Schloß Reigersberg
Post Ilz, Ost-Steiermark

Mein Lieber Herr van Hoboken! 1

Gleichzeitig geht Benn 2 an Sie zurück, vielen Dank! Zunächst einmal: schreibt Benn Deutsch, nur über u. über tätowiert mit Latein u. anderen Sprachmotiven, oder schreibt er Latein u. dgl., nur tätowiert mit Deutsch? (Nebenbei: das von ihm in der Rede auf H. Mann , auch sonst vielgebrauchte Wort: „Seiten“ ist eine gar zu nackte Anleihe des französischen „pages.“ 3 )

Auf S. 79 zitiert er: „hätte ich nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir {2} getragen“ usw., wirft trotzdem aber in seiner Darstellung des sagen wir: antizipation-Genie mit allerdings sehr bedeutenden Nichtantizipationen zusammen, zumindest unterscheidet er sie nicht genau genug. Wer der Natur auf ihre Idee gekommen ist, ist selber Natur, steht nicht mehr in der Reihe der De-naturierten. In diesem Sinn ist denn auch das von uns so geliebte u. bewunderte Musikgenie Natur der Kunst u. sehr mit Recht pflegen Sie mich zu erinnern, zu all den schönen Dingen gehöre „Intuition,“ wenn ich sage, sie wären doch so einfach.

Das Benn -Buch rief die Benn-Antwort in der „ D. A. Z. “ auf dem Plan, u. diese wieder {3} trommelte noch andere Aufsätze über dasselbe Thema zusammen, sie gehen Ihnen gesondert zu. Der Rückzug ist nun offenbar. An Dummheit ragt der Wagner -Aufsatz hervor!

Unvorstellbar bleibt mir, wie eine solche Macht 4 sich der Wehleidigkeit so hingeben kann! Vor ein paar „Israeliten“ (mit Bruckner zu sprechen), ja, vor einem Karikaturisten (Gulbransson 5 ) so verlegen zu sein, sich so furchtsam zu geberden! Was wurde, wird nicht über Größtes gespottet, gehöhnt, über Tyrannen, Religionsstifter, Päpste, Kaiser, Fürsten, Regierungsmenschen, die betroffenen nehmen es hin u. die Welt auch. Das Übermaß an Wehleidigkeit {4} im Reich ist ja einfach lächerlich.

Hoffentlich haben Sie u. Ihre verehrte Gattin schöne Tage (Abende, Nächte) in Salzburg erlebt?

Wir gedenken, auf der Heimreise in Mönichkirchen auszusteigen u. ein paar Schluck Höhenluft zu uns zu nehmen, ehe wir an die Arbeiten in Wien gehen.

Der „fr. S. “ geht dem Ende zu. Ich trage mich mit dem Gedanken, auf das Titelblatt zu setzen: „erstes Hör-, Lehr- u. Lernbuch der Musik“ oder ähnlich. Großmäulig? Nein.

Ich freue mich sehr, Sie in Wien wiederzusehen!


Ihnen u. Ihre Gattin beste Grüße von uns Beiden
Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2018


Reigersberg Castle
Post Ilz, Ost-Steiermark

My dear Mr. van Hoboken! 1

The Benn 2 book is on its way to you, with many thanks! First, a query: is Benn writing German, but tattooed over and over with Latin and bits of other languages, or is he writing Latin and the like, but tattooed with German? (Incidentally, the word much used by him in the speech on H. Mann and elsewhere: Seiten, is an all too naked borrowing of the French pages. 3 )

On p. 79 he quotes: "had I not carried the world in myself already through anticipation," {2} etc.; in his presentation, however, he nevertheless jumbles together, let us say, anticipation-genius with, to be sure, very significant non-anticipations ‒ at least he fails to differentiate among them accurately enough. Whoever has perceived the idea of nature is himself nature, and no longer stands in the ranks of the de-naturalized. In this respect, then, even the music-genius so loved and marveled at by us is Nature of Art, and with much justification you keep reminding me that "intuition" is necessary to all these beautiful things, even if I say to the contrary that they are so simple.

The Benn book evoked the Benn reply in the Deutsche Allgemeine Zeitung , and that {3} drummed up still other essays on the same theme; they are on their way to you separately. The hasty retreat is now plain to see. The Wagner essay is the height of stupidity!

It remains inconceivable to me how such a power 4 can so completely give in to self-pity! To suffer such embarrassment, to gesture so timidly, before a couple of "Israelites" (to use Bruckner's word), indeed, before one caricaturist (Gulbransson 5 )! How were ‒ how are ‒ tyrants, founders of religions, popes, emperors, princes, government officials not being mocked, jeered: those affected swallowed it, and so did the world. The surfeit of self-pity {4} in the Reich, you know, is simply laughable.

I hope that you and your dear wife have experienced delightful days (evenings, nights) in Salzburg.

We plan to detrain in Mönichkirchen on the homeward trip and take in a few gulps of mountain air before we continue to the task awaiting us in Vienna.

Free Composition is nearing completion. I am considering the idea of having printed on the title-page: "first teaching-, hearing-, and learning-book of music." Swell-headed? No.

I look forward to seeing you again in Vienna.


