Partenkirchen, bei Dr. W. Grahl
29 Juli 1932

Lieber und verehrter Herr Dr.! 1

Vielen Dank für Ihre freundliche Karte vom 15 Juli und für die Sendung Programmhefte. 2 Davon kannt[e] ich allerdings schon einige, denn ich habe mir ein Paar Konzerte dieses Katzenmusikfestes angehört. Ich muss zu meiner Freude bekennen, dass das Publikum sich derartige Musik doch nicht mehr widerspruchslos gefallen lässt. Nur an dem Abend, wo die "Musik zu einer Lichtspielszene" von Schönberg und "Der Wein" von Alban Berg aufgeführt wurde, spendete es, besonder nach dem zweiten Stück, frenetischen Beifall. Worauf das zurückzuführen ist, ist mir allerdings ein Rätsel, denn, wenn man auch immer wieder behauptet[,] dass Berg "ernster" Streber sei (wohl im Gegensatz zu den anderen Musikern von heute, die dann nicht "ernst" zu sein scheinen)[,] so kommt das Stück doch nicht über dem Niveau eines Zeilenprogrammstückes hinaus. Ich meine damit, dass jede Zeile des schönen Gedichtes von Baudelaire, welches in der Uebersetzung von Stefan George zunächst seiner Hauptbuchstaben und Interpunktionszeichen beraubt worden ist, irgendwie getonmalt worden ist, der Sinn des ganzen aber nicht erfasst wurde. Leider fehlte gerade von diesem Konzert das Programmheft, weil Deutsch nicht darin war; ich habe meines auch nicht aufgehoben, sonst hätte ich es Ihnen noch gerne geschickt.

Die neue Chopin-Ausgabe von Edouard Ganch 3 enthält auf den ersten Blick manche gute Sachen, die andere Ausgaben nicht haben. Leider geht aus nichts hervor, welche Stücke nach dem Autograph und welche nach der Original-Ausgabe redigiert worden sind. An den Mazurken Op. 24 habe ich jedoch schon feststellen können, dass sie nach der Schlesinger!schen [sic] Originalausgabe redigiert worden sind. Sie enthalten alle Fehler derselben, und noch ein Paar. Das Autograph, welches ja im Breitkopf'schen Archive [sic] ruht, scheint Ganche nicht gesehen zu haben[,] und ein oberflächlicher Ueberblick lässt mich vermuten, dass er aus jenem Archiv überhaupt keine Autographen eingesehen hat. Ob er sie nicht bekommen hat? Er weiss jedenfalls ganz genau, welche sich dort befinden.

{2} Interessant ist aber, dass er die französische Originalausgaben aus dem Besitz der Miss Stirling hat einsehen können, in welchen Chopin während des Unterrichts Bemerkungen und Verbesserungen eingetragen hat. So in dem c-moll Praeludium ein Bé vor dem e' im vierten Viertel von Takt 3, wo man, dem gedruckten Text nach eigentlich e' spielen sollte (während ich dort immer schon es' gespielt habe) und ferner eine sehr merkwürdige [illeg] Aenderung in der gis-moll Etude aus Op. 25, wo er in Takt 42 die beiden cis' bei der l.H. im 6ten und 7ten Achtel in c, also eigentlich in his, verwandelt haben soll.

Das Vorwort ist leider sehr arrogant; besonders die Bemerkung, dass die französische[n] Original-Ausgaben, trotz ihrer Fehler, immer noch besser seien als die deutschen, ist nicht zutreffend. Ich hoffe, wenn ich Sie einmal besuchen sollte, Ihnen einen Band mitbringen zu können; ich bin jetzt dabei, die Ergebnisse, die wir in den Stunden aus dem Vergleich der Photogrammen mit den Or.[iginal]-Ausgaben herausbekommen haben, mit der neuen Ausgabe zu vergleichen.

Wie geht es Ihnen in Igls? Ist es Ihnen dort nicht zu mondain [recte mondän] ? Sie werden wohl das gleiche Wetter haben, wie wir hier, also meistens Regen und wenig Sonnenschein. Vielleicht komme ich, mit Frl. Boy, doch einmal zu Ihnen herüber; es ist ja nicht sehr weit. Um welche Tageszeit sind Sie meistens zu Hause?

