This edition presents the first draft (Urschrift) of the letter, as dictated by Heinrich Schenker to Jeanette Schenker on the evening of November 3; all revisions in Heinrich's hand have for these purposes been disregarded.

[No salutation] 1

Für Ihren freundlichen Brief u. die Partitur 2 ‒ eine zweite lag nicht bei ‒ sage ich Ihnen herzlichsten Dank. Ich bin in der angenehmen Lage[,] Ihnen erklären zu können, daß ich Ihre Arbeiten kenne, u. mehrere besitze, 3 u. so waren wir uns gar nicht fremd beim Eintreffen Ihrer Zeilen.

Am liebsten würde ich Sie beim Worte nehmen u. bitten, mir das Vergnügen Ihres Besuches zu schenken, wenn Sie einmal in Wien sind. Ich meine nicht so sehr Ihren Bach-Vortrag ‒ ich habe darüber zu viel Schönes gehört, als daß ich Ihrem künstlerischen Selbstgefühl {2} nicht aufrichtig zustimme ‒, nur würde ein Gespräch Gelegenheit geben, die mir [sic] beschäftigenden Fragen gründlicher als auf diesem Wege zu erörtern.

Bis dahin aber wollen Sie erlauben, daß ich auf Ihre Gedanken eingehe in der Reihe, wie sie mir Ihr Schreiben bringt. Ihr „guter Musiker“ ist eine Selbsttäuschung. Er sollte mit- u. vorauswissen u. doch darauf warten, bis die fremde Meinung gedruckt vorliegt. Warum entdeckt er die Meinung in sich nicht früher? fehlt ihm wirklich nur Zeit, Gelegenheit und Lust, das auszusprechen, was ein anderer ausspricht? Hinter meinem Rücken, auch mir ins Gesicht ‒ haben sich oft Musiker als solche nachwissende „gute Musiker“ 4 empfohlen, doch habe ich das niemals für etwas anderes als ein Hausmittel der Natur betrachtet, die den Menschen eine Zustimmung nicht anders abringen kann, als indem sie dem Zustimmenden mit der Einbildung schmeichelt, er wäre es, der das Gleiche gedacht. Von Gegenbeweisen in Wort und Tat abgesehen, wie macht es nur der „gute Musiker“, daß er wie mit Schenker auch mit Em. Bach, Marx, Riemann, Thuille, Kurth, Lorenz u. hundert anderen geht? Fühlt u. denkt er mit [?diesen] allen [?mit]? Zu wem hält er, wenn das Vorausempfundene in Widerstreit ist? Sie sehen, verehtester Herr H., daß ich in dieser Sache ganz anders denke, als Sie, ich gehe so weit anzunehmen, daß es auch auf dem Gebiet künstlerischer Güter so ist, wie auf dem der materiellen: Sagte mir z.B. Morgan, 5 er besitze Oelquellen, mir - u. keinem andern [-] fiele ein zu sagen; Oelquellen besitze ich auch. Hier ist Mein u. Dein gut durchempfunden; auf geistigem Gebiet ist die Annahme fremder Meinungen nur scheinbar u. es bleibt jeder bei seinem Besitz.

Ich habe meine Gedanken immer nur auf die sogenannte vergangene Musik bezogen, weil sie nur ihr entnommen waren. Sie hatten die Freundlichkeit auszusprechen, daß sie auch für die „heutige Musik“ gelte. Ich finde das nicht u. meine, Sie sollten den Mut haben zu sagen, die heutige Musik sei völlig neu, als daß Sie sie irgendwie in der vergangenen zu verankern suchen, oder ‒ in Ihrem Bilde ‒ die sogenannte neue Musik für eine Eisenbahn ausgäben, die zugleich ein Pferdewagen ist. Im mündlichen Verkehr pflegte Schönberg mich zu fragen, ob es so sein müsse ‒ das so bezog sich auf die Kunst der Meister[.] Damit lehnte er deutlich alles ab, was das Wesen der Meisterwerke ausmacht, verschmähte aber nicht, gleichzeitig S. Bach als seinen Vorfahren auszugeben, allerdings als einen, der mit seinem Anfang auf den Gipfel Schönberg zielt. Sie wissen, daß es so weit gekommen ist, daß von den Meistern behauptet wird, sie hätten sich nicht auszudrücken vermocht, u. dgl. m.

