[top-left corner: stationery motif of a crown above a shield]
Duisburg, den 25.VI.30.

Sehr verehrter Meister! 1

Zuvor vielen Dank für Ihren Brief, und den Artikel von Vrieslander. 2 Wenn Vrieslander der Urlinie noch nicht in dem Maasse nahegekommen ist, wie Sie es wünschen würden, so mag es meines Erachtens nach darin begründet sein, das er von niedersächsisch schwerbeugsamer Art ist, somit sich dem stärkeren Neuen nicht geschmeidig beugt, sondern, vielleicht in unbewussten Widerstand, versucht, einiges seiner eigenen, etwas dogmatischen Persönlichkeit mit in den neuen Zustand hinüberzuretten, durch welchen frommen Selbstbetrug natürlich die Erkenntnisfähigkeit getrübt wird. Doch fürchte ich nicht, das die Leser des Artikels sich von solch subtilen Erwägungen leiten lassen werden; denn – ist Vrieslander immerhin schon im nächsten An- {2} [pasted in top-left corner: published Review (OJ 9/34, [21b]) of Das Meisterwerk in der Musik] ziehungsbereich der Urlinie, so bewegen sich seine Leser immer noch in Siriusfernen[,] wie Figura zeigt. 3

Herr Voss ist inzwischen bei mir „eingekehrt“. 4 Er ist eben auch ein Opfer derVerhältnisse, und muss nun in der Nähe suchen, was ihm anfänglich in die Ferne zog. Soviel ich herausbekommen habe, spielen da auch Differenzen mit seinem Vater eine Rolle. (Oh, diese Väter!) 5 Ich wollte Ihnen schon früher Mitteilung gemacht haben, schob aber den Brief mit dem Termin eines Konzertes immer weiter hinaus. Nun ist der Brief im Entstehen, das Konzert ist aber endgültig auf den Herbst verlegt worden. Es handelt sich um einen Abend der „Hauskomponisten“ des Konservatoriums, von diesem als Schülerabend veranstaltet. Ich stehe {3} auf dem Programm mit meinen Variationen, sowie beiden Sonaten. Die entstehenden Hohlräume werden (konzessionsweise) mit Liedern meiner Komponierkollegen ausgefüllt; (auf dass einen jeden ein Strahl der Publikumssonne treffe[.)] Es ist so unerträglich im Schatten zu bleiben. Dabei werde ich nie gefragt, wenn mal die ander[en] was veranstalten. Nach dem Motto: Der eigene Hund macht keinen Lärm – – er bellt blos. Das ganze Konzert wird von Schülern bestritten [–] gute Könner, es wird viel Reiz haben, – und ich eine Menge Arbeit vorher. —

Eine unserer frischgebackenen Geigenlehrerinnen bat mich, mit ihr Beethovensonaten zu spielen. Ich nahm an, und die Gelegenheit wahr, ihr auf den Urliniezahn zu fühlen. Am dritten Abend kam die Erleuchtung über sie, und allbereits stürmt sie mit den üblichen, viel zu grossen Schritten ins neue Land hinein. Ich will abwarten, wie lange die Begeisterung vorhält, ehe ich registrier[e:] Wieder eine Seele gerettet! —

{4} Mit der Oberklasse mach ich jetzt auch strengen Satz und leichte Analysen. Im Seminar wird es jetzt Mode, an meinen Vorlesungen teilzunehmen. Die Hörer mehren sich – zu meiner Freude; (ob auch zu der der Seminartheoristen bleibt dahingestellt.) —

Im Allgemeinen leide ich zur Zeit an den Auswirkungen unserer fabelhaften Finanzreformen. 6 Noch habe ich ein Dach überm Kopf und satt zu essen. Aber manche kleine Bequemlichkeit ist schon dem Pleitegeier zum Opfer gefallen. Ich hätte nichts dagegen, gelegentlich Duisburg wegzukommen. Neulich habe ich – mit Protektion – meine Dienste der Charlottenburger Hochschule (Direktion Schreker) 7 angeboten, aber noch keine Antwort bekommen. Sollten Sie in Wien mal was erfahren, wäre ich Ihnen für einen Wink dankbar. Duisburg ist gut genug als Sprungbrett, aber es bietet keine anderen Entwicklungsmöglichkeiten, als auf das Ableben seiner Vordermänner zu warten.

Für heute beste Grüsse Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin, auch den Türtschers, 8 von


Ihrem
[signed:] Cube.

