Lieber Herr van Hoboken!

Auf 1 dem Umweg über Galtür erreicht mich heute Ihre l. Brief vom 6. d. M. 2

Wer die Idee eines „Prospektes“ 3 angeregt hat, ob der Verlag oder vielleicht der rührend-gute H. Deutsch, weiß ich nicht. Nur gelegentlich erwähnte H. Vrieslander, daß er so etwas zu verfertigen hat; über wessen Auftrag er es tue, sagte er nicht.

Vor paar Tagen erhielt ich von H. Deutsch einen Brief 4 in dieser Angelegenheit: das Msp. Vriesl's u. die Frage, ob sich der „Prospekt“ nicht kürzen ließe, da der Verlag meint, die Hälfte wäre ausreichend.

Es sind 3 Maschinseiten, mit sehr vielen {2} Absätzen, die den Inhalt noch kleiner machen.

Ich habe aus Vr's Ausführung den Eindruck entnommen, daß er offenbar über dem Titel der Bestellung „Prospekt“ irregegangen. Auch ich wäre in einem solchem [recte solchen] Falle irregegangen. Man wünschte von ihm einen „Prospekt,“ das ist aber ein Anderes als der übliche sogenannte Waschzettel, den die Verlage ins Publikum schlaudern. Der Waschzettel ist kurz, 2-3 Absätze, ein paar allgemeinste Worte, der „Prospekt“ ist länger u. geht auf den Inhalt ein.

Vom Standpunkt eines „Prospektes“ halte ich Vr's 3 Seiten sogar für vorzüglich, freilich für einen Waschzettel um die Hälfte zu lang.

H. Deutsch schreibt noch heute in seinem Briefe 5 an mich von einem „Prospekt.“ (Der „Prospekt“ der „U.E.“ über meine Arbeiten ist geradezu eine kleine Broschüre.) {3} Wie gesagt, ein Misverständniß, ein Irrtum scheint vorzuliegen! Ob Vr. die Schuld trägt, kann ich nicht sagen, weil ich nur eine flüchtige Äußerung vernommen habe u. als Zweites den Bf. von H. Deutsch, der offenbar zu spät kommt.

Ich selbst würde von einem „Prospekt“ überhaupt abgeraten haben, komme aber damit schon zu spät.

H. Deutsch hat mir von Ihren Neuerwerbungen Andeutungen gemacht - was für stürmische Fortschritte! Viel Glück u. Freude!

Kürzlich las ich von einer „Phantasie für Cembalo“ von J. Haydn (in der [„] Frk.Ztg“). Ist das nur ein neuer Titel für die altbekannte Fantasia? Oder eine neue alte Sache?

Ich bin auf die Ergebnisse Ihrer Reise sehr gespannt, auf die Erstdrucken von Beethoven {4} u. Haydn.

Wie Sie sehen, lege ich das Jahrb. II nicht bei, der Verlag hat überhaupt nicht geantwortet, auch nicht die Druckerei, sie haben alle Hände voll zu tun damit, ihre Obliegenheiten schlicht zu erfüllen, zu einer paar-zeiligen Antwort reicht das Talent nicht mehr aus.

Grüßen Sie, bitte, H. Prof. Dunn aufs Beste, wenn Sie ihn sehen sollten.

Ob Sie in London nicht etwas über die Handschrift zu B's Op. 106 erfahren könnten? Meine Überzeugung ist es nach wie vor, daß sie nach England gekommen ist.

Viele Grüße von mir u. meiner Frau


Ihr
[signed:] HSchenker
Wien, den 13. 9. 27

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2008, 2010



Dear Mr. van Hoboken,

Your 1 nice letter of the 6th of this month reached me by way of Galtür. 2

Who thought of the idea of a prospectus 3 – whether the publisher or perhaps the touchingly good Mr. Deutsch – I don't know. Mr. Vrieslander mentioned only once that he was supposed to prepare one; he didn't say who had ordered it.

A few days ago I received a letter 4 from Mr. Deutsch on this matter: Vrieslander's manuscript and the question of whether the prospectus could not be shortened, since the publisher feels that half as much would suffice.

There are three typewritten pages, with very many {2} paragraph-indentations, which reduces the content still further.

