1. X.

Es mehren sich zusehends die Stimmen für die Klassiker! Enragirte Moderne, wie z. B. Salten, begreifen endlich, daß die klassischen Werke auf uns stark wie eine Offenbarung wirken könnten, ja müßten! Wie sehr sie aber von der wahren Erkenntnis noch immer entfernt sind, beweist am klarsten der von ihnen unaufhörlich geleierte Gedanke, daß man die Klassiker zu diesem Zwecke freilich erst aus dem „modernen Empfinden heraus“ zu erneuern habe. Daraus ist also zu entnehmen, daß sie im Grunde das moderne Empfinden allein für die Quelle eventueller Schönheiten in den klassischen Werken anzunehmen geneigt wären. Sie begreifen also noch immer nicht, daß, um die Schönheit u. Wahrheit zu offenbaren, die ihnen eigentümlich sind, die Werke z. B. eines Schiller, Goethe, eines Mozart, Beethoven, nicht erst der Zutaten u. Neuerungen bedürfen. Vielmehr ist es richtig, daß man den Werken bislang alles schuldig geblieben, u. wie ich leider befürchten muß, aus Mangel an Begabung auch fernerhin wird schuldig bleiben müssen, was aber am objektiven Sachverhalt nichts ändert, daß die klassischen Werke schon vom [sic] Haus aus dasjenige besitzen, was die Modernen in sie erst hineintragen zu müssen glauben. Wahrhaftig ! in Schillers Dramen steckt mehr, als Salten. Und sie waren die vollendeten Werte, noch ehe sie Salten für erneuerungsbedürftig erklärt hat.

*{247}

© Transcription Marko Deisinger.

October 1.

The voices in favor of the classics are multiplying noticeably! Enraged modernists like, for instance, Salten, are finally understanding that the classical works can, indeed must, have a strong effect upon us, like a revelation! How far they are, however, from the true understanding [of them] is shown most clearly by the incessantly droned idea that for this purpose one admittedly has to renew the classics "from the standpoint of modern sensibility." From this, one may thus infer that, basically, modern sensibility alone is inclined to be taken for the source of possible beautiful things in the classical works. Thus they still do not understand that in order to reveal beauty and truth, which are innate in them, the works of, say, a Schiller or a Goethe, a Mozart or a Beethoven are not first in need of additions or improvements. On the contrary, it is correct [to say] that one has remained unable to do any justice to these works and, as I unfortunately must fear, will forever remain incapable; this does not change the objective situation, that the classical works in and of themselves contain that very things that the modernists believe that they must supply to them, In truth!: there is more in Schiller's dramas than Salten's. And they were consummate works long before Salten declared them in need of renewal.

*{247}

© Translation William Drabkin.

1. X.

Es mehren sich zusehends die Stimmen für die Klassiker! Enragirte Moderne, wie z. B. Salten, begreifen endlich, daß die klassischen Werke auf uns stark wie eine Offenbarung wirken könnten, ja müßten! Wie sehr sie aber von der wahren Erkenntnis noch immer entfernt sind, beweist am klarsten der von ihnen unaufhörlich geleierte Gedanke, daß man die Klassiker zu diesem Zwecke freilich erst aus dem „modernen Empfinden heraus“ zu erneuern habe. Daraus ist also zu entnehmen, daß sie im Grunde das moderne Empfinden allein für die Quelle eventueller Schönheiten in den klassischen Werken anzunehmen geneigt wären. Sie begreifen also noch immer nicht, daß, um die Schönheit u. Wahrheit zu offenbaren, die ihnen eigentümlich sind, die Werke z. B. eines Schiller, Goethe, eines Mozart, Beethoven, nicht erst der Zutaten u. Neuerungen bedürfen. Vielmehr ist es richtig, daß man den Werken bislang alles schuldig geblieben, u. wie ich leider befürchten muß, aus Mangel an Begabung auch fernerhin wird schuldig bleiben müssen, was aber am objektiven Sachverhalt nichts ändert, daß die klassischen Werke schon vom [sic] Haus aus dasjenige besitzen, was die Modernen in sie erst hineintragen zu müssen glauben. Wahrhaftig ! in Schillers Dramen steckt mehr, als Salten. Und sie waren die vollendeten Werte, noch ehe sie Salten für erneuerungsbedürftig erklärt hat.

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© Transcription Marko Deisinger.

October 1.

The voices in favor of the classics are multiplying noticeably! Enraged modernists like, for instance, Salten, are finally understanding that the classical works can, indeed must, have a strong effect upon us, like a revelation! How far they are, however, from the true understanding [of them] is shown most clearly by the incessantly droned idea that for this purpose one admittedly has to renew the classics "from the standpoint of modern sensibility." From this, one may thus infer that, basically, modern sensibility alone is inclined to be taken for the source of possible beautiful things in the classical works. Thus they still do not understand that in order to reveal beauty and truth, which are innate in them, the works of, say, a Schiller or a Goethe, a Mozart or a Beethoven are not first in need of additions or improvements. On the contrary, it is correct [to say] that one has remained unable to do any justice to these works and, as I unfortunately must fear, will forever remain incapable; this does not change the objective situation, that the classical works in and of themselves contain that very things that the modernists believe that they must supply to them, In truth!: there is more in Schiller's dramas than Salten's. And they were consummate works long before Salten declared them in need of renewal.

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© Translation William Drabkin.