Hamburg, 16. März 24.


Liebster H.! 1

Heute habe ich endlich so richtig Zeit, um Dir so mancherlei zu schreiben. Vorerst: Meine Situation gegenüber Herrn Themming ist ganz gleichgültig, so lange ich mich auf das Gebieterische Deiner Arbeitsnotwendigkeiten berufen kann. Daß ich ihn nur für Dich reserviere, nimm gütigst zur Kenntnis. Da ich aber erst den Tonwillen absagte, dann den Vortrag, so möchte ich nicht unmittelbar danach an ihn heran; es könnte mißdeutet werden; etwa als Umweg nicht gleich das eigentlich gemeinte gesagt zu haben. Diese Anstandspause will ich jedenfalls einhalten.

Überreich beschenkt wurde ich durch Tonwillen 5 u. Beethoven-Sonaten. Ich habe vorerst alles durchgelesen, um Dir gescheidter danken zu können. Nun habe ich’s gelesen u. glaube armselig erscheinen zu müssen, würde ich meiner Begeisterung irgend wie Luft machen. Die Hauptsache: Sowie ich eine freie Minute habe, setze ich mich dazu.

{2} Ich gestehe Dir, daß mir die Bach Präludien schwerer als alles bisherige fielen. Das Hören, zumindest der ersten Schicht dieser Urlinien, ist für mich um einige Grade fantasischer als alles andere.

An Bamberger werde ich in den nächsten 2–3 Tagen schreiben können u. wie ich hoffen darf, im günstigen Sinne. Pollak konnte ich erst gestern sprechen, denn er war krank. Pollak sagte mir zu, muß aber noch mit dem Intendanten sprechen. Ich selbst verstehe ja die jungen Leute nicht. Die ungewissen Sachen stehen ihnen immer so klar vor Augen, daß auch das gescheidteste Wort abprallen muss.

{3} Bei Gelegenheit bitte ich um Antwort, ob folgendes Detail in der F moll von Beethoven op. 57 am Ende ungeschickt von mir gehört wurde. Ein Schüler fragte mich über die Ursache der Veränderung der Takte 94–100 gegenüber den Takten 24–30 im ersten Satz. Nach dem ersten Blick schien mir eine Begründung eben nur in einer Veränderung (Man[n]igfaltigkeit) zu sehen, wo der Satz ansonsten diese Art nicht kennt, zu oberflächlich u. sagte ihm: Das erste mal (24–30) stellt die fallende Bewegung eigentlich nur die Fixierung des Abzugs dar, weil der Abzug allein [music example 1] 2 rythmisch nicht verstanden werden kann. In den Takten (94–100) kämen die fallende Bewegung zu tief; der Klang würde für den nur rythmischen Zweck zu dick werden. Deshalb offenbar die Aufwärtsbewegung, der aber nicht mehr nur die unschuldige Mission einer rythmischen {4} Fixierung innewohnt, sondern auch ein Beigeschmack von Motivischem, daß wiederum, hier um plötzlich angebracht, nicht verständlich wäre, hätte Beethoven das Motivische nicht schon im [music example 2] 3 etc. vorgebaut.

Das Alles fiel mir so spontan ein, daß ich beinahe glaube, es ist richtig ????

Was macht Deine u. Lie-Lie’s Gesundheit? Bei uns alles in schönster Gesundheits[-] u. Geldordnung! Desto übler der Lebenszweck


Ganz getreu
Dein
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2011


Hamburg, March 16, 1924


Dearest H.! 1

Today I finally have enough time to write to you about so many things. First of all: my relationship to Mr Temming is entirely dispassionate, so long as I can appeal to the paramount importance of your working necessities. That I reserve him only for you is something that you should be so kind as to recognize. Since, however, I turned down Der Tonwille , and then the lecture, I do not wish to approach him straightaway , as this could be misinterpreted as, say, a roundabout way of not saying immediately what I intended. At any rate, I shall keep to this pause, for sake of decency.

I was more than amply showered in gifts by the receipt of Tonwille 5 and the Beethoven sonatas. I read through everything [in the issue of Der Tonwille] first, so that I might formulate my thanks to you in a more informed way. Now I have read it, and I must believe myself to appear wretched were I to make space here to express my enthusiasm. The main thing: as soon as I have time, I shall get down to it.