Best greetings to you and your wife from both of us.
Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2018


Schloß Reigersberg
Post Ilz, Ost-Steiermark

Mein Lieber Herr van Hoboken! 1

Gleichzeitig geht Benn 2 an Sie zurück, vielen Dank! Zunächst einmal: schreibt Benn Deutsch, nur über u. über tätowiert mit Latein u. anderen Sprachmotiven, oder schreibt er Latein u. dgl., nur tätowiert mit Deutsch? (Nebenbei: das von ihm in der Rede auf H. Mann , auch sonst vielgebrauchte Wort: „Seiten“ ist eine gar zu nackte Anleihe des französischen „pages.“ 3 )

Auf S. 79 zitiert er: „hätte ich nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir {2} getragen“ usw., wirft trotzdem aber in seiner Darstellung des sagen wir: antizipation-Genie mit allerdings sehr bedeutenden Nichtantizipationen zusammen, zumindest unterscheidet er sie nicht genau genug. Wer der Natur auf ihre Idee gekommen ist, ist selber Natur, steht nicht mehr in der Reihe der De-naturierten. In diesem Sinn ist denn auch das von uns so geliebte u. bewunderte Musikgenie Natur der Kunst u. sehr mit Recht pflegen Sie mich zu erinnern, zu all den schönen Dingen gehöre „Intuition,“ wenn ich sage, sie wären doch so einfach.

Das Benn -Buch rief die Benn-Antwort in der „ D. A. Z. “ auf dem Plan, u. diese wieder {3} trommelte noch andere Aufsätze über dasselbe Thema zusammen, sie gehen Ihnen gesondert zu. Der Rückzug ist nun offenbar. An Dummheit ragt der Wagner -Aufsatz hervor!

Unvorstellbar bleibt mir, wie eine solche Macht 4 sich der Wehleidigkeit so hingeben kann! Vor ein paar „Israeliten“ (mit Bruckner zu sprechen), ja, vor einem Karikaturisten (Gulbransson 5 ) so verlegen zu sein, sich so furchtsam zu geberden! Was wurde, wird nicht über Größtes gespottet, gehöhnt, über Tyrannen, Religionsstifter, Päpste, Kaiser, Fürsten, Regierungsmenschen, die betroffenen nehmen es hin u. die Welt auch. Das Übermaß an Wehleidigkeit {4} im Reich ist ja einfach lächerlich.

Hoffentlich haben Sie u. Ihre verehrte Gattin schöne Tage (Abende, Nächte) in Salzburg erlebt?

Wir gedenken, auf der Heimreise in Mönichkirchen auszusteigen u. ein paar Schluck Höhenluft zu uns zu nehmen, ehe wir an die Arbeiten in Wien gehen.

Der „fr. S. “ geht dem Ende zu. Ich trage mich mit dem Gedanken, auf das Titelblatt zu setzen: „erstes Hör-, Lehr- u. Lernbuch der Musik“ oder ähnlich. Großmäulig? Nein.

Ich freue mich sehr, Sie in Wien wiederzusehen!


Ihnen u. Ihre Gattin beste Grüße von uns Beiden
Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2018


Reigersberg Castle
Post Ilz, Ost-Steiermark

My dear Mr. van Hoboken! 1

The Benn 2 book is on its way to you, with many thanks! First, a query: is Benn writing German, but tattooed over and over with Latin and bits of other languages, or is he writing Latin and the like, but tattooed with German? (Incidentally, the word much used by him in the speech on H. Mann and elsewhere: Seiten, is an all too naked borrowing of the French pages. 3 )

On p. 79 he quotes: "had I not carried the world in myself already through anticipation," {2} etc.; in his presentation, however, he nevertheless jumbles together, let us say, anticipation-genius with, to be sure, very significant non-anticipations ‒ at least he fails to differentiate among them accurately enough. Whoever has perceived the idea of nature is himself nature, and no longer stands in the ranks of the de-naturalized. In this respect, then, even the music-genius so loved and marveled at by us is Nature of Art, and with much justification you keep reminding me that "intuition" is necessary to all these beautiful things, even if I say to the contrary that they are so simple.

The Benn book evoked the Benn reply in the Deutsche Allgemeine Zeitung , and that {3} drummed up still other essays on the same theme; they are on their way to you separately. The hasty retreat is now plain to see. The Wagner essay is the height of stupidity!

It remains inconceivable to me how such a power 4 can so completely give in to self-pity! To suffer such embarrassment, to gesture so timidly, before a couple of "Israelites" (to use Bruckner's word), indeed, before one caricaturist (Gulbransson 5 )! How were ‒ how are ‒ tyrants, founders of religions, popes, emperors, princes, government officials not being mocked, jeered: those affected swallowed it, and so did the world. The surfeit of self-pity {4} in the Reich, you know, is simply laughable.

I hope that you and your dear wife have experienced delightful days (evenings, nights) in Salzburg.

We plan to detrain in Mönichkirchen on the homeward trip and take in a few gulps of mountain air before we continue to the task awaiting us in Vienna.

Free Composition is nearing completion. I am considering the idea of having printed on the title-page: "first teaching-, hearing-, and learning-book of music." Swell-headed? No.

I look forward to seeing you again in Vienna.


Best greetings to you and your wife from both of us.
Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2018

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/6, p. 3858, August 15, 1933: "An v. Hoboken (Br.): Begleitzeilen zu Gottfried Benns Buch mit Bemerkungen dazu; über die Wehleidigkeit der Deutschen u. a." ("To Hoboken (letter): accompanying words to Gottfried Benn’s book, with observations on it; concerning the Germans’ self-pitying, amongst other things."). This forms the basis of the editorial dating of the letter.

2 Gottfried Benn, Der Neue Staat und die Intellektuellen (Stuttgart/Berlin, 1933).

3 Schenker’s meaning is not clear.

4 The Deutsches Reich.

5 Olaf Gulbransson (1873‒1958), Norwegian artist and caricaturist.

Commentary

Rights Holder
Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
4p letter, Bogen format, holograph address, salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans (19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)

Digital version created: 2018-09-03
Last updated: 2012-10-08