[in top margin, in pencil in Schenker’s hand:] An Grunsky über Bruckner


Sehr geehrter Herr Doctor! 1

Verzeihung! Das Sujet, das Sie mir aufgaben, 2 lockte mich zwar unwiderstehlich, Ihnen sofort zu antworten, jedoch hinderten mich stärkere Verhältnisse, es auch zu tun. Sie sollen aber später einmal sehen, daß ich ein völlig anderer bin, als mich Ihnen gegenüber widrige Umstände derzeit leider noch erscheinen lassen müssen.

Auch mir widerfuhr – es kam plötzlich am 1. April 3 – der Auftrag einer 2. Aufl. einer bereits einige Jahre alten Arbeit, u. so dringend war zugleich die Ausfertigung derselben geworden, daß ich sogar die Schlußbogen des „ Cp .“ darüber zur Seite schieben mußte. 4 Ich werde die „ Universal-Edition, Wien “ beauftragen, Ihnen sofort dieses Werk (meine Ausgabe des Ph. Em. Bach , samt dem „ Beitrag zur Ornamentik “) 5 zukommen zu lassen (hoffentlich spätestens binnen 2–3 Wochen möglich), da ich wohl Interessse habe, daß Sie mindestens die ersten Seiten davon lesen, um derentwillen allein ich mich eigentlich der Mühe der übrigen, mir im Grunde völlig fernliegenden Arbeit unterzog. Denn schon dort versuchte ich, die Gelegenheit nützend, eben betreffs der Sonaten„form“ einige allgemein geglaubte Vorurteile technischer Natur zu zerstreuen, was freilich viel ausführlicher im III[.] Band m. Arbeit zu erledigen sein wird. 6 Sie aber möchte ich ersuchen, mir inzwischen Ihre Aestetik zukommen {2} lassen zu wollen, die ich leider noch nicht kennengelernt habe. 7 Ihre Bruckner Arbeiten besaß ich schon früher, in einzelnen Heften, danke aber nichtsdestoweniger herzlichst für die Übersendung des nunmehr abgerundeten Ganzen. 8

Ihr rückhaltsloser Brief macht auch mich offener, u. ich will Ihnen gegenüber alle Wahrheit in puncto Bruckner gerne so sagen, wie ich es bisher nicht einmal gegenüber meinen, leider durch die Öffentlichkeit, wie hauptsächlich auch durch ihre eigene Vergangenheit gebundenen Freunden Löwe u. Schalk (die Sie ja kennen?) je zu sagen Lust fand. Jede Zeile von Ihnen sagt mir, daß Sie – einer heute so selten anzutreffenden u. nicht hoch genug einzuschätzenden Charakterveranlagung gemäß – durch kein Amt, keinerlei Rücksicht gegenüber Publikum, Partei oder Presse sich derart gebunden fühlen, daß Sie darüber ablehnen könnten, die Wahrheit in Kunstfragen zu hören u. zu vertreten. Nun zur Sache!

Nicht nur um mich Ihnen näher zu bringen, sondern in ehrlicher Dankbarkeit schicke ich voraus: Bruckners Thematisches habe ich stets höher bewertet, als alle Erfindung aller übrigen Komp. (natürlich die eines Brahms , Dvořák , Wolf ausgenommen), u. dabei bleibt es noch heute. Die Distanz von Bruckner zu den anderen ist so groß, daß diese gar nicht erwähnt zu werden verdienen neben ihm. Und wofür ich noch mehr danke, ist der richtige, typisch gute Satz Bruckner’s, worin er Alle, Alle von heute himmelhoch überragt! Mit ihm, dem {3} wirklichen Tonsetzer, verglichen erscheinen die Komp.[onisten] von heute, – keinen Einzigen ausgenommen! – einfach nicht mehr als Musiker: er schrieb unsere Musikschriftsprache sozusagen wovon die Hummel-Komp. aber nichts wissen wirklich u. gut, diese stammeln irgend einen „Matabele-Jargon“, 9 der erst weiterer 8–10 Jahrhund. der Entwicklung brauchen konnte, um endlich als Kunstsprache dienen zu können, zugleich aber, erst dort zu gelangen, wo unsere Musiksprache schon seit langem sich befindet.

Gleichwohl muß kann ich Bruck . aus der Gruppe wirklicher noch keinen Meister ausschließen, [illeg] nennen , bin also noch weniger in der Lage geschweige in ihm gar einen Fortschritt in irgendeiner Hinsicht erblicken. Die Gründe sind rein technischer Natur, u. werden ausführlich im III[.] B. ihren Platz finden; 10 ich kann sie daher hier nur flüchtig u. vorläufig nur für Sie skizzieren.

