Galtür, 20. VII 1923


Fl! 1

Zwischen Karte u. gegenwärtigen Brief hat sich ganz plötzlich aus ei bisher unbekannter Ursache (vielleicht Fehlgriff in zu viel kaltem Trunk nach 3-stundigem Marsch in starker Hitze oder so etwas) eine Thema mit 15 Variationen 2 eingeschlichen, das sich binnen einem Tag abgespielt u. mich so matt gesetzt hat, daß ich weder etwas essen u. noch weniger schreiben konnte. „Sentendo nuova forza“ (mit Beeth. zu schreiben) 3 hole ich meine Zusage als Erstes nach.

In der That heiße ich das rasch u. findig, was du mir da durch deinen Musikent[h]usiasten darbietest. Vielen, vielen Dank. Ihm selbst zu danken, sei dem Zeitpunkt vorbehalten, wo ich von seiner Güte werde Gebrauch machen können, u. ich hoffe es kommt dazu. Schon zum Abschluß meiner Stunden im Juni habe ich meinen Schülern gesagt, daß sie mir je 50 Abnehmer sichern müssen für 2–4 Hefte jährlich – ist die Sache einmal in gutem Gange, wird sich auch mehr von selbst machen lassen –, was die Spucke von 24 bis 48.000 Kr. jährlich ausmacht (Hertzka rechnet 12000 K per Heft), wozu kommt, daß von solchen Abnehmern sicherlich die Meisten ihre Buchhändler haben, die ihnen Rabatte geben, so daß selbst die Hauptziffer von 48000 K auf wenig mehr als 40.000 K fallen dürfte. Das Hauptwort aber, das ich an meine Schüler richtete, {2} war, (in Zorn u. Schmerz herausgeschrieen, denn ich schämte mich, es überhaupt erst nötig zu haben, daß ich es sage): „Wärt Ihr Schüler von Schönberg, oder Schrecker, oder Busoni oder irgendso einem ähnlichen Vorüberhörer u. Danebenlehrer, stündet Ihr Kopf, liefet Ihr in allen Gassen, in allen Städten, u. Vereinen herein, ließet Euch Geld kosten, um dabei u. dafür zu sein, so aber berührt von der Wahrheit, schlaft u. schnarcht am hellichten Tag, als gäbe ich Opium statt der Wahrheit.“ Und noch heftiger schrie ich sie an: „Saget allen denjenigen, an die Ihr Euch wenden werdet, in meinem Namen, daß sie sich nicht unterstehen dürfen einzuwenden, daß sie vom „TW“ nichts verstehen, da sie in ihren Büchereien sicher Werke stehen haben, die sie nie gelesen, oder wenn gelesen, so nicht verstanden haben, daß es um der Kulturdisziplin halber willen auch den „TW.“ in die Bücherei, ungelesen, unverstanden, einzurechen notwendig ist, sei es schließlich in der stillen Hoffnung, daß die Kindskinder ihn mit Nutzen zu sich nehmen werden.“ Ich sah genau, wie sie mein Zerren aus ihrem Schlaf störte, aber ich mußte es tun. Es geht wirklich nicht so weiter, daß ich Alles fast ganz allein besorge, 1) Arbeit um das Werk (u. welche!!), 2) das Werk, u. 3) die Propaganda des Werkes (statt des Verlegers u. der Schulen) – das ist zu viel, zumal noch so viel Arbeit aussteht, vor Allem doch der IV[.] Band, der halbfertig daliegt, die Krone des Ganzen, das hellste Licht der Bände. 4