© Transcription William Drabkin, 2006

[top-left corner: stationery motif of a crown above a shield]
Duisburg, June 25, 1930

Most revered master, 1

To begin with, many thanks for your letter, and for Vrieslander's article. 2 If Vrieslander is not as intimate in matters concerning the Urlinie as you would have hoped, then I believe this might be based on the fact that he is a rather inflexible Lower Saxon type and thus does not bow gracefully before that which is new and stronger; rather, and perhaps with an opposition of which he is unconscious, he tries to salvage things by incorporating something of his own, somewhat dogmatic personality in the new situation, through which pious self-deception his power of understanding naturally becomes blurred. But I do not fear that the readers of his article will be misled by such subtle considerations; for even if Vrieslander is already in the nearest {2} [pasted in top-left corner: published Review (OJ 9/34, [21b]) of Das Meisterwerk in der Musik] field of gravitational pull to the Urlinie, his readers are still as distant as Sirius, as the attached illustration shows. 3

Mr Voss has, in the meantime, "returned." 4 He, too, is a victim of the economic situation, and must now seek at close hand that which initially directed him afar. So far as I have been able to make out, disagreements with his father also played a part in this. (Oh, these fathers!) 5 I wanted to tell you this sooner, but kept postponing the letter until the date of a concert. Now I am writing the letter, but the concert is definitively postponed until the autumn. It will be an evening of "house composers" of the Conservatory, organized as an evening of Conservatory pupils. I will be represented {3} on the programme with my Variations, and both sonatas [No. 1 and No. 2]. The gaps that arise will be plugged (as a concession) with songs of my composition colleagues, so that a ray of audience sunshine might fall upon each of them: it is so unbearable to remain in the shadows. I am never asked when the others organize something. As the saying goes, "One's own dog makes no sound, he merely barks." The entire concert will be performed by our pupils – the ones with ability – there will be a lot of charm, and I will have a lot of work to do beforehand.

One of our newest violin teachers asked me to play Beethoven sonatas with her. I accepted, aware of the opportunity to give her a taste of the Urlinie. On the third evening the light fell upon her, and already she was marching – with far too large steps, as usual – into the new territory. I shall wait to see how long the inspiration remains before I declare: Another soul has been saved!

{4} With the advanced class, I am also doing strict counterpoint and elementary analysis. Here at the Conservatory it has become fashionable to take part in my lectures. The listeners increase in number, to my delight. (Whether this is also to the delight of the Conservatory theorists is something one cannot say.)

In general, I am suffering from the consequences of our fabulous financial reforms. 6 I still have a roof over my head, and enough to eat. But many small pleasures have fallen victim to the vulture of bankruptcy. I would have nothing against leaving Duisburg, should the chance arise. Recently I have – with support – offered my services to the Conservatory in Charlottenburg (where Schreker is the director), 7 but have not yet had a reply. If you should hear about anything in Vienna, I would be thankful for a hint. Duisburg is good enough as a springboard, but it offers no further possibilities for development, except to wait for one's superiors to die.

For today, best greetings to you and your wife, and also to the Türtschers, 8 from


Your
[signed:] Cube.

© Translation William Drabkin, 2006

[top-left corner: stationery motif of a crown above a shield]
Duisburg, den 25.VI.30.

Sehr verehrter Meister! 1

Zuvor vielen Dank für Ihren Brief, und den Artikel von Vrieslander. 2 Wenn Vrieslander der Urlinie noch nicht in dem Maasse nahegekommen ist, wie Sie es wünschen würden, so mag es meines Erachtens nach darin begründet sein, das er von niedersächsisch schwerbeugsamer Art ist, somit sich dem stärkeren Neuen nicht geschmeidig beugt, sondern, vielleicht in unbewussten Widerstand, versucht, einiges seiner eigenen, etwas dogmatischen Persönlichkeit mit in den neuen Zustand hinüberzuretten, durch welchen frommen Selbstbetrug natürlich die Erkenntnisfähigkeit getrübt wird. Doch fürchte ich nicht, das die Leser des Artikels sich von solch subtilen Erwägungen leiten lassen werden; denn – ist Vrieslander immerhin schon im nächsten An- {2} [pasted in top-left corner: published Review (OJ 9/34, [21b]) of Das Meisterwerk in der Musik] ziehungsbereich der Urlinie, so bewegen sich seine Leser immer noch in Siriusfernen[,] wie Figura zeigt. 3