From Vrieslander's product I get the impression that he clearly was misled by the title "prospectus" in the order. I too would have been misled in such a case. They asked him for a "prospectus," but that is something different from the usual so-called blurb that publishers toss out to the public. The blurb is short, two-to-three paragraphs, a few words of the most general sort; the prospectus is longer and speaks to the content.

Considered as a prospectus, Vrieslander's three pages are excellent in my opinion, but admittedly too long by half for a blurb.

Mr. Deutsch still speaks of a "prospectus" in his letter to me today. 5 (The prospectus put out by Universal Edition on my works is nothing less than a small brochure.) {3} As I said, there appears to be a misunderstanding, a mistake. Whether Vrieslander is to blame, I cannot say, because I learned [of the matter] only through a casual reference, and secondly the letter from Mr. Deutsch, which obviously arrives too late.

I personally would have advised against any prospectus at all, but I am already too late with that.

Mr. Deutsch has hinted to me of your new acquisitions – such tempestuous progress! Good luck, and enjoy your accomplishment!

I just read of a "Fantasy for harpsichord" by J. Haydn (in the Frankfurter Zeitung). Is that a new title for the well-known Fantasia? Or a new old piece?

I await with greatest interest the results of your trip, the discoveries of original editions of Beethoven {4} and Haydn.

As you see, I do not enclose the Yearbook II ; the publisher has not answered at all, nor the printer either; they all have their hands full simply to fulfill their obligations, and their talent does not extend far enough for a few lines in reply.

Please send my best greetings to Prof. Dunn if you should happen to see him.

Couldn't you find out something in London about the manuscript of Beethoven's Op. 106? My opinion was and remains that it went to England.

Best greetings from me and from my wife,


Yours,
[signed:] H. Schenker
Vienna, September 13, 1927

© Translation John Rothgeb, 2008



Lieber Herr van Hoboken!

Auf 1 dem Umweg über Galtür erreicht mich heute Ihre l. Brief vom 6. d. M. 2

Wer die Idee eines „Prospektes“ 3 angeregt hat, ob der Verlag oder vielleicht der rührend-gute H. Deutsch, weiß ich nicht. Nur gelegentlich erwähnte H. Vrieslander, daß er so etwas zu verfertigen hat; über wessen Auftrag er es tue, sagte er nicht.

Vor paar Tagen erhielt ich von H. Deutsch einen Brief 4 in dieser Angelegenheit: das Msp. Vriesl's u. die Frage, ob sich der „Prospekt“ nicht kürzen ließe, da der Verlag meint, die Hälfte wäre ausreichend.

Es sind 3 Maschinseiten, mit sehr vielen {2} Absätzen, die den Inhalt noch kleiner machen.

Ich habe aus Vr's Ausführung den Eindruck entnommen, daß er offenbar über dem Titel der Bestellung „Prospekt“ irregegangen. Auch ich wäre in einem solchem [recte solchen] Falle irregegangen. Man wünschte von ihm einen „Prospekt,“ das ist aber ein Anderes als der übliche sogenannte Waschzettel, den die Verlage ins Publikum schlaudern. Der Waschzettel ist kurz, 2-3 Absätze, ein paar allgemeinste Worte, der „Prospekt“ ist länger u. geht auf den Inhalt ein.

Vom Standpunkt eines „Prospektes“ halte ich Vr's 3 Seiten sogar für vorzüglich, freilich für einen Waschzettel um die Hälfte zu lang.

H. Deutsch schreibt noch heute in seinem Briefe 5 an mich von einem „Prospekt.“ (Der „Prospekt“ der „U.E.“ über meine Arbeiten ist geradezu eine kleine Broschüre.) {3} Wie gesagt, ein Misverständniß, ein Irrtum scheint vorzuliegen! Ob Vr. die Schuld trägt, kann ich nicht sagen, weil ich nur eine flüchtige Äußerung vernommen habe u. als Zweites den Bf. von H. Deutsch, der offenbar zu spät kommt.

Ich selbst würde von einem „Prospekt“ überhaupt abgeraten haben, komme aber damit schon zu spät.

H. Deutsch hat mir von Ihren Neuerwerbungen Andeutungen gemacht - was für stürmische Fortschritte! Viel Glück u. Freude!

Kürzlich las ich von einer „Phantasie für Cembalo“ von J. Haydn (in der [„] Frk.Ztg“). Ist das nur ein neuer Titel für die altbekannte Fantasia? Oder eine neue alte Sache?