Was würden Sie sagen, wenn uns Beethoven z.B. nur in den grandiosen Anfängen der IX., V., der Leon. -, Egmont-Ouvt. , oder u. in so vielen anderen ebenso pathetischen Stellen in der Mitte der III., V., der letzten Klv. Son. u. Strqu. enthalten wäre, wir [illeg] aber sonst die übrige unermeßliche Welt des Anmutigen bei ihm, des Spielenden u. Verbindenden, des Rein-Klavieristischen, Rein-Violinmäßigen, Rein-Orchestralen u. dgl. zu vermissen hätten? Macht es Ihnen Br ’s Erfindung nicht verdächtig, daß sie stets nur im Patos, in der Extase, oder – im Ländler steckt? Weiß man es obendrein nicht richtig abzuschätzen, {4} welchen Schaden eine so geartete Erfindungsgabe gerade der Symphonie zufügen muß, ist man bona fide sicher zunächst geneigt, die Erfindung desto höher einzuschätzen je patetischer, je extatischer sie in Erscheinung tritt. Man meint, je grandioser das Themenmaterial, desto himmlischer u. reicher offenbar auch der Urquell, aus dem jenes erfließt. Und doch ist das alles ein Trugschluß.

Gab ich oben gerne zu, daß die einzelne Momente bei Br groß, u. erhaben sind, so mache ich mich gleichwohl noch keines Widerspruches schuldig, wenn ich behaupte, daß Br trotz alledem nur eine sehr geringe Erfindungskraft besaß. Denn Br fehlte es nämlich an jenem spezifischen Kompositionstalent, das man in der Literatur die spezif. schriftstellerische Begabung nennt, an jener flüssigen Disposition, wie fin bei allen Meistern die erste Vorraussetzung stets gewesen, u. bis ans Ende der Welt eine solche bei allen schöpferischen Wesen bleiben wird.

Mit diesem Mangel an Erfindungsgabe hängt es fürs Erste zusammen, daß sich Br ’s Erfindung blos in periodischen Anfällen von Extase äußerte, zwischen denen ein Nichts lag.

Der Moment der Extase bescherte ihm die Takte 8 bis 12; nun begann die Unsere: was weiter?

Es liegt in der Natur solcher Momente, daß sie wohl weniger eine fortlaufende Stimmung des Komp.[onisten] bilden;–wohin käme auch nur die physis- [incomplete] 11

[discontinuity at this point]

{5} des Letzteren, wenn es anders wäre?! – als gleichsam Abschnitte in der Seele vorstellen, welch abschnittartiger Charakter aber den Extasen eben auch nach ihrer Einfügung in die Symph. treu bleibt: Extase um Extase heißt, nach wie im Leben, so auch in der Symph. Abschnitt um Abschnitt!

Wie nun der dem Schriftsteller oft blos die Feder die Gedanken diktiert, u. im Geschriebenen plötzlich lebendige Erfahrungen entgegentreten, die ihn für u. für befruchten, so ist ähnlich auch beim Komp.[onisten] die stete Gegenwart einer flüssigen Erfindung eine ähnliche Macht, die Kunsterfahrungen aufs Rascheste [w]ohltätig vermittelt. Da es aber Br eben an der Flüssigkeit fehlte, so mußte es ihm zugleich an der Gelegenheit fehlen, reichlich Kunsterf.[ahrungen] einzusammeln, u. die [?Manier] der Mannigfaltigk, auf die es [?nämlich] in der Komp. am meisten ankommt, überhaupt kennen zu lernen u. auszubilden.

Es bildete sich beim Sie sehen [?daher] bei ihm als solche folge z..B. die Unbeholfenheit z. B. im Treiben da einzelne Gef.[ühle] u. fast nur, u. fast alle laufen hin von der Ton.[ika] aus, u. fast nur u. fast alle setzen hin auf dem guten Takt. ein (vgl. dazu Bd. I u. B. zu Orn. S. . .)

{6} Als Folge des Abschnittart.[igen[?]] der Ext. stellt sich diese Technik graphisch so dar [I... [I [. . [ [ [ [

u. sie läßt sich in der Sprache etwa damit vergl., wenn Jem. aus Mangel an Dicht.[heit] zu[r] Spr.[ache] jeden Satz mit dessen Subj. beginnen u. solche [illeg] [?um] gleich unsrer [?H....] setzen würde . . Wäre das nicht die schlechtes[te] Wirkung, u. da ist die Technik nicht primitiv u. rückständig?

