19. 4. 30

Sehr geehrter Herr Doctor! 1

Vielen, herzlichsten Dank für Ihre Güte u. Mühe! 2 Zuerst eine Aufklärung über Peters . Dieser Verlag erbat von mir vor Jahren eine Ausgabe von ausgewählten 10 Klaviersonaten Beeth 's u. schrieb mir hierfür von vornherein vor: „in der Art von Straube“. 3 Ich erwiderte, daß ich auf die Handschriften zurückgehen müsste u. danach die Ausgabe des Verlages von Grund aus neu machen müsste, daß ich dann auch lieber eine Gesammtausgabe durchführen wollte, daß die Einsammlung der Vorlagen 4 Zeit u. Geld fordern würde u. s. w.

Heute, da ich die G. A. nun wirklich ausgeführt habe, mag ja Peters sehen, wie verschieden wir über die Frage urteilten! Das Honorar, das ich ansetzte, war das gleiche, {2} das in den Verhandlungen mit Hertzka zur Grundlage diente, das zuletzt freilich in Tantièmen geändert worden ist. Aus jenem Grundmißverständnis hat also P., wie ich Prof. Straube's Brief entnehme, noch immer die Erinnerung an angeblich hohe Forderungen zurückbehalten, dazu kommt, daß P. damals sehr fest beleidigt war darüber, daß ich seine Ausgabe für unrichtig erklärte. Nein, nein, für die „IX“ Sinf. erhielt ich 1000 Kr., für die Monographien op 109, 110, 101, 111 je 600 Kr, sind das Honorare überhaupt?? Das würde kaum für die schriftlichen Kopistenarbeiten ausgereicht haben, zumal ich z. B. zur Gesamtausgabe u. den Monographien alle Vorlagen mit eigenem Gelde besorgt habe. Nein, nein, ich glaube, es findet sich nicht so bald Einer, der unter solchen Opfern wie ich sein Lebenswerk vollführt!

Hier wieder ein Beweis: Ich bin bereit, das {3} Buch ohne Honorar zu überlassen, so sehr halte ich es für höchste Zeit, den deutschen Musikern die Frage: „ Rameau – oder Beethoven ? Erstarrung – oder Leben in der Musik“ 5 zur Entscheidung vorzulegen. Alle meine schwere Mühe schenke ich, nur für Eines müsste Br & H. gutstehen, 6 daß die Herausgabe unter keinen Vorwand verzögert werde! Ich habe vor mir den „freien Satz“, die „Kunst des Vortrags“, habe Schüler, also muß zumindest die „Eroica“ fort, 7 damit die Korrekturen beendet sind, ehe ich die letzten Arbeiten verrichte. Nur dieses Eine würde ich erbitten! Schon Cotta schrieb mir einmal, inmitten der Drucklegung (!), mein Werk sei ja zeitlos, folglich komme es auf dieses oder jenes Datum weniger an, als bei Werken vom Tage, desgleichen wartete mir Hertzka öfter mit „Ewigkeitswerken“ {4} auf, deren Herausgabe nicht so peinlich genau einzuhalten nötig wäre u. dgl. Das muß diesmal aber vermieden werden, weil mein Sehvermögen sehr geschwächt ist, ich daher nicht Alles auf einmal bewältigen könnte.

Verzeihen Sie, verehrtester Herr Doctor, daß ich Ihnen eine so ausführliche Beichte schreibe. Am liebsten würde ich Ihnen dadurch alle Mühe abnehmen, daß ich an Prof. Straube , dem ich für seine Freundlichkeit herzlichst danke, selbst schreibe u. ihn frage, ob Br & H. zumindest die prompte Herausgabe auf sich nehmen wollten? Ich würde mich der Verbindung sehr, sehr freuen, weil ich noch [illeg]Pläne für kleinere Arbeiten zum Schulgebrauch habe, an denen schon Hertzka regsten Anteil nahm. Darf ich Sie, den Vielgeplagten, entlassen u. an Prof. Straube schreiben, oder genügt dieser Brief? Und wie erfahre ich Br-H 's Entscheidung? Vielen, vielen Dank, u. beste Ostergrüße! 8


Ihr herzlichst ergeb.
[signed:] H Schenker

© Transcription Christoph Hust, 2006


April 19, 1930

Dear Doctor, 1

Many and most cordial thanks for your kindness and the trouble you have gone to! 2 First, some clarification regarding Peters. The latter publishing house asked me years ago for an edition of ten selected piano sonatas of Beethoven, and stipulated for this from the outset [that it be] "in the manner of Straube." 3 I responded that I would have to go back to the manscripts and, in accordance with them, make the publishing house's edition new from the ground up, that I would then in fact prefer to carry it through as a complete edition, that the assembling of the copies 4 would demand time and money, etc.