Die Schüler versprechen es zu tun, sogar Weisse , dieser sehr fatale Knabe, der in meinem {3} Namen außerordentlich Zulauf hat (6 Schüler täglich), sich schließlich erlauben konnte, 10.000 K für die Stunde anzusetzen u., was ich heute noch nicht machen kann, die Vormittage der eigenen Arbeit vorzubehalten u. nur an den Nachmittagen zu unterrichten, der trotz Allem in wichtigen Augenblicken abseits steht (so hat er Hertzka den Aufsatz über mich im „Anbruch“ verweigert, aber auch die selbstständige Monographie, die er zu drucken bereit war, bereit ist,) immer mit dem Blick auf Haydn , Mozart , Beeth , Schubert , Brahms , die nicht auch geschrieben haben u. die Reihe Em. Bach , Schumann u.A. misachtend, die daneben Einiges geschrieben) sogar Weisse, sage ich, se versprach es aufs bestimmteste[.] Fr. Elias ist ja leider höchst ungeschickt u. außer jeder gesellschaftlichen Beziehung, wird sich aber gewiß u. gern anstrengen. Sie hat sofort zu Haslinger 5 1 Exempl. gebracht u. in meinem Namen ersucht, es in die Auslage zu geben – Hertzka schickt nur den „Anbr.“, aber niemals den „TW.“! –, Haslinger hat es getan, aber am nächsten Tag hat war es auch schon weg: der Dummkopf hat es verkauft. Elias ging nochmals hinein u. wiederholte die Bitte, obgleich sich die Unverkäuflichkeit eines geschenkten Ex. von selbst verstand, – es wurde ihr die Erfüllung zugesagt, ob aber auch gehalten, läßt sich von hier nicht sagen. Oder: ich u. Lieliechen bringen ein Exemplar zu Rosé (heute: Kern) 6 u. bitten ihn, es auszustellen. Ll. macht in feinster Weise aufmerksam, daß das Heft nicht mehr verkäuflich sein kann, da sie dies u. jenes unterstrichen, u. die Urlinie nach außen gewendet {4} hat. Auf einmal sagt Kern lieblichst lachend jüdelnd – ach, ein großes Geschäft trat in Sicht!?! –: „das wer' ich ja verkaufen!“ Mehr Eselei oder mehr Gier? Oder beides in gleicher Wa[a]ge? Jedenfalls aber hoffe ich Abnehmer zusammen[zu]bringen, wodurch aber das Unternehmen von vornherein für de jeden Verleger einen genau zu ermittelnden Reingewinn abwerfen müsste u. das soll mein Rückgrat sein. An Vriesl. habe ich ebenfalls die Frage gerichtet, was er in München zu erreichen sich versprechen könnte. Aber nun zur Frage Leipzig : 7

Soll ich also auf dem Kongreß den erbetenen Vortrag halten? Steht es dafür, die große Arbeit, die ich augenblicklich wälze, im Stich zu lassen, den Stundenverlust u. die Reisekosten auf mich zu nehmen, die Berührung mit den „Kollegen“ – vielleicht nur das eine Mal – zu wagen, oder ists nicht besser, aus der Keilgasse zu wirken, wie bisher? Schließlich kann ich im „TW.“ es noch besser u. freier sagen, als vor den „gekränkten Leberwürsten“ u. fest steht, was du einmal sehr richtig schreibst, daß sie mich doch nicht verstehen werden. Denn zu diesen Geheimnissen, den vorletzten, denn die letzten sind in Gott u. unergründlich, sind auch nicht zum Ergründer da, gehören unser beider Ohren, die sie doch Alle mitsammen nicht haben – du brauchst, Fl., nicht züchtig zu erröten, ich schäme mich ja auch nicht es zu schreiben – also kurz u. gut: soll ich nach Leipzig oder nicht?

Kommst du, so zeige ich dir hier allerlei Interessantes. Vorläufig also dir u. Allen deinen herzlichste Grüße von mir u. der ewig schreibenden LieLiechen.


2:5 (Fanny!)
[signed:] Dein H.

[upper margin, upside down:]
V. Heft bringt V[.] Sinf. And., Scherzo u. Finale, also Ganz!

VI[.] " Brahms' Händelvar., S.Bach's Solostücke für Vl., Vcl, u. gegen Kurts „linearen Kp.“

VII[.] " Sinfon. Gm Moz., Ddur Haydn, oder Brahms' III. [—] bei Hertzkafreiheit rücke ich sofort mit Reger heraus, mit Wagner ! 8

© Transcription William Drabkin, 2011


Galtür, July 20, 1923


Floriz, 1

Between [your letter]card and the present letter, suddenly and for some unknown reason (perhaps unwisely choosing a drink that was too cold after a three-hour-long walk in extreme heat, or something of that sort) a Theme and Fifteen Variations 2 crept in, which overcame me within a day, and rendered me so weak that I could not eat anything, still less put pen to paper. "Sentendo nuova forza" (in Beethoven's words), 3 the first thing I am doing is to make good on my promise.

