[Absender:]Ministerialrat Kestenberg
Berlin W 8, den 4 August 1930
Unter den Linden 4


[An: ]Herrn Dr Hans Weisse
Wien dzt XVIII
Khevenhüllergasse 6

Sehr geehrter Herr Doktor! 1

Ihre liebenswürdigen Zeilen vom 18. v. M. 2 begegnen meinem größten Interesse. Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihr ausführliches Schreiben, durch das ich ein lebhaftes Bild Ihrer geistigen Herkunft und Entwicklung empfangen habe. Daß Heinrich Schenkers Werk im Mittelpunkt Ihres ganzes Wollens und Wirkens steht, berührt mich außerordentlich sympathisch. Ich freue mich zu hören, daß Sie sich der wichtigen Aufgabe unterziehen, einen kritischen Ueberblick über die zeitgenössischen, musiktheoretischen Gedanken zu geben. Das Ergebnis, zu dem Sie kommen und das Sie wiederum zur Erkenntnis der großen Bedeutung von Schenker führt, hat für mich nichts Ueberraschendes: die gegenwärtige Situation in der musikalischen Komposition führt ja geradezu zu einer Erneuerung und Wiedergeburt der klassischen Grundgesetze (mit Ihrem Thema „Neuland der klassischen Musik“ scheinen Sie mir auf eben diese Zusammenhänge hinzudeuten), und deshalb steht Schenkers Werk nicht beziehungslos als leere Theorie da, sondern in engster Verbindung zur Praxis. Ich darf hier gleich hinzufügen, daß ich es besonders begrüße, daß auch Sie bei allen Vor- {2} schlägen, die Sie mir unterbreiten, diesen Zusammenhang mit dem lebendigen Kunstwerk wahren.

Sie werden aus meinen einleitenden Bemerkungen bereits ersehen haben, daß die Titel, die Sie mir für Ihre Vorträge vorschlagen, im allgemeinen meine vollste Billigung finden. Sollte ich mich für einige von diesen Themen im besonderen entscheiden, so würde ich vielleicht folgende drei herausgreifen: „Kritik der musikalischen Grundbegriffe“, „Schöpferisches Hören“ und „Was ist Kontrapunkt“. 3

Was nun die praktische Verwirklichung der Vorträge betrifft, so könnte ich Ihnen zunächst in Aussicht stellen, daß ich Sie von der Musikabteilung des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht zu einem Vortrag für den Winter 1930/31 auffordern werde. Es wäre mich lieb, wenn wir dann auf eines der drei von mir genannten Themen zurückkommen könnten. Ich glaube, daß Sie gerade im Zentralinstitut einen Hörerkreis finden würden, der an einer Darstellung der zeitgenössischen musiktheoretischen Grundbegriffe lebhaft interessiert wäre. Daß bei einem Vortrag im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht die Beziehung zur Pädagogik in besonderem Maße herausgestellt werden müßte, versteht sich von selbst.

Um Ihnen zu ermöglichen, daß Sie dem Vortrag im Zentralinstitut noch andere folgen lassen können, will ich versuchen die Leitungen der Akademie für Kirchen- und {3} Schulmusik und die Hochschule für Musik in Charlottenburg für Sie zu interessieren.

Bitte lassen Sie mich recht bald wissen, wie Sie zu meinem Vorschlag eines Vortrages im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht stehen würden


Mit verbindlichsten Empfehlungen bin ich
Ihr sehr ergebener
[signed:] Leo Kestenberg

© Transcription William Drabkin, 2013


[From:]Ministerial Counsellor Kestenberg,
Berlin W 8, 4 August 1930,
Unter den Linden 4


[To: ] Dr. Hans Weisse,
Vienna currently at XVIII,
Khevenhüllergasse 6

Dear Dr. Weisse! 1

Your kind message of the 18th of [last] month 2 meets with my greatest interest. I thank you sincerely for your informative letter, from which I have gained a lively picture of your intellectual background and development. That Heinrich Schenker’s work stands at the center of your entire life and work touches me in a most deeply sympathetic way. I am delighted to hear that you are undertaking the important assignment of offering a critical survey of contemporary music-theoretical thought. The results that you have arrived at, and that in turn lead to the recognition of the great importance of Schenker, come as no great surprise to me: the current situation of musical composition must lead to nothing short of a renewal and rebirth of basic classical principles ‒ with your topic "Reclaimed Territory of Classical Music," you seem to be referring to these very connections ‒ and therefore Schenker's work does not exist in isolation as empty theory, but rather is most closely related to practice. I might add here straightaway that I am especially pleased to see that you, too, in all the suggestions {2} that you have made to me, preserve this relationship to the living work of art.

