30. März 1933.

Mein lieber, verehrter Meister, 1

zu meinem tiefsten Bedauern höre ich von anderer Seite, dass Vrieslander, in dem ich inzwischen einen mich mehr als enttäuschenden Brief bekommen habe, trotz seiner 53 Jahre, die er mir in Abwehr vorgehalten, sich wie ein Schulknabe benommen hat, und der, wenn er sich angegriffen fühlt, nichts klügeres zu tun weiss als aufzuzeigen: „Bitte[,] Herr Lehrer, der Weisse hat gesagt . . . .“

Meine Bemerkung, Ihre günstige Beurteilung seiner Werke dass sei daraufzurückzuführen, dass Sie die Arbeiten Ihrer Schüler als Lehrer betrachten und eventuell gut heissen, halte ich Ihnen gegenüber aufrecht und finde darin weder etwas Beleidigendes, noch Verletzendes für Sie.

Von ihm übermittelt, musste Sie diese Bemerkung freilich verdriessen und gegen mich verstimmen, und ich glaube, dass es Vrieslanders Absicht gewesen sein muss, Ihren Glauben an mich und meine Anhängerschaft zu erschüttern und {2} ich halte daher seine Anhandlungsweise für mehr als indiskret, ich finde sie nahezu unsauber.

Um aber die Angelegenheit zwischen uns zu bereinigen, möchte ich Sie nur an eines erinnern. Als Sie mir Ihr Empfehlungschreiben für Amerika gaben, sprachen Sie darin von mir als einem „Wiener Meister“ . . . und ich gab Ihnen den Brief zurück, 2 mit der Bitte, ein Wort nicht zu missbrauchen, das in Ihrem Munde eine besondere Bedeutung erhalten hatte: Die Reinheit des Meisterbegriffes in Ihrer einzigartigen Fassung – „die Sache“ mithin galt mir mehr als persönliches Interesse. Ich glaube das somit bewiesen zu haben. Ihre Güte und Freundschaft[,] das Nachgeben Ihrer Empfindung anerkannte und schätzte ich daran, doch war mir auch klar, dass Sie zu weit gegangen waren und dieses persönliche Erlebnis hat mich sicherlich in dem befällt[,] was ich Vrieslander zu sagen hatte. Ich gestehe, dass ich es, sogerne Sie es auch vielleicht täten, niemals zugeben würde, Sie irgendeines meiner Werke in der Weise anzukündigen zu lassen in der Sie die Lieder Vr.’s angekündigt haben. 3 Meiner Meinung nach, schadet eine solche Äusserung von Ihnen der Ideenwelt, die Sie vertreten, mehr als sie dem nützen kann, dem sie gilt. Sie haben es gewiss in vollster Überzeugung getan, {3} aber nach aussen hin ist und bleibt es eine Äusserung, die als bestimmte Befangenheit erscheinen muss, wenn man das Verhältnis kennt, in dem Sie zu Vrieslander stehen. Was würden Sie auf eine Äusserung Schönbergs über Webern schon geben können wollen ? Kommt noch hinzu, das die Lieder Vr.’s[,] obgleich Sie Züge und drgl. aufweisen, meiner vollsten Überzeugung nach blos den Wert von Nachgestaltungen[,] nicht aber Eigengestaltungen haben, so finde ich, muss ein so weit gehende Äusserung von Ihnen, schon in Ihrem Anhängerkreis eine gewisse Verwirrung stiften, wie aber muss sie erst jene Kreise anmuten, zu denen vorzudringen und bei denen durchzudringen Ihrem Werke meiner festesten Überzeugung nach, noch bestimmt ist?

