7 Juli 1929


Lieber und verehrter Herr Dr., 1

Nach einer schönen Autoreise von etwa drei Wochen sind wir am vorigen Dienstag hier eingetroffen. Die Reise führte diesmal über München, wo ich Gelegenheit hatte, mit Herrn Harburger zu sprechen, dann durch den Schwarzwald, wo wir vom Wetter sehr begünstigt wurden und von da über die schönen Städten Speyer, Worms und Mainz, mit ihren, zum guten Teil noch erhaltenen romanischen Domen, den Rhein hinunter nach Köln. Von da ab hatten wir Regen und Wind. Auch auf der Reise nach Holland, die ich allein unternahm (da meine Frau nach Berlin musste) erging es mir nicht besser. Und hier ist es derart, dass sogar die optimistischen zufriedenen Gäste anfangen zu verzweifeln. Wie haben Sie es denn? Ich lese in den Zeitungen von schwüler Hitze und starken Unwettern in Wien, Bayern und angrenzenden Gegenden; haben Sie auch darunter zu leiden?

Wir haben aber, trotz Regen und Kälte, die Insel so schön gefunden wie immer. Auf “Kliffende” war Hubermann ein paar Tage zu Gast. Er suchte sich ein Häuschen über den Sommer zu mieten, hat aber leider in Kampen keines mehr gefunden und sitzt jetzt in Westerland. Ich habe ein paar Mal mit ihm gesprochen und dabei Gelegenheit gefunden, ihm [sic] für das Archiv zu interessieren. Es [recte Er] wusste kaum davon, obwohl er doch das Violinkonzert von Beethoven bei uns eingesehen hat.

Ich bin wieder untergekommen in demselben Haus wo ich voriges Jahr gewohnt habe. Unser eigenes Haus, welches wir hier bauen wollen, wird demnächst angefangen werden. Ich habe mich bis jetzt vergeblich bemüht, ein Klavier in Miete zu bekommen. Niemand gibt gerne seine Instrumente auf kurze Dauer hierher, da das Klima denen schaden soll. Ich gebe aber die Hoffnung noch nicht auf. Vorläufig muss ich mit Spielen immer noch sehr vorsichtig sein da der Mittelfinger der rechten Hand, denjenigen, den ich in Berlin im Mai verletzte, immer noch sehr geschwollen ist und ich Angst habe, durch zu festes Aufschlagen den Heilung[s]prozess noch zu verlangsamen. Ernstlich verletzt ist jedoch nichts daran; es ist lediglich eine Zeitfrage.

Ich erhielt hier einen Brief von Harburger. Er schloss ein Schreiben an Sie ein und bat mich, dasselbe mit zwei Zeitungsartikel von seiner Hand an Ihnen weiterleiten zu wollen. Sie finden sie anbei. 2

Ich erfuhr von Herrn Kromer, dass Vrieslander nicht antwortet auf der wiederholten Aufforderung seitens des Archives, die Photogramme, welche er zu seinen Arbeiten benötigt hat, nun auch wieder zurückzuschicken. Falls Sie ihm einmal schreiben sollten (denn in der Honorarfrage hat er sich auch an Sie gewandt) bitte ich Sie, ihm doch nahezulegen, die Stücke zu retournieren[,] da dies unseren Bestimmungen entspricht. Sie werden dann auch Chopin’s op. 2 bis dato wohl nicht erhalten haben.

Der Sicherheit halber füge ich unten meine hiesige Adresse bei falls ich sie Ihnen nicht schon gegeben haben sollte und verbleibe, mit den besten Empfehlungen an Ihrer Frau,


Ihr ergebener
[unsigned]

Hoogenkamp, Haus 4, Post Kampen-Sylt, Deutschland

© Transcription John Rothgeb, 2012


July 7, 1929


Dear and revered Dr. [Schenker], 1

After a beautiful auto tour of about three weeks, we arrived here last Tuesday. The tour took us this time by way of Munich, where I had the opportunity to speak with Mr. Harburger; then through the Black Forest, where we were very favored by the weather, and from there by way of the beautiful cities of Speyer, Worms, and Mainz, with their Romanesque cathedrals, for the most part still preserved, and down the Rhine toward Cologne. From that point on we had rain and wind. On the journey to Holland, which I made alone (since my wife had to go to Berlin), I fared no better. And here conditions are such that even the optimistic, satisfied guests begin to despair. What is the situation there? I read in the papers of muggy heat and bad weather in Vienna, Bavaria and adjoining areas; are you suffering from that?