I do indeed call that which you are offering me through your music enthusiast timely and ingenious. Many, many thanks. Thanking the man himself should be reserved for the moment at which I shall be able to make use of his generosity, and I hope we will get to that point. As soon as my lessons ended in June, I told my pupils that they must each secure fifty subscribers [to Der Tonwille] for between two and four issues a year, which will make up between 24,000 and 48,000 Kronen per year – Hertzka reckons [a cost of] 12,000 Kronen per issue. (Once this scheme is in full swing, it will actually make more by itself.) What is more, most of these subscribers will surely have their own book dealers, who give them discounts, so that even the basic sum of 48,000 Kronen will probably be reduced to little more than 40,000 Kronen. But the principal point that I directed at my pupils {2} (cried out in pain and fury, for I was ashamed that it should ever have been necessary to say it), was: "Were you the pupils of Schönberg, or Schreker, or Busoni, or anyone else who similarly cannot hear properly or teach correctly, you would be standing on your heads, running into the streets, through every town and society, parting with your money in order to be with them and to support them; but so touched are you by the truth that you sleep and snore in the broadest daylight, as though I were giving you opium rather than the truth." And I cried out to them with an even louder voice, saying: "Say to all those to whom you will turn, in my name, that they should not dare to raise the objection that they understand nothing in Der Tonwille , for they surely have in their libraries works that they have never read – or, if they have read them, they have not understood that, on account of for the sake of the cultural discipline, it is necessary to include Der Tonwille too in their libraries, unread or uncomprehended, if only in the secret hope that ultimately their children’s children will profitably take to them." I saw very clearly how my protestations disturbed their slumber, but I had to do it. I really cannot go on in such a way that I have to take care of everything almost entirely on my own, 1) preparation for the work (and how much of that there is!!), 2) the writing of the work, and 3) the promotion of the work (instead of leaving this to the publisher and the schools) – that is too much, above all while so much work remains to be done, above all volume 4, which languishes half-finished, the culmination of the whole, the brightest light of the volumes. 4

My pupils promise to do it; even Weisse, this fatal boy, who in my {3} name has such an extraordinarily large following (six pupils a day), was finally in a position to stipulate 10,000 Kronen per lesson, and – something I myself still cannot manage today – to reserve the mornings for his own work, and to teach only in the afternoons, who despite everything steps to one side at the crucial moments (thus he has turned down writing the article about me for Hertzka in the Anbruch but also the independent monograph [about me] that Hertzka was – and still is – prepared to publish, always referring to Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert and Brahms, who also did not write about music, in disregard of the lineage of C. P. E. Bach and Schumann, among others, who wrote about music alongside composing; even Weisse, I tell you, promised it most explicitly. Miss Elias is, unfortunately, highly unskilled and lacking all social connections; she will nonetheless certainly and willingly exert herself. She promptly took one copy to Haslinger’s 5 and asked them in my name to display it in their shop window – Hertzka sends them only the Anbruch , never Der Tonwille ! – Haslinger did so, but by the next day it was already gone: the idiot had sold it. Elias went back to them and repeated her request, notwithstanding the fact that it was self-evident that the copy that had been presented was not for sale; they promised to honor her request, but whether or not they kept their word I cannot say. On another occasion, Lie-Liechen and I took a copy to Rosé’s shop (now owned by Kern) 6 and ask him to put it on display. Lie-Liechen makes it clear to him, in the most polite manner, that the issue can no longer be for sale since she has underlined things here and there, and has unfolded the Urlinie graph. {4} Suddenly Kern, with the most charming laugh and [sensing] a big deal in sight(!?!), says in a Jewish accent: "I will sell that easily!" Which is the greater, the stupidity or the greed? Or are the two in equal measure? At any rate, however, I hope to be able to build up a number of subscribers, by means of which the undertaking would from now on unfailingly bring in for any publisher a precisely calculable clear profit, and that is to be the basis on which I operate. To Vrieslander I have likewise directed the question as to what he could expect to achieve in Munich. But now to the question of Leipzig: 7

Shall I give the requested lecture to the congress? Is it worthwhile abandoning the great work over which I am at present toiling, absorbing the loss of lessons and the travel costs, risking contact with "colleagues" (perhaps only the one time); or is it not better to work out of the Keilgasse, as I have been doing up to now. Finally, I can say [what I have to say] far better and more freely in Der Tonwille than in front of those thin-skinned liver-sausages. And what you once very rightly said holds true: these people will certainly not understand me. For to these secrets, the penultimate ones (for the ultimate ones reside in God and are unfathomable, not even to the one who penetrates these mysteries himself), belong our two ears, which is more than these people have among them — Floriz, you need not blush in modesty; I am not ashamed to write this: in short, should I go to Leipzig, or not?