Sie deuten an, es könnte an mir liegen, wenn ich mit der heutigen Musik nicht gehe. Wenn ich davon absehe, daß ich mit ihr gehen müßte, u. begeistert ginge, wenn sie mit der Kunst, die ich meine[,] Zusammenhang hätte (verzeihen Sie, wenn ich es offen als einen Widerspruch bezeichne, daß Sie meine Gedanken über die Kunst für verbindlich auch für die gegenwärtige erkläre[n], in einem aber das Verständnis für diese mir irgendwie absprechen), so kann ich mit Leichtigkeit nachweisen, daß die heutige Kunst im Sinne der früheren gar keine Kunst mehr ist, u. daher auf Ihren Einwand erwidern, wie ich es schon öfters getan: eher ist es so, daß Sie die Kunst der Meister noch nicht gehört haben, obwohl Sie sie als Voraussetzung für Ihr Schaffen bezeichnen? Sie persönlich machen es allerdings bescheiden, Sie gedenken nicht, sich mit Schubert in einem Athem zu nennen, aber der gewisse Münchner Theoretiker, 6 gegen den allein meine Zeilen gerichtet sind, hält schon Sie Beethoven.

Bezüglich Ihrer Gedanken über die Zukunft der Musik, über den Charakter unserer Zeit möchte ich sagen: den in Ihrem Schreiben vorgebrachten Gedanken kurz zu entgegnen 7 ‒ für mich das Recht in Anspruch nehme, meine Gedanken auszudrücken, wie jeder ander es tut. Ich habe nicht den Ehrgeiz, die Natur verbessern zu wollen, u. beuge mich ihr, wenn sie über die Menschen verhängt, daß jegliches Vollbringen sich ihnen nicht anders als in dem Glauben {3} an Fortschritt u. Vollendung abringt. Die Natur selbst ist es, die dem Menschen diesen Wahn einträufelt, um aus ihnen Arbeit, d.h. Leben, Bewegung herauszuschlagen ‒ ein einfaches Hausmittel der Natur ist es. Der Gang der Geschichte lehrt, daß [es] unter den Geschlechtern auch Verderben bringende gibt genau so wie unter Individuen zu einer gegebenen Zeit. Nicht nur materielle Güter werden von Erben verpraßt, auch geistige. Es geht nicht immer einem Zuwachs von materiellem oder geistigem Wohlstand entgegen. In diesem {4} Punkte hauptsächlich sind wir nicht einig u. gerade da liegt die Wurzel auch der übrigen Unstimmigkeit. Was bleibt übrig, als daß wir uns gegenseitig die ehrlichsten Absichten zur Kunst u. Menschheit zugestehen? Lassen Sie auch mich Partei sein, wenn Sie Partei sind.

Sie haben Recht, wenn Sie die Notwendigkeit der Produktion betonen, sogar möchte ich so krass wie möglich behaupten, daß die elendsten Scribenten notwendig seien, nur zweifle ich nicht daran, daß unter Umständen auch {5} einer wichtig ist, der so beschaffen ist wie ich wobei ich zu bedenken gebe, daß ich auch um die Produktionsgeheimnisse einiges aus Erfahrung weiß.

{6} Sie sehen mich also nicht gewillt, um Entschuldigung zu bitten daß ich lebe, wirke u. das Recht in Anspruch nehme, mich auszudrükken, wie ich eben beschaffen bin. Ist das nun Hass, Rache, Leidenschaft, was ich hier ausgesprochen habe? Gewiß nicht! Sie streichen meine Ver- {7} dienste zugunsten des unbekannten guten Musikers, Sie streichen mir das Ohr, obwohl Sie seine Brauchbarkeit bestätigen, Sie kommen sich trotz alle dem human vor ‒ u. ich fürchte, Sie werden meine Entgegung, erst recht als einen Erweis menschlichen u. künstlerischen Mangels empfinden[.]

Und doch wollen wir, da uns die gleiche Ehrlichkeit beseelt, uns gegenseitig die Rechte einer Partei zuerkennen. ‒ es ist gewiss so, daß Sie gegen mein Gefühl wirken ‒ obwohl {8} Sie es nicht zugeben, u. so wirke ich begreiflich gegen Sie, was ich aber offen zugestehe

[incomplete]
[No valediction or signature]

© Transcription Ian Bent, 2011

[No salutation] 1

My most cordial thanks to you for your friendly letter and score 2 ‒ no second score was enclosed. I am in the agreeable position of being able to declare myself familiar with your works and the owner of several of them, 3 hence we were not at all unknown to one another when your letter arrived.

