20. August 26.

Lieber, verehrter Meister! 1

Aus dem beabsichtigen Briefe ist – ein Klarinettenquintett geworden. Diese Tatsache, die zugleich Entschuldigung für mein langes Stillschweigen sein möchte, ohne es wirklich ganz sein zu können, hielt mich davon ab, Ihnen eine ganze Anzahl von Gedanken und zum Teil auch Bedenken[,] die mir beim Lesen des Jahrbuchs kamen, mitzuteilen. Bei aller Grossartigkeit des leitenden Grundgedanken fiel mir doch so Vieles auf, was ich im Interesse der Sache Ihnen gegenüber nicht verschweigen darf, so daß ich Sie bitte, mir, bei Gelegenheit, in Wien einmal zu einem ausführlichen Gespräch, die Zeit zu opfern, die ich Ihnen das Lesen meiner langen Epistel (denn das wäre der Brief geworden und deshalb ist er nicht geschrieben worden) bereitet hätte. Vielleicht ist auch die Gesprächsform in diesem Falle ein gleichsam neutralerer Boden, es hätte manches, niedergeschrieben, anders ausgesehen als ich es in Wirklichkeit meine. Nun bin ich aber, zuerst durch das Hinausschieben des Briefes, sodann durch den Entschluß[,] ihn nicht zu schreiben, in {2} Ihre Schuld geraten, da ich nicht einmal ein Lebenszeichen von mir gab und mich nach Ihrem Befinden und Ergehen erkundigte. Nun hole ich nach, was ich versäumte und hoffe, daß Sie es mir nicht übel nehmen. Wie geht es Ihnen und Ihrer Frau! Hatten Sie nicht arg unter Schlechtwetter und Kälte zu leiden? Wir dachten sooft an Sie, wenn wir hier, in einer Höhe von doch blos 7–800 Metern heizten[.] Sie sind wohl sehr fleissig gewesen, was ist wieder Neues entstanden? Der IV. Band? Ich habe so sehr das Gefühl, daß nichts dringender ist, als seine Fertigstellung und sein Erscheinen. — 2

Uns geht es sehr gut. Hertha folget den Spuren der Frau Lie-Lie: Das heißt, sie führt mit großer Umsicht das Haus und kocht ganz hervorragend! Wir fühlen uns überhaupt sehr glücklich in unserm ganz einsam gelegenen reizenden Häuschen. Wir gedenken bis über Mitte September hier zu bleiben, und dann noch auf ein paar Tage nach München zu gehen. Hätten Sie da eventuell irgendwelchen Auftrag für mich?

Haben Sie den Artikel von der Bienenfeld über Ihr Jahrbuch gelesen? 3 Zitierte und befaßte sich eigentlich blos mit: Weg mit den Phrasierungsbögen.


Mit den besten Wünschen für den restlichen Sommer und herzlichsten Grüssen von uns beiden an Sie beide
Ihr alter
[signed:] Hans.

© Transcription William Drabkin, 2013


August 20, 1926

Dear, revered Master, 1

The letter I intended to write has become – a Clarinet Quintet. This fact, which may at the same time serve as an apology for my long silence (though it cannot really be the sole reason for it), prevented me from communicating to you a whole array of thoughts and, in part, concerns that came to me as I read your Yearbook. In spite of all the brilliance of the basic idea that leads it, so much nevertheless occurred to me which, in the interests of the cause, I cannot keep silent in front of you; thus I ask you to sacrifice the time for an opportunity for a comprehensive conversation in Vienna some time, which the reading my rather lengthy epistle – for the letter would have become such a thing, which is why it did not get written – would have prepared you for. Perhaps a conversation in this case would have a form of neutral ground; much of what I would have written down would have looked different from what I mean in reality. Now, however, I am in {2} your debt for having put the letter to one side and then for deciding not to write it; for I gave no sign of my existence and did not ask about your health and how things were going. Now I am making up for what I neglected and hope that you will not think badly of me. How are you and your wife? Did you not have to suffer miserably with the bad weather and the cold? We thought so often of you when we put the heat on here, at an altitude of only 700 to 800 meters. You must have been very industrious; what new things have come about? Volume IV? I very much have the feeling that nothing is more urgent than its completion and its publication. 2

We are very well. Hertha is following in the steps of Lie-Lie, that is, she looks after the household with great care and cooks splendidly! We feel very happy together in general in our charming, isolated cottage. We are thinking of remaining here until the middle of September, and then spending a few days in Munich. Would you like me to do anything for you there?

Have you read Bienenfeld's article about your Yearbook? 3 In fact she quotes and is exclusively concerned with the article on phrasing slurs.