Gerade sie ist, die [?nur] [?sendet] [?der] Tech.[nik[?]] Organ.[ik[?]] zu[r] [S]ymph. [...]

[lacks ending or valediction and signature]

© Transcription Lee Rothfarb and Ian Bent, 2007, 2017

[in top margin, in pencil in Schenker’s hand:] To Grunsky about Bruckner


Dear Dr. [Schenker], 1

Pardon! The subject that you assigned 2 me did lure me irresistibly to answer you immediately, but quite difficult conditions hindered me in doing it. You should see later, though, that I am a completely different person than adverse circumstances must have made me appear to you, unfortunately, at the time.

Further, the contract for a second edition of a work already several years old came up suddenly ‒ it happened on April 1 3 ‒ and its completion had also become so urgent that I even had to put aside the final sheets of Counterpoint because of it. 4 I am going to direct Universal Edition, Vienna, to have that work sent to you right away (my edition of C. P. E. Bach, complete with the Contribution to the Study of Ornamentation ) 5 (I hope [this will be] possible within two-to-three weeks at the latest), because I am interested for you to read at least the first pages of it, for which sake alone I actually subjected myself to the trouble of the remaining work, which in principle would not have even occurred to me. For already there, seizing the opportunity, I tried to dispel several generally held prejudices of a technical nature regarding sonata "form," which will of course be addressed much more fully in the third volume of my project. 6 In the meantime, though, I would like to request that you have your Aesthetics sent to me, {2} which I unfortunately have not yet gotten to know. 7 I already have your Bruckner works, in individual booklets, but thank you nevertheless for sending the now completed whole. 8

Your frank letter causes me also to be more open, and I will gladly tell you the whole truth in the matter of Bruckner such as up to now I have never had the desire to tell even my committed friends Löwe and Schalk (whom you know?) because of the public, unfortunately, as well as mainly also because of their own past. Every line from you tells me that ‒ in acccordance with a disposition of character encountered so rarely today and not evaluated highly enough ‒ you do not feel bound by any office, by any sort of deference to the public, party, or press such that you would have to decline to hear and to represent the truth in questions of art. Now down to business!

Not just to bring me closer to you but rather in honest gratitude I say up front: I have always evaluated Bruckner's themes more highly than all invention of all other composers (that of a Brahms , Dvořák , and Wolf excepted, of course), and so it remains still today. The gap from Bruckner to the others is so great that they don't even deserve to be mentioned alongside of him. And what I am yet more thankful for is Bruckner's genuine, typical good composition, in which he stands sky high above all, all of today! Compared with him, the {3} real tone craftsmen, the composers of today ‒ not a single one excepted! ‒ simply no longer appear as musicians. He wrote in our musical language of which, however, the Hummel-composers know nothing genuinely and well; the others babble some kind of "Matabele-jargon," 9 which could need another eight-to-ten centuries of evolution before it can finally serve as a language of art, at the same time, however, to reach the stage where our musical language has been for some time.

Nevertheless I still cannot call Bruckner a master, let alone see in him an advancement in any regard whatsoever. The reasons are of a purely technical nature and will find their place extensively in the third volume. 10 Here I can therefore sketch them only fleetingly and provisionally for you.

What would you say if for us Beethoven were contained, for example, only in the grandiose openings of the Ninth, Fifth, of the "Leonore" and "Egmont" Overtures, and in so many other equally dramatic passages in the middle of the Third, the Fifth, of the last piano sonatas and string quartets, but we otherwise were to miss in him the other, unfathomable world of the charming, of the playful, the engaging, of the purely pianistic, the purely violinistic, purely orchestral, and the like? Does it not make you suspicious that Bruckner's invention resides always only in pathos, in ecstasy, or ‒ in the Ländler? If we do not know from the outset how properly to assess {4} what damage such a gift of invention must do to the symphony in particular, we are in good faith certainly inclined, at first, to assess the invention as higher the more dramatically, the more ecstatically it manifests itself. We think the more grandiose the thematic material, all the more heavenly and rich, apparently, also the source from which it flows. And yet all of that is a fallacy.

Although I gladly conceded above that isolated moments in Bruckner are grand and sublime, I am nonetheless not guilty of any contradiction if, despite all of that, I assert that Bruckner possessed only a very minimal powers of invention. For Bruckner lacked namely that specific compositional talent which in literature we call the specific literary talent, that fluent disposition as has always been the first condition with all masters, and up to the end of the world will always remain so for all creative beings.