I would most prefer to take you at your word and have the pleasure of a visit from you next time you are in Vienna. I am not talking so much of a Bach performance by you ‒ I have heard too many complimentary things about that {2} not to concur wholeheartedly with your artistic self-awareness. It is only that a conversation would afford the opportunity to discuss the questions that concern me at a more fundamental level than by that means.

But for now, please permit me to address your ideas in the order in which your letter presents them to me. Your "good musician" is a self-delusion. He should recognize and foresee, and therefore wait until the unfamiliar opinion is available in print. Why does he not discover the meaning for himself sooner? Does he really only lack time, opportunity and the desire to enunciate that which another person enunciates? Musicians have often commended themselves, behind my back, even to my face, as such post-facto-knowing "good musicians," 4 but I have never considered it anything other than a subterfuge on Nature's part when she is unable to wring an agreement out of the person concerned other than by flattering him with the delusion that it was he who had the very same idea. Without contrary evidence in word and deed, just how does the "good musician" contrive to agree with Schenker and also with C. P. E. Bach, Marx, Riemann, Thuille, Kurth, Lorenz and a host of others? Does he concur and sympathize with all of these? To whom does he adhere when what he has previously felt comes into conflict [with what he now encounters]? You see, greatly revered Mr. Hindemith, that I take quite a different view of this matter than you. I go so far as to assume that in the realm of artistic property things are as they are with material property: if, for example, Morgan 5 were to tell me he owns oil wells, it would fall to me and to no one else to say: I, too, own oil wells. Here "mine and thine" are thoroughly intertwined; in the realm of the mind, adoption of unfamiliar opinions is only ostensible, and remains for each his own property.

I have always directed my ideas solely toward so-called "music of the past" because it is solely from that that they were derived. You were kind enough to claim that they are valid also for the "music of today." I do not find that so, and take the view that you should have the courage to say that today's music is completely new, rather than seeking to anchor it in some way to that of the past; or ‒ to use your metaphor ‒ to pass off as a train that which is actually a horse-drawn carriage. In the course of conversation, Schoenberg used to ask me whether it has to be so ‒ referring to the art of the masters. Thereupon, he bluntly rejected everything that constitutes the essence of the masterworks, while at the same time not disdaining to claim J. S. Bach as his forebear, at any rate as someone who with his beginning leads up to the pinnacle [that is] Schoenberg. As you know, things have reached the point at which it is alleged of the masters that they were incapable of expressing themselves, and much more along those lines.

You imply that it could be my fault if I do not keep abreast of today's music. Were I to deny the obligation to keep abreast of it, and [say that I] would do so enthusiastically if it bore any relation to art as I mean it (Forgive me if I point flatly to a contradiction when you declare my ideas about art to be binding upon present-day [music], too, while in the same breath denying me any understanding of the latter.), then I can with alacrity prove that the music of today, by reference to that of earlier times, is not art at all. Accordingly I answer your objection as I have often done in the past: it is more likely that you have never heard the art of the masters, even though you proclaim it as the prerequisite for your creative work. At any rate, you personally act with modesty; you do not presume to mention your name in the same breath with that of Schubert; but the particular Munich theorist 6 against whom alone my remarks are directed already considers you to be Beethoven.

As regards your thoughts on the future of music, [and] on the character of our times, I should like to say: To answer briefly the thoughts put forward in your letter 7 ‒ I reserve to myself the right to express my ideas just like anybody else. I do not aspire to improve on Nature, and I bow before it if it dictates to mankind that any creation is wrung from men exclusively through a belief {3} in progress and perfection. It is Nature herself who instills in men this folly, in order to inveigle them into doing some work, i.e. life, movement ‒ it is a simple subterfuge. The course of history teaches that among the generations there are also those that bring about ruination, precisely as among individuals in a given time. It is not only earthly goods that are squandered by heirs, but also spiritual ones. [History] does not always yield an increase in material or spiritual well-being. It is above all on this {4} point that we are not of one mind, and precisely there lies the root of our remaining disagreement. What is left, [other] than for each of us from our own side to profess the most noble intentions for arts and mankind? If you have your opinions, permit me also to have mine.

You are right to stress the necessity of production. I might even declare in the bluntest possible fashion that the wretchedest hack writers are necessary. Only I have no doubt that potentially {5} one [of them] who is so constituted as I am is important. That leads me to ponder that I also know something of the secrets of production from my own experience.