Ich erröte bei dem blossen Gedanken, dass Sie vielleicht glauben könnten, dass es Neid oder Eifersucht sei, die mich zu einer solchen Äusserung veranlasst haben könnten. Dennoch kann und will ich es nicht glauben, dass Sie einen solchen Verdacht abweisen können in Sich aufkommen lassen . Ich glaube, mein ganzer Lebensgang und meine Entwicklung zeigen, dass ich für nichts anderes leben, als für Ihre Welt, und für Ihre Sache, die dank himmlischer Fügung nun so sehr auch die meine geworden ist. 4 Nicht gegen Sie – sondern für Sie ist auch eine solche Äusserung aufzufassen, mag {4} ich im Übrigen auch Ihrer Meinung nach ganz im Unrecht sein mit meinem Urteil über Vrieslander. Die Grösse Ihres Werkes besteht darin, dass Ihr Urteil, wo es die Grossen betrifft[,] unwiderlegbar ist, um so mehr bekümmert es mich, wenn ein Ausspruch von Ihnen, wie: „diese Lieder werden bald im Munde aller Sänger sein“ einfach durch die Welt der Tatsachen widerlegt werden wird. Sollte der bedauerliche Fall eingetreten sein, dass es Vrieslander gelungen ist, in Ihnen gegen meine Ehrlichkeit Verdacht zu erwecken, so wollen diese wenigen Zeilen, nicht mehr und nicht weniger, als Sie zu überzeugen, davon, dass mir nichts höher steht, als Ihr Werk und Ihre Leistung. —

Nun noch ein Weniges über Vrieslander. Mein freundschaftlicher Verkehr mit Hammer 5 hat in mich eine Grosszügigkeit des Meinungsaustausches kennengelehrt, die das Sachliche weit über alles Persönliche stellt. Es gibt nichts, was wir einander nicht sagen können, und sei es noch so starke, strenge Kritik. Kritik, die an derdie Sache denkt, ist doch das einzig forderliche in der Welt. Als ich Vrieslander schrieb, hegte ich die Hoffnung, dass hier die Möglichkeit eines Gedankenaustausches stattfinden könnte, die zwei Musiker, aus gleicher {5} Schule zu tätiger Gemeinsamkeit verbinden könnte. Schliesslich brauche ich Ihnen nicht zu sagen, wie einsam ich mich fühle, unter all denen, die sich Musiker nennen. Sie haben es an Sich erfahren und wissen, dass diese Einsamkeit, ein Vermächtnis der Anhängerschaft an Sie ist. Kein anderer Gedanke als dieser war es, der mich leitete, als ich mich anschickte Vrieslander einen 14 Seiten langen Brief zu schreiben: Meine geäusserte Meinung erwartete eine Gegenäusserung, die der Sache allein hätte gelten müssen, statt dessen erhielt ich eine Antwort, in der jedes Wort gebraucht war, um mich persönlich zu verletzten. Diese Absicht war so offensichtlich, dass sie ihre Wirkung verfehlen musste. Ich bedauere ihn nur, denn wer so wenig einer, der Sache geltenden, freundschaftlichen Kritik vertraut, leidet an einer geistigen und seelischen Verkalktheit – aus der nimmer mehr Echtes hervorgehen kann. Wer tätige Anteilnahme mit Gift und innere Aufgetanheit mit kleinlicher Verdächtigung (als sei ich unbescheiden und eingebildet) beantwortet, ist in der Wurzel seines Wesens unfruchtbar. Im übrigen weiss ich ja, dass meine persönliche Meinung über Vr. für Sie gänzlich wertlos ist, ich führe das auch nur an[,] weil mir daran liegt, dass Sie wissen sollen (wenn schon {6} er es nicht verstehen konnte) aus welchen Gründen, ich mich ihm gegenüber zu solcher Ausführlichkeit haben verleiten lassen. —

Zu meinem letzten Brief habe ich noch hinzuzufügen, was ich vergessen habe. Wäre es vielleicht möglich, die Vervielfältigung blos der Urlinietafel der Eroica in Erwägung zu ziehen? 6 Die andern Skizzen liessen sich leicht auf Tafeln von mir aufschreiben.

Mit den allerherzlichsten und innigsten Grüssen an Sie beide von uns allen bin ich in alter und unveränderter Treue


Ihr
[signed:] H .