First of all, the fact that Bruckner's invention expressed itself purely in periodic stretches between which emptiness lay is linked to that defect in inventive talent.

The moment of ecstasy granted him measures 8 through 12. Then ours began: what next?

It resides in the nature of such moments that they surely form less a sustained mood of the composer ‒ to what point would then come the physi... [incomplete] 11

[discontinuity at this point]

{5} of the latter, were it otherwise?! ‒ as, so to speak, imagining fragments in the mind, which fragmented character remains true to the ecstasies, however, even after their incorporation into the symphony. Ecstasy upon ecstasy means ‒ as in life, so too in the symphony ‒ fragment upon fragment!

Now, just as thoughts are often dictated to the writer purely by the pen, and living experiences suddenly crop up in what is written that continually inspire him, so too the ongoing presence of fluid invention is with the composer a similar force, which benificently imparts artistic experiences most quickly. However, since Bruckner lacked that very fluidity, so he was bound as well to lack the opportunity to gather abundant artistic experiences, and the [?manner] of the variety, which, namely, counts most in composition, to get to know and to expand.

[?Accordingly], you see with him such as a result, for example, the helplessness in momentum since individual impulses, and almost exclusively, almost all proceed beginning on the tonic, and almost exclusively, and almost all land on the strong beat (see vol.I, and Contribution to Ornamentation , p. ...)

{6} As a result of the fragmentary nature of ecstasy, the technique can be presented graphically as follows: [I... [I [. . [ [ [ [

and [the technique] can be compared perhaps with the situation in language when someone, for lack of familiarity with the language, would begin each sentence with its subject and set such [illeg] similiar to our [illeg] . . . Would that not be the worst effect, and is not the technique primitive and backward?

It is precisely this that only despatches the technique [and] organicism to the symphony [??] [...]

[lacks ending or valediction and signature]

© Translation Lee Rothfarb and Ian Bent, 2007, 2017

[in top margin, in pencil in Schenker’s hand:] An Grunsky über Bruckner


Sehr geehrter Herr Doctor! 1

Verzeihung! Das Sujet, das Sie mir aufgaben, 2 lockte mich zwar unwiderstehlich, Ihnen sofort zu antworten, jedoch hinderten mich stärkere Verhältnisse, es auch zu tun. Sie sollen aber später einmal sehen, daß ich ein völlig anderer bin, als mich Ihnen gegenüber widrige Umstände derzeit leider noch erscheinen lassen müssen.

Auch mir widerfuhr – es kam plötzlich am 1. April 3 – der Auftrag einer 2. Aufl. einer bereits einige Jahre alten Arbeit, u. so dringend war zugleich die Ausfertigung derselben geworden, daß ich sogar die Schlußbogen des „ Cp .“ darüber zur Seite schieben mußte. 4 Ich werde die „ Universal-Edition, Wien “ beauftragen, Ihnen sofort dieses Werk (meine Ausgabe des Ph. Em. Bach , samt dem „ Beitrag zur Ornamentik “) 5 zukommen zu lassen (hoffentlich spätestens binnen 2–3 Wochen möglich), da ich wohl Interessse habe, daß Sie mindestens die ersten Seiten davon lesen, um derentwillen allein ich mich eigentlich der Mühe der übrigen, mir im Grunde völlig fernliegenden Arbeit unterzog. Denn schon dort versuchte ich, die Gelegenheit nützend, eben betreffs der Sonaten„form“ einige allgemein geglaubte Vorurteile technischer Natur zu zerstreuen, was freilich viel ausführlicher im III[.] Band m. Arbeit zu erledigen sein wird. 6 Sie aber möchte ich ersuchen, mir inzwischen Ihre Aestetik zukommen {2} lassen zu wollen, die ich leider noch nicht kennengelernt habe. 7 Ihre Bruckner Arbeiten besaß ich schon früher, in einzelnen Heften, danke aber nichtsdestoweniger herzlichst für die Übersendung des nunmehr abgerundeten Ganzen. 8

Ihr rückhaltsloser Brief macht auch mich offener, u. ich will Ihnen gegenüber alle Wahrheit in puncto Bruckner gerne so sagen, wie ich es bisher nicht einmal gegenüber meinen, leider durch die Öffentlichkeit, wie hauptsächlich auch durch ihre eigene Vergangenheit gebundenen Freunden Löwe u. Schalk (die Sie ja kennen?) je zu sagen Lust fand. Jede Zeile von Ihnen sagt mir, daß Sie – einer heute so selten anzutreffenden u. nicht hoch genug einzuschätzenden Charakterveranlagung gemäß – durch kein Amt, keinerlei Rücksicht gegenüber Publikum, Partei oder Presse sich derart gebunden fühlen, daß Sie darüber ablehnen könnten, die Wahrheit in Kunstfragen zu hören u. zu vertreten. Nun zur Sache!