{6} As you can see, therefore, I am not prepared to apologize for the fact that I live, work and claim the right to express myself just as my make-up dictates. Now is what I have uttered here hatred, revenge, intemperance? Not in the least! You discount my {7} services [to art] in favor of the unknown good musician; you discount my ear, although you proclaim its usefulness; despite everything, you think yourself humane ‒ and I fear that you will take my reply more than ever as proof of human and artistic deficiency.

And yet we want ‒ since the same integrity animates us ‒ to confer upon each other the right to our own opinion. ‒ It is indeed the case that you work contrary to my feelings ‒ although {8} you do not admit it, and therefore I understandably work against you ‒ which, however, I freely admit

[incomplete]
[No valediction or signature]

© Translation Ian Bent and Christoph Hust, 2011

[No salutation] 1

Für Ihren freundlichen Brief u. die Partitur 2 ‒ eine zweite lag nicht bei ‒ sage ich Ihnen herzlichsten Dank. Ich bin in der angenehmen Lage[,] Ihnen erklären zu können, daß ich Ihre Arbeiten kenne, u. mehrere besitze, 3 u. so waren wir uns gar nicht fremd beim Eintreffen Ihrer Zeilen.

Am liebsten würde ich Sie beim Worte nehmen u. bitten, mir das Vergnügen Ihres Besuches zu schenken, wenn Sie einmal in Wien sind. Ich meine nicht so sehr Ihren Bach-Vortrag ‒ ich habe darüber zu viel Schönes gehört, als daß ich Ihrem künstlerischen Selbstgefühl {2} nicht aufrichtig zustimme ‒, nur würde ein Gespräch Gelegenheit geben, die mir [sic] beschäftigenden Fragen gründlicher als auf diesem Wege zu erörtern.

Bis dahin aber wollen Sie erlauben, daß ich auf Ihre Gedanken eingehe in der Reihe, wie sie mir Ihr Schreiben bringt. Ihr „guter Musiker“ ist eine Selbsttäuschung. Er sollte mit- u. vorauswissen u. doch darauf warten, bis die fremde Meinung gedruckt vorliegt. Warum entdeckt er die Meinung in sich nicht früher? fehlt ihm wirklich nur Zeit, Gelegenheit und Lust, das auszusprechen, was ein anderer ausspricht? Hinter meinem Rücken, auch mir ins Gesicht ‒ haben sich oft Musiker als solche nachwissende „gute Musiker“ 4 empfohlen, doch habe ich das niemals für etwas anderes als ein Hausmittel der Natur betrachtet, die den Menschen eine Zustimmung nicht anders abringen kann, als indem sie dem Zustimmenden mit der Einbildung schmeichelt, er wäre es, der das Gleiche gedacht. Von Gegenbeweisen in Wort und Tat abgesehen, wie macht es nur der „gute Musiker“, daß er wie mit Schenker auch mit Em. Bach, Marx, Riemann, Thuille, Kurth, Lorenz u. hundert anderen geht? Fühlt u. denkt er mit [?diesen] allen [?mit]? Zu wem hält er, wenn das Vorausempfundene in Widerstreit ist? Sie sehen, verehtester Herr H., daß ich in dieser Sache ganz anders denke, als Sie, ich gehe so weit anzunehmen, daß es auch auf dem Gebiet künstlerischer Güter so ist, wie auf dem der materiellen: Sagte mir z.B. Morgan, 5 er besitze Oelquellen, mir - u. keinem andern [-] fiele ein zu sagen; Oelquellen besitze ich auch. Hier ist Mein u. Dein gut durchempfunden; auf geistigem Gebiet ist die Annahme fremder Meinungen nur scheinbar u. es bleibt jeder bei seinem Besitz.

Ich habe meine Gedanken immer nur auf die sogenannte vergangene Musik bezogen, weil sie nur ihr entnommen waren. Sie hatten die Freundlichkeit auszusprechen, daß sie auch für die „heutige Musik“ gelte. Ich finde das nicht u. meine, Sie sollten den Mut haben zu sagen, die heutige Musik sei völlig neu, als daß Sie sie irgendwie in der vergangenen zu verankern suchen, oder ‒ in Ihrem Bilde ‒ die sogenannte neue Musik für eine Eisenbahn ausgäben, die zugleich ein Pferdewagen ist. Im mündlichen Verkehr pflegte Schönberg mich zu fragen, ob es so sein müsse ‒ das so bezog sich auf die Kunst der Meister[.] Damit lehnte er deutlich alles ab, was das Wesen der Meisterwerke ausmacht, verschmähte aber nicht, gleichzeitig S. Bach als seinen Vorfahren auszugeben, allerdings als einen, der mit seinem Anfang auf den Gipfel Schönberg zielt. Sie wissen, daß es so weit gekommen ist, daß von den Meistern behauptet wird, sie hätten sich nicht auszudrücken vermocht, u. dgl. m.

