27.

Versuch eines Ausflugs nach Lawies; spät zu Tisch eingetroffen – erster Donner!

*

Notiz für Riemann’s Lexikon abgeschickt.

*

Wieder ist ein mächtiges Schiff 1 aufgelaufen! Wie tragisch ist es doch, daß die Menschen immer wieder ihr Heil im Hinausschieben von Grenzen suchen, statt diese zu segnen als Spenderinnen alles Guten. Was hat es genützt, daß die Bibel den Turm Babel als Paradigma für menschliche Vermessenheit aufgestellt hat? Wie vergeblich erwies sich die Lehre, die die Pyramiden erteilt haben! Während die Genies allein Grenzen zu verehren gelernt haben, sich gerne nach ihnen richten, schreiten umgekehrt die Unfähigen über Grenzen {339} hinaus u. verlieren so alles, was diesseits u. jenseits der Grenzen liegt. Wollten doch die Minderbegabten daran glauben, was die Katastrophen der Titanik, 2 des Imperators, des Napoleonischen Feldzugs nach Rußland predigen u. was die Formenwelt eines Bach u. Beethoven als Grenzen in der Kunst bedeuten! —

*

Gienge [sic] es nach der Anschauung der meisten Menschen, so müßte man die Lüge als ein bloßes Hirngespinnst [sic] erklären: sie alle reden wahr, alle, alle! Mit Einwendungen wie: Einbildung, Phrase, u. s. f. ist hier nichts getan, die Sache hat einen tieferen Grund! Es ist eben den meisten Menschen schon das Wort eine Tat u. wenn sie aussprechen: „ich meine es gut“, oder: „ich bin anständig“, oder: „ich liebe Dich“, oder: „ich tue meine Pflicht“, oder dgl., so glauben sie ernstlich, daß sie es wirklich gut gemeint haben, wirklich anständig sind, lieben, ihre Pflicht erfüllen u. dgl. – so sehr empfinden sie schon das Wort allein als die Leistung selbst. Dieses rührt aber freilich nur davon her, daß sie zur Tat unfähig sind! Wüßten sie erst, was zur Schaffung einer solchen gehört, so würden sie sich hüten, für Tat eine bloße Wortformel auszugeben, die bestenfalls eine Tat ankündigt. Hier liegt meines Erachtens der letzte Grund der Menschheits-Tragödie! Sie fühlen sich alle schuldlos, da sie von sich das Beste in Worten doch behaupten u. verstehen nicht, weshalb das Schicksal sie dennoch scharf rügt, indem es die Unfähigkeit zur Tat straft. Sie können zum Gefühl der Verantwortlichkeit aus Mangel an jeglichem Schuldbewußtsein gar nie gelangen! Es dDie Güte u. Weisheit Gottes wird angezweifelt, bloß weil man sich, angeblich schuldlos, schwer von ihm getroffen fühlt! Alle Anklagen müssen her, nur die eine wider sich selbst wird nicht erhoben.

Welchen Lauf hätte die Weltgeschichte genommen, wenn die Menschheit den Unterschied zwischen Wort u. Tat je begriffen hätte!

*

{340} Man wirft besonders Frauen Empfindlichkeit in kleinen u. kleinsten Dingen vor, während man sie stumpf findet in großen Angelegenheiten. Mit Unrecht! Da die Frauen, wohl auch die meisten Männer, große Angelegenheiten ganz u. gar nicht verstehen, ist es nur zu natürlich, daß sie hier auch keine Empfindlichkeit zeigen. Wie sollten sie sich plötzlich z. B. über den Niedergang des Vaterlandes aufregen, wenn ihnen Vaterland, Niedergang, u. s. f. ebenso wie den meisten Politikern u. Diplomaten im Grunde völlig fremde Gegenstände sind? Sie würden es ohne Zweifel treffen – die moderne Frauenbewegung erweist es ja zur Genüge – sich auch über andere Gegenstände zu ereifern, als die der Familie, sofern sie nur auf diese oder jene Weise Kenntnis davon erhalten würden. Es ereifert sich eben ein jeder dort, wo er mit seinen Sinnen zuhause ist. Wem also die angebliche Kleinlichkeit der Frau zuwider ist, mag nur den Mut haben, sie in wichtigere Gegenstände einzuführen u. er wird sich überzeugen, daß [sie] sich naturgemäß auch für letztere Aufregungen einstellen werden. Ich füge hinzu, daß sie sehr erwünscht wären, denn immerhin ist es angemessener, an Wichtigeres, als an minder Wichtiges seine Nerven zu verlieren! […] 3