Mit den besten Grüssen, ebenfalls an Ihre Gattin, bin ich, wie immer


Ihr sehr ergebener
[signed:] AvHoboken

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2016


Partenkirchen, c/o Dr. W. Grahl
July 29, 1932

Dear and revered Dr. [Schenker], 1

Many thanks for your friendly card of July 15 and for sending program-books. 2 I already knew some of them, to be sure, since I have heard a few concerts of this musical-rubbish festival. I must attest, to my satisfaction, that the public no longer accepts such music without reservation. Only on the evening when the Music for a Film Scene by Schoenberg and Der Wein by Alban Berg was performed did it bestow ‒ especially after the second piece ‒ frenetic applause. Where the explanation for that might lie is, to be sure, a riddle to me; for if people constantly repeat that Berg is a "serious" aspirant in his work (no doubt in contrast to the other musicians of today, who thus do not appear to be "serious"), the piece still fails to rise above the level of a line-by-line programmatic work. By that I mean that each line in the beautiful poem by Baudelaire – which, in the translation by Stefan George, first of all is stripped of its capitalization and punctuation – has been somehow tone-painted, but the meaning of the whole has not been grasped. Unfortunately the program-book of precisely this concert is missing, since Deutsch was not present; I didn't save mine either, else I would have been glad to send it to you.

The new Chopin edition by Edouard Ganche 3 contains at first glance many good things that other editions lack. Unfortunately it is nowhere made clear which pieces have been revised according to the autograph manuscript and which according to the original edition. Regarding the Mazurkas Op. 24, however, I was already able to discover that they are revised according to the Schlesinger (!) original edition. They include all of its errors and a few more. The manuscript, which of course resides in the Breitkopf archive, Ganche appears not to have seen, and a superficial inspection supports my assumption that he has examined none of the manuscripts from that archive. Did he not receive them? In any case, he knows perfectly well which of them are there.

{2} It is interesting, though, that he was able to examine the French original edition from the collection of Miss Stirling, in which Chopin entered comments and improvements in the course of teaching. Thus in the C minor Prelude, a flat sign before the e’ in the fourth quarter of bar 3, where according to the printed text one is actually supposed to play e’ (while I have always played eę’ at that point), and also a very noteworthy [illeg] alteration in the Gě minor Etude from Op. 25, where in bar 42 he is supposed to have changed the two occurrences of cě’ in the left hand in the sixth and seventh eighths to c, thus really to bě.

The Foreword is unfortunately very arrogant; especially the comment that the French original editions, despite their errors, are always better than the German, is not accurate. I hope, when I should visit you some time, to be able to bring along a volume to you; I am just now in process of comparing with the new edition the information that we gained in the lesson from comparison of the photostats with the original editions.

How are you faring in Igls? Is it not too fashionable there for you? You will probably have the same weather as we here, thus mostly rain and little sunshine. Perhaps I shall after all come, with Miss Boy, to see you sometime; it is really not very far. What time of day are you usually in?