{2} I must admit that I found the studies of the Bach preludes more difficult than anything I had previously encountered. The act of hearing, at least concerning the first layer of these voice-leading graphs, requires an imagination several degrees greater than for that of any of the others.

I shall be able to write to Bamberger in the next two to three days and, I hope, optimistically. I was not able to speak with Pollak until yesterday, as he was unwell. Pollak said "yes," but he must still speak with the director. I myself do not understand the younger generation. To them, difficult matters always seem so clear in their eyes that even the most sensible advice ricochets off them.

{3} May I take the opportunity of asking you whether I am hearing the following detail in Beethoven's Sonata in F minor Op. 57 incorrectly? A pupil of mine asked me to explain why measures 94–100 in the first movement are different from measures 24–30. At first sight, it seemed that an explanation of the difference merely as a variation (for sake of diversity) was too superficial, since elsewhere the movement does not give evidence of this type of change. And so I said to him: The first time (measures 24–30) the descending motion in fact represents only the establishment of the falling figure, since the falling figure on its own [music example 1] 2 cannot be understood rhythmically. In measures 94–100 the descending motion would reach too low; the chord would become too thick to fulfil a purely rhythmic role. For this reason, apparently, the ascending motion, which however no longer has merely the innocent task of establishing the rhythm {4} but also a secondary, motivic role that is suddenly introduced at this point, would likewise not make sense were it not for the fact that Beethoven had incorporated the motivic idea earlier, at [music example 2] 3 etc.

All this occurred to me so spontaneously that I am almost inclined to think that it is correct.

Are you and Lie-Lie in good health? Here, everything is in the best of order in terms of health and finances! Which makes the purpose of life all the more pointless.


Ever faithfully
Your
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2011


Hamburg, 16. März 24.


Liebster H.! 1

Heute habe ich endlich so richtig Zeit, um Dir so mancherlei zu schreiben. Vorerst: Meine Situation gegenüber Herrn Themming ist ganz gleichgültig, so lange ich mich auf das Gebieterische Deiner Arbeitsnotwendigkeiten berufen kann. Daß ich ihn nur für Dich reserviere, nimm gütigst zur Kenntnis. Da ich aber erst den Tonwillen absagte, dann den Vortrag, so möchte ich nicht unmittelbar danach an ihn heran; es könnte mißdeutet werden; etwa als Umweg nicht gleich das eigentlich gemeinte gesagt zu haben. Diese Anstandspause will ich jedenfalls einhalten.

Überreich beschenkt wurde ich durch Tonwillen 5 u. Beethoven-Sonaten. Ich habe vorerst alles durchgelesen, um Dir gescheidter danken zu können. Nun habe ich’s gelesen u. glaube armselig erscheinen zu müssen, würde ich meiner Begeisterung irgend wie Luft machen. Die Hauptsache: Sowie ich eine freie Minute habe, setze ich mich dazu.

{2} Ich gestehe Dir, daß mir die Bach Präludien schwerer als alles bisherige fielen. Das Hören, zumindest der ersten Schicht dieser Urlinien, ist für mich um einige Grade fantasischer als alles andere.

An Bamberger werde ich in den nächsten 2–3 Tagen schreiben können u. wie ich hoffen darf, im günstigen Sinne. Pollak konnte ich erst gestern sprechen, denn er war krank. Pollak sagte mir zu, muß aber noch mit dem Intendanten sprechen. Ich selbst verstehe ja die jungen Leute nicht. Die ungewissen Sachen stehen ihnen immer so klar vor Augen, daß auch das gescheidteste Wort abprallen muss.

{3} Bei Gelegenheit bitte ich um Antwort, ob folgendes Detail in der F moll von Beethoven op. 57 am Ende ungeschickt von mir gehört wurde. Ein Schüler fragte mich über die Ursache der Veränderung der Takte 94–100 gegenüber den Takten 24–30 im ersten Satz. Nach dem ersten Blick schien mir eine Begründung eben nur in einer Veränderung (Man[n]igfaltigkeit) zu sehen, wo der Satz ansonsten diese Art nicht kennt, zu oberflächlich u. sagte ihm: Das erste mal (24–30) stellt die fallende Bewegung eigentlich nur die Fixierung des Abzugs dar, weil der Abzug allein [music example 1] 2 rythmisch nicht verstanden werden kann. In den Takten (94–100) kämen die fallende Bewegung zu tief; der Klang würde für den nur rythmischen Zweck zu dick werden. Deshalb offenbar die Aufwärtsbewegung, der aber nicht mehr nur die unschuldige Mission einer rythmischen {4} Fixierung innewohnt, sondern auch ein Beigeschmack von Motivischem, daß wiederum, hier um plötzlich angebracht, nicht verständlich wäre, hätte Beethoven das Motivische nicht schon im [music example 2] 3 etc. vorgebaut.