*

Man potenzire den Kaufmann-Typus – es bleibt derselbe Typus: ein genialer Kaufmann , ebenso ist doch nur wieder ein Kaufmann, ebenso wie ein tüchtiger Einbrecher doch nur ein Einbrecher ist!

*

{341}

© Transcription Marko Deisinger.

27.

Attempt at an excursion to Lawies; arrived late for lunch – first thunder!

*

Notice for Riemann's Lexikon sent off.

*

Once again, a mighty ship 1 has sunk! But how tragic it is that people always seek their salvation by pushing at boundaries, instead of blessing them as the benefactors of all good things. Of what use was it that the Bible established the Tower of Babel as a paradigm for human arrogance? How futile proved the lesson that the pyramids gave us! While the geniuses alone have learned to honor boundaries, and gladly direct themselves towards them, the incompetent ones stride beyond boundaries {339} and thus lose that which belongs on this side of the boundary and the other side. If only the less competent were able to believe what the catastrophes of the Titanic, 2 the Imperator, the Napoleonic campaign for Russia preach, and what the worlds of forms of a Bach and Beethoven signify as boundaries in art! —

*

If one were to follow the view of most people, one would have to explain the lie as a mere figment of the imagination: they are all telling the truth, every one of them! Objections such as "imagination," "phrase," and the like are of no avail: the matter has a deeper cause! It is also for most people already a word and deed; and when they pronounce "I mean it well" or "I am respectable" or "I love you" or "I am doing my duty" or suchlike, they seriously believe that they have meant it seriously, that they are truly decent, that they love and fulfill their obligation, and so on – so much do they feel that their words already amount to the deed itself. But this is of course only the case because they are incapable of the deed! If only they understood what is needed for such a creation, they would guard against issuing a mere formula of words in place of a deed. Here lies, in my view, the ultimate cause of the human tragedy! They all feel blameless, since they believe that they continue to maintain that they are giving their best in words, and they do not understand why Fate nonetheless sharply rebukes them – by punishing them for their incapacity for action. They can never arrive at all at the feeling of responsibility, for lack of any consciousness of guilt! The goodness and wisdom of God is doubted – merely because one, apparently guiltless, feels badly hurt by Him! All objections must be expressed, but it is only the one against oneself that is not raised.

What would have been the course of world history had humanity ever understood the difference between word and deed!

*

{340} Women in particular are criticized for their sensitivity in small, very small matters, whereas they are found to be dull in matters of great importance. Quite unfair! Since women, and probably most men, have anything but an understanding of great matters, it is only natural that they show their sensitivity here. How should they suddenly get upset about, say, the decline of the fatherland if "fatherland," "decline," and so on are in essence utterly foreign concepts to them just as they are to most politicians and diplomats? They would without doubt succeed – the modern women's movement is sufficient proof of this – in getting excited about things other than that of the family so long as they were to gain knowledge of them in one way or another. Anyone will get excited about those very things about which one feels confident in one's understanding. Anyone who finds the supposed pettiness of women to be objectionable should just have the courage to introduce them to more important matters and he will be convinced that they will formulate their excitement also for the latter. I would add that these would be very much desired, since it is always more appropriate for one to lose one's nerves over more important, rather than less important, matters! […] 3

*

The persona of businessman to a higher power – it remains the same persona: an ingenious businessman is still just a businessman, just as a clever burglar is just a burglar!

*

{341}

© Translation William Drabkin.

27.

Versuch eines Ausflugs nach Lawies; spät zu Tisch eingetroffen – erster Donner!

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Notiz für Riemann’s Lexikon abgeschickt.