With best wishes for the remainder of the summer, and most cordial greetings from the two of us to the two of you,
Your old
[signed:] Hans

© Translation William Drabkin, 2013


20. August 26.

Lieber, verehrter Meister! 1

Aus dem beabsichtigen Briefe ist – ein Klarinettenquintett geworden. Diese Tatsache, die zugleich Entschuldigung für mein langes Stillschweigen sein möchte, ohne es wirklich ganz sein zu können, hielt mich davon ab, Ihnen eine ganze Anzahl von Gedanken und zum Teil auch Bedenken[,] die mir beim Lesen des Jahrbuchs kamen, mitzuteilen. Bei aller Grossartigkeit des leitenden Grundgedanken fiel mir doch so Vieles auf, was ich im Interesse der Sache Ihnen gegenüber nicht verschweigen darf, so daß ich Sie bitte, mir, bei Gelegenheit, in Wien einmal zu einem ausführlichen Gespräch, die Zeit zu opfern, die ich Ihnen das Lesen meiner langen Epistel (denn das wäre der Brief geworden und deshalb ist er nicht geschrieben worden) bereitet hätte. Vielleicht ist auch die Gesprächsform in diesem Falle ein gleichsam neutralerer Boden, es hätte manches, niedergeschrieben, anders ausgesehen als ich es in Wirklichkeit meine. Nun bin ich aber, zuerst durch das Hinausschieben des Briefes, sodann durch den Entschluß[,] ihn nicht zu schreiben, in {2} Ihre Schuld geraten, da ich nicht einmal ein Lebenszeichen von mir gab und mich nach Ihrem Befinden und Ergehen erkundigte. Nun hole ich nach, was ich versäumte und hoffe, daß Sie es mir nicht übel nehmen. Wie geht es Ihnen und Ihrer Frau! Hatten Sie nicht arg unter Schlechtwetter und Kälte zu leiden? Wir dachten sooft an Sie, wenn wir hier, in einer Höhe von doch blos 7–800 Metern heizten[.] Sie sind wohl sehr fleissig gewesen, was ist wieder Neues entstanden? Der IV. Band? Ich habe so sehr das Gefühl, daß nichts dringender ist, als seine Fertigstellung und sein Erscheinen. — 2

Uns geht es sehr gut. Hertha folget den Spuren der Frau Lie-Lie: Das heißt, sie führt mit großer Umsicht das Haus und kocht ganz hervorragend! Wir fühlen uns überhaupt sehr glücklich in unserm ganz einsam gelegenen reizenden Häuschen. Wir gedenken bis über Mitte September hier zu bleiben, und dann noch auf ein paar Tage nach München zu gehen. Hätten Sie da eventuell irgendwelchen Auftrag für mich?

Haben Sie den Artikel von der Bienenfeld über Ihr Jahrbuch gelesen? 3 Zitierte und befaßte sich eigentlich blos mit: Weg mit den Phrasierungsbögen.


Mit den besten Wünschen für den restlichen Sommer und herzlichsten Grüssen von uns beiden an Sie beide
Ihr alter
[signed:] Hans.

© Transcription William Drabkin, 2013


August 20, 1926

Dear, revered Master, 1

The letter I intended to write has become – a Clarinet Quintet. This fact, which may at the same time serve as an apology for my long silence (though it cannot really be the sole reason for it), prevented me from communicating to you a whole array of thoughts and, in part, concerns that came to me as I read your Yearbook. In spite of all the brilliance of the basic idea that leads it, so much nevertheless occurred to me which, in the interests of the cause, I cannot keep silent in front of you; thus I ask you to sacrifice the time for an opportunity for a comprehensive conversation in Vienna some time, which the reading my rather lengthy epistle – for the letter would have become such a thing, which is why it did not get written – would have prepared you for. Perhaps a conversation in this case would have a form of neutral ground; much of what I would have written down would have looked different from what I mean in reality. Now, however, I am in {2} your debt for having put the letter to one side and then for deciding not to write it; for I gave no sign of my existence and did not ask about your health and how things were going. Now I am making up for what I neglected and hope that you will not think badly of me. How are you and your wife? Did you not have to suffer miserably with the bad weather and the cold? We thought so often of you when we put the heat on here, at an altitude of only 700 to 800 meters. You must have been very industrious; what new things have come about? Volume IV? I very much have the feeling that nothing is more urgent than its completion and its publication. 2

We are very well. Hertha is following in the steps of Lie-Lie, that is, she looks after the household with great care and cooks splendidly! We feel very happy together in general in our charming, isolated cottage. We are thinking of remaining here until the middle of September, and then spending a few days in Munich. Would you like me to do anything for you there?

Have you read Bienenfeld's article about your Yearbook? 3 In fact she quotes and is exclusively concerned with the article on phrasing slurs.


With best wishes for the remainder of the summer, and most cordial greetings from the two of us to the two of you,
Your old
[signed:] Hans

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/8, pp. 2968–69 (August 24, 1926): "Von Weisse (Br.): entschuldigt sein Schweigen mit einem neuen Klarinetten Quintett, bittet mich außerdem um Gelegenheit, einige Bedenken wider das Jahrbuch aussprechen zu dürfen." ("From Weisse (letter): explains his silence with the composition of a clarinet quintet; he also asks me for the opportunity to express a few reservations about the Yearbook.")

2 No paragraph-break in source.

3 Most likely Elsa Bienenfeld, "Vom musikalischen Vortrag"" in Deutsche Musiker Zeitung, August 14, 1926, a copy of which is the Schenker Scrapbook (OC file 2, page 69). Meisterwerk 1 had just been published, and Bienenfield was clearly captivated by the chapter on phrasing slurs.

Commentary

Format
2p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2013-09-29
Last updated: 2013-09-29