With best greetings, also to your wife, I am, as always,


Your very devoted
[signed:] A. v. Hoboken

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2016


Partenkirchen, bei Dr. W. Grahl
29 Juli 1932

Lieber und verehrter Herr Dr.! 1

Vielen Dank für Ihre freundliche Karte vom 15 Juli und für die Sendung Programmhefte. 2 Davon kannt[e] ich allerdings schon einige, denn ich habe mir ein Paar Konzerte dieses Katzenmusikfestes angehört. Ich muss zu meiner Freude bekennen, dass das Publikum sich derartige Musik doch nicht mehr widerspruchslos gefallen lässt. Nur an dem Abend, wo die "Musik zu einer Lichtspielszene" von Schönberg und "Der Wein" von Alban Berg aufgeführt wurde, spendete es, besonder nach dem zweiten Stück, frenetischen Beifall. Worauf das zurückzuführen ist, ist mir allerdings ein Rätsel, denn, wenn man auch immer wieder behauptet[,] dass Berg "ernster" Streber sei (wohl im Gegensatz zu den anderen Musikern von heute, die dann nicht "ernst" zu sein scheinen)[,] so kommt das Stück doch nicht über dem Niveau eines Zeilenprogrammstückes hinaus. Ich meine damit, dass jede Zeile des schönen Gedichtes von Baudelaire, welches in der Uebersetzung von Stefan George zunächst seiner Hauptbuchstaben und Interpunktionszeichen beraubt worden ist, irgendwie getonmalt worden ist, der Sinn des ganzen aber nicht erfasst wurde. Leider fehlte gerade von diesem Konzert das Programmheft, weil Deutsch nicht darin war; ich habe meines auch nicht aufgehoben, sonst hätte ich es Ihnen noch gerne geschickt.

Die neue Chopin-Ausgabe von Edouard Ganch 3 enthält auf den ersten Blick manche gute Sachen, die andere Ausgaben nicht haben. Leider geht aus nichts hervor, welche Stücke nach dem Autograph und welche nach der Original-Ausgabe redigiert worden sind. An den Mazurken Op. 24 habe ich jedoch schon feststellen können, dass sie nach der Schlesinger!schen [sic] Originalausgabe redigiert worden sind. Sie enthalten alle Fehler derselben, und noch ein Paar. Das Autograph, welches ja im Breitkopf'schen Archive [sic] ruht, scheint Ganche nicht gesehen zu haben[,] und ein oberflächlicher Ueberblick lässt mich vermuten, dass er aus jenem Archiv überhaupt keine Autographen eingesehen hat. Ob er sie nicht bekommen hat? Er weiss jedenfalls ganz genau, welche sich dort befinden.

{2} Interessant ist aber, dass er die französische Originalausgaben aus dem Besitz der Miss Stirling hat einsehen können, in welchen Chopin während des Unterrichts Bemerkungen und Verbesserungen eingetragen hat. So in dem c-moll Praeludium ein Bé vor dem e' im vierten Viertel von Takt 3, wo man, dem gedruckten Text nach eigentlich e' spielen sollte (während ich dort immer schon es' gespielt habe) und ferner eine sehr merkwürdige [illeg] Aenderung in der gis-moll Etude aus Op. 25, wo er in Takt 42 die beiden cis' bei der l.H. im 6ten und 7ten Achtel in c, also eigentlich in his, verwandelt haben soll.

Das Vorwort ist leider sehr arrogant; besonders die Bemerkung, dass die französische[n] Original-Ausgaben, trotz ihrer Fehler, immer noch besser seien als die deutschen, ist nicht zutreffend. Ich hoffe, wenn ich Sie einmal besuchen sollte, Ihnen einen Band mitbringen zu können; ich bin jetzt dabei, die Ergebnisse, die wir in den Stunden aus dem Vergleich der Photogrammen mit den Or.[iginal]-Ausgaben herausbekommen haben, mit der neuen Ausgabe zu vergleichen.

Wie geht es Ihnen in Igls? Ist es Ihnen dort nicht zu mondain [recte mondän] ? Sie werden wohl das gleiche Wetter haben, wie wir hier, also meistens Regen und wenig Sonnenschein. Vielleicht komme ich, mit Frl. Boy, doch einmal zu Ihnen herüber; es ist ja nicht sehr weit. Um welche Tageszeit sind Sie meistens zu Hause?

