29.

Weisse trägt mir sein erstes vollendetes Streich-Quintett vor.

*

[HS hand:] Um Männer anzulocken ahmen Frauen den [sic] Dirnen nach, u. umgekehrt aber auch Dirnen den [sic] Frauen!

*

Bislang hielten alle Maler für ein „Portrait“ einen menschlichen Akt, der vom Antlitz mindestens ein Stückchen zeigt; erst Herrn Schönberg, blieb es vorbehalten, die Darstellung seines Hintern u. der Glatze ebenfalls für sein „Portrait“ auszugeben! 1 Und da sollte man nicht an einen „Fortschritt“ glauben!

*

Im Grunde nennen die Menschen „Fortschritt“ jene fatale Unart, immer nach etwas Neuem, Anderem zu verlangen, also blos d as ie kindliche subjektive Gier nach immer neuen Gegenständen, u. zw. unbekümmert darum, ob gewisse Situationen oder Stoffe ein solches Begehren rechtfertigen. Aber da wäre es doch wohl am klügsten, wenn sie die Befriedigung dieser Gier selbst besorgen wollten. Warum treffen sie es, in einen Eisenbahnwagen einzusteigen, sobald sie die Gier anwandelt, einen neuen Ort aufzusuchen? {242} Warum treffen sie dagegen nicht jene neuen Werke zu schreiben, nach denen ihr immer reise- u. abenteuerlustiges Herz begehrt? Warum helfen sie sich dort selbst, hier aber nicht mehr selbst? Und wenn sie endlich einsehen müssen, daß nicht sie selbst die neuen Werke zu erzeugen vermögen, vielmehr dieses einem auserwählten Genie vorbehalten bleibt überlassen müssen , warum begreifen sie dann nicht, daß sie sich in Sachen des Fortschritts eben nur nach dem Genie zu richten hätten? Wenn (nicht) die neuen Sinfonien nicht Herr X u. Y, sondern nur Brahms schreibt, was soll es bedeuten, daß gerade jene den „Fortschritt“ wünschen haben wollen , wenn trotzdem Brahms „fortzuschreiten“ nicht für angezeigt hält. Wozu nützt ihnen auch übrigens all ihr Lärm, wenn er zu keiner Sinfonie führt? Wäre es nicht besser, die Taten Brahms’ zu studieren u. daraus jene Gesichtspunkte zu erschließen, (mit denen) die zur Erkenntnis dessen, was unabänderlich bleiben soll, wie auch dessen[,] was allein veränderlich ist, führen können?

*

Eine gierige Schülerin von mir, die (aus Gier u. Schmutz) die Stunde gerne noch um eine halbe verlängert, pflegt nach vollzogener Plünderung meiner Lunge u. Nerven ihr Mitleid hervorzuholen u. sagt genau nach 1½ Stunden (– doch nicht aber 5 Min. vorher !) sagt sie dann, wie sie glaubt, mit voller echter Teilnahme zu sagen: „. . rRuhen Sie sich aber aus.“ Aehnlich macht es die Menschheit mit den Genies: nachdem sie ihre Gier ungehemmt walten ließ, ruft auch sie ihnen zu: Ruhen Sie sich aus, Herr Mozart!

*{243}

© Transcription Marko Deisinger.

29.

Weisse plays his first completed string quintet.

*

[HS hand:] To allure men, women imitate prostitutes; conversely, however, prostitutes also imitate women!

*

Until now, all painters understood a "portrait" to be a human act that had to show at least a small piece of the countenance of the sitter. But now Mr. Schoenberg has reserved the right to offer the representation of his backside and bald head as his a "portrait"! 1 And with this one should not believe that "progress" has been made!

*

In essence, people call "progress" that fatal habit of demanding always something new, different, i.e. simply the childish, subjective craving for ever new objects, and indeed without worrying about whether the particular situations or materials justify such a craving. But here it would surely be most clever if they were to satisfy this craving themselves. Why does it occur to them to board a railroad train as soon as the craving befalls them to seek out a new place? {242} Why, on the other hand, does it not occur to them to write those new works which their travel- and adventure-seeking hearts desire? Why can they find a way to the one, but not to the other? And when they finally realize that they are themselves not capable of producing the new works but must leave this to the predestinated genius, why do they then not understand that, in matters of progress, they had only to follow the genius? When it is not Mr. X or Mr. Y but only Brahms who writes new symphonies, what should it even matter that they had wanted the "progress," even though Brahms did not consider it as indicating "progress." Of what use to them is all their noise if it results in no symphony? Would it not be better to study Brahms’s works, and to derive those points of view that can lead to the recognition of what should remain immutable as well as that which alone can be changed?

*

A greedy female pupil of mine who (out of greed and avarice) likes to extend her lesson by half its length, pauses to nurture her compassion after completely plundering my lungs and nerves, and says after precisely 1½ hours (– and not 5 minutes before!) she then says says how she believes, with complete, genuine concern: "…But you should have a rest." Humanity behaves in a similar way towards the geniuses: after they let their greed prevail uninhibited, they too say to them: "Take a rest Mr. Mozart!"

*{243}

© Translation William Drabkin.

29.