If you can get here, then I will show you all manner of interesting things. Provisionally, then, to you and all yours, most cordial greetings from me and from the ever-writing Lie-Liechen.


From the two of us to the five of you (including Fanny),
[signed:] Your H.

[upper margin, upside down:]
Issue 5 includes the Andante, Scherzo, and Finale of [Beethoven’s] Fifth Symphony, i.e. complete!

Issue 6 Brahms's Handel Variations, J. S. Bach's solo pieces for violin and cello, contra Kurth's Linearer Kontrapunkt

Issue 7 Mozart's G-minor Symphony, Haydn's D-major, or Brahms's Third. [—] If Hertzka grants me the freedom, I shall immediately have it out with Reger, with Wagner! 8

© Translation William Drabkin, 2011


Galtür, 20. VII 1923


Fl! 1

Zwischen Karte u. gegenwärtigen Brief hat sich ganz plötzlich aus ei bisher unbekannter Ursache (vielleicht Fehlgriff in zu viel kaltem Trunk nach 3-stundigem Marsch in starker Hitze oder so etwas) eine Thema mit 15 Variationen 2 eingeschlichen, das sich binnen einem Tag abgespielt u. mich so matt gesetzt hat, daß ich weder etwas essen u. noch weniger schreiben konnte. „Sentendo nuova forza“ (mit Beeth. zu schreiben) 3 hole ich meine Zusage als Erstes nach.

In der That heiße ich das rasch u. findig, was du mir da durch deinen Musikent[h]usiasten darbietest. Vielen, vielen Dank. Ihm selbst zu danken, sei dem Zeitpunkt vorbehalten, wo ich von seiner Güte werde Gebrauch machen können, u. ich hoffe es kommt dazu. Schon zum Abschluß meiner Stunden im Juni habe ich meinen Schülern gesagt, daß sie mir je 50 Abnehmer sichern müssen für 2–4 Hefte jährlich – ist die Sache einmal in gutem Gange, wird sich auch mehr von selbst machen lassen –, was die Spucke von 24 bis 48.000 Kr. jährlich ausmacht (Hertzka rechnet 12000 K per Heft), wozu kommt, daß von solchen Abnehmern sicherlich die Meisten ihre Buchhändler haben, die ihnen Rabatte geben, so daß selbst die Hauptziffer von 48000 K auf wenig mehr als 40.000 K fallen dürfte. Das Hauptwort aber, das ich an meine Schüler richtete, {2} war, (in Zorn u. Schmerz herausgeschrieen, denn ich schämte mich, es überhaupt erst nötig zu haben, daß ich es sage): „Wärt Ihr Schüler von Schönberg, oder Schrecker, oder Busoni oder irgendso einem ähnlichen Vorüberhörer u. Danebenlehrer, stündet Ihr Kopf, liefet Ihr in allen Gassen, in allen Städten, u. Vereinen herein, ließet Euch Geld kosten, um dabei u. dafür zu sein, so aber berührt von der Wahrheit, schlaft u. schnarcht am hellichten Tag, als gäbe ich Opium statt der Wahrheit.“ Und noch heftiger schrie ich sie an: „Saget allen denjenigen, an die Ihr Euch wenden werdet, in meinem Namen, daß sie sich nicht unterstehen dürfen einzuwenden, daß sie vom „TW“ nichts verstehen, da sie in ihren Büchereien sicher Werke stehen haben, die sie nie gelesen, oder wenn gelesen, so nicht verstanden haben, daß es um der Kulturdisziplin halber willen auch den „TW.“ in die Bücherei, ungelesen, unverstanden, einzurechen notwendig ist, sei es schließlich in der stillen Hoffnung, daß die Kindskinder ihn mit Nutzen zu sich nehmen werden.“ Ich sah genau, wie sie mein Zerren aus ihrem Schlaf störte, aber ich mußte es tun. Es geht wirklich nicht so weiter, daß ich Alles fast ganz allein besorge, 1) Arbeit um das Werk (u. welche!!), 2) das Werk, u. 3) die Propaganda des Werkes (statt des Verlegers u. der Schulen) – das ist zu viel, zumal noch so viel Arbeit aussteht, vor Allem doch der IV[.] Band, der halbfertig daliegt, die Krone des Ganzen, das hellste Licht der Bände. 4