Nicht nur um mich Ihnen näher zu bringen, sondern in ehrlicher Dankbarkeit schicke ich voraus: Bruckners Thematisches habe ich stets höher bewertet, als alle Erfindung aller übrigen Komp. (natürlich die eines Brahms , Dvořák , Wolf ausgenommen), u. dabei bleibt es noch heute. Die Distanz von Bruckner zu den anderen ist so groß, daß diese gar nicht erwähnt zu werden verdienen neben ihm. Und wofür ich noch mehr danke, ist der richtige, typisch gute Satz Bruckner’s, worin er Alle, Alle von heute himmelhoch überragt! Mit ihm, dem {3} wirklichen Tonsetzer, verglichen erscheinen die Komp.[onisten] von heute, – keinen Einzigen ausgenommen! – einfach nicht mehr als Musiker: er schrieb unsere Musikschriftsprache sozusagen wovon die Hummel-Komp. aber nichts wissen wirklich u. gut, diese stammeln irgend einen „Matabele-Jargon“, 9 der erst weiterer 8–10 Jahrhund. der Entwicklung brauchen konnte, um endlich als Kunstsprache dienen zu können, zugleich aber, erst dort zu gelangen, wo unsere Musiksprache schon seit langem sich befindet.

Gleichwohl muß kann ich Bruck . aus der Gruppe wirklicher noch keinen Meister ausschließen, [illeg] nennen , bin also noch weniger in der Lage geschweige in ihm gar einen Fortschritt in irgendeiner Hinsicht erblicken. Die Gründe sind rein technischer Natur, u. werden ausführlich im III[.] B. ihren Platz finden; 10 ich kann sie daher hier nur flüchtig u. vorläufig nur für Sie skizzieren.

Was würden Sie sagen, wenn uns Beethoven z.B. nur in den grandiosen Anfängen der IX., V., der Leon. -, Egmont-Ouvt. , oder u. in so vielen anderen ebenso pathetischen Stellen in der Mitte der III., V., der letzten Klv. Son. u. Strqu. enthalten wäre, wir [illeg] aber sonst die übrige unermeßliche Welt des Anmutigen bei ihm, des Spielenden u. Verbindenden, des Rein-Klavieristischen, Rein-Violinmäßigen, Rein-Orchestralen u. dgl. zu vermissen hätten? Macht es Ihnen Br ’s Erfindung nicht verdächtig, daß sie stets nur im Patos, in der Extase, oder – im Ländler steckt? Weiß man es obendrein nicht richtig abzuschätzen, {4} welchen Schaden eine so geartete Erfindungsgabe gerade der Symphonie zufügen muß, ist man bona fide sicher zunächst geneigt, die Erfindung desto höher einzuschätzen je patetischer, je extatischer sie in Erscheinung tritt. Man meint, je grandioser das Themenmaterial, desto himmlischer u. reicher offenbar auch der Urquell, aus dem jenes erfließt. Und doch ist das alles ein Trugschluß.

Gab ich oben gerne zu, daß die einzelne Momente bei Br groß, u. erhaben sind, so mache ich mich gleichwohl noch keines Widerspruches schuldig, wenn ich behaupte, daß Br trotz alledem nur eine sehr geringe Erfindungskraft besaß. Denn Br fehlte es nämlich an jenem spezifischen Kompositionstalent, das man in der Literatur die spezif. schriftstellerische Begabung nennt, an jener flüssigen Disposition, wie fin bei allen Meistern die erste Vorraussetzung stets gewesen, u. bis ans Ende der Welt eine solche bei allen schöpferischen Wesen bleiben wird.

Mit diesem Mangel an Erfindungsgabe hängt es fürs Erste zusammen, daß sich Br ’s Erfindung blos in periodischen Anfällen von Extase äußerte, zwischen denen ein Nichts lag.

Der Moment der Extase bescherte ihm die Takte 8 bis 12; nun begann die Unsere: was weiter?

Es liegt in der Natur solcher Momente, daß sie wohl weniger eine fortlaufende Stimmung des Komp.[onisten] bilden;–wohin käme auch nur die physis- [incomplete] 11

[discontinuity at this point]

{5} des Letzteren, wenn es anders wäre?! – als gleichsam Abschnitte in der Seele vorstellen, welch abschnittartiger Charakter aber den Extasen eben auch nach ihrer Einfügung in die Symph. treu bleibt: Extase um Extase heißt, nach wie im Leben, so auch in der Symph. Abschnitt um Abschnitt!

