Hamburg, 24 Juli 22.

Liebster H.! 1

Noch heute zehre ich von Deinem letzten, guten Brief! Ich wollte Dir danken, spürte aber daß er es nicht recht verträgt. Da schlichen sich wieder schwere Zeiten ein. Eine unheimliche Lebensmitteltheurerung. Bei allem Unterschied, der [?sicher] in einer traditionellen [?Kraft] liegt, ist es in Deutschland mindestens so schlimm wie in Wien. Seit vorigem Jahr eine 7fache Theuerung. Ich verdiene jetzt ca. 60.000 Mark. Ein Betrag mit dem ich voriges Jahr hätte fürstlich leben können. Heute muß man, für’s Notwendigste 120.000 haben. Vielleicht wird zum Herbst die Hochschulidee 2 schon durchgedrungen sein. Vielleicht finde auch ich dadurch Erleichterung. Bin ich doch der Aktivste unter denen, die sich mit der Gründung befassen. Und hat man schon ein praktisches Ideal erreicht (so viel zu verdienen, daß man leben kann), so ist man glücklicher Handwerker geworden. Als Handwerker muß man dann natürlich blöder erscheinen als andere, die nicht mehr sind, aber das goldene Handwerk des Schiebers betreiben. Denke die Situation aus: Nichts aus eigener Arbeit leisten können (nur damit kann man seine persönlichen Leistungen durchsetzen), dafür aber mit den Wölfen „handwerken“ müssen! Zu entsetzlich! Wenn Du also lange nichts von mir hörst, denke nur das Eine: Ich weiß wie kein Anderer Deine Schwierigkeiten zu beurteilen, ich möchte Dein belastetes Leben, wenn ich es nicht erleichtern kann, mindestens nicht noch beschweren. Ich weiß: mitfühlen müssen, ohne helfen zu können, gehört zu den verfluchtesten Höllenqualen. Ich weiß: Du denkst auch ohne meine Nachricht sicher manchmal an mein Leben, so wie ich stets an Deines denke!

{2} Nun kam etwas, wofür es so viel zu danken giebt: Dein 2tes Heft „Tonwillen“! Und eigentlich nur deshalb möchte ich Dir heute geschrieben haben.

Du glaubst, durch materielle Not Dein Werk bedroht?

Das gibt es nicht!!! Noch niemand hat sein Werk nicht vollenden können. Entweder hat man keines zu schaffen, oder es muss vollendet werden. Das richtet Gott schon so ein. Mozart braucht 32, Brahms 65 Jahre 3 u. Du schreibst so viel Bände als nötig! Lebensdauer Nebensache. Vielleicht mußt Du Dir 100 Jahre verschreiben. Auch in dieser Beziehung scheint das Genie mehr von seinem Leben zu wissen, als andere Sterbliche!

Welch unbescheidene Fantasie von mir! Worauf gründet sie sich? Warum glaube ich, daß ich Dein Werk miterleben werde? Ist mein Wunsch nur so intensiv?

Hochstapelei muß auch seine Grenze haben. Ein solcher „Grenzfall“ scheint mir die Absicht, zu Weihnachten nach Wien zu kommen. So sind die Zeiten! Butteressen = Luxus, Dich früher sehen wollen = Hochstapelei!


Also alle Gesundheit Dir u. Deiner Frau!
Wir alle grüßen herzlichst (Fanny ist darunter!)
Dein
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2011


Hamburg, July 24, 1922

Dearest Heinrich, 1

Even today I am nourishing myself on your last, good letter! I wanted to thank you, but sensed I would not be able to do justice to it. Difficult times have again entered our lives. An unbelievable increase in the price of food. Allowing for all the differences that [?no doubt] reside in a traditional [?power], things are at least as bad in Germany as they are in Vienna. A seven-fold increase in prices since last year. I am now earning about 60,000 Marks, a sum with which I could have lived like a prince last year. Today one must have 120,000 for the most basic things. Perhaps in the autumn the idea of a Hochshule 2 will catch hold. Perhaps even I will find some alleviation in that. I am in fact the most active among those who are working towards its foundation. And if one has already reached a practical ideal (to earn enough money to live on), then one becomes a happier craftsman. As a craftsman, one must of course appear mentally more deficient than others who are no longer craftsmen but who purvey the golden handiwork of those who actually turn the wheel. Consider the situation: not to be able to accomplish any of one's own work (the only way in which one can fulfill one's personal ambitions), and instead having to "work as craftsman" among the wolves! It is too disgraceful to contemplate. If, then, you have not heard anything from me for a while, think only of this: I am able, as no other, to judge the difficulties that you face; and if I cannot make your burdened life any easier, at least I do not want to make it more difficult. I know that to have to feel sympathetic without being able to help belongs to one of the accursed torments of hell. I know that you sometimes think about my life, even when you have not had news from me, just as I always think about yours!

