Lieber Herr van Hoboken!

Da 1 ich selbst, obgleich Verfasser des „Jahrbuchs,“ bis zur Stunde kein Exemplar vom Verlag erhalten habe, hätte ich unschuldigerweise mich in eine Schuld des Versäumnisses Ihnen gegenüber verstrickt. So aber sah ich ein Exemplar schon am Freitag 2 bei Ihnen zu Hause, weiß seit gestern Ihre neue Adresse wie auch, daß auch Sie eine Ex. erhalten haben, u. so kann ich Ihnen nur vom Herzen, für das Opfer Ihrer Güte danken, mit der Sie der Sache gewiß einen großen Dienst erwiesen 3 u. mir persönlich einen Prozeß wider den Verlag erspart haben. Vielen, vielen Dank.

{2} Es kennzeichnet die Verlags-Schmiere, 4 daß sie Sie sofort am Ärmel züpft: „Zahlen,“ 5 sie, die sich sovieler Zeit- u. Geldhinterziehungen schuldig gemacht hat! Selbst unser lieber Herr Deutsch, der wahre „Parsifal“ in unserem Kreise, hat seinerzeit aus den Briefen des Verlags eine wiederholte wirkliche „Bestellung“ 6 – so drückte er sich aus – entnommen, der Verlag hat es doch gewagt, die Bestellung abzuleugnen. Mit Leichtigkeit könnte ich an der Hand meiner Fahnen beweisen, daß der Verlag bei der Verrechnung der Korrekturen Betrug übt, aber es hätte kein Ende damit. Und als könnte sich der Verlag nicht den geringsten Luxus von Aufrichtigkeit leisten, führe ich an, daß er mich mit einer Karte vom 30.9 verständigte: „Wir erhielten Ihre Karte von gestern, die sich mit der Sendung Ihrer gebundenen Freiexemplare kreuzte“; das {3} nenne ich ein „Kreuzen,“ wo noch am 4.10 kein Ex. eingetroffen ist! Nichts geht über die Robustheit der Verleger. Da es ihnen nicht gelingt, die Quadratur des Zirkels zu lösen, die Kunstwerke auf den Stand von z. B. Lebensmitteln, Kleidern oder dgl. zu bringen, die jeder Mensch kaufen muß, sind sie genötigt, um zu einer „anständigen“ Verzinsung ihres Kapitals zu gelangen, tief unanständig zu werden, u. so verpesten sie die Sphäre der Kunst, die wahrlich reinere Menschen verdiente. Freilich, heute sind Künstler u. Verleger einander wert . . .

Für alle Ihre Briefe besten Dank. Hoffentlich sind meine Briefe nach Frankfurt u. London in ihre Hände gelangt.

Über das Wachstum Ihrer Sammlung müßte ich kürzlich ordentlich staunen. Einen Teil der Neuerwerbungen zu Beeth. zeigte mir H. Deutsch, den Rest will {4} ich mit Ihrer Erlaubnis nachholen.

H. Dr Haas, der wegen politischer Schiebereien kürzlich bei der Professoren-Avancement übergangen wurde, lud mich in sehr lieber Weise ein, Ihre „Widmung“ 7 zu sehen. Noch in dieser Woche soll es geschehen, ich freue mich wild darauf.

Und so haben Sie, ich möchte sagen, in heiterer, zwangloser Weise mit Ihrer Erstdruck- u. Photogramm-Sammlung eine Menge Verdienste um Kunst u. Menschen (gestatten Sie das Wortspiel) gesammelt, die Ihnen gewiß belohnt werden.

Vivat, crescat, floreat! 8

Ihnen u. Ihrer verehrten Frau Gemalin unser Beider beste Empfehlungen


Ihr
[signed:] HSchenker
4. 10. 27

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2008, 2010



Dear Mr. van Hoboken,

Having 1 myself, although author of the Yearbook , thus far received no copy from the press, I had guiltlessly become party to a guilt of omission where you are concerned. But I saw a copy already on Friday 2 at your house, learned yesterday of your new address and also that you have a copy, and thus I can only thank you from the heart for the kindness with which you have rendered a great service to the cause 3 and have spared me personally the necessity of taking the press to court. Many, many thanks.