Today, now that I have actually carried the complete edition through, Peters may see just how differently we judge the question! The honorarium that I quoted was that {2} which served as a basis for dealings with Hertzka, which was admittedly in the end changed to royalties. Thus, from this basic misunderstanding, Peters, as I perceive from Prof. Straube's letter, are still harboring the memory of allegedly high demands, and that is the reason why Peters were at that time greatly offended that I declared their edition to be incorrect. No, No. For the Ninth Symphony I received 1,000 Kronen, for the monographs on Opp. 109, 110, 101, and 111 each 600 Kronen. Are those honoraria at all? That would hardly have sufficed to pay the work of copying by hand, particularly as for the complete edition and the monographs, for example, I took care of all the copies out of my own money. No, no; it is not, I think, so easy to find someone who accomplishes his life's work, as I have, with such sacrifices!

Here is further proof: I am willing {3} to hand over the book for no honorarium, so strongly do I feel that it is high time to place before German musicians the question "Rameau or Beethoven? Creeping Paralysis or Potency in Music?" 5 for them to decide. I will make a present of all my burdensome troubles; Breitkopf & Härtel would have only to be answerable for 6 one thing: that the edition not be delayed on any pretext! I still have to finish Free Composition [and] the "Art of Composition," I have pupils [to teach], thus must at least get ahead with the "Eroica" 7 so that the proofs are out of the way before I tackle my last works. I would ask only this one thing! Cotta wrote me once in the midst of printing (!) that my work was in fact timeless, therefore it was less a matter of this or that date than of ephemeral works; similarly Hertzka frequently offered my "eternal works," {4} to whose publication date it was not necessary to adhere so terribly precisely, and so forth. That must be avoided this time: because my visual faculty is very much weakened, I could not accomplish everything all at the same time.

Forgive me, most honored Doctor, for writing you so lengthy a confession. I would much prefer to spare you all the trouble by writing myself to Professor Straube, to whom I am most heartily grateful for his kindness, and ask him whether Breitkopf & Härtel would at least like to take on the prompt publication? I should rejoice very greatly at the association because I still have plans for shorter works for educational use, in which Hertzka has already taken a lively interest. May I discharge you, the heavily-afflicted one, and write to Professor Straube, or is this letter sufficient? And how shall I learn of Breitkopf & Härtel's decision? Many, many thanks, and best greetings for Easter! 8


Yours most cordially,
[signed:] H. Schenker

© Translation Ian Bent, 2007


19. 4. 30

Sehr geehrter Herr Doctor! 1

Vielen, herzlichsten Dank für Ihre Güte u. Mühe! 2 Zuerst eine Aufklärung über Peters . Dieser Verlag erbat von mir vor Jahren eine Ausgabe von ausgewählten 10 Klaviersonaten Beeth 's u. schrieb mir hierfür von vornherein vor: „in der Art von Straube“. 3 Ich erwiderte, daß ich auf die Handschriften zurückgehen müsste u. danach die Ausgabe des Verlages von Grund aus neu machen müsste, daß ich dann auch lieber eine Gesammtausgabe durchführen wollte, daß die Einsammlung der Vorlagen 4 Zeit u. Geld fordern würde u. s. w.

Heute, da ich die G. A. nun wirklich ausgeführt habe, mag ja Peters sehen, wie verschieden wir über die Frage urteilten! Das Honorar, das ich ansetzte, war das gleiche, {2} das in den Verhandlungen mit Hertzka zur Grundlage diente, das zuletzt freilich in Tantièmen geändert worden ist. Aus jenem Grundmißverständnis hat also P., wie ich Prof. Straube's Brief entnehme, noch immer die Erinnerung an angeblich hohe Forderungen zurückbehalten, dazu kommt, daß P. damals sehr fest beleidigt war darüber, daß ich seine Ausgabe für unrichtig erklärte. Nein, nein, für die „IX“ Sinf. erhielt ich 1000 Kr., für die Monographien op 109, 110, 101, 111 je 600 Kr, sind das Honorare überhaupt?? Das würde kaum für die schriftlichen Kopistenarbeiten ausgereicht haben, zumal ich z. B. zur Gesamtausgabe u. den Monographien alle Vorlagen mit eigenem Gelde besorgt habe. Nein, nein, ich glaube, es findet sich nicht so bald Einer, der unter solchen Opfern wie ich sein Lebenswerk vollführt!

