15. 11. 08

Rührend Florizens Reue, Einsicht u. Kummer. Er hat in seinem eigenen Nebelwehen auch den Kern nicht gefunden, der sich die Jahre hindurch hätte verdichten können. Noch ist seine Seele, sein ganzes Wesen gleichsam ein konvertartiges Ding. Vielleicht hilft der Druck der Situation den Kern erzeugen.

Festconzert. B ’s Missa solemnis . 1 Senius vorzüglich, Auch Sopran Frau N.- Rendig. [recte Reddingius]H. Kraus u. Gattin dagegen schreierisch u. quatschig. Manche Tempi zu schnell.

Dem Bankett ferngeblieben (mit Entschuldigung).

Zeitungsschreibern Praktiken: der Eine, ‒ Bankbeambter von Beruf, 2 des Abends aber in den Wintermonaten Richter über Komposition, Spiel, Instrumentierung, ‒ findet es nur in der Ordnung, wenn er selbst diese oder jene Leistung eines Künstlers oder Orchesters tadelt, da er im Wahn lebt, den Tadel nur aus sachlichen Gründen öffentlich ausgesprochen zu haben (wovon natürlich keine Rede), ‒ schimpft dagegen mich öffentlich u. dennoch [?wieder] versteckt einen „ewigen Nörgler u. einen hämischen Malcontenten“, blos weil ich sein Urteil über diese oder jene „Tat“ nicht billige. Das ewige Gesetz des bornierten Ignoranten, nur sich selbst für ehrlich u. entusiastisch zu halten.

Ein Anderer [‒] Dr. Rob. Hirschfeld : Unfähig zu meiner Harmonielehre Stellung zu nehmen, wendet er sich desto schärfer gegen die Kleinigkeit der „Tabelle.“ Diese bewältigt er mit dem Auge, u. glaubt sie daher zu verstehen.

{93} Um sich aber vom Dank zu entlasten, den er mindestens dafür empfinden müßte, daß er daraus Einiges, bis dahin ihm Unbekannt gebliebenes, endlich gelernt hat ‒ jedenfalls ist dieses wahr, trotzdem der soeben durch mich Bereicherte es undankbarerweise leugnet [‒] jedenfalls ist, was er bei mir gelernt hat mehr, als je ein Leser seiner Feuilletons von ihm selbst zu lernen in der Lage war, ‒ zieht er vor, kindische Einwände u. Glossen zu machen: es fehle ihm dieses, jenes. Wäre es denn überhaupt möglich auf eine billige Tabelle zu setzen, was Alles H. Dr. R. H. noch nicht weiß? Und würden gar Bände dafür ausreichen? Haben denn Berlioz ’ u. Gevaërt s Arbeiten sein Wissen 3 gefördert? Doch auch nicht! Kritik blos um der Kritik u. der Lumperei willen, das ist es u. nichts mehr.

Bonmot eines Bekannten: Würden statt der Frauen die Männer ‒ man nehme das Paradoxon an ‒ von Natur aus dazu bestimmt worden sein Kinder zu kriegen, längst schon hätten sie das Gesetz entdeckt, wornach die Geburt eines Knaben oder eines Mädchens erfolge. Da aber die Frauen dieses besorgen, wird es wohl für immer ein Geheimnis der Natur bleiben . . . .

© Transcription Ian Bent, 2017


November 15, 1908

It is touching to see Floriz's remorse, intelligence, and sorrow. In his irresoluteness, he has not even found the core of his being, which should over the years have been able to mature. His mind, his whole being is, as it were, still able to be swayed. Perhaps the pressure of the crisis will bring that core to fruition.

Celebratory concert: Beethoven's Missa solemnis . 1 Senius excellent, also the soprano Mrs. N.- Rendig. [recte Reddingius] . ‒ Mr. Kraus and his wife, on the other hand, screetched and squawked. Many tempi too fast.

Stayed away from the banquet (apologies sent).

Newspaper writers' practices: one such [is] a well-known bank official, 2 but in the evenings during the winter months [he acts as a] judge over composition, performance and instrumentation ‒ he deems it perfectly appropriate for him to find fault with this or that work that a composer or orchestra has delivered because he labors under the illusion that the criticisms he has pronounced in public are based on purely objective grounds (which, naturally, are beyond question) ‒ on the other hand, he inveighs against me publicly and nevertheless [?again] conceals an "eternal fault-finder and a malicious malcontent", solely because I do not endorse his judgment on this or that "fact." The eternal law of the narrow-minded ignoramus who considers himself alone to be noble and enthusiastic.