Herr Voss ist inzwischen bei mir „eingekehrt“. 4 Er ist eben auch ein Opfer derVerhältnisse, und muss nun in der Nähe suchen, was ihm anfänglich in die Ferne zog. Soviel ich herausbekommen habe, spielen da auch Differenzen mit seinem Vater eine Rolle. (Oh, diese Väter!) 5 Ich wollte Ihnen schon früher Mitteilung gemacht haben, schob aber den Brief mit dem Termin eines Konzertes immer weiter hinaus. Nun ist der Brief im Entstehen, das Konzert ist aber endgültig auf den Herbst verlegt worden. Es handelt sich um einen Abend der „Hauskomponisten“ des Konservatoriums, von diesem als Schülerabend veranstaltet. Ich stehe {3} auf dem Programm mit meinen Variationen, sowie beiden Sonaten. Die entstehenden Hohlräume werden (konzessionsweise) mit Liedern meiner Komponierkollegen ausgefüllt; (auf dass einen jeden ein Strahl der Publikumssonne treffe[.)] Es ist so unerträglich im Schatten zu bleiben. Dabei werde ich nie gefragt, wenn mal die ander[en] was veranstalten. Nach dem Motto: Der eigene Hund macht keinen Lärm – – er bellt blos. Das ganze Konzert wird von Schülern bestritten [–] gute Könner, es wird viel Reiz haben, – und ich eine Menge Arbeit vorher. —

Eine unserer frischgebackenen Geigenlehrerinnen bat mich, mit ihr Beethovensonaten zu spielen. Ich nahm an, und die Gelegenheit wahr, ihr auf den Urliniezahn zu fühlen. Am dritten Abend kam die Erleuchtung über sie, und allbereits stürmt sie mit den üblichen, viel zu grossen Schritten ins neue Land hinein. Ich will abwarten, wie lange die Begeisterung vorhält, ehe ich registrier[e:] Wieder eine Seele gerettet! —

{4} Mit der Oberklasse mach ich jetzt auch strengen Satz und leichte Analysen. Im Seminar wird es jetzt Mode, an meinen Vorlesungen teilzunehmen. Die Hörer mehren sich – zu meiner Freude; (ob auch zu der der Seminartheoristen bleibt dahingestellt.) —

Im Allgemeinen leide ich zur Zeit an den Auswirkungen unserer fabelhaften Finanzreformen. 6 Noch habe ich ein Dach überm Kopf und satt zu essen. Aber manche kleine Bequemlichkeit ist schon dem Pleitegeier zum Opfer gefallen. Ich hätte nichts dagegen, gelegentlich Duisburg wegzukommen. Neulich habe ich – mit Protektion – meine Dienste der Charlottenburger Hochschule (Direktion Schreker) 7 angeboten, aber noch keine Antwort bekommen. Sollten Sie in Wien mal was erfahren, wäre ich Ihnen für einen Wink dankbar. Duisburg ist gut genug als Sprungbrett, aber es bietet keine anderen Entwicklungsmöglichkeiten, als auf das Ableben seiner Vordermänner zu warten.

Für heute beste Grüsse Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin, auch den Türtschers, 8 von


Ihrem
[signed:] Cube.

© Transcription William Drabkin, 2006

[top-left corner: stationery motif of a crown above a shield]
Duisburg, June 25, 1930

Most revered master, 1

To begin with, many thanks for your letter, and for Vrieslander's article. 2 If Vrieslander is not as intimate in matters concerning the Urlinie as you would have hoped, then I believe this might be based on the fact that he is a rather inflexible Lower Saxon type and thus does not bow gracefully before that which is new and stronger; rather, and perhaps with an opposition of which he is unconscious, he tries to salvage things by incorporating something of his own, somewhat dogmatic personality in the new situation, through which pious self-deception his power of understanding naturally becomes blurred. But I do not fear that the readers of his article will be misled by such subtle considerations; for even if Vrieslander is already in the nearest {2} [pasted in top-left corner: published Review (OJ 9/34, [21b]) of Das Meisterwerk in der Musik] field of gravitational pull to the Urlinie, his readers are still as distant as Sirius, as the attached illustration shows. 3

Mr Voss has, in the meantime, "returned." 4 He, too, is a victim of the economic situation, and must now seek at close hand that which initially directed him afar. So far as I have been able to make out, disagreements with his father also played a part in this. (Oh, these fathers!) 5 I wanted to tell you this sooner, but kept postponing the letter until the date of a concert. Now I am writing the letter, but the concert is definitively postponed until the autumn. It will be an evening of "house composers" of the Conservatory, organized as an evening of Conservatory pupils. I will be represented {3} on the programme with my Variations, and both sonatas [No. 1 and No. 2]. The gaps that arise will be plugged (as a concession) with songs of my composition colleagues, so that a ray of audience sunshine might fall upon each of them: it is so unbearable to remain in the shadows. I am never asked when the others organize something. As the saying goes, "One's own dog makes no sound, he merely barks." The entire concert will be performed by our pupils – the ones with ability – there will be a lot of charm, and I will have a lot of work to do beforehand.