{2} It is typical of the publisher-clowns 4 that they immediately tug at your sleeve: "pay!" 5 they, who have been so evasive about matters of time and money. Even our dear Mr. Deutsch, the true "Parsifal" of our circle, at the time inferred from the letters of the press a repeated actual "order" 6 – so he expressed himself, but the press had the audacity to renege on the order. I could easily demonstrate by my galley-sheets that the press committed fraud in billing the corrections, but that wouldn't be the end of it. And as though the press could not afford the slightest luxury of honesty, I might mention that it advised me with a postcard of September 30: "we received your card of yesterday, which crossed in the mail with your bound complimentary copies"; that's {3} what I call "crossing" when not a single copy has arrived by October 4! There's nothing to top the perseverance of publishers. Since they can't manage to square the circle, to place works of art on the same footing as, for example, groceries, clothing and the like, which everybody has to buy, they are obliged, in order to achieve a "decent" return on their capital, to become profoundly "indecent," and so they contaminate the sphere of Art, which truly would deserve better men. Granted, today artists and publishers are equals . . .

Thank you so much for all of your letters. I hope you received my letters to Frankfurt and London.

Just recently I really had to marvel at the growth of your collection. A portion of the new acquisitions of Beeth items were shown me by Mr. Deutsch; I will see the rest later, {4} with your permission.

Dr. Haas, who by political machinations was recently passed over for professorial promotion, kindly invited me to see your "dedication." 7 So it is to happen in this way; I am just delighted.

And thus you have, I might say, with your first-edition and photostat collection quietly and naturally "collected" (permit me the play on words) a multitude of services to art and mankind that will surely be rewarded.

Vivat, crescat, floreat! 8

Our best wishes to you and your dear wife,


Yours,
[signed:] H. Schenker
October 4, 1927

© Translation John Rothgeb, 2008



Lieber Herr van Hoboken!

Da 1 ich selbst, obgleich Verfasser des „Jahrbuchs,“ bis zur Stunde kein Exemplar vom Verlag erhalten habe, hätte ich unschuldigerweise mich in eine Schuld des Versäumnisses Ihnen gegenüber verstrickt. So aber sah ich ein Exemplar schon am Freitag 2 bei Ihnen zu Hause, weiß seit gestern Ihre neue Adresse wie auch, daß auch Sie eine Ex. erhalten haben, u. so kann ich Ihnen nur vom Herzen, für das Opfer Ihrer Güte danken, mit der Sie der Sache gewiß einen großen Dienst erwiesen 3 u. mir persönlich einen Prozeß wider den Verlag erspart haben. Vielen, vielen Dank.

{2} Es kennzeichnet die Verlags-Schmiere, 4 daß sie Sie sofort am Ärmel züpft: „Zahlen,“ 5 sie, die sich sovieler Zeit- u. Geldhinterziehungen schuldig gemacht hat! Selbst unser lieber Herr Deutsch, der wahre „Parsifal“ in unserem Kreise, hat seinerzeit aus den Briefen des Verlags eine wiederholte wirkliche „Bestellung“ 6 – so drückte er sich aus – entnommen, der Verlag hat es doch gewagt, die Bestellung abzuleugnen. Mit Leichtigkeit könnte ich an der Hand meiner Fahnen beweisen, daß der Verlag bei der Verrechnung der Korrekturen Betrug übt, aber es hätte kein Ende damit. Und als könnte sich der Verlag nicht den geringsten Luxus von Aufrichtigkeit leisten, führe ich an, daß er mich mit einer Karte vom 30.9 verständigte: „Wir erhielten Ihre Karte von gestern, die sich mit der Sendung Ihrer gebundenen Freiexemplare kreuzte“; das {3} nenne ich ein „Kreuzen,“ wo noch am 4.10 kein Ex. eingetroffen ist! Nichts geht über die Robustheit der Verleger. Da es ihnen nicht gelingt, die Quadratur des Zirkels zu lösen, die Kunstwerke auf den Stand von z. B. Lebensmitteln, Kleidern oder dgl. zu bringen, die jeder Mensch kaufen muß, sind sie genötigt, um zu einer „anständigen“ Verzinsung ihres Kapitals zu gelangen, tief unanständig zu werden, u. so verpesten sie die Sphäre der Kunst, die wahrlich reinere Menschen verdiente. Freilich, heute sind Künstler u. Verleger einander wert . . .

Für alle Ihre Briefe besten Dank. Hoffentlich sind meine Briefe nach Frankfurt u. London in ihre Hände gelangt.

Über das Wachstum Ihrer Sammlung müßte ich kürzlich ordentlich staunen. Einen Teil der Neuerwerbungen zu Beeth. zeigte mir H. Deutsch, den Rest will {4} ich mit Ihrer Erlaubnis nachholen.