From these introductory remarks of mine, you will have already realized that the titles that you have suggested for your lectures generally meet with my complete approval. Were I to decide upon some of these topics in particular, I would single out the following three: "Critique of the Basic Concepts of Music," "Creative Hearing," and "What is Counterpoint?" 3

Now, as far as the practical realization is concerned, I can in the first instance offer you the prospect of an invitation from the Music Division of the Central Institute for Education and Teaching to give a lecture during the winter of 1930/31. For me it would be attractive if we could return to one of the three topics that I named. I believe that, precisely in the Central Institute, you would find a circle of listeners who are actively interested in a demonstration of contemporary fundamental music-theoretical principles. It goes without saying that, at a lecture at the Central Institute for Education and Teaching, the relationship to pedagogy ought to be emphasised to a considerable degree.

In order that you will be able follow your lecture at the Central Institute with others, I shall seek to interest the administrations of the Academy for Church and {3} School Music and the Conservatory of Music in Charlottenburg in your work.

Please let me know as soon as possible what you think of my suggestion for a lecture at the Central Institute for Education and Teaching.


With my most sincere regards, I am
Yours very truly,
[signed:] Leo Kestenberg

© Translation William Drabkin, 2013


[Absender:]Ministerialrat Kestenberg
Berlin W 8, den 4 August 1930
Unter den Linden 4


[An: ]Herrn Dr Hans Weisse
Wien dzt XVIII
Khevenhüllergasse 6

Sehr geehrter Herr Doktor! 1

Ihre liebenswürdigen Zeilen vom 18. v. M. 2 begegnen meinem größten Interesse. Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihr ausführliches Schreiben, durch das ich ein lebhaftes Bild Ihrer geistigen Herkunft und Entwicklung empfangen habe. Daß Heinrich Schenkers Werk im Mittelpunkt Ihres ganzes Wollens und Wirkens steht, berührt mich außerordentlich sympathisch. Ich freue mich zu hören, daß Sie sich der wichtigen Aufgabe unterziehen, einen kritischen Ueberblick über die zeitgenössischen, musiktheoretischen Gedanken zu geben. Das Ergebnis, zu dem Sie kommen und das Sie wiederum zur Erkenntnis der großen Bedeutung von Schenker führt, hat für mich nichts Ueberraschendes: die gegenwärtige Situation in der musikalischen Komposition führt ja geradezu zu einer Erneuerung und Wiedergeburt der klassischen Grundgesetze (mit Ihrem Thema „Neuland der klassischen Musik“ scheinen Sie mir auf eben diese Zusammenhänge hinzudeuten), und deshalb steht Schenkers Werk nicht beziehungslos als leere Theorie da, sondern in engster Verbindung zur Praxis. Ich darf hier gleich hinzufügen, daß ich es besonders begrüße, daß auch Sie bei allen Vor- {2} schlägen, die Sie mir unterbreiten, diesen Zusammenhang mit dem lebendigen Kunstwerk wahren.

Sie werden aus meinen einleitenden Bemerkungen bereits ersehen haben, daß die Titel, die Sie mir für Ihre Vorträge vorschlagen, im allgemeinen meine vollste Billigung finden. Sollte ich mich für einige von diesen Themen im besonderen entscheiden, so würde ich vielleicht folgende drei herausgreifen: „Kritik der musikalischen Grundbegriffe“, „Schöpferisches Hören“ und „Was ist Kontrapunkt“. 3

Was nun die praktische Verwirklichung der Vorträge betrifft, so könnte ich Ihnen zunächst in Aussicht stellen, daß ich Sie von der Musikabteilung des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht zu einem Vortrag für den Winter 1930/31 auffordern werde. Es wäre mich lieb, wenn wir dann auf eines der drei von mir genannten Themen zurückkommen könnten. Ich glaube, daß Sie gerade im Zentralinstitut einen Hörerkreis finden würden, der an einer Darstellung der zeitgenössischen musiktheoretischen Grundbegriffe lebhaft interessiert wäre. Daß bei einem Vortrag im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht die Beziehung zur Pädagogik in besonderem Maße herausgestellt werden müßte, versteht sich von selbst.

Um Ihnen zu ermöglichen, daß Sie dem Vortrag im Zentralinstitut noch andere folgen lassen können, will ich versuchen die Leitungen der Akademie für Kirchen- und {3} Schulmusik und die Hochschule für Musik in Charlottenburg für Sie zu interessieren.

