T C

Sonntag

Sehr verehrter Herr Dr. ! 1

Vor allem will ich erklären daß ich absolut nicht die Absicht habe die Stunden zu sistieren 2 denn sie bilden einen Theil meines Lebens – in Friedenszeiten. 3 Aber ich muss Sie herzlichst um 2 Dinge bitten u werde Ihnen auch dafür die Gründe angeben. Als mein Sohn am 27ten Juli aus Hamburg hierher telegrafisch gerufen wurde er war gerade den ersten Monat fix angestellt gewesen, um einzurücken was auch am 28ten Juli geschah waren mein Mann u ich in einer bösen Verfassung.

{2} Wir suchten nach einer Tätigkeit die uns das nachdenken erliess nichts war ärger als das Bewußtsein was geschieht. Ich bat meine Hilfe in der Kinderfürsorge des Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs 4 an u wurde nach ein par Tagen unermüdlichen Arbeitens von 9 Früh– bis 7 uhr ab[ends] als Leiterin ernannt. Am 10ten August berief mich der Bürgermeister in die Zentrale im Rathaus wo wir 17 Frauen unter dem Vorsitz des Bürgermeisterpaares 5 jeden Donnerstag unsere Sitzung abhalten wo alle wichtigen Dinge die die Hilfsaktion der Frauen 6 betrifft, beschlossen u von da aus in die 21 Bezirke 7 hinausgegeben wird. Es ist ein sehr mühevolles u verantwortungs- {3} volles Amt das ich mir auferlegt habe aber ich thue es mit voller Hingebung. Dass ich dabei meine ganzen Kräfte aufbrauche [?woran] mir doch keine Stunde von Wien fort, ist überflüssig zu sagen.

Ich stelle Ihnen daher folgenden Antrag um dessen Annahme ich Sie recht sehr bitte verehrter Herr Dr. I 8 aus den vorher erwähnten Gründen des Mangels an Zeit u ich muss es gestehen ich wäre auch nicht im Stande mich jetzt an ein Klavier zu setzen was ich einen ganzen Monat vollkommen unterliess so möchte Sie bitten mir alle 14 Tage eine Stunde zu geben. Da ich aber jetzt {4} in diesen Monaten, ich hoffe von ganzem Herzen dass unser Schicksal sich bald wenden möge ich uberhaupt keine Viertelstunde für mich habe, so möchte ich dann alle Stunden einbringen die ich jetzt nicht nehmen kann so dass Sie absolut keinen Schaden dabei haben sollen, sondern ich von Oktober bis Ende Juni meine Stunden alle 14 Tage honorire auch wenn Sie die Güte haben mir erst zu einem späteren Zeitpunkt die Stunden zu geben. 9

Mein Mann hatte durch das Aufheben der Sonntagsruhe 10 einen schweren {5} Existenz Kampf zu führen denn es erschienen am Montag Morgen sämmtliche Tagesblätter u nur den verzweifelsten Anstrengungen u dem Hinweis dass nicht nur wir Herausgeber sondern auch so u so viele andere Menschen brotlos würden gelang es den Staatsanwalt u die Herrn im Ministerium zu überzeugen. Dass die Papiere der Wr. Mode 11 auch dieses Jahr nichts tragen werden brauche ich doch mal gar nicht zu erwähnen denn wir sind mit grossem Opfer bereit gewesen {6} den Angestellten trotz vollkommene Betriebslosigkeit die Hälfte ihres Gehaltes auszuzahlen.

Und trotz all’ dieser prekären Finanzlage will ich alles thun um mein Studium bei Ihnen weiter bilden zu können u ich hoffe Sie sehen mein heisses Bemühen ein u ich habe nicht nur den Lehrer überzeugt sondern auch der Freund erhalten.


Bitte meine herzlichste Grüsse Frau Kornfeld auszurichten
Ihre
[signed:] Tony Colbert

Ich glaube wir besprechen das lieber mündlich u Sie sind so gut u geben mir einen Tag an zwischen 6–7 Ab[ends].

© Transcription Ian Bent, 2007, 2019


T C

Sunday

Highly revered Dr. [Schenker], 1

Before all else, I want to make clear that I have absolutely no intention of stopping my lessons, 2 for they constitute a part of my life ‒ in peacetime. 3 But I must earnestly beg two things of you, and will put before you my reasons for this. When my son was summoned here from Hamburg by telegraph on July 27, and immediately engaged for the first month to join the forces, which happened on July 28, my husband and I were in a bad frame of mind.