One of our newest violin teachers asked me to play Beethoven sonatas with her. I accepted, aware of the opportunity to give her a taste of the Urlinie. On the third evening the light fell upon her, and already she was marching – with far too large steps, as usual – into the new territory. I shall wait to see how long the inspiration remains before I declare: Another soul has been saved!

{4} With the advanced class, I am also doing strict counterpoint and elementary analysis. Here at the Conservatory it has become fashionable to take part in my lectures. The listeners increase in number, to my delight. (Whether this is also to the delight of the Conservatory theorists is something one cannot say.)

In general, I am suffering from the consequences of our fabulous financial reforms. 6 I still have a roof over my head, and enough to eat. But many small pleasures have fallen victim to the vulture of bankruptcy. I would have nothing against leaving Duisburg, should the chance arise. Recently I have – with support – offered my services to the Conservatory in Charlottenburg (where Schreker is the director), 7 but have not yet had a reply. If you should hear about anything in Vienna, I would be thankful for a hint. Duisburg is good enough as a springboard, but it offers no further possibilities for development, except to wait for one's superiors to die.

For today, best greetings to you and your wife, and also to the Türtschers, 8 from


Your
[signed:] Cube.

© Translation William Drabkin, 2006

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/3, p. 3490, July 5, 1930: "Von v. Cube (Br.): äußert sich treffend über Vrieslander ‒ hält es durch die Abstammung (?) bedingt wenn er sich der Urlinie versagt. Legt eine Kritik aus der Deutschen Tonkünstler Zeitung bei, die bei aller Anerkennung von der Urlinie als einer Idée fixe spricht. Voß bleibe des Vaters wegen in der Nähe." ("From von Cube (letter): has apposite things to say about Vrieslander – attributes it to his regional background (?), especially when he rejects the Urlinie. Encloses a review from the Deutsche Tonkünstler Zeitung that, for all its approbation, speaks of the Urlinie as an idée fixe. Voß is remaining in the neighborhood on account of his father.").

2 Probably Vrieslander, "Heinrich Schenker," Der Kunstwart XLIII (June 1930), pp. 181-89. Jeanette made a note of this essay in Schenker's Scrapbook (OC 2/p. 80); the article survives, part-photocopy, in OJ 58/21.

3 An arrow in the text points to a Review (OJ 9/34, [21b]) by Oscar Guttmann of Das Meisterwerk in der Musik, which has been pasted on to the page. Beneath the review, Cube has indicated the source as the Deutsche Tonkünstlerzeitung, volume 11. It is clear from the text of the review that the reviewer had the first two volumes of Meisterwerk to hand.

4 Erich Voss, a young musician who encountered Schenker's theories through Cube's visit to Cologne, and who went to Vienna in the hopes of studying with Schenker: see also OJ 9/34, [18], May 14, 1929; OJ 5/7a, [23], May 15, 1929; OJ 5/7a, [24], July 6, 1929; OJ 5/7a, [25], July 14, 1929; OJ 9/34, [19], July 18, 1929. Voss does not appear in Schenker's Lesson Books.

5 Cube is alluding to the difficulties he had with his own father, especially concerning lessons with Schenker in Vienna.

6 In the late spring of 1930 the government of Heinrich Brüning, Chancellor of the Weimar Republic, was unsuccessful in gaining a majority vote in the Reichstag for a financial reform bill designed to curb unemployment and the steep rise in unemployment insurance payouts. Article 48 was invoked, allowing the bill to be passed without a parliamentary vote, but in July 1930 the Reichstag voted to invalidate it anyway. (The consequent political turmoil led to the dissolution of the Reichstag and the call for new elections, at which the National-Socialists and Communists made great gains at the expense of the more moderate parties.)

7 This is the Hochschule für Musik in Berlin, where the composer Franz Schreker was the director.

8 Acquaintances of the Schenkers in Galtür, mentioned in Cube's letter OJ 9/34, [13], July 6, 1928.

Commentary

Format
4-p letter, holograph message and signature, with printed review pasted on to p. 2.
Provenance
Schenker, Heinrich ([document date]-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
IPR: The heirs of Felix-Eberhard von Cube -- except for enclosed printed materials
License
Permission to publish granted by the heirs of Felix-Eberhard von Cube, March 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2006-10-20
Last updated: 2011-08-16