Die Schüler versprechen es zu tun, sogar Weisse , dieser sehr fatale Knabe, der in meinem {3} Namen außerordentlich Zulauf hat (6 Schüler täglich), sich schließlich erlauben konnte, 10.000 K für die Stunde anzusetzen u., was ich heute noch nicht machen kann, die Vormittage der eigenen Arbeit vorzubehalten u. nur an den Nachmittagen zu unterrichten, der trotz Allem in wichtigen Augenblicken abseits steht (so hat er Hertzka den Aufsatz über mich im „Anbruch“ verweigert, aber auch die selbstständige Monographie, die er zu drucken bereit war, bereit ist,) immer mit dem Blick auf Haydn , Mozart , Beeth , Schubert , Brahms , die nicht auch geschrieben haben u. die Reihe Em. Bach , Schumann u.A. misachtend, die daneben Einiges geschrieben) sogar Weisse, sage ich, se versprach es aufs bestimmteste[.] Fr. Elias ist ja leider höchst ungeschickt u. außer jeder gesellschaftlichen Beziehung, wird sich aber gewiß u. gern anstrengen. Sie hat sofort zu Haslinger 5 1 Exempl. gebracht u. in meinem Namen ersucht, es in die Auslage zu geben – Hertzka schickt nur den „Anbr.“, aber niemals den „TW.“! –, Haslinger hat es getan, aber am nächsten Tag hat war es auch schon weg: der Dummkopf hat es verkauft. Elias ging nochmals hinein u. wiederholte die Bitte, obgleich sich die Unverkäuflichkeit eines geschenkten Ex. von selbst verstand, – es wurde ihr die Erfüllung zugesagt, ob aber auch gehalten, läßt sich von hier nicht sagen. Oder: ich u. Lieliechen bringen ein Exemplar zu Rosé (heute: Kern) 6 u. bitten ihn, es auszustellen. Ll. macht in feinster Weise aufmerksam, daß das Heft nicht mehr verkäuflich sein kann, da sie dies u. jenes unterstrichen, u. die Urlinie nach außen gewendet {4} hat. Auf einmal sagt Kern lieblichst lachend jüdelnd – ach, ein großes Geschäft trat in Sicht!?! –: „das wer' ich ja verkaufen!“ Mehr Eselei oder mehr Gier? Oder beides in gleicher Wa[a]ge? Jedenfalls aber hoffe ich Abnehmer zusammen[zu]bringen, wodurch aber das Unternehmen von vornherein für de jeden Verleger einen genau zu ermittelnden Reingewinn abwerfen müsste u. das soll mein Rückgrat sein. An Vriesl. habe ich ebenfalls die Frage gerichtet, was er in München zu erreichen sich versprechen könnte. Aber nun zur Frage Leipzig : 7

Soll ich also auf dem Kongreß den erbetenen Vortrag halten? Steht es dafür, die große Arbeit, die ich augenblicklich wälze, im Stich zu lassen, den Stundenverlust u. die Reisekosten auf mich zu nehmen, die Berührung mit den „Kollegen“ – vielleicht nur das eine Mal – zu wagen, oder ists nicht besser, aus der Keilgasse zu wirken, wie bisher? Schließlich kann ich im „TW.“ es noch besser u. freier sagen, als vor den „gekränkten Leberwürsten“ u. fest steht, was du einmal sehr richtig schreibst, daß sie mich doch nicht verstehen werden. Denn zu diesen Geheimnissen, den vorletzten, denn die letzten sind in Gott u. unergründlich, sind auch nicht zum Ergründer da, gehören unser beider Ohren, die sie doch Alle mitsammen nicht haben – du brauchst, Fl., nicht züchtig zu erröten, ich schäme mich ja auch nicht es zu schreiben – also kurz u. gut: soll ich nach Leipzig oder nicht?

Kommst du, so zeige ich dir hier allerlei Interessantes. Vorläufig also dir u. Allen deinen herzlichste Grüße von mir u. der ewig schreibenden LieLiechen.


2:5 (Fanny!)
[signed:] Dein H.