© Transcription William Drabkin, 2008



March 30, 1933

My dear, revered Master, 1

To my deep dismay I have heard (from another source) that Vrieslander, from whom I have in the meantime received a letter that I find more than disappointing, has behaved like a schoolboy in spite of his 53 years (which he waves at me in his defence) and, when he feels attacked, cannot think of anything cleverer than to cry: "Please, Mr. Teacher, Weisse said …."

My observation, that your favorable judgment of his works may be explained by your considering the works of your pupils from a teacher's point of view and being inclined to pronounce them good, is something that I regard as appropriate and find nothing either regrettable or damaging to you.

Having been transmitted by him, you must have, admittedly, found this observation irritating, and one that put me in an unfavorable light; and I believe that it was Vrieslander's intention to shake your faith in me and my adherence to the cause, and {2} I therefore regard his behavior as more than indiscreet: I regard it as almost dishonest.

In order, however, to clear up the matter between ourselves, I should like merely to remind you of one thing. When you wrote me a letter of recommendation for America, you referred to me in it as a "Viennese master." And I returned your letter 2 with the request not to misuse a word that has a special meaning when it comes from you. The purity of the concept of "master," in your unique conception of it, along with "the cause", meant more to me than any personal advantage. I believe that I convinced you of this. I recognized and treasured, from your original action, your goodness and friendship, and your obedience to your feelings, but it was also clear to me that you had gone too far. And this personal experience had, for certain, affected me in what I had to say to Vrieslander. I admit that, however much you might perhaps do so, I would never allow you to refer to any of my works in the way in which you have proclaimed Vrieslander's songs. 3 In my opinion, such an expression coming from you damages the world of ideas that you inhabit more than it can serve the one to whom it applies. You have done this, for sure, in complete conviction; {3} but, viewed from the outside, it is and remains an expression that must appear self-conscious if one is aware of the relationship in which you stand to Vrieslander. What would you be able wish to make of such an opinion as voiced by Schoenberg about Webern? In addition, I remain thoroughly convinced that Vrieslander's songs, although you refer to positive traits and suchlike in them, have merely the value of imitations, not of original work; and so I find that such a far-reaching statement from you would already create a certain amount of confusion in your circle of adherents, to say nothing about how they will be interpreted by that circle which your work, I am most firmly convinced, is still destined to reach and access.

I blush at the mere thought that you could believe that envy or jealousy could have led me to make such a statement. Nevertheless, I cannot and will not believe that you could reject let any suspicion of this sort arise in you . I believe that the entire course of my life and my artistic development demonstrate that I live for nothing else but your world, and for your cause which, by the grace of Heaven, has also become very much my own. 4 Such a statement is to be understood not against you but rather for you, even if {4} it is your opinion that I am, moreoever, entirely wrong in my judgment of Vrieslander. The greatness of your work resides in the notion that your judgment, where it concerns the great composers, is irrefutable; I am thus all the more troubled by a statement by you to the effect that "these songs will soon be on the lips of every singer," which will simply be contradicted by the world of facts. If the unfortunate situation should arise whereby Vrieslander succeeds in arousing suspicion in you against me, then these few lines are intended to neither more nor less than convince you that nothing is more important for me than your work and your accomplishment.

Now, a bit more about Vrieslander. My amicable association with Hammer 5 acquainted me with a generosity in the exchange of opinions that places objectivity over all things personal. There is nothing that we cannot say to each other, even the strongest, most severe criticism. Criticism that is concerned with the subject is indeed the only sort that is useful in the world. When I wrote to Vrieslander, I cherished the hope that here it might be possible to effect an exchange of viewpoints, one that could unite two musicians from the same {5} school to a common purpose. In conclusion, I need not tell you how lonely I feel among all who call themselves musicians. You have experienced this yourself, and will know that this loneliness is a legacy of my adherence to you. It was no other thought than this that guided me when I began writing Vrieslander a fourteen-page letter. The opinion that I expressed awaited an expression of opinion in return, that should have been concerned with the object alone: instead of this, I received a reply in which every word was used in order to wound me personally. This intention was so obvious that it had to fail to have any effect. I am only sorry for him: for anyone who has so little faith in an amicable criticism that concerns an objective matter suffers from an intellectual and spiritual calcification, from which nothing genuine can any longer emanate. Anyone who answers active participation with poison, inner openness with small-minded suspicion (as if I were arrogant or conceited), will be unfruitful in the roots of his being. Moreover, I know that my personal opinion of Vrieslander is entirely worthless in your eyes; I spell this out because I want you to know (even if {6} he cannot understand) the grounds that motivated me to discuss his work with such thoroughness.