Das Alles fiel mir so spontan ein, daß ich beinahe glaube, es ist richtig ????

Was macht Deine u. Lie-Lie’s Gesundheit? Bei uns alles in schönster Gesundheits[-] u. Geldordnung! Desto übler der Lebenszweck


Ganz getreu
Dein
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2011


Hamburg, March 16, 1924


Dearest H.! 1

Today I finally have enough time to write to you about so many things. First of all: my relationship to Mr Temming is entirely dispassionate, so long as I can appeal to the paramount importance of your working necessities. That I reserve him only for you is something that you should be so kind as to recognize. Since, however, I turned down Der Tonwille , and then the lecture, I do not wish to approach him straightaway , as this could be misinterpreted as, say, a roundabout way of not saying immediately what I intended. At any rate, I shall keep to this pause, for sake of decency.

I was more than amply showered in gifts by the receipt of Tonwille 5 and the Beethoven sonatas. I read through everything [in the issue of Der Tonwille] first, so that I might formulate my thanks to you in a more informed way. Now I have read it, and I must believe myself to appear wretched were I to make space here to express my enthusiasm. The main thing: as soon as I have time, I shall get down to it.

{2} I must admit that I found the studies of the Bach preludes more difficult than anything I had previously encountered. The act of hearing, at least concerning the first layer of these voice-leading graphs, requires an imagination several degrees greater than for that of any of the others.

I shall be able to write to Bamberger in the next two to three days and, I hope, optimistically. I was not able to speak with Pollak until yesterday, as he was unwell. Pollak said "yes," but he must still speak with the director. I myself do not understand the younger generation. To them, difficult matters always seem so clear in their eyes that even the most sensible advice ricochets off them.

{3} May I take the opportunity of asking you whether I am hearing the following detail in Beethoven's Sonata in F minor Op. 57 incorrectly? A pupil of mine asked me to explain why measures 94–100 in the first movement are different from measures 24–30. At first sight, it seemed that an explanation of the difference merely as a variation (for sake of diversity) was too superficial, since elsewhere the movement does not give evidence of this type of change. And so I said to him: The first time (measures 24–30) the descending motion in fact represents only the establishment of the falling figure, since the falling figure on its own [music example 1] 2 cannot be understood rhythmically. In measures 94–100 the descending motion would reach too low; the chord would become too thick to fulfil a purely rhythmic role. For this reason, apparently, the ascending motion, which however no longer has merely the innocent task of establishing the rhythm {4} but also a secondary, motivic role that is suddenly introduced at this point, would likewise not make sense were it not for the fact that Beethoven had incorporated the motivic idea earlier, at [music example 2] 3 etc.

All this occurred to me so spontaneously that I am almost inclined to think that it is correct.

Are you and Lie-Lie in good health? Here, everything is in the best of order in terms of health and finances! Which makes the purpose of life all the more pointless.


Ever faithfully
Your
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/6, p. 2645, March 19, 1924: "Von Floriz (Br.): dankt für die Sonaten u. das 5. Heft; Tömming bleibe mir reservirt, wenn auch ein gewisser Anstand fordert, nicht so bald wieder an ihn heranzutreten." ("From Floriz (letter): thanks [me] for the sonatas and the fifth issue; Tömming is still reserved for me, even if a certain decorum requires that he not be approached again so soon.").

2 quarter-note c-flat3/a-flat2 slurred to eighth-note b-flat2/g2.

3 dotted quarter-note e-flat1/c1, quarter rest, quaver rest, dotted quarter-note e-flat2/c2, quarter rest, quaver rest.

Commentary

Format
4p letter, oblong format, holograph message and signature, 2 music examples
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Moriz Violin, reproduced here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Moriz Violin, June 25, 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2011-09-19
Last updated: 2011-09-19