Another such is Dr. Robert Hirschfeld: Incapable of adopting a position on my Theory of Harmony , he aims his criticism all the more harshly at the minutiae of the Table of Contents. This he takes in visually, and thereby believes that he has understood it.

{93} But in order to disencumber himself of the gratitude that he would at least have to feel for having finally learned from it something that had remained unknown to him until now ‒ at any rate this is true, although the person just now enriched by me ungratefully denies it ‒ in any case, what he has learned from me is more than any reader of his feuilletons was in a position ever to learn from him ‒ he prefers to make childish objections and ironic comments: "it lacks this, that, or the other". Would it even be possible for a modest-sized table of contents to accommodate all that Dr. R. H. still does not know? And would even volumes galore be sufficient to contain it all? After all, have Berlioz's and Gevaërt's works advanced his knowledge? 3 Surely not! Criticism merely for the sake of criticism and mean tricks ‒ that's all it is and nothing more.

Witticism of a well-known person: If, instead of women, men ‒ let's accept the paradox ‒ were designed by Nature to have children, they would long ago have discovered the law whereby the birth of a boy of girl could be successfully accomplished. Since, however, women take care of this, it will surely for ever remain a secret of Nature . . . .

© Translation Ian Bent, 2017


15. 11. 08

Rührend Florizens Reue, Einsicht u. Kummer. Er hat in seinem eigenen Nebelwehen auch den Kern nicht gefunden, der sich die Jahre hindurch hätte verdichten können. Noch ist seine Seele, sein ganzes Wesen gleichsam ein konvertartiges Ding. Vielleicht hilft der Druck der Situation den Kern erzeugen.

Festconzert. B ’s Missa solemnis . 1 Senius vorzüglich, Auch Sopran Frau N.- Rendig. [recte Reddingius]H. Kraus u. Gattin dagegen schreierisch u. quatschig. Manche Tempi zu schnell.

Dem Bankett ferngeblieben (mit Entschuldigung).

Zeitungsschreibern Praktiken: der Eine, ‒ Bankbeambter von Beruf, 2 des Abends aber in den Wintermonaten Richter über Komposition, Spiel, Instrumentierung, ‒ findet es nur in der Ordnung, wenn er selbst diese oder jene Leistung eines Künstlers oder Orchesters tadelt, da er im Wahn lebt, den Tadel nur aus sachlichen Gründen öffentlich ausgesprochen zu haben (wovon natürlich keine Rede), ‒ schimpft dagegen mich öffentlich u. dennoch [?wieder] versteckt einen „ewigen Nörgler u. einen hämischen Malcontenten“, blos weil ich sein Urteil über diese oder jene „Tat“ nicht billige. Das ewige Gesetz des bornierten Ignoranten, nur sich selbst für ehrlich u. entusiastisch zu halten.

Ein Anderer [‒] Dr. Rob. Hirschfeld : Unfähig zu meiner Harmonielehre Stellung zu nehmen, wendet er sich desto schärfer gegen die Kleinigkeit der „Tabelle.“ Diese bewältigt er mit dem Auge, u. glaubt sie daher zu verstehen.

{93} Um sich aber vom Dank zu entlasten, den er mindestens dafür empfinden müßte, daß er daraus Einiges, bis dahin ihm Unbekannt gebliebenes, endlich gelernt hat ‒ jedenfalls ist dieses wahr, trotzdem der soeben durch mich Bereicherte es undankbarerweise leugnet [‒] jedenfalls ist, was er bei mir gelernt hat mehr, als je ein Leser seiner Feuilletons von ihm selbst zu lernen in der Lage war, ‒ zieht er vor, kindische Einwände u. Glossen zu machen: es fehle ihm dieses, jenes. Wäre es denn überhaupt möglich auf eine billige Tabelle zu setzen, was Alles H. Dr. R. H. noch nicht weiß? Und würden gar Bände dafür ausreichen? Haben denn Berlioz ’ u. Gevaërt s Arbeiten sein Wissen 3 gefördert? Doch auch nicht! Kritik blos um der Kritik u. der Lumperei willen, das ist es u. nichts mehr.