Despite rain and cold, however, we found the island as beautiful as ever. At "Kliffende," Hubermann was a guest for a few days. He tried to rent a cottage for the summer, but unfortunately found none available in Kampen, and is now based in Westerland. I spoke with him a couple of times and found the opportunity to interest him in the Archive. He hardly knew of it, although he had, after all, examined the Violin Concerto by Beethoven with us.

I am lodging again in the same house where I stayed last year. Our own house, which we want to build here, will be started quite soon. I have been trying, thus far in vain, to rent a piano. Nobody likes to let out their instruments for the short term over here, since the climate is said to be harmful to them. But I don't yet give up hope. For now I still have to be very careful in playing, since the middle finger of the right hand, the one that I injured in Berlin in May, is still very swollen, and I am concerned that by a strong attack I may slow the healing process. But nothing is seriously damaged; it is only a matter of time.

I received here a letter from Harburger. He enclosed a letter to you and requested that I forward it to you along with two newspaper articles written by him. You will find them enclosed. 2

I learned from Mr. Kromer that Vrieslander has not answered the repeated requests from the Archive to return the photostats that he needed for his work. If you should ever write him (since he also turned to you in the fee matter), I would ask you to remind him to return the items, since this is in keeping with our agreement. You probably will not have received Chopin's Op. 2 thus far either.

To be safe I add my local address below in case I have not already given it to you, and I remain, with best respects to your wife,


Yours truly,
[unsigned]

Hoogenkamp, House 4, Post Kampen-Sylt, Germany

© Translation John Rothgeb, 2012


7 Juli 1929


Lieber und verehrter Herr Dr., 1

Nach einer schönen Autoreise von etwa drei Wochen sind wir am vorigen Dienstag hier eingetroffen. Die Reise führte diesmal über München, wo ich Gelegenheit hatte, mit Herrn Harburger zu sprechen, dann durch den Schwarzwald, wo wir vom Wetter sehr begünstigt wurden und von da über die schönen Städten Speyer, Worms und Mainz, mit ihren, zum guten Teil noch erhaltenen romanischen Domen, den Rhein hinunter nach Köln. Von da ab hatten wir Regen und Wind. Auch auf der Reise nach Holland, die ich allein unternahm (da meine Frau nach Berlin musste) erging es mir nicht besser. Und hier ist es derart, dass sogar die optimistischen zufriedenen Gäste anfangen zu verzweifeln. Wie haben Sie es denn? Ich lese in den Zeitungen von schwüler Hitze und starken Unwettern in Wien, Bayern und angrenzenden Gegenden; haben Sie auch darunter zu leiden?

Wir haben aber, trotz Regen und Kälte, die Insel so schön gefunden wie immer. Auf “Kliffende” war Hubermann ein paar Tage zu Gast. Er suchte sich ein Häuschen über den Sommer zu mieten, hat aber leider in Kampen keines mehr gefunden und sitzt jetzt in Westerland. Ich habe ein paar Mal mit ihm gesprochen und dabei Gelegenheit gefunden, ihm [sic] für das Archiv zu interessieren. Es [recte Er] wusste kaum davon, obwohl er doch das Violinkonzert von Beethoven bei uns eingesehen hat.

Ich bin wieder untergekommen in demselben Haus wo ich voriges Jahr gewohnt habe. Unser eigenes Haus, welches wir hier bauen wollen, wird demnächst angefangen werden. Ich habe mich bis jetzt vergeblich bemüht, ein Klavier in Miete zu bekommen. Niemand gibt gerne seine Instrumente auf kurze Dauer hierher, da das Klima denen schaden soll. Ich gebe aber die Hoffnung noch nicht auf. Vorläufig muss ich mit Spielen immer noch sehr vorsichtig sein da der Mittelfinger der rechten Hand, denjenigen, den ich in Berlin im Mai verletzte, immer noch sehr geschwollen ist und ich Angst habe, durch zu festes Aufschlagen den Heilung[s]prozess noch zu verlangsamen. Ernstlich verletzt ist jedoch nichts daran; es ist lediglich eine Zeitfrage.