Sie deuten an, es könnte an mir liegen, wenn ich mit der heutigen Musik nicht gehe. Wenn ich davon absehe, daß ich mit ihr gehen müßte, u. begeistert ginge, wenn sie mit der Kunst, die ich meine[,] Zusammenhang hätte (verzeihen Sie, wenn ich es offen als einen Widerspruch bezeichne, daß Sie meine Gedanken über die Kunst für verbindlich auch für die gegenwärtige erkläre[n], in einem aber das Verständnis für diese mir irgendwie absprechen), so kann ich mit Leichtigkeit nachweisen, daß die heutige Kunst im Sinne der früheren gar keine Kunst mehr ist, u. daher auf Ihren Einwand erwidern, wie ich es schon öfters getan: eher ist es so, daß Sie die Kunst der Meister noch nicht gehört haben, obwohl Sie sie als Voraussetzung für Ihr Schaffen bezeichnen? Sie persönlich machen es allerdings bescheiden, Sie gedenken nicht, sich mit Schubert in einem Athem zu nennen, aber der gewisse Münchner Theoretiker, 6 gegen den allein meine Zeilen gerichtet sind, hält schon Sie Beethoven.

Bezüglich Ihrer Gedanken über die Zukunft der Musik, über den Charakter unserer Zeit möchte ich sagen: den in Ihrem Schreiben vorgebrachten Gedanken kurz zu entgegnen 7 ‒ für mich das Recht in Anspruch nehme, meine Gedanken auszudrücken, wie jeder ander es tut. Ich habe nicht den Ehrgeiz, die Natur verbessern zu wollen, u. beuge mich ihr, wenn sie über die Menschen verhängt, daß jegliches Vollbringen sich ihnen nicht anders als in dem Glauben {3} an Fortschritt u. Vollendung abringt. Die Natur selbst ist es, die dem Menschen diesen Wahn einträufelt, um aus ihnen Arbeit, d.h. Leben, Bewegung herauszuschlagen ‒ ein einfaches Hausmittel der Natur ist es. Der Gang der Geschichte lehrt, daß [es] unter den Geschlechtern auch Verderben bringende gibt genau so wie unter Individuen zu einer gegebenen Zeit. Nicht nur materielle Güter werden von Erben verpraßt, auch geistige. Es geht nicht immer einem Zuwachs von materiellem oder geistigem Wohlstand entgegen. In diesem {4} Punkte hauptsächlich sind wir nicht einig u. gerade da liegt die Wurzel auch der übrigen Unstimmigkeit. Was bleibt übrig, als daß wir uns gegenseitig die ehrlichsten Absichten zur Kunst u. Menschheit zugestehen? Lassen Sie auch mich Partei sein, wenn Sie Partei sind.

Sie haben Recht, wenn Sie die Notwendigkeit der Produktion betonen, sogar möchte ich so krass wie möglich behaupten, daß die elendsten Scribenten notwendig seien, nur zweifle ich nicht daran, daß unter Umständen auch {5} einer wichtig ist, der so beschaffen ist wie ich wobei ich zu bedenken gebe, daß ich auch um die Produktionsgeheimnisse einiges aus Erfahrung weiß.

{6} Sie sehen mich also nicht gewillt, um Entschuldigung zu bitten daß ich lebe, wirke u. das Recht in Anspruch nehme, mich auszudrükken, wie ich eben beschaffen bin. Ist das nun Hass, Rache, Leidenschaft, was ich hier ausgesprochen habe? Gewiß nicht! Sie streichen meine Ver- {7} dienste zugunsten des unbekannten guten Musikers, Sie streichen mir das Ohr, obwohl Sie seine Brauchbarkeit bestätigen, Sie kommen sich trotz alle dem human vor ‒ u. ich fürchte, Sie werden meine Entgegung, erst recht als einen Erweis menschlichen u. künstlerischen Mangels empfinden[.]