Bonmot eines Bekannten: Würden statt der Frauen die Männer ‒ man nehme das Paradoxon an ‒ von Natur aus dazu bestimmt worden sein Kinder zu kriegen, längst schon hätten sie das Gesetz entdeckt, wornach die Geburt eines Knaben oder eines Mädchens erfolge. Da aber die Frauen dieses besorgen, wird es wohl für immer ein Geheimnis der Natur bleiben . . . .

© Transcription Ian Bent, 2017


November 15, 1908

It is touching to see Floriz's remorse, intelligence, and sorrow. In his irresoluteness, he has not even found the core of his being, which should over the years have been able to mature. His mind, his whole being is, as it were, still able to be swayed. Perhaps the pressure of the crisis will bring that core to fruition.

Celebratory concert: Beethoven's Missa solemnis . 1 Senius excellent, also the soprano Mrs. N.- Rendig. [recte Reddingius] . ‒ Mr. Kraus and his wife, on the other hand, screetched and squawked. Many tempi too fast.

Stayed away from the banquet (apologies sent).

Newspaper writers' practices: one such [is] a well-known bank official, 2 but in the evenings during the winter months [he acts as a] judge over composition, performance and instrumentation ‒ he deems it perfectly appropriate for him to find fault with this or that work that a composer or orchestra has delivered because he labors under the illusion that the criticisms he has pronounced in public are based on purely objective grounds (which, naturally, are beyond question) ‒ on the other hand, he inveighs against me publicly and nevertheless [?again] conceals an "eternal fault-finder and a malicious malcontent", solely because I do not endorse his judgment on this or that "fact." The eternal law of the narrow-minded ignoramus who considers himself alone to be noble and enthusiastic.

Another such is Dr. Robert Hirschfeld: Incapable of adopting a position on my Theory of Harmony , he aims his criticism all the more harshly at the minutiae of the Table of Contents. This he takes in visually, and thereby believes that he has understood it.

{93} But in order to disencumber himself of the gratitude that he would at least have to feel for having finally learned from it something that had remained unknown to him until now ‒ at any rate this is true, although the person just now enriched by me ungratefully denies it ‒ in any case, what he has learned from me is more than any reader of his feuilletons was in a position ever to learn from him ‒ he prefers to make childish objections and ironic comments: "it lacks this, that, or the other". Would it even be possible for a modest-sized table of contents to accommodate all that Dr. R. H. still does not know? And would even volumes galore be sufficient to contain it all? After all, have Berlioz's and Gevaërt's works advanced his knowledge? 3 Surely not! Criticism merely for the sake of criticism and mean tricks ‒ that's all it is and nothing more.

Witticism of a well-known person: If, instead of women, men ‒ let's accept the paradox ‒ were designed by Nature to have children, they would long ago have discovered the law whereby the birth of a boy of girl could be successfully accomplished. Since, however, women take care of this, it will surely for ever remain a secret of Nature . . . .

© Translation Ian Bent, 2017

Footnotes

1 This second celebratory concert of the 50th anniversary of the Vienna Singverein took place at 12.30 midday on 15 November in the large hall of the Musikverein Building. Beethoven's Missa solemnis was performed by Aaltje Noordewier-Reddingius, Adrienne von Kraus-Osborne, Felix Senius, Felix von Kraus, Arnold Rosé (solo violin), Rudolf Dittrich (organ), the joint choruses of the Vienna Singverein and Männergesangverein, and the Court Opera Orchestra.

2 Reference is probably to Paul Stauber.

3 Schenker first wrote "Ignoranz" ("ignorance"), and then changed it to "Wissen" ("knowledge"). — He is presumably referring to Hector Berlioz's Grand traité d'instrumentation et d'orchestration modernes, Op. 10 (Paris: Schonenberger, 1844) and François-Auguste Gevaërt's Traité général d'instrumentation (Ghent & Liége: Gevaert, 1863), revised edition as Nouveau traité d'instrumentation (Paris: Lemoine, 1885). The German translation of the latter by Hugo Riemann as Neue Instrumenten-Lehre (Leipzig: Junne Otto, 1887) was in Schenker's personal library at the time of his death.