{2} We sought an activity to take our minds off it. Nothing was more dreadful than the knowledge of what had happened. I offered my assistance in the child-care of the Imperial Organization for the Housewives of Austria, 4 and was appointed leader after several days of unwearying work from 9 a.m. to 7 p.m. On August 10 the Mayor summoned me to the central office in the Town Hall, where we seventeen women hold our meeting every Thursday under the chairmanship of the two Mayors, 5 where all the important matters concerning the Women's Relief Action 6 are decided and then allocated to the twenty-one districts. 7 It is a very arduous and responsible {3} job that I have charged myself with, but I do it with total dedication. It goes without saying that I exhaust all my strength in doing it, which leaves me not a single hour away from Vienna.

I therefore make the following petition, the acceptance of which I earnestly beg of you, revered Doctor: for the above-mentioned reasons of lack of time ‒ and I must confess that I am not even in a state to sit down these days at a piano, which I have wholly neglected to do for an entire month ‒ I should like to ask you to give me a lesson every two weeks. But since now {4} in recent months ‒ I hope with all my heart that our fate may soon change ‒ I do not have a single quarter-hour to myself, I should like to make up then all the lessons that I cannot take now so that you will suffer absolutely no detriment as a result; rather, I will pay for my lessons every two weeks from October to the end of June, if only you will do me the kindness of not giving me my lessons until a later time. 9

My husband had to {5} fight hard for his very existence as a result of the lifting of Sunday rest, 10 for all the newspapers appeared on Monday morning, and only the most desperate efforts and the evidence that not only we editors but also such and such a number of other people would be out of work convinced the state attorney and the people at the Ministry. That the issues of Wiener Mode 11 will also bring in nothing this year I surely scarcely need to mention, for we have already made great sacrifices {6} to pay our employees half their pay despite wholesale loss of business.

And in spite of this whole precarious financial situation, I will do everything possible to be able to carry forward my study with you, and I hope that you recognize my ardent endeavor and that I have not only convinced my teacher but also held on to my friend.


Please give my most cordial greetings to Mrs. Kornfeld auszurichten
Your
[signed:] Tony Colbert

It would be better to discuss this in person, if you will be so good as to let me know a day between 6 and 7 p.m.

© Translation Ian Bent, 2007, 2019


T C

Sonntag

Sehr verehrter Herr Dr. ! 1

Vor allem will ich erklären daß ich absolut nicht die Absicht habe die Stunden zu sistieren 2 denn sie bilden einen Theil meines Lebens – in Friedenszeiten. 3 Aber ich muss Sie herzlichst um 2 Dinge bitten u werde Ihnen auch dafür die Gründe angeben. Als mein Sohn am 27ten Juli aus Hamburg hierher telegrafisch gerufen wurde er war gerade den ersten Monat fix angestellt gewesen, um einzurücken was auch am 28ten Juli geschah waren mein Mann u ich in einer bösen Verfassung.

{2} Wir suchten nach einer Tätigkeit die uns das nachdenken erliess nichts war ärger als das Bewußtsein was geschieht. Ich bat meine Hilfe in der Kinderfürsorge des Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs 4 an u wurde nach ein par Tagen unermüdlichen Arbeitens von 9 Früh– bis 7 uhr ab[ends] als Leiterin ernannt. Am 10ten August berief mich der Bürgermeister in die Zentrale im Rathaus wo wir 17 Frauen unter dem Vorsitz des Bürgermeisterpaares 5 jeden Donnerstag unsere Sitzung abhalten wo alle wichtigen Dinge die die Hilfsaktion der Frauen 6 betrifft, beschlossen u von da aus in die 21 Bezirke 7 hinausgegeben wird. Es ist ein sehr mühevolles u verantwortungs- {3} volles Amt das ich mir auferlegt habe aber ich thue es mit voller Hingebung. Dass ich dabei meine ganzen Kräfte aufbrauche [?woran] mir doch keine Stunde von Wien fort, ist überflüssig zu sagen.

Ich stelle Ihnen daher folgenden Antrag um dessen Annahme ich Sie recht sehr bitte verehrter Herr Dr. I 8 aus den vorher erwähnten Gründen des Mangels an Zeit u ich muss es gestehen ich wäre auch nicht im Stande mich jetzt an ein Klavier zu setzen was ich einen ganzen Monat vollkommen unterliess so möchte Sie bitten mir alle 14 Tage eine Stunde zu geben. Da ich aber jetzt {4} in diesen Monaten, ich hoffe von ganzem Herzen dass unser Schicksal sich bald wenden möge ich uberhaupt keine Viertelstunde für mich habe, so möchte ich dann alle Stunden einbringen die ich jetzt nicht nehmen kann so dass Sie absolut keinen Schaden dabei haben sollen, sondern ich von Oktober bis Ende Juni meine Stunden alle 14 Tage honorire auch wenn Sie die Güte haben mir erst zu einem späteren Zeitpunkt die Stunden zu geben. 9