Wie nun der dem Schriftsteller oft blos die Feder die Gedanken diktiert, u. im Geschriebenen plötzlich lebendige Erfahrungen entgegentreten, die ihn für u. für befruchten, so ist ähnlich auch beim Komp.[onisten] die stete Gegenwart einer flüssigen Erfindung eine ähnliche Macht, die Kunsterfahrungen aufs Rascheste [w]ohltätig vermittelt. Da es aber Br eben an der Flüssigkeit fehlte, so mußte es ihm zugleich an der Gelegenheit fehlen, reichlich Kunsterf.[ahrungen] einzusammeln, u. die [?Manier] der Mannigfaltigk, auf die es [?nämlich] in der Komp. am meisten ankommt, überhaupt kennen zu lernen u. auszubilden.

Es bildete sich beim Sie sehen [?daher] bei ihm als solche folge z..B. die Unbeholfenheit z. B. im Treiben da einzelne Gef.[ühle] u. fast nur, u. fast alle laufen hin von der Ton.[ika] aus, u. fast nur u. fast alle setzen hin auf dem guten Takt. ein (vgl. dazu Bd. I u. B. zu Orn. S. . .)

{6} Als Folge des Abschnittart.[igen[?]] der Ext. stellt sich diese Technik graphisch so dar [I... [I [. . [ [ [ [

u. sie läßt sich in der Sprache etwa damit vergl., wenn Jem. aus Mangel an Dicht.[heit] zu[r] Spr.[ache] jeden Satz mit dessen Subj. beginnen u. solche [illeg] [?um] gleich unsrer [?H....] setzen würde . . Wäre das nicht die schlechtes[te] Wirkung, u. da ist die Technik nicht primitiv u. rückständig?

Gerade sie ist, die [?nur] [?sendet] [?der] Tech.[nik[?]] Organ.[ik[?]] zu[r] [S]ymph. [...]

[lacks ending or valediction and signature]

© Transcription Lee Rothfarb and Ian Bent, 2007, 2017

[in top margin, in pencil in Schenker’s hand:] To Grunsky about Bruckner


Dear Dr. [Schenker], 1

Pardon! The subject that you assigned 2 me did lure me irresistibly to answer you immediately, but quite difficult conditions hindered me in doing it. You should see later, though, that I am a completely different person than adverse circumstances must have made me appear to you, unfortunately, at the time.

Further, the contract for a second edition of a work already several years old came up suddenly ‒ it happened on April 1 3 ‒ and its completion had also become so urgent that I even had to put aside the final sheets of Counterpoint because of it. 4 I am going to direct Universal Edition, Vienna, to have that work sent to you right away (my edition of C. P. E. Bach, complete with the Contribution to the Study of Ornamentation ) 5 (I hope [this will be] possible within two-to-three weeks at the latest), because I am interested for you to read at least the first pages of it, for which sake alone I actually subjected myself to the trouble of the remaining work, which in principle would not have even occurred to me. For already there, seizing the opportunity, I tried to dispel several generally held prejudices of a technical nature regarding sonata "form," which will of course be addressed much more fully in the third volume of my project. 6 In the meantime, though, I would like to request that you have your Aesthetics sent to me, {2} which I unfortunately have not yet gotten to know. 7 I already have your Bruckner works, in individual booklets, but thank you nevertheless for sending the now completed whole. 8

Your frank letter causes me also to be more open, and I will gladly tell you the whole truth in the matter of Bruckner such as up to now I have never had the desire to tell even my committed friends Löwe and Schalk (whom you know?) because of the public, unfortunately, as well as mainly also because of their own past. Every line from you tells me that ‒ in acccordance with a disposition of character encountered so rarely today and not evaluated highly enough ‒ you do not feel bound by any office, by any sort of deference to the public, party, or press such that you would have to decline to hear and to represent the truth in questions of art. Now down to business!

Not just to bring me closer to you but rather in honest gratitude I say up front: I have always evaluated Bruckner's themes more highly than all invention of all other composers (that of a Brahms , Dvořák , and Wolf excepted, of course), and so it remains still today. The gap from Bruckner to the others is so great that they don't even deserve to be mentioned alongside of him. And what I am yet more thankful for is Bruckner's genuine, typical good composition, in which he stands sky high above all, all of today! Compared with him, the {3} real tone craftsmen, the composers of today ‒ not a single one excepted! ‒ simply no longer appear as musicians. He wrote in our musical language of which, however, the Hummel-composers know nothing genuinely and well; the others babble some kind of "Matabele-jargon," 9 which could need another eight-to-ten centuries of evolution before it can finally serve as a language of art, at the same time, however, to reach the stage where our musical language has been for some time.