To my last letter I must still add what I forgot to say: would it perhaps be possible to consider the reproduction merely of the Urlinie graphs of the "Eroica"? 6 The other sketches I could easily arrange to have written on large sheets.

With the most cordial and heartfelt greetings to the two of you, from the two of us, I remain, in old and immutable faithfulness,


Your
[signed:] H.

© Translation William Drabkin, 2008



30. März 1933.

Mein lieber, verehrter Meister, 1

zu meinem tiefsten Bedauern höre ich von anderer Seite, dass Vrieslander, in dem ich inzwischen einen mich mehr als enttäuschenden Brief bekommen habe, trotz seiner 53 Jahre, die er mir in Abwehr vorgehalten, sich wie ein Schulknabe benommen hat, und der, wenn er sich angegriffen fühlt, nichts klügeres zu tun weiss als aufzuzeigen: „Bitte[,] Herr Lehrer, der Weisse hat gesagt . . . .“

Meine Bemerkung, Ihre günstige Beurteilung seiner Werke dass sei daraufzurückzuführen, dass Sie die Arbeiten Ihrer Schüler als Lehrer betrachten und eventuell gut heissen, halte ich Ihnen gegenüber aufrecht und finde darin weder etwas Beleidigendes, noch Verletzendes für Sie.

Von ihm übermittelt, musste Sie diese Bemerkung freilich verdriessen und gegen mich verstimmen, und ich glaube, dass es Vrieslanders Absicht gewesen sein muss, Ihren Glauben an mich und meine Anhängerschaft zu erschüttern und {2} ich halte daher seine Anhandlungsweise für mehr als indiskret, ich finde sie nahezu unsauber.

Um aber die Angelegenheit zwischen uns zu bereinigen, möchte ich Sie nur an eines erinnern. Als Sie mir Ihr Empfehlungschreiben für Amerika gaben, sprachen Sie darin von mir als einem „Wiener Meister“ . . . und ich gab Ihnen den Brief zurück, 2 mit der Bitte, ein Wort nicht zu missbrauchen, das in Ihrem Munde eine besondere Bedeutung erhalten hatte: Die Reinheit des Meisterbegriffes in Ihrer einzigartigen Fassung – „die Sache“ mithin galt mir mehr als persönliches Interesse. Ich glaube das somit bewiesen zu haben. Ihre Güte und Freundschaft[,] das Nachgeben Ihrer Empfindung anerkannte und schätzte ich daran, doch war mir auch klar, dass Sie zu weit gegangen waren und dieses persönliche Erlebnis hat mich sicherlich in dem befällt[,] was ich Vrieslander zu sagen hatte. Ich gestehe, dass ich es, sogerne Sie es auch vielleicht täten, niemals zugeben würde, Sie irgendeines meiner Werke in der Weise anzukündigen zu lassen in der Sie die Lieder Vr.’s angekündigt haben. 3 Meiner Meinung nach, schadet eine solche Äusserung von Ihnen der Ideenwelt, die Sie vertreten, mehr als sie dem nützen kann, dem sie gilt. Sie haben es gewiss in vollster Überzeugung getan, {3} aber nach aussen hin ist und bleibt es eine Äusserung, die als bestimmte Befangenheit erscheinen muss, wenn man das Verhältnis kennt, in dem Sie zu Vrieslander stehen. Was würden Sie auf eine Äusserung Schönbergs über Webern schon geben können wollen ? Kommt noch hinzu, das die Lieder Vr.’s[,] obgleich Sie Züge und drgl. aufweisen, meiner vollsten Überzeugung nach blos den Wert von Nachgestaltungen[,] nicht aber Eigengestaltungen haben, so finde ich, muss ein so weit gehende Äusserung von Ihnen, schon in Ihrem Anhängerkreis eine gewisse Verwirrung stiften, wie aber muss sie erst jene Kreise anmuten, zu denen vorzudringen und bei denen durchzudringen Ihrem Werke meiner festesten Überzeugung nach, noch bestimmt ist?