Hier wieder ein Beweis: Ich bin bereit, das {3} Buch ohne Honorar zu überlassen, so sehr halte ich es für höchste Zeit, den deutschen Musikern die Frage: „ Rameau – oder Beethoven ? Erstarrung – oder Leben in der Musik“ 5 zur Entscheidung vorzulegen. Alle meine schwere Mühe schenke ich, nur für Eines müsste Br & H. gutstehen, 6 daß die Herausgabe unter keinen Vorwand verzögert werde! Ich habe vor mir den „freien Satz“, die „Kunst des Vortrags“, habe Schüler, also muß zumindest die „Eroica“ fort, 7 damit die Korrekturen beendet sind, ehe ich die letzten Arbeiten verrichte. Nur dieses Eine würde ich erbitten! Schon Cotta schrieb mir einmal, inmitten der Drucklegung (!), mein Werk sei ja zeitlos, folglich komme es auf dieses oder jenes Datum weniger an, als bei Werken vom Tage, desgleichen wartete mir Hertzka öfter mit „Ewigkeitswerken“ {4} auf, deren Herausgabe nicht so peinlich genau einzuhalten nötig wäre u. dgl. Das muß diesmal aber vermieden werden, weil mein Sehvermögen sehr geschwächt ist, ich daher nicht Alles auf einmal bewältigen könnte.

Verzeihen Sie, verehrtester Herr Doctor, daß ich Ihnen eine so ausführliche Beichte schreibe. Am liebsten würde ich Ihnen dadurch alle Mühe abnehmen, daß ich an Prof. Straube , dem ich für seine Freundlichkeit herzlichst danke, selbst schreibe u. ihn frage, ob Br & H. zumindest die prompte Herausgabe auf sich nehmen wollten? Ich würde mich der Verbindung sehr, sehr freuen, weil ich noch [illeg]Pläne für kleinere Arbeiten zum Schulgebrauch habe, an denen schon Hertzka regsten Anteil nahm. Darf ich Sie, den Vielgeplagten, entlassen u. an Prof. Straube schreiben, oder genügt dieser Brief? Und wie erfahre ich Br-H 's Entscheidung? Vielen, vielen Dank, u. beste Ostergrüße! 8


Ihr herzlichst ergeb.
[signed:] H Schenker

© Transcription Christoph Hust, 2006


April 19, 1930

Dear Doctor, 1

Many and most cordial thanks for your kindness and the trouble you have gone to! 2 First, some clarification regarding Peters. The latter publishing house asked me years ago for an edition of ten selected piano sonatas of Beethoven, and stipulated for this from the outset [that it be] "in the manner of Straube." 3 I responded that I would have to go back to the manscripts and, in accordance with them, make the publishing house's edition new from the ground up, that I would then in fact prefer to carry it through as a complete edition, that the assembling of the copies 4 would demand time and money, etc.

Today, now that I have actually carried the complete edition through, Peters may see just how differently we judge the question! The honorarium that I quoted was that {2} which served as a basis for dealings with Hertzka, which was admittedly in the end changed to royalties. Thus, from this basic misunderstanding, Peters, as I perceive from Prof. Straube's letter, are still harboring the memory of allegedly high demands, and that is the reason why Peters were at that time greatly offended that I declared their edition to be incorrect. No, No. For the Ninth Symphony I received 1,000 Kronen, for the monographs on Opp. 109, 110, 101, and 111 each 600 Kronen. Are those honoraria at all? That would hardly have sufficed to pay the work of copying by hand, particularly as for the complete edition and the monographs, for example, I took care of all the copies out of my own money. No, no; it is not, I think, so easy to find someone who accomplishes his life's work, as I have, with such sacrifices!

Here is further proof: I am willing {3} to hand over the book for no honorarium, so strongly do I feel that it is high time to place before German musicians the question "Rameau or Beethoven? Creeping Paralysis or Potency in Music?" 5 for them to decide. I will make a present of all my burdensome troubles; Breitkopf & Härtel would have only to be answerable for 6 one thing: that the edition not be delayed on any pretext! I still have to finish Free Composition [and] the "Art of Composition," I have pupils [to teach], thus must at least get ahead with the "Eroica" 7 so that the proofs are out of the way before I tackle my last works. I would ask only this one thing! Cotta wrote me once in the midst of printing (!) that my work was in fact timeless, therefore it was less a matter of this or that date than of ephemeral works; similarly Hertzka frequently offered my "eternal works," {4} to whose publication date it was not necessary to adhere so terribly precisely, and so forth. That must be avoided this time: because my visual faculty is very much weakened, I could not accomplish everything all at the same time.