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Wieder ist ein mächtiges Schiff 1 aufgelaufen! Wie tragisch ist es doch, daß die Menschen immer wieder ihr Heil im Hinausschieben von Grenzen suchen, statt diese zu segnen als Spenderinnen alles Guten. Was hat es genützt, daß die Bibel den Turm Babel als Paradigma für menschliche Vermessenheit aufgestellt hat? Wie vergeblich erwies sich die Lehre, die die Pyramiden erteilt haben! Während die Genies allein Grenzen zu verehren gelernt haben, sich gerne nach ihnen richten, schreiten umgekehrt die Unfähigen über Grenzen {339} hinaus u. verlieren so alles, was diesseits u. jenseits der Grenzen liegt. Wollten doch die Minderbegabten daran glauben, was die Katastrophen der Titanik, 2 des Imperators, des Napoleonischen Feldzugs nach Rußland predigen u. was die Formenwelt eines Bach u. Beethoven als Grenzen in der Kunst bedeuten! —

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Gienge [sic] es nach der Anschauung der meisten Menschen, so müßte man die Lüge als ein bloßes Hirngespinnst [sic] erklären: sie alle reden wahr, alle, alle! Mit Einwendungen wie: Einbildung, Phrase, u. s. f. ist hier nichts getan, die Sache hat einen tieferen Grund! Es ist eben den meisten Menschen schon das Wort eine Tat u. wenn sie aussprechen: „ich meine es gut“, oder: „ich bin anständig“, oder: „ich liebe Dich“, oder: „ich tue meine Pflicht“, oder dgl., so glauben sie ernstlich, daß sie es wirklich gut gemeint haben, wirklich anständig sind, lieben, ihre Pflicht erfüllen u. dgl. – so sehr empfinden sie schon das Wort allein als die Leistung selbst. Dieses rührt aber freilich nur davon her, daß sie zur Tat unfähig sind! Wüßten sie erst, was zur Schaffung einer solchen gehört, so würden sie sich hüten, für Tat eine bloße Wortformel auszugeben, die bestenfalls eine Tat ankündigt. Hier liegt meines Erachtens der letzte Grund der Menschheits-Tragödie! Sie fühlen sich alle schuldlos, da sie von sich das Beste in Worten doch behaupten u. verstehen nicht, weshalb das Schicksal sie dennoch scharf rügt, indem es die Unfähigkeit zur Tat straft. Sie können zum Gefühl der Verantwortlichkeit aus Mangel an jeglichem Schuldbewußtsein gar nie gelangen! Es dDie Güte u. Weisheit Gottes wird angezweifelt, bloß weil man sich, angeblich schuldlos, schwer von ihm getroffen fühlt! Alle Anklagen müssen her, nur die eine wider sich selbst wird nicht erhoben.

Welchen Lauf hätte die Weltgeschichte genommen, wenn die Menschheit den Unterschied zwischen Wort u. Tat je begriffen hätte!

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{340} Man wirft besonders Frauen Empfindlichkeit in kleinen u. kleinsten Dingen vor, während man sie stumpf findet in großen Angelegenheiten. Mit Unrecht! Da die Frauen, wohl auch die meisten Männer, große Angelegenheiten ganz u. gar nicht verstehen, ist es nur zu natürlich, daß sie hier auch keine Empfindlichkeit zeigen. Wie sollten sie sich plötzlich z. B. über den Niedergang des Vaterlandes aufregen, wenn ihnen Vaterland, Niedergang, u. s. f. ebenso wie den meisten Politikern u. Diplomaten im Grunde völlig fremde Gegenstände sind? Sie würden es ohne Zweifel treffen – die moderne Frauenbewegung erweist es ja zur Genüge – sich auch über andere Gegenstände zu ereifern, als die der Familie, sofern sie nur auf diese oder jene Weise Kenntnis davon erhalten würden. Es ereifert sich eben ein jeder dort, wo er mit seinen Sinnen zuhause ist. Wem also die angebliche Kleinlichkeit der Frau zuwider ist, mag nur den Mut haben, sie in wichtigere Gegenstände einzuführen u. er wird sich überzeugen, daß [sie] sich naturgemäß auch für letztere Aufregungen einstellen werden. Ich füge hinzu, daß sie sehr erwünscht wären, denn immerhin ist es angemessener, an Wichtigeres, als an minder Wichtiges seine Nerven zu verlieren! […] 3

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Man potenzire den Kaufmann-Typus – es bleibt derselbe Typus: ein genialer Kaufmann , ebenso ist doch nur wieder ein Kaufmann, ebenso wie ein tüchtiger Einbrecher doch nur ein Einbrecher ist!