Ich erröte bei dem blossen Gedanken, dass Sie vielleicht glauben könnten, dass es Neid oder Eifersucht sei, die mich zu einer solchen Äusserung veranlasst haben könnten. Dennoch kann und will ich es nicht glauben, dass Sie einen solchen Verdacht abweisen können in Sich aufkommen lassen . Ich glaube, mein ganzer Lebensgang und meine Entwicklung zeigen, dass ich für nichts anderes leben, als für Ihre Welt, und für Ihre Sache, die dank himmlischer Fügung nun so sehr auch die meine geworden ist. 4 Nicht gegen Sie – sondern für Sie ist auch eine solche Äusserung aufzufassen, mag {4} ich im Übrigen auch Ihrer Meinung nach ganz im Unrecht sein mit meinem Urteil über Vrieslander. Die Grösse Ihres Werkes besteht darin, dass Ihr Urteil, wo es die Grossen betrifft[,] unwiderlegbar ist, um so mehr bekümmert es mich, wenn ein Ausspruch von Ihnen, wie: „diese Lieder werden bald im Munde aller Sänger sein“ einfach durch die Welt der Tatsachen widerlegt werden wird. Sollte der bedauerliche Fall eingetreten sein, dass es Vrieslander gelungen ist, in Ihnen gegen meine Ehrlichkeit Verdacht zu erwecken, so wollen diese wenigen Zeilen, nicht mehr und nicht weniger, als Sie zu überzeugen, davon, dass mir nichts höher steht, als Ihr Werk und Ihre Leistung. —

Nun noch ein Weniges über Vrieslander. Mein freundschaftlicher Verkehr mit Hammer 5 hat in mich eine Grosszügigkeit des Meinungsaustausches kennengelehrt, die das Sachliche weit über alles Persönliche stellt. Es gibt nichts, was wir einander nicht sagen können, und sei es noch so starke, strenge Kritik. Kritik, die an derdie Sache denkt, ist doch das einzig forderliche in der Welt. Als ich Vrieslander schrieb, hegte ich die Hoffnung, dass hier die Möglichkeit eines Gedankenaustausches stattfinden könnte, die zwei Musiker, aus gleicher {5} Schule zu tätiger Gemeinsamkeit verbinden könnte. Schliesslich brauche ich Ihnen nicht zu sagen, wie einsam ich mich fühle, unter all denen, die sich Musiker nennen. Sie haben es an Sich erfahren und wissen, dass diese Einsamkeit, ein Vermächtnis der Anhängerschaft an Sie ist. Kein anderer Gedanke als dieser war es, der mich leitete, als ich mich anschickte Vrieslander einen 14 Seiten langen Brief zu schreiben: Meine geäusserte Meinung erwartete eine Gegenäusserung, die der Sache allein hätte gelten müssen, statt dessen erhielt ich eine Antwort, in der jedes Wort gebraucht war, um mich persönlich zu verletzten. Diese Absicht war so offensichtlich, dass sie ihre Wirkung verfehlen musste. Ich bedauere ihn nur, denn wer so wenig einer, der Sache geltenden, freundschaftlichen Kritik vertraut, leidet an einer geistigen und seelischen Verkalktheit – aus der nimmer mehr Echtes hervorgehen kann. Wer tätige Anteilnahme mit Gift und innere Aufgetanheit mit kleinlicher Verdächtigung (als sei ich unbescheiden und eingebildet) beantwortet, ist in der Wurzel seines Wesens unfruchtbar. Im übrigen weiss ich ja, dass meine persönliche Meinung über Vr. für Sie gänzlich wertlos ist, ich führe das auch nur an[,] weil mir daran liegt, dass Sie wissen sollen (wenn schon {6} er es nicht verstehen konnte) aus welchen Gründen, ich mich ihm gegenüber zu solcher Ausführlichkeit haben verleiten lassen. —