{2} And now something came for which there is much to thank: the second issue of Der Tonwille ! And it is really only for this that I want to write to you today.

Do you believe that your work is threatened by material need?

There's no such thing!!! No one has yet been unable to complete his work. Either he has none that is worth doing, or it must be completed. God takes care of it. Mozart needed thirty-two years, Brahms 65 3 and you will write as many volumes as is necessary. Longevity is of secondary importance. Perhaps you shall have to devote 100 years [to complete your work]; in this respect, too, the genius seems to know more about his life than other mortals

What presumptuous fantasy on my part! On what is it based? Why do I believe that I shall be a witness to your work? Is my wish simply so intensive?

[Self]-delusion must also have its boundaries. Such a "boundary issue" seems to me to be the intention of coming to Vienna for Christmas. Such are the times! Eating butter is a luxury; hoping to see you sooner is a delusion!


Thus, may you and your wife be in the best of health!
We send our most cordial greetings (including Fanny!)
Your
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2011


Hamburg, 24 Juli 22.

Liebster H.! 1

Noch heute zehre ich von Deinem letzten, guten Brief! Ich wollte Dir danken, spürte aber daß er es nicht recht verträgt. Da schlichen sich wieder schwere Zeiten ein. Eine unheimliche Lebensmitteltheurerung. Bei allem Unterschied, der [?sicher] in einer traditionellen [?Kraft] liegt, ist es in Deutschland mindestens so schlimm wie in Wien. Seit vorigem Jahr eine 7fache Theuerung. Ich verdiene jetzt ca. 60.000 Mark. Ein Betrag mit dem ich voriges Jahr hätte fürstlich leben können. Heute muß man, für’s Notwendigste 120.000 haben. Vielleicht wird zum Herbst die Hochschulidee 2 schon durchgedrungen sein. Vielleicht finde auch ich dadurch Erleichterung. Bin ich doch der Aktivste unter denen, die sich mit der Gründung befassen. Und hat man schon ein praktisches Ideal erreicht (so viel zu verdienen, daß man leben kann), so ist man glücklicher Handwerker geworden. Als Handwerker muß man dann natürlich blöder erscheinen als andere, die nicht mehr sind, aber das goldene Handwerk des Schiebers betreiben. Denke die Situation aus: Nichts aus eigener Arbeit leisten können (nur damit kann man seine persönlichen Leistungen durchsetzen), dafür aber mit den Wölfen „handwerken“ müssen! Zu entsetzlich! Wenn Du also lange nichts von mir hörst, denke nur das Eine: Ich weiß wie kein Anderer Deine Schwierigkeiten zu beurteilen, ich möchte Dein belastetes Leben, wenn ich es nicht erleichtern kann, mindestens nicht noch beschweren. Ich weiß: mitfühlen müssen, ohne helfen zu können, gehört zu den verfluchtesten Höllenqualen. Ich weiß: Du denkst auch ohne meine Nachricht sicher manchmal an mein Leben, so wie ich stets an Deines denke!

{2} Nun kam etwas, wofür es so viel zu danken giebt: Dein 2tes Heft „Tonwillen“! Und eigentlich nur deshalb möchte ich Dir heute geschrieben haben.

Du glaubst, durch materielle Not Dein Werk bedroht?

