30. IX.

Ein Feuilleton des „Morgen 1 fordert die armen Musiklehrer zu einer Organisation auf, damit sie die Honorierung der vom Schüler abgesagten Stunden durchsetzen. Der Autor übersieht indessen den letzten Grund dieser Unsitte; er s ruht tiefer, als man anzunehmen geneigt wäre. So locker ist nämlich die Beziehung der Stundennehmenden zur Kunst, daß sie, sobald die Honorarfrage herantritt, unweigerlich ein Gefühl durchzuckt, dessen Text ungefähr lautet: „Eigentlich brauche ich es nicht.“ Ohne Zweifel ist darin die traurige Wahrheit enthalten, nur ist der Schluß, den daraus die Stundennehmenden ziehen, ein unerlaubter. Mögen sie doch nur einmal zu einem Möbelhändler gehen u. {245} versuchen eine Reduktion des Kaufpreises aus dem Grunde zu erwirken, weil sie die schönen Möbel nicht recht eigentlich brauchen u. nur Luxus damit zu treiben gedenken! Wie würde da der Händler lachen, nötigenfalls sich entrüsten! Was geht ihm denn das Motiv des Käufers an? Aehnlich aber sollten auch die Lehrer ihren Schülern begreiflich machen, daß sie es durchaus nicht als eine Gnade empfinden, wenn Unterricht bei ihnen verlangt wird; daß der Wunsch Unterricht zu nehmen, u. sei es nur der Zerstreuung halber, genügend Ursache ist, das Honorar genau so gewissenhaft zu erlegen, als es der Fall wäre, wenn die Schüler aus beruflichen Gründen Unterricht nehmen wollten.

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© Transcription Marko Deisinger.

September 30.

A feuilleton in Der Morgen 1 summons the poor music teachers to (form) an organization so that they can secure their fees for lessons cancelled by pupils. But the author misses the ultimate cause for this bad practice; it lies deeper than one is inclined to believe. The relationship of the lesson-takers to their art is so casual that, whenever the question of the lesson fee arises, a feeling inevitably flashes through them, the text of which roughly reads: "Actually, I don’t need it." Without doubt the sad truth is contained in it; it is only the conclusion that the lesson-takers draw that is not permitted. Supposing that they were to go just once to a furniture dealer and {245} attempt to gain a reduction in the retail price because they do not really need these beautiful pieces of furniture and are only thinking of pursuing an indulgence! How the dealer would laugh at this, if necessary become indignant! For what does he care about the motive of the buyer? Similarly, however, the teachers should make their pupils understand that they do not feel that they are being granted a favor when tuition is demanded of them. The wish to receive tuition, even if just to provide a diversion, is enough reason for pay the lesson fee just as conscientiously is it would be the case if the pupils wished to have tuition for professional reasons.

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© Translation William Drabkin.

30. IX.

Ein Feuilleton des „Morgen 1 fordert die armen Musiklehrer zu einer Organisation auf, damit sie die Honorierung der vom Schüler abgesagten Stunden durchsetzen. Der Autor übersieht indessen den letzten Grund dieser Unsitte; er s ruht tiefer, als man anzunehmen geneigt wäre. So locker ist nämlich die Beziehung der Stundennehmenden zur Kunst, daß sie, sobald die Honorarfrage herantritt, unweigerlich ein Gefühl durchzuckt, dessen Text ungefähr lautet: „Eigentlich brauche ich es nicht.“ Ohne Zweifel ist darin die traurige Wahrheit enthalten, nur ist der Schluß, den daraus die Stundennehmenden ziehen, ein unerlaubter. Mögen sie doch nur einmal zu einem Möbelhändler gehen u. {245} versuchen eine Reduktion des Kaufpreises aus dem Grunde zu erwirken, weil sie die schönen Möbel nicht recht eigentlich brauchen u. nur Luxus damit zu treiben gedenken! Wie würde da der Händler lachen, nötigenfalls sich entrüsten! Was geht ihm denn das Motiv des Käufers an? Aehnlich aber sollten auch die Lehrer ihren Schülern begreiflich machen, daß sie es durchaus nicht als eine Gnade empfinden, wenn Unterricht bei ihnen verlangt wird; daß der Wunsch Unterricht zu nehmen, u. sei es nur der Zerstreuung halber, genügend Ursache ist, das Honorar genau so gewissenhaft zu erlegen, als es der Fall wäre, wenn die Schüler aus beruflichen Gründen Unterricht nehmen wollten.

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© Transcription Marko Deisinger.

September 30.

A feuilleton in Der Morgen 1 summons the poor music teachers to (form) an organization so that they can secure their fees for lessons cancelled by pupils. But the author misses the ultimate cause for this bad practice; it lies deeper than one is inclined to believe. The relationship of the lesson-takers to their art is so casual that, whenever the question of the lesson fee arises, a feeling inevitably flashes through them, the text of which roughly reads: "Actually, I don’t need it." Without doubt the sad truth is contained in it; it is only the conclusion that the lesson-takers draw that is not permitted. Supposing that they were to go just once to a furniture dealer and {245} attempt to gain a reduction in the retail price because they do not really need these beautiful pieces of furniture and are only thinking of pursuing an indulgence! How the dealer would laugh at this, if necessary become indignant! For what does he care about the motive of the buyer? Similarly, however, the teachers should make their pupils understand that they do not feel that they are being granted a favor when tuition is demanded of them. The wish to receive tuition, even if just to provide a diversion, is enough reason for pay the lesson fee just as conscientiously is it would be the case if the pupils wished to have tuition for professional reasons.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Alpheus , "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst," Der Morgen, No. 40, September 30, 1912, 3rd year, pp. 1–2.