Mein Mann hatte durch das Aufheben der Sonntagsruhe 10 einen schweren {5} Existenz Kampf zu führen denn es erschienen am Montag Morgen sämmtliche Tagesblätter u nur den verzweifelsten Anstrengungen u dem Hinweis dass nicht nur wir Herausgeber sondern auch so u so viele andere Menschen brotlos würden gelang es den Staatsanwalt u die Herrn im Ministerium zu überzeugen. Dass die Papiere der Wr. Mode 11 auch dieses Jahr nichts tragen werden brauche ich doch mal gar nicht zu erwähnen denn wir sind mit grossem Opfer bereit gewesen {6} den Angestellten trotz vollkommene Betriebslosigkeit die Hälfte ihres Gehaltes auszuzahlen.

Und trotz all’ dieser prekären Finanzlage will ich alles thun um mein Studium bei Ihnen weiter bilden zu können u ich hoffe Sie sehen mein heisses Bemühen ein u ich habe nicht nur den Lehrer überzeugt sondern auch der Freund erhalten.


Bitte meine herzlichste Grüsse Frau Kornfeld auszurichten
Ihre
[signed:] Tony Colbert

Ich glaube wir besprechen das lieber mündlich u Sie sind so gut u geben mir einen Tag an zwischen 6–7 Ab[ends].

© Transcription Ian Bent, 2007, 2019


T C

Sunday

Highly revered Dr. [Schenker], 1

Before all else, I want to make clear that I have absolutely no intention of stopping my lessons, 2 for they constitute a part of my life ‒ in peacetime. 3 But I must earnestly beg two things of you, and will put before you my reasons for this. When my son was summoned here from Hamburg by telegraph on July 27, and immediately engaged for the first month to join the forces, which happened on July 28, my husband and I were in a bad frame of mind.

{2} We sought an activity to take our minds off it. Nothing was more dreadful than the knowledge of what had happened. I offered my assistance in the child-care of the Imperial Organization for the Housewives of Austria, 4 and was appointed leader after several days of unwearying work from 9 a.m. to 7 p.m. On August 10 the Mayor summoned me to the central office in the Town Hall, where we seventeen women hold our meeting every Thursday under the chairmanship of the two Mayors, 5 where all the important matters concerning the Women's Relief Action 6 are decided and then allocated to the twenty-one districts. 7 It is a very arduous and responsible {3} job that I have charged myself with, but I do it with total dedication. It goes without saying that I exhaust all my strength in doing it, which leaves me not a single hour away from Vienna.

I therefore make the following petition, the acceptance of which I earnestly beg of you, revered Doctor: for the above-mentioned reasons of lack of time ‒ and I must confess that I am not even in a state to sit down these days at a piano, which I have wholly neglected to do for an entire month ‒ I should like to ask you to give me a lesson every two weeks. But since now {4} in recent months ‒ I hope with all my heart that our fate may soon change ‒ I do not have a single quarter-hour to myself, I should like to make up then all the lessons that I cannot take now so that you will suffer absolutely no detriment as a result; rather, I will pay for my lessons every two weeks from October to the end of June, if only you will do me the kindness of not giving me my lessons until a later time. 9

My husband had to {5} fight hard for his very existence as a result of the lifting of Sunday rest, 10 for all the newspapers appeared on Monday morning, and only the most desperate efforts and the evidence that not only we editors but also such and such a number of other people would be out of work convinced the state attorney and the people at the Ministry. That the issues of Wiener Mode 11 will also bring in nothing this year I surely scarcely need to mention, for we have already made great sacrifices {6} to pay our employees half their pay despite wholesale loss of business.

And in spite of this whole precarious financial situation, I will do everything possible to be able to carry forward my study with you, and I hope that you recognize my ardent endeavor and that I have not only convinced my teacher but also held on to my friend.


Please give my most cordial greetings to Mrs. Kornfeld auszurichten
Your
[signed:] Tony Colbert

It would be better to discuss this in person, if you will be so good as to let me know a day between 6 and 7 p.m.

