11.

Das berühmte Schloß nun zum 2. male gesehen. Es fällt mir auf, daß die Spannweite meiner Begeisterung sich glücklicherweise so sehr lediglich nach dem Gegenstand richtet, daß dagegen äußere Umstände nur sehr wenig in Betracht kommen. So hatte ich die Vorstellung des Schlosses u. das Maß der Begeisterung für die Schönheit desselben in meiner Erinnerung so unabhängig vom übrigen Glücksgefühl deponiert, daß ich eben auf Grund desselben des selben Gegenstandes wieder dieselbe die selbe Begeisterung erreichen kon- {348} konnte, wo jenes Glücksgefühl schon längst entschwunden ist. Ich will damit nicht läeugnen, daß auch andere Eindrücke potenzieren oder verringern helfen, gleichwohl darf ich mich angesichts einer so starken Probe glücklich schätzen, einer so reinen unvermischten Hingabe an den Gegenstand fähig zu sein.

Auch Lie-Liechen war von den stillen Zaubern des Schlosses, dessen Räumlichkeiten u. Einrichtungen berauscht. Sie sah ein ähnliches ein solches Schloß zum 1. mal.

Graf Hoyos machte gegenüber dem Schloßwart einen netten Witz, da er meinte: „er wäre ja schließlich bereit, das Schloß für Sommerwohnungen zu vermieten, aber nur eine Partei müßte es sein.“ Darin sollte ironischerweise der Abstand des Grafen von den Sommerparteien ausgedrückt werden. Aber mehr als der Graf ahnt[,] wendet sich die Ironie auch gegen ihn selbst, denn so herrlich das Schloß ist, so ist es heute, wie jedes Schloß überhaupt, aus seiner historischen Rolle gefallen u. niemals kann es wieder werden, was es gewesen, da es auf die Welt kam! Ehemals Festung, Residenz, politischer Sitz u. s. w., heute bestenfalls doch auch nur eine Sommerwohnung. Die Ruine eines Schlosses ist heutzutage nicht blos Ruine seiner Leiblichkeit, sondern auch seines innersten Wesens!

Nachdem die Besichtigung nur kurze Zeit in Anspruch genommen, konnten wir noch des Vormittags nach Krems abreisen. Das Wetter gestaltete sich inzwischen unverläßlich u. nach kurzer Zeit der Ruhe, deren wir sehr bedurften, giengen [sic] wir in die Stadt hinaus , einige der Altertümer zu besehen. Leider konnte der gedruckte Führer keine guten Dienste leisten, da wir durch ihn nicht über die Oertlichkeiten der Sehenswürdigkeiten informiert wurden. Am besten gefiel uns das Steiner-Thor, gerade wegen der entzückenden Maße, die das Bild ungenau wiedergibt.

*

{349}

© Transcription Marko Deisinger.

11.

The famous castle now seen for the second time. It occurs to me that the span of my wonderment is so entirely focused on the object that other external factors hardly come into consideration. Thus I had committed to memory the image of the castle and the measure of wonderment for its beauty so independently of another feeling of joy, that I was able to achieve the same wonderment on the very basis of the same object, {348} even though that feeling of joy had long disappeared. I do not wish thereby to deny that other impressions help to increase or curtail; nevertheless, I regard myself lucky, in the face of such a stern trial, to be capable of such a pure, unalloyed devotion to the object.

Lie-Liechen, too, was enraptured by the peaceful magic of the castle, its spaciousness and furnishings. She was looking at such a castle for the first time.

Count Hoyos made a nice joke about the castle tower when he said: "He was now finally prepared to rent out the castle for summer occupation, but only to one party." Therein, the distance between the count and the summer parties was meant to be expressed in an ironic way. But more than the count imagines, the irony goes against himself; for as splendid as the castle is, like every other castle it has fallen today from its historical role, and never can it become again what it was when it came into the world! Formerly fortification, residence, political seat, and so forth, today at best it is just a place to stay in the summer. The ruins of a castle nowadays are not merely ruins of its physicality but also of its innermost essence!

Since the viewing took up only a short amount of time, we were still able to travel to Krems in the morning. The weather had in the meantime proved unreliable, and after a short moment of peace, which we very much needed, we went into town to have a look at some of the antiquities. Unfortunately, the published guidebook could offer us no useful assistance, as it did not inform us about the location of the points of interest. We liked best of all the Stein Gate precisely on account of its charming dimensions, which the picture [in the guidebook] did not do justice.

*

{349}

© Translation William Drabkin.