[upper margin, upside down:]
V. Heft bringt V[.] Sinf. And., Scherzo u. Finale, also Ganz!

VI[.] " Brahms' Händelvar., S.Bach's Solostücke für Vl., Vcl, u. gegen Kurts „linearen Kp.“

VII[.] " Sinfon. Gm Moz., Ddur Haydn, oder Brahms' III. [—] bei Hertzkafreiheit rücke ich sofort mit Reger heraus, mit Wagner ! 8

© Transcription William Drabkin, 2011


Galtür, July 20, 1923


Floriz, 1

Between [your letter]card and the present letter, suddenly and for some unknown reason (perhaps unwisely choosing a drink that was too cold after a three-hour-long walk in extreme heat, or something of that sort) a Theme and Fifteen Variations 2 crept in, which overcame me within a day, and rendered me so weak that I could not eat anything, still less put pen to paper. "Sentendo nuova forza" (in Beethoven's words), 3 the first thing I am doing is to make good on my promise.

I do indeed call that which you are offering me through your music enthusiast timely and ingenious. Many, many thanks. Thanking the man himself should be reserved for the moment at which I shall be able to make use of his generosity, and I hope we will get to that point. As soon as my lessons ended in June, I told my pupils that they must each secure fifty subscribers [to Der Tonwille] for between two and four issues a year, which will make up between 24,000 and 48,000 Kronen per year – Hertzka reckons [a cost of] 12,000 Kronen per issue. (Once this scheme is in full swing, it will actually make more by itself.) What is more, most of these subscribers will surely have their own book dealers, who give them discounts, so that even the basic sum of 48,000 Kronen will probably be reduced to little more than 40,000 Kronen. But the principal point that I directed at my pupils {2} (cried out in pain and fury, for I was ashamed that it should ever have been necessary to say it), was: "Were you the pupils of Schönberg, or Schreker, or Busoni, or anyone else who similarly cannot hear properly or teach correctly, you would be standing on your heads, running into the streets, through every town and society, parting with your money in order to be with them and to support them; but so touched are you by the truth that you sleep and snore in the broadest daylight, as though I were giving you opium rather than the truth." And I cried out to them with an even louder voice, saying: "Say to all those to whom you will turn, in my name, that they should not dare to raise the objection that they understand nothing in Der Tonwille , for they surely have in their libraries works that they have never read – or, if they have read them, they have not understood that, on account of for the sake of the cultural discipline, it is necessary to include Der Tonwille too in their libraries, unread or uncomprehended, if only in the secret hope that ultimately their children’s children will profitably take to them." I saw very clearly how my protestations disturbed their slumber, but I had to do it. I really cannot go on in such a way that I have to take care of everything almost entirely on my own, 1) preparation for the work (and how much of that there is!!), 2) the writing of the work, and 3) the promotion of the work (instead of leaving this to the publisher and the schools) – that is too much, above all while so much work remains to be done, above all volume 4, which languishes half-finished, the culmination of the whole, the brightest light of the volumes. 4

My pupils promise to do it; even Weisse, this fatal boy, who in my {3} name has such an extraordinarily large following (six pupils a day), was finally in a position to stipulate 10,000 Kronen per lesson, and – something I myself still cannot manage today – to reserve the mornings for his own work, and to teach only in the afternoons, who despite everything steps to one side at the crucial moments (thus he has turned down writing the article about me for Hertzka in the Anbruch but also the independent monograph [about me] that Hertzka was – and still is – prepared to publish, always referring to Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert and Brahms, who also did not write about music, in disregard of the lineage of C. P. E. Bach and Schumann, among others, who wrote about music alongside composing; even Weisse, I tell you, promised it most explicitly. Miss Elias is, unfortunately, highly unskilled and lacking all social connections; she will nonetheless certainly and willingly exert herself. She promptly took one copy to Haslinger’s 5 and asked them in my name to display it in their shop window – Hertzka sends them only the Anbruch , never Der Tonwille ! – Haslinger did so, but by the next day it was already gone: the idiot had sold it. Elias went back to them and repeated her request, notwithstanding the fact that it was self-evident that the copy that had been presented was not for sale; they promised to honor her request, but whether or not they kept their word I cannot say. On another occasion, Lie-Liechen and I took a copy to Rosé’s shop (now owned by Kern) 6 and ask him to put it on display. Lie-Liechen makes it clear to him, in the most polite manner, that the issue can no longer be for sale since she has underlined things here and there, and has unfolded the Urlinie graph. {4} Suddenly Kern, with the most charming laugh and [sensing] a big deal in sight(!?!), says in a Jewish accent: "I will sell that easily!" Which is the greater, the stupidity or the greed? Or are the two in equal measure? At any rate, however, I hope to be able to build up a number of subscribers, by means of which the undertaking would from now on unfailingly bring in for any publisher a precisely calculable clear profit, and that is to be the basis on which I operate. To Vrieslander I have likewise directed the question as to what he could expect to achieve in Munich. But now to the question of Leipzig: 7

