt schliessen, da ich nicht wagen kann Ihre Leistungen geringer zu honorieren als Sie selbst es für gut finden dafür zu verlangen. Glauben Sie mir, ich hätte diesen Punkt nicht be- {2} rührt wenn ich nur irgend dazu in der Lage wäre – Das dritte Bedenken an das ich Anfangs gar nicht so recht dachte ist folgendes: Ich bin ein Feind der modernen Klaviere und so anmaßend zu behaupten, dass sie eigentlich alle einen monströsen und unmusikalischen Ton haben. Nun habe ich eigentlich gar nicht das Recht andern – und besonders Musikern – gegenüber, auf meiner Meinung zu bestehen, ich will es auch gar nicht. Thatsache aber ist, dass ich eigentlich kein Instrument besitze wie es einem modernen Klavierlehrer – etwa Leschetitzky – als unbedingt notwendig erscheint. Ich habe einen Flügel aus dem Jahre 1820 von André Stein aus Augsburg, 3 eine ausgezeichnete Kopie eines ganz kleinen alten Hammerklavieres und ein schönes {3} altes Clavichord. Die Folge davon ist, dass bei uns höchstens Mendelssohn, Schubert, einiges von Beethoven und sonst nur Bach, Haydn und Mozart zu hören ist. Schumann oder Brahms kann man auf dem Steinschen Flügel unmöglich spielen. Diese Umstände würden dem Unterricht, bezüglich der auszuführenden Werke, schon Schranken ziehen, von denen ich nicht weiss ob Sie sich dieselben gefallen liessen. — Ich habe nun alles aufrichtig gesagt, komme mir wohl ein wenig unverschämt vor mit meinen Einschränkungen, bitte Sie aber, mir meine Geradheit nicht übel zu deuten, sie entspringt aus der Achtung die ich für Sie hege und diese gebietet mir, Ihnen nichts vorzumachen sondern wahr zu sein. — Wünschen Sie meinen, oder den Besuch meiner Frau {4} so stehen wir Ihnen gerne zu Diensten.


Ihr, Sie aufrichtig schätzender
[signed:] Victor Hammer

© Transcription Hedi Siegel & Stephanie Probst, 2016


September 17

Dear Sir, 1

I thank you very much for your detailed letter of September 15; 2 it renewed my admiration for you. While I am in agreement with everything you say, a few things still remain to be considered. First, concerning my wife's abilities of course everything is left to your judgment. Much more unpleasant for me is the circumstance that, after careful consideration, I must conclude that, at least for now, I cannot spend more than 60 Kronen a month for this purpose. And strictly speaking I should close at this point, since I cannot presume to offer a lesser honorarium for your efforts than what you yourself find it appropriate to ask. Believe me, I would not have brought up this matter {2} if it were in any way possible for me. – The third problem, which I hadn't really thought about initially, is as follows: I am an enemy of modern pianos and make the presumptuous claim that in truth they all produce a monstrous and unmusical sound. Now I have absolutely no right to impose my opinion on others – particularly musicians – and I have no wish to do so. But the fact is that I actually don't own an instrument of the kind that a modern piano teacher – Leschetizky, say – would find absolutely necessary. I have a piano dating from 1820 by Andreas Stein of Augsburg, 3 an excellent copy of a very small old fortepiano, and a beautiful {3} old clavichord. As a result, at best Mendelssohn, Schubert, some of Beethoven, and besides that only Bach, Haydn, and Mozart can be heard at our home. It is impossible to play Schumann or Brahms on the Stein piano. These circumstances would impose limitations on teaching, in regard to the works to be performed; I don't know if you would be willing to put up with them. — Having now said everything openly, I feel I am being rather impertinent with my restrictions, but I ask you not to take offense at my directness; it stems from the respect I hold for you and this compels me not to deceive you but rather to be honest with you. — If you would like me or my wife to visit you, {4} we would be happy to oblige.


Yours, in sincere appreciation,
[signed:] Victor Hammer

© Translation Hedi Siegel & Stephanie Probst, 2016

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 1/13, p. 418, September 17, 1913: "In die Rubrik: Wienerisches gehört der Brief des Herrn Hammer, der das Honorar herunterzusetzen sich bestrebt!" ("The letter from Mr. Hammer falls under the rubric of 'typically Viennese'; he endeavors to lower the honorarium!").

2 This letter is not known to survive, nor is its writing recorded in Schenker's diary.

3 Johann Andreas Stein (1728‒92), German maker of organs and stringed keyboard instruments, who settled in Augsburg in 1749 and worked there for the remainder of his career.

Commentary

Format
4p letter, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs and representatives of Viktor Hammer
License
Permission to publish granted by the executor of the estate of Carolyn Reading Hammer October 14, 2013. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence (at) mus (dot) cam (dot) uk

Digital version created: 2016-08-09
Last updated: 2011-02-12