11.

Das berühmte Schloß nun zum 2. male gesehen. Es fällt mir auf, daß die Spannweite meiner Begeisterung sich glücklicherweise so sehr lediglich nach dem Gegenstand richtet, daß dagegen äußere Umstände nur sehr wenig in Betracht kommen. So hatte ich die Vorstellung des Schlosses u. das Maß der Begeisterung für die Schönheit desselben in meiner Erinnerung so unabhängig vom übrigen Glücksgefühl deponiert, daß ich eben auf Grund desselben des selben Gegenstandes wieder dieselbe die selbe Begeisterung erreichen kon- {348} konnte, wo jenes Glücksgefühl schon längst entschwunden ist. Ich will damit nicht läeugnen, daß auch andere Eindrücke potenzieren oder verringern helfen, gleichwohl darf ich mich angesichts einer so starken Probe glücklich schätzen, einer so reinen unvermischten Hingabe an den Gegenstand fähig zu sein.

Auch Lie-Liechen war von den stillen Zaubern des Schlosses, dessen Räumlichkeiten u. Einrichtungen berauscht. Sie sah ein ähnliches ein solches Schloß zum 1. mal.

Graf Hoyos machte gegenüber dem Schloßwart einen netten Witz, da er meinte: „er wäre ja schließlich bereit, das Schloß für Sommerwohnungen zu vermieten, aber nur eine Partei müßte es sein.“ Darin sollte ironischerweise der Abstand des Grafen von den Sommerparteien ausgedrückt werden. Aber mehr als der Graf ahnt[,] wendet sich die Ironie auch gegen ihn selbst, denn so herrlich das Schloß ist, so ist es heute, wie jedes Schloß überhaupt, aus seiner historischen Rolle gefallen u. niemals kann es wieder werden, was es gewesen, da es auf die Welt kam! Ehemals Festung, Residenz, politischer Sitz u. s. w., heute bestenfalls doch auch nur eine Sommerwohnung. Die Ruine eines Schlosses ist heutzutage nicht blos Ruine seiner Leiblichkeit, sondern auch seines innersten Wesens!

Nachdem die Besichtigung nur kurze Zeit in Anspruch genommen, konnten wir noch des Vormittags nach Krems abreisen. Das Wetter gestaltete sich inzwischen unverläßlich u. nach kurzer Zeit der Ruhe, deren wir sehr bedurften, giengen [sic] wir in die Stadt hinaus , einige der Altertümer zu besehen. Leider konnte der gedruckte Führer keine guten Dienste leisten, da wir durch ihn nicht über die Oertlichkeiten der Sehenswürdigkeiten informiert wurden. Am besten gefiel uns das Steiner-Thor, gerade wegen der entzückenden Maße, die das Bild ungenau wiedergibt.

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© Transcription Marko Deisinger.

11.

The famous castle now seen for the second time. It occurs to me that the span of my wonderment is so entirely focused on the object that other external factors hardly come into consideration. Thus I had committed to memory the image of the castle and the measure of wonderment for its beauty so independently of another feeling of joy, that I was able to achieve the same wonderment on the very basis of the same object, {348} even though that feeling of joy had long disappeared. I do not wish thereby to deny that other impressions help to increase or curtail; nevertheless, I regard myself lucky, in the face of such a stern trial, to be capable of such a pure, unalloyed devotion to the object.

Lie-Liechen, too, was enraptured by the peaceful magic of the castle, its spaciousness and furnishings. She was looking at such a castle for the first time.

Count Hoyos made a nice joke about the castle tower when he said: "He was now finally prepared to rent out the castle for summer occupation, but only to one party." Therein, the distance between the count and the summer parties was meant to be expressed in an ironic way. But more than the count imagines, the irony goes against himself; for as splendid as the castle is, like every other castle it has fallen today from its historical role, and never can it become again what it was when it came into the world! Formerly fortification, residence, political seat, and so forth, today at best it is just a place to stay in the summer. The ruins of a castle nowadays are not merely ruins of its physicality but also of its innermost essence!

Since the viewing took up only a short amount of time, we were still able to travel to Krems in the morning. The weather had in the meantime proved unreliable, and after a short moment of peace, which we very much needed, we went into town to have a look at some of the antiquities. Unfortunately, the published guidebook could offer us no useful assistance, as it did not inform us about the location of the points of interest. We liked best of all the Stein Gate precisely on account of its charming dimensions, which the picture [in the guidebook] did not do justice.

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© Translation William Drabkin.