Und doch wollen wir, da uns die gleiche Ehrlichkeit beseelt, uns gegenseitig die Rechte einer Partei zuerkennen. ‒ es ist gewiss so, daß Sie gegen mein Gefühl wirken ‒ obwohl {8} Sie es nicht zugeben, u. so wirke ich begreiflich gegen Sie, was ich aber offen zugestehe

[incomplete]
[No valediction or signature]

© Transcription Ian Bent, 2011

[No salutation] 1

My most cordial thanks to you for your friendly letter and score 2 ‒ no second score was enclosed. I am in the agreeable position of being able to declare myself familiar with your works and the owner of several of them, 3 hence we were not at all unknown to one another when your letter arrived.

I would most prefer to take you at your word and have the pleasure of a visit from you next time you are in Vienna. I am not talking so much of a Bach performance by you ‒ I have heard too many complimentary things about that {2} not to concur wholeheartedly with your artistic self-awareness. It is only that a conversation would afford the opportunity to discuss the questions that concern me at a more fundamental level than by that means.

But for now, please permit me to address your ideas in the order in which your letter presents them to me. Your "good musician" is a self-delusion. He should recognize and foresee, and therefore wait until the unfamiliar opinion is available in print. Why does he not discover the meaning for himself sooner? Does he really only lack time, opportunity and the desire to enunciate that which another person enunciates? Musicians have often commended themselves, behind my back, even to my face, as such post-facto-knowing "good musicians," 4 but I have never considered it anything other than a subterfuge on Nature's part when she is unable to wring an agreement out of the person concerned other than by flattering him with the delusion that it was he who had the very same idea. Without contrary evidence in word and deed, just how does the "good musician" contrive to agree with Schenker and also with C. P. E. Bach, Marx, Riemann, Thuille, Kurth, Lorenz and a host of others? Does he concur and sympathize with all of these? To whom does he adhere when what he has previously felt comes into conflict [with what he now encounters]? You see, greatly revered Mr. Hindemith, that I take quite a different view of this matter than you. I go so far as to assume that in the realm of artistic property things are as they are with material property: if, for example, Morgan 5 were to tell me he owns oil wells, it would fall to me and to no one else to say: I, too, own oil wells. Here "mine and thine" are thoroughly intertwined; in the realm of the mind, adoption of unfamiliar opinions is only ostensible, and remains for each his own property.

I have always directed my ideas solely toward so-called "music of the past" because it is solely from that that they were derived. You were kind enough to claim that they are valid also for the "music of today." I do not find that so, and take the view that you should have the courage to say that today's music is completely new, rather than seeking to anchor it in some way to that of the past; or ‒ to use your metaphor ‒ to pass off as a train that which is actually a horse-drawn carriage. In the course of conversation, Schoenberg used to ask me whether it has to be so ‒ referring to the art of the masters. Thereupon, he bluntly rejected everything that constitutes the essence of the masterworks, while at the same time not disdaining to claim J. S. Bach as his forebear, at any rate as someone who with his beginning leads up to the pinnacle [that is] Schoenberg. As you know, things have reached the point at which it is alleged of the masters that they were incapable of expressing themselves, and much more along those lines.

You imply that it could be my fault if I do not keep abreast of today's music. Were I to deny the obligation to keep abreast of it, and [say that I] would do so enthusiastically if it bore any relation to art as I mean it (Forgive me if I point flatly to a contradiction when you declare my ideas about art to be binding upon present-day [music], too, while in the same breath denying me any understanding of the latter.), then I can with alacrity prove that the music of today, by reference to that of earlier times, is not art at all. Accordingly I answer your objection as I have often done in the past: it is more likely that you have never heard the art of the masters, even though you proclaim it as the prerequisite for your creative work. At any rate, you personally act with modesty; you do not presume to mention your name in the same breath with that of Schubert; but the particular Munich theorist 6 against whom alone my remarks are directed already considers you to be Beethoven.