Bitte lassen Sie mich recht bald wissen, wie Sie zu meinem Vorschlag eines Vortrages im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht stehen würden


Mit verbindlichsten Empfehlungen bin ich
Ihr sehr ergebener
[signed:] Leo Kestenberg

© Transcription William Drabkin, 2013


[From:]Ministerial Counsellor Kestenberg,
Berlin W 8, 4 August 1930,
Unter den Linden 4


[To: ] Dr. Hans Weisse,
Vienna currently at XVIII,
Khevenhüllergasse 6

Dear Dr. Weisse! 1

Your kind message of the 18th of [last] month 2 meets with my greatest interest. I thank you sincerely for your informative letter, from which I have gained a lively picture of your intellectual background and development. That Heinrich Schenker’s work stands at the center of your entire life and work touches me in a most deeply sympathetic way. I am delighted to hear that you are undertaking the important assignment of offering a critical survey of contemporary music-theoretical thought. The results that you have arrived at, and that in turn lead to the recognition of the great importance of Schenker, come as no great surprise to me: the current situation of musical composition must lead to nothing short of a renewal and rebirth of basic classical principles ‒ with your topic "Reclaimed Territory of Classical Music," you seem to be referring to these very connections ‒ and therefore Schenker's work does not exist in isolation as empty theory, but rather is most closely related to practice. I might add here straightaway that I am especially pleased to see that you, too, in all the suggestions {2} that you have made to me, preserve this relationship to the living work of art.

From these introductory remarks of mine, you will have already realized that the titles that you have suggested for your lectures generally meet with my complete approval. Were I to decide upon some of these topics in particular, I would single out the following three: "Critique of the Basic Concepts of Music," "Creative Hearing," and "What is Counterpoint?" 3

Now, as far as the practical realization is concerned, I can in the first instance offer you the prospect of an invitation from the Music Division of the Central Institute for Education and Teaching to give a lecture during the winter of 1930/31. For me it would be attractive if we could return to one of the three topics that I named. I believe that, precisely in the Central Institute, you would find a circle of listeners who are actively interested in a demonstration of contemporary fundamental music-theoretical principles. It goes without saying that, at a lecture at the Central Institute for Education and Teaching, the relationship to pedagogy ought to be emphasised to a considerable degree.

In order that you will be able follow your lecture at the Central Institute with others, I shall seek to interest the administrations of the Academy for Church and {3} School Music and the Conservatory of Music in Charlottenburg in your work.

Please let me know as soon as possible what you think of my suggestion for a lecture at the Central Institute for Education and Teaching.


With my most sincere regards, I am
Yours very truly,
[signed:] Leo Kestenberg

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Two copies of this letter, both in Jeanette Schenker's hand, are preserved in OJ 71/20. Schenker records first having seen these letters in his diary at OJ 4/3, p. 3507, August 20, 1930: "Von Weisse (Br.): zwei Briefe von Ministerialrat Kestenberg u. Weisses beide Antworten – ein Erfolg, wie ich ihn so bald nicht zu erleben hoffen durfte! Furtwänglers Anstrengung scheint nun Früchte zu zeitigen. Schließlich werden meine Erfolge auch die seinen sein, denn wozu taugt noch ein Dirigent, wenn die „Neue Musik“ sich kraft der Propaganda u. der Wucht der Zerstörung zuletzt behauptet? Der Ton Kestenbergs ist so überschwänglich, wie ihn die Sache wirklich verdient." ("From Weisse (letter): two letters from Minister Kestenberg and Weisse's two replies – a success which I would never have expected him to experience so soon! Furtwängler's efforts thus appear to have borne fruit. In the end, my successes will also be his, for what value does a conductor still possess if the “New Music” asserts itself in the end, thanks to publicity and the force of destruction? — The tone of Kestenberg’s letter is as enthusiastic as the cause truly deserves.").
The copying of the letters is recorded ibid, p. 3508, August 23, 1930: "Lie-Liechen fertigt eine Abschrift der Kestenberg-Briefe aus." ("Lie-Liechen writes out a copy of the Kestenberg letters."), and Schenker returned the letters to Weisse the same day. The making of the second, paleographically identical copy of each seems not to be recorded.

2 Weisse's communication is not known to survive.

3 The last of these topics, "What is Counterpoint?", was written up by Weisse as a formal essay, a copy of which is preserved as OC 17/3. Weisse also gave a lecture in Hamburg in September 1931 entitled "Creative Hearing, Hearing-based Creativity" („Schöpferisches Hören, hörerisches Schöpfen“).

Commentary

Format
3p letter copy. There are two copies of this letter, both in the hand of Jeanette Schenker, identical in content and layout.
Provenance
Hans Weisse (1930-1940)--[unknown]--Oswald Jonas Memorial Collection (date unknown-)
Rights Holder
Heirs of Leo Kestenberg
License
Permission to publish being sought. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2013-03-24
Last updated: 2013-03-24