Mit den besten Grüssen, ebenfalls an Ihre Gattin, bin ich, wie immer


Ihr sehr ergebener
[signed:] AvHoboken

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2016


Partenkirchen, c/o Dr. W. Grahl
July 29, 1932

Dear and revered Dr. [Schenker], 1

Many thanks for your friendly card of July 15 and for sending program-books. 2 I already knew some of them, to be sure, since I have heard a few concerts of this musical-rubbish festival. I must attest, to my satisfaction, that the public no longer accepts such music without reservation. Only on the evening when the Music for a Film Scene by Schoenberg and Der Wein by Alban Berg was performed did it bestow ‒ especially after the second piece ‒ frenetic applause. Where the explanation for that might lie is, to be sure, a riddle to me; for if people constantly repeat that Berg is a "serious" aspirant in his work (no doubt in contrast to the other musicians of today, who thus do not appear to be "serious"), the piece still fails to rise above the level of a line-by-line programmatic work. By that I mean that each line in the beautiful poem by Baudelaire – which, in the translation by Stefan George, first of all is stripped of its capitalization and punctuation – has been somehow tone-painted, but the meaning of the whole has not been grasped. Unfortunately the program-book of precisely this concert is missing, since Deutsch was not present; I didn't save mine either, else I would have been glad to send it to you.

The new Chopin edition by Edouard Ganche 3 contains at first glance many good things that other editions lack. Unfortunately it is nowhere made clear which pieces have been revised according to the autograph manuscript and which according to the original edition. Regarding the Mazurkas Op. 24, however, I was already able to discover that they are revised according to the Schlesinger (!) original edition. They include all of its errors and a few more. The manuscript, which of course resides in the Breitkopf archive, Ganche appears not to have seen, and a superficial inspection supports my assumption that he has examined none of the manuscripts from that archive. Did he not receive them? In any case, he knows perfectly well which of them are there.

{2} It is interesting, though, that he was able to examine the French original edition from the collection of Miss Stirling, in which Chopin entered comments and improvements in the course of teaching. Thus in the C minor Prelude, a flat sign before the e’ in the fourth quarter of bar 3, where according to the printed text one is actually supposed to play e’ (while I have always played eę’ at that point), and also a very noteworthy [illeg] alteration in the Gě minor Etude from Op. 25, where in bar 42 he is supposed to have changed the two occurrences of cě’ in the left hand in the sixth and seventh eighths to c, thus really to bě.

The Foreword is unfortunately very arrogant; especially the comment that the French original editions, despite their errors, are always better than the German, is not accurate. I hope, when I should visit you some time, to be able to bring along a volume to you; I am just now in process of comparing with the new edition the information that we gained in the lesson from comparison of the photostats with the original editions.

How are you faring in Igls? Is it not too fashionable there for you? You will probably have the same weather as we here, thus mostly rain and little sunshine. Perhaps I shall after all come, with Miss Boy, to see you sometime; it is really not very far. What time of day are you usually in?

With best greetings, also to your wife, I am, as always,


Your very devoted
[signed:] A. v. Hoboken

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2016

Footnotes

1 Receipt of this letter (in Igls, Tyrol) is recorded in Schenker's diary at OJ 4/5, p. 3754, July 30, 1932: "Von v. Hoboken (Br.): Dank für die Programme; über die französische Chopin-Ausgabe; kommt „vielleicht“ mit Frl. Boy, wann, fragt er?" ("From Hoboken (letter): thanks for the programs; concerning the French edition of Chopin; he will "perhaps" come with Miss Boy; when, he asks?").

2 No postcard of this date from Hoboken is known to survive.

3 The Oxford Original Edition of Frédéric Chopin, edited from the original edition and the manuscripts by Edouard Ganche, vols 1–3 (London: Oxford University Press, 1932). The dated notes on Hoboken's lessons with Schenker end at February 23, 1932 (OC 3/4, lessonbook 1931/32). There is a set of undated notes at OC 30/52‒63 devoted to Hoboken's lessons, and p. 56r reads: "van Hoboken / Ganche, Manuscript (Archive) / Eschevich, / Kobenheyer, Faulhaber / Die Musik, 2 issues / Zeitschrift für Musikwissenschaft, 2 issues / Schlesinger / Breitkopf & Härtel prints [...]" Whether these have anything to do with the present letter is unclear (July was of course outside the season).

Commentary

Format
2p letter, typewritten salutation, message, and valediction, holograph signature
Provenance
Schenker, Heinrich ([document date]-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
IPR: Heirs of Anthony van Hoboken, published here with kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Anthony van Hoboken February 3, 2007. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2016-11-07
Last updated: 2013-02-16