© Translation Ian Bent, 2007, 2019

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 1/16, p. 705, September 14, 1914: "Brief von Frau Colbert mit dem sonderbaren Antrag, die ohnehin so karge Zahl der Stunden neuerdings auf die Hälfte zu reduzieren. Die Begründung in ihrem Briefe legt mir dringend die Vermutung nahe, daß es wieder nur ein Akt privaten Schmutzes ist, der zur Kenntnis des Mannes überhaupt nicht gelangt ist. So beruft sie sich z. B. auf die prekäre Situation des „Morgens“, gibt aber wiederspruchsvoll genug auch schon im selben Briefe gleich wieder zu, daß sich inzwischen die Situation gebessert hat. Aehnliche Schachzüge erwarte ich noch von anderen Schülern, doch immer sich die Zukunft eben erst walten lassen."
("Letter from Mrs. Colbert with the strange petition to have the number of her lessons, in any event sparse in number, now reduced by half. The reason given in her letter compels me to suspect that it is again merely an act of private greed, one which has not in any way come to the attention of her husband. Thus for example she appeals to the precarious situation of Der Morgen, but in contradiction readily admits again in the same letter that the situation has meanwhile improved. I am expecting further similar chess moves from other pupils, who will however let the future govern their actions."). — Since the previous day was a Sunday, the date of this letter must be September 13, 1914. The entry of September 15, 1914 (OJ 1/16, p. 706) presumably relates to the same letter.
Schenker's reply is recorded in the diary the following day: "Der schon dem Termin nach so schlau angelegte Brief von Fr. Colbert mahnt mich zur Vorsicht u. ich schreibe nun selbst an Breisach u. Frl. Elias, um je früher desto besser vollen Ueberblick über die Saison zu gewinnen. In der Antwort an Frau C. aber nehme ich die sicher originelle Haltung ein, mich vorläufig zwar nur für 2 Stunden des Monats honorieren zu lassen, sie aber für den Rest zu belasten, bis eine gelegenere Zeit ihr die Begleichung ermöglicht. Vielleicht ist dieser Vorschlag einer jener masurischen Sümpfe, der mir die Gegnerin gefangen ausliefert."
("The letter that Mrs. Colbert crafted so cleverly, merely judging by the deadline she gave me, warns me to be on my guard; and I now write myself to Breisach and Miss Elias in order to gain a complete view of the teaching season, the sooner the better. In my reply to Mrs. Colbert, however, I take a certainly original position, by saying that I will for the time being request payment for only two lessons per month and burden her with the rest only when a more opportune time makes the payment possible. Perhaps this suggestion is one of those Masurian bogs which will deliver me from my opponent, who has been caught in it.").

2 The letter referred to here is not known to survive.

3 Austria declared war on Serbia on July 28, 1914, Germany declared war on Russia on August 1 and on France on August 3.

4 Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs (ROHÖ): founded in 1902 "to influence legal and administrative measures concerning domestic interests, to involve housewives in all relevant consultations and decision-making; [to achieve] official recognition of housewives", its leaders being Fanny Freund-Marcus, Elsa Beer-Angerer, Helene Granitsch, Adele Hirschenhauser, and Stephanie Endlicher.

5 "Bürgermeisterpaar": it is unclear whether there were at this time two Mayors, or whether reference is to the Mayor and his deputy, or to the Mayor and his wife. It is at least plausible that the wife might have been involved where a wholly women's organization was concerned, and then Mrs. Colbert might have wanted to stress the wife's part in her work in this letter; however, in that case Mrs. Colbert might have used "Bürgermeisterehepaar."

6 "Hilfsaktion der Frauen": an arm of ROHÖ founded at the beginning of World War I under the chairmanship of Bertha Weiskirchner, with working committees for each of the twenty-one districts of Vienna, their work being the collection of goods and money, distribution of relief meals, child-care, and work-placement. Note articles: Colbert, Tony: "Die Frauen-Hilfsaktion im Kriege," Neues Frauenleben, Year 16, Nos. 8/9 (1914); Colbert, Carl: "Der Abbau der Kriegsarbeit der Frau," Neues Frauenleben, Year 20, Nos. 1–2 (1918)

7 Vienna comprised twenty-one districts from 1900 to 1938, twenty-six from 1938 to 1946, and twenty-three currently.

8 unclear: Colbert inserts "I" as if perhaps about to enumerate other points but then loses track.

9 This sentence is somewhat convoluted. The only lesson recorded in the lessonbook for Colbert in 1914/15 occurred on Saturday October 26, when she had the second of the two lessons that day; however, the lessonbook is clearly incomplete, so we cannot be sure how often she attended.

10 i.e. the observance of Sunday as a rest-day, presumably for purposes of the war and relief effort.

11 Wiener Mode (Viennese Fashion), magazing founded jointly by Carl Colbert and Ernst Ziegler in 1887.

Commentary

Format
6p letter, Bogen format, holograph salutation, message, valediction, signature, and postscript
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Carl and Tony Colbert; deemed to be in the public domain
License
This document is deemed to be in the public domain. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2019-01-28
Last updated: 2011-06-09