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© Transcription Marko Deisinger.

27.

Attempt at an excursion to Lawies; arrived late for lunch – first thunder!

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Notice for Riemann's Lexikon sent off.

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Once again, a mighty ship 1 has sunk! But how tragic it is that people always seek their salvation by pushing at boundaries, instead of blessing them as the benefactors of all good things. Of what use was it that the Bible established the Tower of Babel as a paradigm for human arrogance? How futile proved the lesson that the pyramids gave us! While the geniuses alone have learned to honor boundaries, and gladly direct themselves towards them, the incompetent ones stride beyond boundaries {339} and thus lose that which belongs on this side of the boundary and the other side. If only the less competent were able to believe what the catastrophes of the Titanic, 2 the Imperator, the Napoleonic campaign for Russia preach, and what the worlds of forms of a Bach and Beethoven signify as boundaries in art! —

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If one were to follow the view of most people, one would have to explain the lie as a mere figment of the imagination: they are all telling the truth, every one of them! Objections such as "imagination," "phrase," and the like are of no avail: the matter has a deeper cause! It is also for most people already a word and deed; and when they pronounce "I mean it well" or "I am respectable" or "I love you" or "I am doing my duty" or suchlike, they seriously believe that they have meant it seriously, that they are truly decent, that they love and fulfill their obligation, and so on – so much do they feel that their words already amount to the deed itself. But this is of course only the case because they are incapable of the deed! If only they understood what is needed for such a creation, they would guard against issuing a mere formula of words in place of a deed. Here lies, in my view, the ultimate cause of the human tragedy! They all feel blameless, since they believe that they continue to maintain that they are giving their best in words, and they do not understand why Fate nonetheless sharply rebukes them – by punishing them for their incapacity for action. They can never arrive at all at the feeling of responsibility, for lack of any consciousness of guilt! The goodness and wisdom of God is doubted – merely because one, apparently guiltless, feels badly hurt by Him! All objections must be expressed, but it is only the one against oneself that is not raised.

What would have been the course of world history had humanity ever understood the difference between word and deed!

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{340} Women in particular are criticized for their sensitivity in small, very small matters, whereas they are found to be dull in matters of great importance. Quite unfair! Since women, and probably most men, have anything but an understanding of great matters, it is only natural that they show their sensitivity here. How should they suddenly get upset about, say, the decline of the fatherland if "fatherland," "decline," and so on are in essence utterly foreign concepts to them just as they are to most politicians and diplomats? They would without doubt succeed – the modern women's movement is sufficient proof of this – in getting excited about things other than that of the family so long as they were to gain knowledge of them in one way or another. Anyone will get excited about those very things about which one feels confident in one's understanding. Anyone who finds the supposed pettiness of women to be objectionable should just have the courage to introduce them to more important matters and he will be convinced that they will formulate their excitement also for the latter. I would add that these would be very much desired, since it is always more appropriate for one to lose one's nerves over more important, rather than less important, matters! […] 3

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The persona of businessman to a higher power – it remains the same persona: an ingenious businessman is still just a businessman, just as a clever burglar is just a burglar!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 The German passenger ship Imperator, which was completed in April 1913 and ran aground on a sandbank in the North Sea on its test voyage. Until 1914, it was the largest ship ever built.

2 Titanic: the British passenger liner that sank in the North Atlantic Ocean in the early morning of April 15, 1912, after colliding with an iceberg during her maiden voyage from Southampton to New York. The sinking resulted in the deaths of more than 1,500 passengers and crew, making it one of the deadliest peacetime maritime disasters in modern history.

3 Here, a paragraph has been covered by a pasted-over strip of paper.