Ich bin auf die Ergebnisse Ihrer Reise sehr gespannt, auf die Erstdrucken von Beethoven {4} u. Haydn.

Wie Sie sehen, lege ich das Jahrb. II nicht bei, der Verlag hat überhaupt nicht geantwortet, auch nicht die Druckerei, sie haben alle Hände voll zu tun damit, ihre Obliegenheiten schlicht zu erfüllen, zu einer paar-zeiligen Antwort reicht das Talent nicht mehr aus.

Grüßen Sie, bitte, H. Prof. Dunn aufs Beste, wenn Sie ihn sehen sollten.

Ob Sie in London nicht etwas über die Handschrift zu B's Op. 106 erfahren könnten? Meine Überzeugung ist es nach wie vor, daß sie nach England gekommen ist.

Viele Grüße von mir u. meiner Frau


Ihr
[signed:] HSchenker
Wien, den 13. 9. 27

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2008, 2010



Dear Mr. van Hoboken,

Your 1 nice letter of the 6th of this month reached me by way of Galtür. 2

Who thought of the idea of a prospectus 3 – whether the publisher or perhaps the touchingly good Mr. Deutsch – I don't know. Mr. Vrieslander mentioned only once that he was supposed to prepare one; he didn't say who had ordered it.

A few days ago I received a letter 4 from Mr. Deutsch on this matter: Vrieslander's manuscript and the question of whether the prospectus could not be shortened, since the publisher feels that half as much would suffice.

There are three typewritten pages, with very many {2} paragraph-indentations, which reduces the content still further.

From Vrieslander's product I get the impression that he clearly was misled by the title "prospectus" in the order. I too would have been misled in such a case. They asked him for a "prospectus," but that is something different from the usual so-called blurb that publishers toss out to the public. The blurb is short, two-to-three paragraphs, a few words of the most general sort; the prospectus is longer and speaks to the content.

Considered as a prospectus, Vrieslander's three pages are excellent in my opinion, but admittedly too long by half for a blurb.

Mr. Deutsch still speaks of a "prospectus" in his letter to me today. 5 (The prospectus put out by Universal Edition on my works is nothing less than a small brochure.) {3} As I said, there appears to be a misunderstanding, a mistake. Whether Vrieslander is to blame, I cannot say, because I learned [of the matter] only through a casual reference, and secondly the letter from Mr. Deutsch, which obviously arrives too late.

I personally would have advised against any prospectus at all, but I am already too late with that.

Mr. Deutsch has hinted to me of your new acquisitions – such tempestuous progress! Good luck, and enjoy your accomplishment!

I just read of a "Fantasy for harpsichord" by J. Haydn (in the Frankfurter Zeitung). Is that a new title for the well-known Fantasia? Or a new old piece?

I await with greatest interest the results of your trip, the discoveries of original editions of Beethoven {4} and Haydn.

As you see, I do not enclose the Yearbook II ; the publisher has not answered at all, nor the printer either; they all have their hands full simply to fulfill their obligations, and their talent does not extend far enough for a few lines in reply.

Please send my best greetings to Prof. Dunn if you should happen to see him.

Couldn't you find out something in London about the manuscript of Beethoven's Op. 106? My opinion was and remains that it went to England.

Best greetings from me and from my wife,


Yours,
[signed:] H. Schenker
Vienna, September 13, 1927

© Translation John Rothgeb, 2008

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/9, p. 3112, September 13, 1927: "An Hoboken (Br.): ich stand die Sache fern, muß aber heute sagen, daß ich Vrieslander Recht gebe für den Fall, daß ein Prospekt bei ihm bestellt worden ist. Ich ersuche ihn, in London Nachfrage zu halten nach der Handschrift von op. 106." ("To Hoboken (letter): I keep my distance from the matter, but must today say that I think Vrieslander is in the right if in fact a prospectus was ordered from him. I ask him to make inquiries in London after the manuscript of Op. 106.").

2 = OJ 11/54, [17], dated September 6, 1927.

3 The prospectus for Das Meisterwerk in der Musik, vol. II (1926).

4 = OJ 10/3, [67], September 8, 1927.

5 = OJ 10/3, [68], September 12, 1927

Commentary

Format
4p letter, oblong format, holograph message and signature
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans(19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)
Rights Holder
IPR: Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2008-06-11
Last updated: 2011-04-01