Weisse trägt mir sein erstes vollendetes Streich-Quintett vor.

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[HS hand:] Um Männer anzulocken ahmen Frauen den [sic] Dirnen nach, u. umgekehrt aber auch Dirnen den [sic] Frauen!

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Bislang hielten alle Maler für ein „Portrait“ einen menschlichen Akt, der vom Antlitz mindestens ein Stückchen zeigt; erst Herrn Schönberg, blieb es vorbehalten, die Darstellung seines Hintern u. der Glatze ebenfalls für sein „Portrait“ auszugeben! 1 Und da sollte man nicht an einen „Fortschritt“ glauben!

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Im Grunde nennen die Menschen „Fortschritt“ jene fatale Unart, immer nach etwas Neuem, Anderem zu verlangen, also blos d as ie kindliche subjektive Gier nach immer neuen Gegenständen, u. zw. unbekümmert darum, ob gewisse Situationen oder Stoffe ein solches Begehren rechtfertigen. Aber da wäre es doch wohl am klügsten, wenn sie die Befriedigung dieser Gier selbst besorgen wollten. Warum treffen sie es, in einen Eisenbahnwagen einzusteigen, sobald sie die Gier anwandelt, einen neuen Ort aufzusuchen? {242} Warum treffen sie dagegen nicht jene neuen Werke zu schreiben, nach denen ihr immer reise- u. abenteuerlustiges Herz begehrt? Warum helfen sie sich dort selbst, hier aber nicht mehr selbst? Und wenn sie endlich einsehen müssen, daß nicht sie selbst die neuen Werke zu erzeugen vermögen, vielmehr dieses einem auserwählten Genie vorbehalten bleibt überlassen müssen , warum begreifen sie dann nicht, daß sie sich in Sachen des Fortschritts eben nur nach dem Genie zu richten hätten? Wenn (nicht) die neuen Sinfonien nicht Herr X u. Y, sondern nur Brahms schreibt, was soll es bedeuten, daß gerade jene den „Fortschritt“ wünschen haben wollen , wenn trotzdem Brahms „fortzuschreiten“ nicht für angezeigt hält. Wozu nützt ihnen auch übrigens all ihr Lärm, wenn er zu keiner Sinfonie führt? Wäre es nicht besser, die Taten Brahms’ zu studieren u. daraus jene Gesichtspunkte zu erschließen, (mit denen) die zur Erkenntnis dessen, was unabänderlich bleiben soll, wie auch dessen[,] was allein veränderlich ist, führen können?

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Eine gierige Schülerin von mir, die (aus Gier u. Schmutz) die Stunde gerne noch um eine halbe verlängert, pflegt nach vollzogener Plünderung meiner Lunge u. Nerven ihr Mitleid hervorzuholen u. sagt genau nach 1½ Stunden (– doch nicht aber 5 Min. vorher !) sagt sie dann, wie sie glaubt, mit voller echter Teilnahme zu sagen: „. . rRuhen Sie sich aber aus.“ Aehnlich macht es die Menschheit mit den Genies: nachdem sie ihre Gier ungehemmt walten ließ, ruft auch sie ihnen zu: Ruhen Sie sich aus, Herr Mozart!

*{243}

© Transcription Marko Deisinger.

29.

Weisse plays his first completed string quintet.

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[HS hand:] To allure men, women imitate prostitutes; conversely, however, prostitutes also imitate women!

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Until now, all painters understood a "portrait" to be a human act that had to show at least a small piece of the countenance of the sitter. But now Mr. Schoenberg has reserved the right to offer the representation of his backside and bald head as his a "portrait"! 1 And with this one should not believe that "progress" has been made!

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In essence, people call "progress" that fatal habit of demanding always something new, different, i.e. simply the childish, subjective craving for ever new objects, and indeed without worrying about whether the particular situations or materials justify such a craving. But here it would surely be most clever if they were to satisfy this craving themselves. Why does it occur to them to board a railroad train as soon as the craving befalls them to seek out a new place? {242} Why, on the other hand, does it not occur to them to write those new works which their travel- and adventure-seeking hearts desire? Why can they find a way to the one, but not to the other? And when they finally realize that they are themselves not capable of producing the new works but must leave this to the predestinated genius, why do they then not understand that, in matters of progress, they had only to follow the genius? When it is not Mr. X or Mr. Y but only Brahms who writes new symphonies, what should it even matter that they had wanted the "progress," even though Brahms did not consider it as indicating "progress." Of what use to them is all their noise if it results in no symphony? Would it not be better to study Brahms’s works, and to derive those points of view that can lead to the recognition of what should remain immutable as well as that which alone can be changed?

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A greedy female pupil of mine who (out of greed and avarice) likes to extend her lesson by half its length, pauses to nurture her compassion after completely plundering my lungs and nerves, and says after precisely 1½ hours (– and not 5 minutes before!) she then says says how she believes, with complete, genuine concern: "…But you should have a rest." Humanity behaves in a similar way towards the geniuses: after they let their greed prevail uninhibited, they too say to them: "Take a rest Mr. Mozart!"

*{243}

© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Arnold Schoenberg's "Going Self-Portrait" (Gehendes Selbst-Portrait), 1911.