20 März 33

Sehr verehrter Herr Doktor! 1

Entschuldigen Sie bitte mein längeres Stillschweigen – es hatte verschiedene Gründe. Vor allem wollte ich Ihnen doch schon etwas in der Buchangelegenheit 2 mitteilen können, eine Antwort von Hob. kam aber erst vor einigen Tagen.

Nachdem ich ihm die Antwort meines Verlegers mitgeteilt hatte, daß noch 200, allermindesten aber 150 Exempl. notwendig seien, schrieb er nun, daß er zu einer Ausgabe von 600 Mark bereit sei. Es ist also endlich eine Basis und positive Antwort – die geringe Differenz wird sich sicherlich noch überbrücken lassen. Ich hoffe also, daß das Buch im Herbst und auch schon überall „wirken“ kann.

Haben Sie indes wegen der Neuauflage der Harmonielehre etwas gehört? Wie stellt sich die U.E. dazu? Wenn keine Aussicht dazu besteht, da ja doch die Neuauflage einer starken Revision bedürfte, halten Sie es für zweckmäßig, meine „Einführung“ so zu gestalten, daß sie {2} als vorläufiger Ersatz für die Harmonielehre stehen kann. Bis zu einem gewissen Grade ist dürfte das ja auf jeden Fall nötig sein. Ich selbst habe mir schon längst für Unterrichtswerke eine solche Neugestaltung der Harmon. zurechtgelegt! Wie weit soll ich, wie weit darf ich dies benutzen? Sie können sich denken, verehrter Herr Doktor, daß mir Ihr Interesse und die Sache an erster Stelle steht. Ich möchte Sie vielmals bitte[n], mir Ihre genaue Ansicht und Ihren Plan in dieser Richtung bald mitzuteilen.

– Die Absicht, Einführungsvorträge zu Furtw. Konzerten am Rundfunk zu halten, muß vorläufig infolge der veränderten Verhältnisse leider aufgeschoben sein – vielleicht gelingt es mir in Wien im Rahmen des Brahmsfestes bei der Ravag. Ich habe in diesem Sinn dahin geschrieben. Eventuell auch wegen eines andern Vortrags (z. B. Archiv 3 )

– Einen kurzen Aufsatz über „Saul“ 4 hat Dr Einstein bei mir bestellt. – Nun heißt es {3} warten, wie sich alles weiter gestaltet.

Für heute verbleibe ich mit besten Empfehlungen an Ihre werte Frau Gemahlin und allen guten Wünschen


Ihr ergebenster
[signed:] Oswald Jonas

© Transcription John Rothgeb, 2006


March 20, 1933

Greatly revered [Schenker], 1

Please forgive my long silence ‒ there were various reasons for it. Above all I wanted to be able already to tell you something about the book situation, 2 but a reply from Hoboken arrived only a few days ago.

After I relayed to him the response from my publisher that 200 copies, or at the very least 150, would be required, he wrote that he would be prepared to a disbursement of 600 Marks. There is thus finally a basis and a positive answer ‒ the small gap can certainly be bridged. I hope therefore that the book can "get on it" in the fall, and do so everywhere right away.

Have you heard anything meanwhile about the new edition of Theory of Harmony ? What is UE's position on that? If none is contemplated, [e.g.] because the new edition would need a major revision, do you think it expedient to organize my Introduction in such a way that it can {2} serve as a temporary substitute for Theory of Harmony ? To a certain extent that may in any case be needed. I myself prepared such a reformulation of Theory of Harmony for teaching purposes long ago! How far should I, how far may I, use that? You may imagine, esteemed Dr. [Schenker], that your interest and the subject matter are of primary concern to me. I urgently ask you to send me soon your precise opinion and your plan in this direction.

The project of presenting introductory lectures to the Furtwängler concerts on the radio must for now, because of the altered circumstances, be postponed ‒ perhaps it can be done in Vienna within the framework of the Brahms festival on the RAVAG. I have written them about this. Also about the possibility of a different lecture (i.e. "Archive" 3 ).

Dr. Einstein has commissioned a short essay by me on Saul. 4 Now one must {3} wait to see how everything works out.

For today I remain, with warmest greetings to your good wife and with all good wishes,


Yours most sincerely,
[signed:] Oswald Jonas

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


20 März 33

Sehr verehrter Herr Doktor! 1

Entschuldigen Sie bitte mein längeres Stillschweigen – es hatte verschiedene Gründe. Vor allem wollte ich Ihnen doch schon etwas in der Buchangelegenheit 2 mitteilen können, eine Antwort von Hob. kam aber erst vor einigen Tagen.

Nachdem ich ihm die Antwort meines Verlegers mitgeteilt hatte, daß noch 200, allermindesten aber 150 Exempl. notwendig seien, schrieb er nun, daß er zu einer Ausgabe von 600 Mark bereit sei. Es ist also endlich eine Basis und positive Antwort – die geringe Differenz wird sich sicherlich noch überbrücken lassen. Ich hoffe also, daß das Buch im Herbst und auch schon überall „wirken“ kann.