Nevertheless I still cannot call Bruckner a master, let alone see in him an advancement in any regard whatsoever. The reasons are of a purely technical nature and will find their place extensively in the third volume. 10 Here I can therefore sketch them only fleetingly and provisionally for you.

What would you say if for us Beethoven were contained, for example, only in the grandiose openings of the Ninth, Fifth, of the "Leonore" and "Egmont" Overtures, and in so many other equally dramatic passages in the middle of the Third, the Fifth, of the last piano sonatas and string quartets, but we otherwise were to miss in him the other, unfathomable world of the charming, of the playful, the engaging, of the purely pianistic, the purely violinistic, purely orchestral, and the like? Does it not make you suspicious that Bruckner's invention resides always only in pathos, in ecstasy, or ‒ in the Ländler? If we do not know from the outset how properly to assess {4} what damage such a gift of invention must do to the symphony in particular, we are in good faith certainly inclined, at first, to assess the invention as higher the more dramatically, the more ecstatically it manifests itself. We think the more grandiose the thematic material, all the more heavenly and rich, apparently, also the source from which it flows. And yet all of that is a fallacy.

Although I gladly conceded above that isolated moments in Bruckner are grand and sublime, I am nonetheless not guilty of any contradiction if, despite all of that, I assert that Bruckner possessed only a very minimal powers of invention. For Bruckner lacked namely that specific compositional talent which in literature we call the specific literary talent, that fluent disposition as has always been the first condition with all masters, and up to the end of the world will always remain so for all creative beings.

First of all, the fact that Bruckner's invention expressed itself purely in periodic stretches between which emptiness lay is linked to that defect in inventive talent.

The moment of ecstasy granted him measures 8 through 12. Then ours began: what next?

It resides in the nature of such moments that they surely form less a sustained mood of the composer ‒ to what point would then come the physi... [incomplete] 11

[discontinuity at this point]

{5} of the latter, were it otherwise?! ‒ as, so to speak, imagining fragments in the mind, which fragmented character remains true to the ecstasies, however, even after their incorporation into the symphony. Ecstasy upon ecstasy means ‒ as in life, so too in the symphony ‒ fragment upon fragment!

Now, just as thoughts are often dictated to the writer purely by the pen, and living experiences suddenly crop up in what is written that continually inspire him, so too the ongoing presence of fluid invention is with the composer a similar force, which benificently imparts artistic experiences most quickly. However, since Bruckner lacked that very fluidity, so he was bound as well to lack the opportunity to gather abundant artistic experiences, and the [?manner] of the variety, which, namely, counts most in composition, to get to know and to expand.

[?Accordingly], you see with him such as a result, for example, the helplessness in momentum since individual impulses, and almost exclusively, almost all proceed beginning on the tonic, and almost exclusively, and almost all land on the strong beat (see vol.I, and Contribution to Ornamentation , p. ...)

{6} As a result of the fragmentary nature of ecstasy, the technique can be presented graphically as follows: [I... [I [. . [ [ [ [

and [the technique] can be compared perhaps with the situation in language when someone, for lack of familiarity with the language, would begin each sentence with its subject and set such [illeg] similiar to our [illeg] . . . Would that not be the worst effect, and is not the technique primitive and backward?

It is precisely this that only despatches the technique [and] organicism to the symphony [??] [...]

[lacks ending or valediction and signature]

© Translation Lee Rothfarb and Ian Bent, 2007, 2017

Footnotes

1 Receipt of this letter is not recorded in Schenker's diary. The suggested date for this letter, c. June 1, 1908, is based on (a) Schenker's request to Hertzka (UE) of July 22, 1908 (WSLB 12) to send a copy of Beitrag zur Ornamentik to Grunsky (see para. 2 of this letter), said to have been promised "long ago," (b) the date of OJ 11/29, [2], June 5, in which Grunsky acknowledges a "detailed letter" and says he has to "delay a bit" in responding, and (c) Schenker's statement here that he has been "hindered" from replying immediately. However, the subsequent discussion of proof corrections for Kontrapunkt casts this in some doubt. This letter is incomplete, therefore presumably either an aborted letter or a draft subsequently completed, copied, and sent. — Jonas transcribed the first four pages, but not the remainder, of this material at OJ 59/6, pp. 8‒10.