Zu meinem letzten Brief habe ich noch hinzuzufügen, was ich vergessen habe. Wäre es vielleicht möglich, die Vervielfältigung blos der Urlinietafel der Eroica in Erwägung zu ziehen? 6 Die andern Skizzen liessen sich leicht auf Tafeln von mir aufschreiben.

Mit den allerherzlichsten und innigsten Grüssen an Sie beide von uns allen bin ich in alter und unveränderter Treue


Ihr
[signed:] H .

© Transcription William Drabkin, 2008



March 30, 1933

My dear, revered Master, 1

To my deep dismay I have heard (from another source) that Vrieslander, from whom I have in the meantime received a letter that I find more than disappointing, has behaved like a schoolboy in spite of his 53 years (which he waves at me in his defence) and, when he feels attacked, cannot think of anything cleverer than to cry: "Please, Mr. Teacher, Weisse said …."

My observation, that your favorable judgment of his works may be explained by your considering the works of your pupils from a teacher's point of view and being inclined to pronounce them good, is something that I regard as appropriate and find nothing either regrettable or damaging to you.

Having been transmitted by him, you must have, admittedly, found this observation irritating, and one that put me in an unfavorable light; and I believe that it was Vrieslander's intention to shake your faith in me and my adherence to the cause, and {2} I therefore regard his behavior as more than indiscreet: I regard it as almost dishonest.

In order, however, to clear up the matter between ourselves, I should like merely to remind you of one thing. When you wrote me a letter of recommendation for America, you referred to me in it as a "Viennese master." And I returned your letter 2 with the request not to misuse a word that has a special meaning when it comes from you. The purity of the concept of "master," in your unique conception of it, along with "the cause", meant more to me than any personal advantage. I believe that I convinced you of this. I recognized and treasured, from your original action, your goodness and friendship, and your obedience to your feelings, but it was also clear to me that you had gone too far. And this personal experience had, for certain, affected me in what I had to say to Vrieslander. I admit that, however much you might perhaps do so, I would never allow you to refer to any of my works in the way in which you have proclaimed Vrieslander's songs. 3 In my opinion, such an expression coming from you damages the world of ideas that you inhabit more than it can serve the one to whom it applies. You have done this, for sure, in complete conviction; {3} but, viewed from the outside, it is and remains an expression that must appear self-conscious if one is aware of the relationship in which you stand to Vrieslander. What would you be able wish to make of such an opinion as voiced by Schoenberg about Webern? In addition, I remain thoroughly convinced that Vrieslander's songs, although you refer to positive traits and suchlike in them, have merely the value of imitations, not of original work; and so I find that such a far-reaching statement from you would already create a certain amount of confusion in your circle of adherents, to say nothing about how they will be interpreted by that circle which your work, I am most firmly convinced, is still destined to reach and access.

I blush at the mere thought that you could believe that envy or jealousy could have led me to make such a statement. Nevertheless, I cannot and will not believe that you could reject let any suspicion of this sort arise in you . I believe that the entire course of my life and my artistic development demonstrate that I live for nothing else but your world, and for your cause which, by the grace of Heaven, has also become very much my own. 4 Such a statement is to be understood not against you but rather for you, even if {4} it is your opinion that I am, moreoever, entirely wrong in my judgment of Vrieslander. The greatness of your work resides in the notion that your judgment, where it concerns the great composers, is irrefutable; I am thus all the more troubled by a statement by you to the effect that "these songs will soon be on the lips of every singer," which will simply be contradicted by the world of facts. If the unfortunate situation should arise whereby Vrieslander succeeds in arousing suspicion in you against me, then these few lines are intended to neither more nor less than convince you that nothing is more important for me than your work and your accomplishment.