Haben Sie indes wegen der Neuauflage der Harmonielehre etwas gehört? Wie stellt sich die U.E. dazu? Wenn keine Aussicht dazu besteht, da ja doch die Neuauflage einer starken Revision bedürfte, halten Sie es für zweckmäßig, meine „Einführung“ so zu gestalten, daß sie {2} als vorläufiger Ersatz für die Harmonielehre stehen kann. Bis zu einem gewissen Grade ist dürfte das ja auf jeden Fall nötig sein. Ich selbst habe mir schon längst für Unterrichtswerke eine solche Neugestaltung der Harmon. zurechtgelegt! Wie weit soll ich, wie weit darf ich dies benutzen? Sie können sich denken, verehrter Herr Doktor, daß mir Ihr Interesse und die Sache an erster Stelle steht. Ich möchte Sie vielmals bitte[n], mir Ihre genaue Ansicht und Ihren Plan in dieser Richtung bald mitzuteilen.

– Die Absicht, Einführungsvorträge zu Furtw. Konzerten am Rundfunk zu halten, muß vorläufig infolge der veränderten Verhältnisse leider aufgeschoben sein – vielleicht gelingt es mir in Wien im Rahmen des Brahmsfestes bei der Ravag. Ich habe in diesem Sinn dahin geschrieben. Eventuell auch wegen eines andern Vortrags (z. B. Archiv 3 )

– Einen kurzen Aufsatz über „Saul“ 4 hat Dr Einstein bei mir bestellt. – Nun heißt es {3} warten, wie sich alles weiter gestaltet.

Für heute verbleibe ich mit besten Empfehlungen an Ihre werte Frau Gemahlin und allen guten Wünschen


Ihr ergebenster
[signed:] Oswald Jonas

© Transcription John Rothgeb, 2006


March 20, 1933

Greatly revered [Schenker], 1

Please forgive my long silence ‒ there were various reasons for it. Above all I wanted to be able already to tell you something about the book situation, 2 but a reply from Hoboken arrived only a few days ago.

After I relayed to him the response from my publisher that 200 copies, or at the very least 150, would be required, he wrote that he would be prepared to a disbursement of 600 Marks. There is thus finally a basis and a positive answer ‒ the small gap can certainly be bridged. I hope therefore that the book can "get on it" in the fall, and do so everywhere right away.

Have you heard anything meanwhile about the new edition of Theory of Harmony ? What is UE's position on that? If none is contemplated, [e.g.] because the new edition would need a major revision, do you think it expedient to organize my Introduction in such a way that it can {2} serve as a temporary substitute for Theory of Harmony ? To a certain extent that may in any case be needed. I myself prepared such a reformulation of Theory of Harmony for teaching purposes long ago! How far should I, how far may I, use that? You may imagine, esteemed Dr. [Schenker], that your interest and the subject matter are of primary concern to me. I urgently ask you to send me soon your precise opinion and your plan in this direction.

The project of presenting introductory lectures to the Furtwängler concerts on the radio must for now, because of the altered circumstances, be postponed ‒ perhaps it can be done in Vienna within the framework of the Brahms festival on the RAVAG. I have written them about this. Also about the possibility of a different lecture (i.e. "Archive" 3 ).

Dr. Einstein has commissioned a short essay by me on Saul. 4 Now one must {3} wait to see how everything works out.

For today I remain, with warmest greetings to your good wife and with all good wishes,


Yours most sincerely,
[signed:] Oswald Jonas

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/6, p. 3821, March 21, 1933: "Von Jonas (Br.): sein Buch wird im Herbst erscheinen; v. H. trägt Mk.600 bei (versteht sich: auf meine Kosten – schon der zu gewärtigende Abstrich einer Stunde erspart dem Mäzen S. 2160, also verdient er an dem Mäzenatentum noch S. 960! Dazu kommt der vorgesehene Abzug von den 12000 S. – also zieht er den Betrag wie Hertzka† zweimal ab: von den Stunden u. vom „Freien Satz “ – „furchtbar“ meinte Deutsch, ich lache, denn wenn nur die Werke da sind, alles Andere gibt sich." ("From Jonas (letter): his book will appear in the fall; Hoboken is contributing 600 marks (naturally at my expense: – already the anticipated curtailment of one hour's [lesson time per week] is saving the benefactor 2,160 shillings, thus he is still earning 960 shillings from his beneficence! In addition there is the expected deduction from the 12,000 shillings – thus he deducts the sum twice, as did the late Hertzka: from the lessons, and from Free Composition – "Frightful," thought Deutsch; I laugh: for if only the works were done, everything else would follow."). [Schenker does not close the parenthesis opened as "versteht sich ...".]

2 The situation regarding Jonas's Das Wesen des musikalischen Kunstwerks: Eine Einführung in die Lehre Heinrich Schenkers (Vienna: Saturn Verlag, 1934).

3 Jonas would publish an article about the Photogramm Archive shortly after this: "Entdeckung der Partitur," Vossische Zeitung (April 1933), preserved in Schenker's scrapbook at OC 2/between pp. 88 and 89.

4 Brahms's arrangement for performance of Handel's Saul is among the autograph materials in the Gesellschaft der Musikfreunde in Vienna. Schenker had transcribed and edited this document (mentioning it to Jonas first on March 24, 1932: OJ 12/6, [11]), which he subsequently gave to Furtwängler (see OJ 5/18, 9) who in turn made it available to Jonas (see OJ 5/18, 21) for study and the writing of a commentary. See also OJ 12/6 [18], OJ 5/18, 11, OJ 5/18, 22, and OJ 5/18, 24.

Commentary

Format
3p letter, Bogen format, holograph salutation, message, valediction and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Oswald Jonas, published by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Oswald Jonas October 20, 1913

Digital version created: 2015-10-26