Ich erhielt hier einen Brief von Harburger. Er schloss ein Schreiben an Sie ein und bat mich, dasselbe mit zwei Zeitungsartikel von seiner Hand an Ihnen weiterleiten zu wollen. Sie finden sie anbei. 2

Ich erfuhr von Herrn Kromer, dass Vrieslander nicht antwortet auf der wiederholten Aufforderung seitens des Archives, die Photogramme, welche er zu seinen Arbeiten benötigt hat, nun auch wieder zurückzuschicken. Falls Sie ihm einmal schreiben sollten (denn in der Honorarfrage hat er sich auch an Sie gewandt) bitte ich Sie, ihm doch nahezulegen, die Stücke zu retournieren[,] da dies unseren Bestimmungen entspricht. Sie werden dann auch Chopin’s op. 2 bis dato wohl nicht erhalten haben.

Der Sicherheit halber füge ich unten meine hiesige Adresse bei falls ich sie Ihnen nicht schon gegeben haben sollte und verbleibe, mit den besten Empfehlungen an Ihrer Frau,


Ihr ergebener
[unsigned]

Hoogenkamp, Haus 4, Post Kampen-Sylt, Deutschland

© Transcription John Rothgeb, 2012


July 7, 1929


Dear and revered Dr. [Schenker], 1

After a beautiful auto tour of about three weeks, we arrived here last Tuesday. The tour took us this time by way of Munich, where I had the opportunity to speak with Mr. Harburger; then through the Black Forest, where we were very favored by the weather, and from there by way of the beautiful cities of Speyer, Worms, and Mainz, with their Romanesque cathedrals, for the most part still preserved, and down the Rhine toward Cologne. From that point on we had rain and wind. On the journey to Holland, which I made alone (since my wife had to go to Berlin), I fared no better. And here conditions are such that even the optimistic, satisfied guests begin to despair. What is the situation there? I read in the papers of muggy heat and bad weather in Vienna, Bavaria and adjoining areas; are you suffering from that?

Despite rain and cold, however, we found the island as beautiful as ever. At "Kliffende," Hubermann was a guest for a few days. He tried to rent a cottage for the summer, but unfortunately found none available in Kampen, and is now based in Westerland. I spoke with him a couple of times and found the opportunity to interest him in the Archive. He hardly knew of it, although he had, after all, examined the Violin Concerto by Beethoven with us.

I am lodging again in the same house where I stayed last year. Our own house, which we want to build here, will be started quite soon. I have been trying, thus far in vain, to rent a piano. Nobody likes to let out their instruments for the short term over here, since the climate is said to be harmful to them. But I don't yet give up hope. For now I still have to be very careful in playing, since the middle finger of the right hand, the one that I injured in Berlin in May, is still very swollen, and I am concerned that by a strong attack I may slow the healing process. But nothing is seriously damaged; it is only a matter of time.

I received here a letter from Harburger. He enclosed a letter to you and requested that I forward it to you along with two newspaper articles written by him. You will find them enclosed. 2

I learned from Mr. Kromer that Vrieslander has not answered the repeated requests from the Archive to return the photostats that he needed for his work. If you should ever write him (since he also turned to you in the fee matter), I would ask you to remind him to return the items, since this is in keeping with our agreement. You probably will not have received Chopin's Op. 2 thus far either.

To be safe I add my local address below in case I have not already given it to you, and I remain, with best respects to your wife,


Yours truly,
[unsigned]

Hoogenkamp, House 4, Post Kampen-Sylt, Germany

© Translation John Rothgeb, 2012

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/2, p. 3353, July 11, 1929: "Von v. H. (Br.): zwei Aufsätze von Harburger." ("From von Hoboken (letter): two articles by Harburger.").

2 None of these items are, of course, preserved with the carbon copy. However, an undated letter from Harburger to Schenker is preserved as OJ 11/41, [1]; and a clipping of one article as OC C/33: "Die Viertelton-Frage: Alois Hábas neue Harmonielehre," Münchner Neueste Nachrichten, May 15, 1927.

Commentary

Format
1p letter, carbon copy, typed message, unsigned
Rights Holder
IPR: Heirs of Anthony van Hoboken
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans(19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)
Rights Holder
EITHER: Heirs of Anthony van Hoboken. OR: Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
EITHER: Permission to publish granted by the heirs of Anthony van Hoboken February 3, 2007. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk. OR: All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2012-10-28
Last updated: 2012-10-28