H. Dr Haas, der wegen politischer Schiebereien kürzlich bei der Professoren-Avancement übergangen wurde, lud mich in sehr lieber Weise ein, Ihre „Widmung“ 7 zu sehen. Noch in dieser Woche soll es geschehen, ich freue mich wild darauf.

Und so haben Sie, ich möchte sagen, in heiterer, zwangloser Weise mit Ihrer Erstdruck- u. Photogramm-Sammlung eine Menge Verdienste um Kunst u. Menschen (gestatten Sie das Wortspiel) gesammelt, die Ihnen gewiß belohnt werden.

Vivat, crescat, floreat! 8

Ihnen u. Ihrer verehrten Frau Gemalin unser Beider beste Empfehlungen


Ihr
[signed:] HSchenker
4. 10. 27

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2008, 2010



Dear Mr. van Hoboken,

Having 1 myself, although author of the Yearbook , thus far received no copy from the press, I had guiltlessly become party to a guilt of omission where you are concerned. But I saw a copy already on Friday 2 at your house, learned yesterday of your new address and also that you have a copy, and thus I can only thank you from the heart for the kindness with which you have rendered a great service to the cause 3 and have spared me personally the necessity of taking the press to court. Many, many thanks.

{2} It is typical of the publisher-clowns 4 that they immediately tug at your sleeve: "pay!" 5 they, who have been so evasive about matters of time and money. Even our dear Mr. Deutsch, the true "Parsifal" of our circle, at the time inferred from the letters of the press a repeated actual "order" 6 – so he expressed himself, but the press had the audacity to renege on the order. I could easily demonstrate by my galley-sheets that the press committed fraud in billing the corrections, but that wouldn't be the end of it. And as though the press could not afford the slightest luxury of honesty, I might mention that it advised me with a postcard of September 30: "we received your card of yesterday, which crossed in the mail with your bound complimentary copies"; that's {3} what I call "crossing" when not a single copy has arrived by October 4! There's nothing to top the perseverance of publishers. Since they can't manage to square the circle, to place works of art on the same footing as, for example, groceries, clothing and the like, which everybody has to buy, they are obliged, in order to achieve a "decent" return on their capital, to become profoundly "indecent," and so they contaminate the sphere of Art, which truly would deserve better men. Granted, today artists and publishers are equals . . .

Thank you so much for all of your letters. I hope you received my letters to Frankfurt and London.

Just recently I really had to marvel at the growth of your collection. A portion of the new acquisitions of Beeth items were shown me by Mr. Deutsch; I will see the rest later, {4} with your permission.

Dr. Haas, who by political machinations was recently passed over for professorial promotion, kindly invited me to see your "dedication." 7 So it is to happen in this way; I am just delighted.

And thus you have, I might say, with your first-edition and photostat collection quietly and naturally "collected" (permit me the play on words) a multitude of services to art and mankind that will surely be rewarded.

Vivat, crescat, floreat! 8

Our best wishes to you and your dear wife,


Yours,
[signed:] H. Schenker
October 4, 1927

© Translation John Rothgeb, 2008

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/1, p. 3117, October 4, 1927: "An Hoboken (Br. nach Paris): Dank aus Anlaß des Erscheinens; mache einige Bemerkungen über den Verlag u. wünsche ihm Erfolg auf seinen Wegen." ("To Hoboken (letter to Paris): I thank him on the occasion of the publication; make a few observations about the publishing house, and wish him success in his travels.").

2 Apparently referring to September 30, 1927, the Friday preceding this letter of Tuesday, October 4. Schenker must have visited van Hoboken's house on that Friday while the latter was away. See van Hoboken's letter to Schenker OJ 11/54, [19], of September 29, 1927.

3 Hoboken had subvented the printing costs of Meisterwerk II.

4 There is no English equivalent for "Schmiere" here. It denotes a disorderly, ill-rehearsed troupe of ham-actors.

5 = OJ 11/54, [17], September 6, 1927.

6 See OJ 11/54, [17], September 6, and OJ 89/1, [5], September 13, 1927. Reference to Deutsch's communication probably relates to OJ 10/3, [68], September 13, 1927; correspondence direct from Drei-Masken Verlag around this time is OC 54/183-188.

7 See OJ 11/54, [15], September 28, 1927.

8 "Let it live, grow, flourish!"

Commentary

Format
4p letter, oblong format, holograph message and signature
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans(19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)
Rights Holder
IPR: Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2008-06-30
Last updated: 2011-04-01