Now, a bit more about Vrieslander. My amicable association with Hammer 5 acquainted me with a generosity in the exchange of opinions that places objectivity over all things personal. There is nothing that we cannot say to each other, even the strongest, most severe criticism. Criticism that is concerned with the subject is indeed the only sort that is useful in the world. When I wrote to Vrieslander, I cherished the hope that here it might be possible to effect an exchange of viewpoints, one that could unite two musicians from the same {5} school to a common purpose. In conclusion, I need not tell you how lonely I feel among all who call themselves musicians. You have experienced this yourself, and will know that this loneliness is a legacy of my adherence to you. It was no other thought than this that guided me when I began writing Vrieslander a fourteen-page letter. The opinion that I expressed awaited an expression of opinion in return, that should have been concerned with the object alone: instead of this, I received a reply in which every word was used in order to wound me personally. This intention was so obvious that it had to fail to have any effect. I am only sorry for him: for anyone who has so little faith in an amicable criticism that concerns an objective matter suffers from an intellectual and spiritual calcification, from which nothing genuine can any longer emanate. Anyone who answers active participation with poison, inner openness with small-minded suspicion (as if I were arrogant or conceited), will be unfruitful in the roots of his being. Moreover, I know that my personal opinion of Vrieslander is entirely worthless in your eyes; I spell this out because I want you to know (even if {6} he cannot understand) the grounds that motivated me to discuss his work with such thoroughness.

To my last letter I must still add what I forgot to say: would it perhaps be possible to consider the reproduction merely of the Urlinie graphs of the "Eroica"? 6 The other sketches I could easily arrange to have written on large sheets.

With the most cordial and heartfelt greetings to the two of you, from the two of us, I remain, in old and immutable faithfulness,


Your
[signed:] H.

© Translation William Drabkin, 2008

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded at OJ 4/6, p. 3825, April 10, 1933: "Von Weisse (Br.): zu Vrieslander u. meine Kritik der Lieder!" ("From Weisse (letter): concerning Vrieslander, and my review of his songs!"). Prior to that, after receiving advice from Otto Erich Deutsch on the "Eroica" Urlinie graphs (April 2), Schenker records at p. 3824, April 5, 1933: "An Weisse (Br.): Zustimmung zur photo-litographischen Abnahme der Eroica-Bilder. Dank an Frau Hertha für das Bild der Kinder; beglückwünsche zu den Erfolgen; das Seminar hat bis jetzt kein Urlinie-Heft, vielleicht später. Deutschlands Verhältnisse fordern Opfer auch von uns. Furtwängler??" ("ToWeisse (letter): I agree to the photo-lithographic reproduction of the "Eroica" graphs. Thanks to Hertha for the photograph of the children; I congratulate him on his successes; the Seminar has hitherto [produced] no folder of Urlinie analyses, perhaps later. Germany's condition demands sacrifices even from us. Furtwängler??").

2 See the letter of April 15, 1931 (OJ 15/16, [74]), in which Weisse asks Schenker to change the wording “berühmter Wiener Meister der Musik” in a letter of reference regarding a teaching position in the USA.

3 Vrieslander's songs and ländler, two collections of which were published in the early 1930s, were highly commended in a review by Schenker, "Eine Anzeige und eine Selbstanzeige," Der Kunstwart 46 (December 1932), 194‒96. See Federhofer (1985), pp. 215–16.

4 Weisse must have felt particularly aggrieved at this time, as his lectures in New York were helping to win many converts to Schenker’s concept of music.

5 This is the only letter in which Weisse mentions his friendship with Hammer.

6 i.e. the booklet, in landscape format, of the foreground graphs of all four movements of the "Eroica" Symphony, published as an appendix to Das Meisterwerk in der Musik, vol. 3 (1930).

Commentary

Format
6p letter, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2018-10-29
Last updated: 2013-10-01