Das gibt es nicht!!! Noch niemand hat sein Werk nicht vollenden können. Entweder hat man keines zu schaffen, oder es muss vollendet werden. Das richtet Gott schon so ein. Mozart braucht 32, Brahms 65 Jahre 3 u. Du schreibst so viel Bände als nötig! Lebensdauer Nebensache. Vielleicht mußt Du Dir 100 Jahre verschreiben. Auch in dieser Beziehung scheint das Genie mehr von seinem Leben zu wissen, als andere Sterbliche!

Welch unbescheidene Fantasie von mir! Worauf gründet sie sich? Warum glaube ich, daß ich Dein Werk miterleben werde? Ist mein Wunsch nur so intensiv?

Hochstapelei muß auch seine Grenze haben. Ein solcher „Grenzfall“ scheint mir die Absicht, zu Weihnachten nach Wien zu kommen. So sind die Zeiten! Butteressen = Luxus, Dich früher sehen wollen = Hochstapelei!


Also alle Gesundheit Dir u. Deiner Frau!
Wir alle grüßen herzlichst (Fanny ist darunter!)
Dein
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2011


Hamburg, July 24, 1922

Dearest Heinrich, 1

Even today I am nourishing myself on your last, good letter! I wanted to thank you, but sensed I would not be able to do justice to it. Difficult times have again entered our lives. An unbelievable increase in the price of food. Allowing for all the differences that [?no doubt] reside in a traditional [?power], things are at least as bad in Germany as they are in Vienna. A seven-fold increase in prices since last year. I am now earning about 60,000 Marks, a sum with which I could have lived like a prince last year. Today one must have 120,000 for the most basic things. Perhaps in the autumn the idea of a Hochshule 2 will catch hold. Perhaps even I will find some alleviation in that. I am in fact the most active among those who are working towards its foundation. And if one has already reached a practical ideal (to earn enough money to live on), then one becomes a happier craftsman. As a craftsman, one must of course appear mentally more deficient than others who are no longer craftsmen but who purvey the golden handiwork of those who actually turn the wheel. Consider the situation: not to be able to accomplish any of one's own work (the only way in which one can fulfill one's personal ambitions), and instead having to "work as craftsman" among the wolves! It is too disgraceful to contemplate. If, then, you have not heard anything from me for a while, think only of this: I am able, as no other, to judge the difficulties that you face; and if I cannot make your burdened life any easier, at least I do not want to make it more difficult. I know that to have to feel sympathetic without being able to help belongs to one of the accursed torments of hell. I know that you sometimes think about my life, even when you have not had news from me, just as I always think about yours!

{2} And now something came for which there is much to thank: the second issue of Der Tonwille ! And it is really only for this that I want to write to you today.

Do you believe that your work is threatened by material need?

There's no such thing!!! No one has yet been unable to complete his work. Either he has none that is worth doing, or it must be completed. God takes care of it. Mozart needed thirty-two years, Brahms 65 3 and you will write as many volumes as is necessary. Longevity is of secondary importance. Perhaps you shall have to devote 100 years [to complete your work]; in this respect, too, the genius seems to know more about his life than other mortals

What presumptuous fantasy on my part! On what is it based? Why do I believe that I shall be a witness to your work? Is my wish simply so intensive?

[Self]-delusion must also have its boundaries. Such a "boundary issue" seems to me to be the intention of coming to Vienna for Christmas. Such are the times! Eating butter is a luxury; hoping to see you sooner is a delusion!


Thus, may you and your wife be in the best of health!
We send our most cordial greetings (including Fanny!)
Your
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/3, p. 2446, August 1, 1922: "Von Floriz (Br.): über die „Musik-Hochschule“ in Hamburg; hofft Weihnachten in Wien zu sein." ("From Floriz (letter): about the "Musik-Hochschule" in Hamburg; hopes to be in Vienna for Christmas.").

2 "Hochschulidee": in Germany, a "Hochschule für Musik," which caters primarily to university-aged students, is of higher pedagogical ranking than a "Konservatorium." It is not clear whether Violin is talking about founding a new Hochschule in Hamburg or raising the status of the conservatory at which he is teaching to that of a Hochschule.

3 Violin’s calculations are approximate: Mozart died shortly before his 36th birthday, Brahms just before his 64th.

Commentary

Format
2p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Moriz Violin, reproduced here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Moriz Violin, June 25, 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2011-06-27
Last updated: 2011-06-27