As regards your thoughts on the future of music, [and] on the character of our times, I should like to say: To answer briefly the thoughts put forward in your letter 7 ‒ I reserve to myself the right to express my ideas just like anybody else. I do not aspire to improve on Nature, and I bow before it if it dictates to mankind that any creation is wrung from men exclusively through a belief {3} in progress and perfection. It is Nature herself who instills in men this folly, in order to inveigle them into doing some work, i.e. life, movement ‒ it is a simple subterfuge. The course of history teaches that among the generations there are also those that bring about ruination, precisely as among individuals in a given time. It is not only earthly goods that are squandered by heirs, but also spiritual ones. [History] does not always yield an increase in material or spiritual well-being. It is above all on this {4} point that we are not of one mind, and precisely there lies the root of our remaining disagreement. What is left, [other] than for each of us from our own side to profess the most noble intentions for arts and mankind? If you have your opinions, permit me also to have mine.

You are right to stress the necessity of production. I might even declare in the bluntest possible fashion that the wretchedest hack writers are necessary. Only I have no doubt that potentially {5} one [of them] who is so constituted as I am is important. That leads me to ponder that I also know something of the secrets of production from my own experience.

{6} As you can see, therefore, I am not prepared to apologize for the fact that I live, work and claim the right to express myself just as my make-up dictates. Now is what I have uttered here hatred, revenge, intemperance? Not in the least! You discount my {7} services [to art] in favor of the unknown good musician; you discount my ear, although you proclaim its usefulness; despite everything, you think yourself humane ‒ and I fear that you will take my reply more than ever as proof of human and artistic deficiency.

And yet we want ‒ since the same integrity animates us ‒ to confer upon each other the right to our own opinion. ‒ It is indeed the case that you work contrary to my feelings ‒ although {8} you do not admit it, and therefore I understandably work against you ‒ which, however, I freely admit

[incomplete]
[No valediction or signature]

© Translation Ian Bent and Christoph Hust, 2011

Footnotes

1 Writing of this draft is recorded in Schenker's diary at OJ 3/9, p. 2997, November 3, 1926: "Abends [...] Entwurf eines Briefes an Hindemith diktiert." ("In the evening [...] Draft of a letter to Hindemith dictated."). A further entry appears at ibid, p. 2998, November 10, 1926: "An Hindemith (Brief; letzte Fassung verbessert, Lie-Liechen schreibt ihn." ("To Hindemith, letter; last version improved, Lie-Liechen writes it out."). Mailing of the letter is recorded at ibid, p. 3001, November 13, 1926: "Brief an Hindemith abgeschickt." ("Letter to Hindemith sent off."). The finished letter is not known to survive.

2 = OJ 11/51, [1].

3 Schenker is presumably referring to Hindemith scores, since the composer did not start producing books until 1937, thus there is nothing by him in Schenker's private library of books about music sold at his death: Musik und Theater enthaltend die Bibliothek des Herrn Dr. Heinrich Schenker, Wien (Vienna: Heinrich Hinterberger, [c. 1926]). Whether there were scores in his library cannot be ascertained because the catalog for that sale, which was in the form of a card index, has not been traced despite extensive inquiries. No writings are preserved in OJ or OC.

4 "nachwissend": Schenker is alleging (as he did on other occasions) that people read what he has to say and then claim what they read as their own, thereby becoming "good musicians" post facto, only through Schenker.

5 John Pierpoint Morgan ‒ Schenker apparently had contact with him around this time through Gerald F. Warburg regarding autograph manuscripts in his possession; see, e.g. diary OJ 3/9, p. 3031, February 3, 1927.

6 "Munich theorist": unidentified: cf. Schenker's diary, OJ 3/6, p. 2714, August 28, 1924: "Von Reygersberg, (Br.): [...] Zitirt ein Tagblatt, worin ein Theorie-Professor in München geschrieben haben soll: Beethoven würde heute wie Hindemith komponieren!" ("From Reygersberg, (letter): [...] Quotes a daily in which, he claims, a professor of theory in Munich wrote: Beethoven would compose like Hindemith [if he were alive] today!").

7 "den ... entgegnen": Schenker probably meant this clause to be deleted ‒ it is superfluous. This sheet was initially the lower part of p. 2, and the line was torn through such that the ascenders of the letters appear on p. 2 and the body and descenders on p. 24.

Commentary

Format
Handwritten first draft (Urschrift) in Jeanette Schenker's hand of a letter: 15 pages, numbered 1, 2, 2b, 2c, 2e, 2f, 2g[1], 2g[2], 2h, 3, 4, 5, 6, 7, 8 (2h originally the lower part of 2). Heavily edited in Schenker's hand on the rectos and some versos.
Provenance
Schenker, Heinrich (1926-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker
License
This document is in the public domain. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-12-10
Last updated: 2011-12-10