Forgive me, most honored Doctor, for writing you so lengthy a confession. I would much prefer to spare you all the trouble by writing myself to Professor Straube, to whom I am most heartily grateful for his kindness, and ask him whether Breitkopf & Härtel would at least like to take on the prompt publication? I should rejoice very greatly at the association because I still have plans for shorter works for educational use, in which Hertzka has already taken a lively interest. May I discharge you, the heavily-afflicted one, and write to Professor Straube, or is this letter sufficient? And how shall I learn of Breitkopf & Härtel's decision? Many, many thanks, and best greetings for Easter! 8


Yours most cordially,
[signed:] H. Schenker

© Translation Ian Bent, 2007

Footnotes

1 This letter was sent by express mail and must have arrived the same day. Writing of the letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/3, p. 3468, April 19, 1930: "An Furtwängler (expreß Br.): danke für die Mühe, stelle die Legende Peters von meinem hohen Forderungen richtig u. wiederhole, daß mir um eine schnelle Herausgabe zu tun sei." ("To Furtwängler (express letter): I thank him for his trouble, set the facts straight regarding the story with Peters concerning my high demands, and repeat that what is important for me is a speedy publication."). His diary at OJ 4/3, pp. 3469‒3470, April 21, records: "Von Furtwängler (Br.[= OC 54/297]): habe mein Schreiben an Straube weitergegeben, Straube werde mir antworten." ("From Furtwängler (letter): he has forwarded my letter to Straube; Straube will reply to me."). Karl Straube was then co-editor of the Neue Bachgesellschaft (fo. 1900), whose publications were produced by Breitkopf & Härtel, as well as editor of other volumes published by Breitkopf & Härtel (information from Matthias Otto, Archivist of Breitkopf & Härtel, email January 24, 2007).

2 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/3, p. 3468, April 18, 1930: "Von Furtwängler (Br.[= OC 54/296]): mit einem Brief von Straube: Straube hält es fast für ausgeschlossen, daß Br. u. H. den Verlag übernehmen können, er will es aber versuchen." ("From Furtwängler (letter[= OC 54/296]), with a letter from Straube: Straube believes that it is virtually impossible that Breitkopf & Härtel will take over [as] publisher; he will, however, try.")

3 OJ 13/17, [3], September 10, 1913, Peters to Schenker: "Hierbei wäre die Hauptsache für mich einen Herausgeber zu finden, der einerseits für die Revision die pädagogischen Anforderungen der Praxis beherrscht und andererseits über Beethoven und seine Werke etwas Eigenes zu sagen hat, in dem Sinne wie Straube in seiner neuen Ausgabe von Bach-Orgelwerke über Bach." ("In this, the main thing for me would be to find an editor who on the one hand can bring to the edition a command of the pedagogical requirements of the practice, and on the other hand has something individual to say about Beethoven and his works, in the way that Straube in his new edition of Bach organ works does about Bach.").

4 "Vorlagen" : presumably Schenker means "sources" in general, here, rather than the technical term "Stichvorlage," i.e. the document from which the engraver worked.

5 Approximate title of the lead article, "Rameau oder Beethoven? Erstarrung oder geistiges Leben in der Musik?" in the eventual Meisterwerk III. At the time, attempts were being made to find a publisher for the "Eroica" analysis, and appeals were made to both Breitkopf & Härtel and Peters.

6 "gutstehen": archaic for "gutsagen."

7 "Beethovens Dritte Sinfonie zum erstenmal in ihrem wahren Inhalt dargestellt," in Meisterwerk III, the first three movements of which Schenker sent to the engraver Georg Tomay on July 24 and the fourth movement on July 26, 1930 (OC 54/203 and 204).

8 Easter Sunday was April 20 in 1930.

Commentary

Format
4p letter, holograph salutations, message and signature
Provenance
Furtwängler, Wilhelm (document date-19??)--Staatsbibliothek, Berlin (19??–)
Rights Holder
Deemed to be in the public domain
License
In the public domain. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2014-12-16
Last updated: 2010-06-26