Shall I give the requested lecture to the congress? Is it worthwhile abandoning the great work over which I am at present toiling, absorbing the loss of lessons and the travel costs, risking contact with "colleagues" (perhaps only the one time); or is it not better to work out of the Keilgasse, as I have been doing up to now. Finally, I can say [what I have to say] far better and more freely in Der Tonwille than in front of those thin-skinned liver-sausages. And what you once very rightly said holds true: these people will certainly not understand me. For to these secrets, the penultimate ones (for the ultimate ones reside in God and are unfathomable, not even to the one who penetrates these mysteries himself), belong our two ears, which is more than these people have among them — Floriz, you need not blush in modesty; I am not ashamed to write this: in short, should I go to Leipzig, or not?

If you can get here, then I will show you all manner of interesting things. Provisionally, then, to you and all yours, most cordial greetings from me and from the ever-writing Lie-Liechen.


From the two of us to the five of you (including Fanny),
[signed:] Your H.

[upper margin, upside down:]
Issue 5 includes the Andante, Scherzo, and Finale of [Beethoven’s] Fifth Symphony, i.e. complete!

Issue 6 Brahms's Handel Variations, J. S. Bach's solo pieces for violin and cello, contra Kurth's Linearer Kontrapunkt

Issue 7 Mozart's G-minor Symphony, Haydn's D-major, or Brahms's Third. [—] If Hertzka grants me the freedom, I shall immediately have it out with Reger, with Wagner! 8

© Translation William Drabkin, 2011

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/4, p. 2536, July 20, 1923: "An F. (Br): nehme den Antrag seines Enthusiasten an, wiederhole meine Ansprache an die Schüler, besonders das Stichwort, daß es nicht darauf ankomme, den Inhalt der Hefte zu verstehen; erzähle die Erlebnisse mit Haslinger u. Kern, ersuche umgehend um Rat wegen Leipzig." ("To Floriz (letter): I accept the proposal of his enthusiast, repeat my injunction to my pupils, especially the dictum that it is not essential to be able to understand the content of the Tonwille issues. I recount my experiences with Haslinger and Kern, seek advice by return about Leipzig.").

2 A reference to Beethoven’s Fifteen Variations and Fugue on an Original Theme, Op. 35, the so-called "Eroica" Variations.

3 Another Beethoven reference: in the third movement of his A-minor String Quartet, Op. 132, the "Heiliger Dankgesang," Beethoven wrote above the second strain (Andante) "Neue Kraft fühlend (Sentendo nuova forza)."

4 That is, vol. 4 of the series Neue musikalische Theorien und Phantasien, to which Schenker eventually gave the title Der freie Satz. No paragraph-break at this point in source.

5 Probably the heirs of the publishing-house of Tobias (later Carl) Haslinger, situated near the Graben in first district of Vienna.

6 Alex Rosé was a dealer in sheet music and books at Vienna I, Kärntnerring 11 in 1905.

7 This probably refers to a conference of musicologists scheduled for the fall of 1924.

8 By “Hertzkafreiheit,” Schenker is referring to the recent difficulties he had with his publisher over his polemical writing, some of which had been suppressed from the Erläuterungsausgabe of Op. 101 and Tonwille 3. — Most of the works listed in this postscript were the subjects of analyses published in the mid-1920s, but several appeared not in Der Tonwille but in vols 1 and 2 of Das Meisterwerk in der Musik (1925, 1926). There was, however, no analysis of a Haydn or Brahms symphony, and Schenker’s opposition to Wagner is aired only briefly in some of the published essays.

Commentary

Format
4p letter, oblong format, holograph message and signature
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2011-08-24
Last updated: 2011-08-24