2 Probably in OJ 11/29, [1], May 3, 1908, which asks: "May I ask you for your objective view on Bruckner? Why are his organ points poorly executed?".

3 April 1 letter: first word from UE that it proposed to issue a second edition of Beitrag zur Ornamentik is in the letter of March 24, 1908 (OC 52/383), to which Schenker replied on March 25 (WSLB 1), as recorded also in Schenker's diary for the same date (OJ 1/7, p. 85). The order for the new edition was placed on April 8, and UE took delivery of the 500 copies on August 24.

4 Preparing revisions for the second edition of Beitrag zur Ornamentik occupied Schenker from March 25 to early April 1908 (WSLB 1, March 25; WSLB 3, April 9; WSLB 4, April 22); and proofs from late April or early May to June 23, 1908 (WSLB 4, April 22; WSLB 5, May 21; WSLB 9, June 23). Schenker was in the Tyrol from June 30 (OJ 1/7, p. 89) to late August or September. On the dating of the present letter, cf. "The first proofs of my second Counterpoint volume have just started coming in from Cotta ‒ I have suffered three whole months' delay while occupied with Ornamentation, time that I ultimately forfeited" (WSLB 24, Schenker to Hertzka, October 31, 1908), and "We have so far still not received back from you any of galley-proofs 1–89 of [Kontrapunkt] that we have been sending you in batches since the beginning of November, as a result of which the printers can, for lack of type, go no further with type-setting" (OJ 9/31, [21], Cotta to Schenker, December 30, 1908), and "In looking forward with pleasure to receiving further corrected galley-proofs, we remain ..." (OJ 9/31, [22], Cotta to Schenker, January 14, 1909), and "... at the moment (despite the fact that printing [of Kontrapunkt] began on October 1) I am only just on p.150 of the Counterpoint volume ‒ at the imprimatur stage ..." (WSLB 37, Schenker to Hertzka, March 28, 1909). On that basis, this letter might therefore postdate late October 1908; however ,"if we are to take "Schlußbogen" at face value, its date might be as late as January or February 1909. But cf. earlier discussion.

5 Schenker wrote to Hertzka on July 22, 1908: "Should a copy of Ornamentation be already available, may I ask you kindly to send it to Dr. Carl Grunsky (a very well known writer on music and reviewer), Stuttgart, Stitzenburgstraße 1? I promised him one long ago." (WSLB 12). Hertzka agreed on August 11, stating that the new edition was expected "in the next few days" (OC 52/397). Schenker also included Grunsky in the list of recipients of complimentary copies of the same work on August 19 (WSLB 14). There appears to be no request for C. P. E. Bach keyboard works.

6 This may be either his "Über den Niedergang der Kompositionskunst" or his Formenlehre .

7 Karl Grunsky, Musikästhetik (Leipzig: Göschen, 1907). A copy of this book is listed among Schenker's library at the sale of his music books (Musik und Theater, enthaltend die Bibliothek des Herrn Dr. Heinrich Schenker, Wien (Antiquariat Heinrich Hinterberger, n.d.), item 129). That Schenker was unacquainted with the book when writing this letter may perhaps date the letter prior to that beginning "Mein Contrapunkt Man.", where he seems to be familiar with some of Grunsky's aesthetic concepts.

8 Schenker's library contained a copy of Grunsky's Bruckners Symphonien erläutert mit Notenbeispielen, Meisterführer No.4 (Berlin, 1908), but nothing earlier on Bruckner. The library also contained copies of Musikgeschichte der 17. und 18. Jahrhunderte (Leipzig: Göschen, 1905) and Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts (ibid., 1902). (See Musik und Theater, enthaltend die Bibliothek des Herrn Dr. Heinrich Schenker, Wien (Antiquariat Heinrich Hinterberger, n.d.), items 79, 127, 128.)

9 "Matabele": anglicized form of "amaNdebele," the name of a constituent people of the Zulu that established a kingdom in Matabeleland, now a province of Zimbabwe, in 1834. Hence "Matabele jargon" is an unintelligible language, with derogatory overtones, the equivalent of "gobbledygook."

10 See above; the Niedergang contains a section on Bruckner (=OC 31/107–111; Drabkin, pp. 212–15, 114–17).

11 There can be little doubt that OJ 11/29, [3], September 10, 1908, is a direct answer to this document, as well as to OJ 5/15, [2]-[3].

Commentary

Format
6p letter draft, holograph salutation, incomplete message, no valediction or signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas,Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus[dot]cam[dot]ac]dot]uk.

Digital version created: 2017-09-05
Last updated: 2012-09-26