12. VI. 13

Abends in einer Frauenversammlung, die das Stimmrecht zum Programm hat. Am interessantesten war mir zu beobachten, daß auch in bezug auf einen solchen Punkt die Frauen dasselbe wie die Männer treffen! Das Arrangement der Versammlung, sowie die oratorischen Leistungen zeigen gute Nachahmung der Männer an; der Unterschied mag nun also, – von genialen männlichen Politikern abgesehen, die wie Genies überhaupt dem weiblichen Geschlecht, meiner bestimmten Ueberzeugung nach, stets fehlen werden – einzig darin bestehen, daß das Treiben der Frauen durch starke stärkere Grade von Eitelkeit belebt, bezw. verunstaltet wird. Gewiß ist Eitelkeit auch dem männlichen Geschlecht nicht fremd, ich möchte sogar meinen, es sei eitler, als das weibliche; nur besteht zwischen den Eitelkeiten beider Geschlechter der beträchtliche Unterschied, daß die Frauen allen Schein lediglich durch Kleidung ausdrücken, die Männer dagegen mehr indurch Worten u. Taten. Und dieses wieder hängt im letzten Grunde vom Wesen der Frau selbst ab, die, wie ich schon oft sagte, auch ihr Innerstes gerne nach außen wendet u. Anerkennung zunächst für ihr Aeußeres zu erzwingen sich bestrebt.

*

An einen meiner Kritiker, Dr. Réti: 1 Die trügerische Einbildung der Jüngeren vor den Aelteren, immer etwas „voraus zu haben“; im Grunde steckt darin bloß das hohle animalische Bewußtsein, einer späteren Generation anzugehören! Da es aber der Eitelkeit wohl zuwenig bedeuten würde, sich blos zu sagen zu müssen: „wenn ich sonst nichts voraus habe, so mindestens dieses, daß ich später lebe“ – was doch an sich u. eigentlich sicher kein „Voraushaben“ genannt werden darf – so weiß es die nimmersatte Eitelkeit des Jüngeren eben das sSpätgeborensein dennoch in ein Voraushaben umzudeuten u. auf solchem, sage u. schreibe solchem Wege entsteht dann der Wahn des „Fortschrittes“. !Wien im „musikalischen Fortschritt“ kaum etwas anderes als ein frischgetaufter Jude, der alle häßlichen Eigenschaften des Neophyitismus zeigt. {365} Plötzlich will Wien fortschrittlicher als das übrige Deutschland sein u. überdies gar auf einem Gebiete, auf dem die stolze Klassiker-Tradition allein wohl der Stadt für alle Zeiten den Ruhm wirklichen Fortschritts gesichert haben würde!

*

Auch ein Weg zum inneren Fortschritt der Seele: Das Urteil oder den Rat, kurz die Gedanken eines Stärkeren nicht erst alsogleich einer Kritik unterwerfen, um erst zu prüfen, ob sie der Aneignung wert sind, sondern sie im Vertrauen auf die Ueberlegenheit des Ratgebers als Fertiggedachtes zunächst teilen u. befolgen u. nachher die Gründe zu erforschen. Scheinbar eine harte u. unbekömmliche Forderung an den Schwächeren; ihre Raison besteht indessen darin, daß in den meisten Fällen die eine Tat nottut, die ja nicht hinausgeschoben werden, also darauf nicht warten kann, bis der schwächere Teil nach reiflicher Prüfung den Entschluß fassen würde. Es ist also wünschenswert, daß der Schwächere vor allem zum Bewußtsein gelange, wie sehr alle Gedanken des Ueberlegenen einzig u. allein auf eine Tat hinzielen. Nur eben er weiß die Notwendigkeit der Tat u. die Art der Ausführung, folglich kann es auch im Interesse des Schwächeren liegen das Notwendige zu besorgen, was durchaus nicht ausschließt, daß zur Uebung der Geisteskräfte u. zur wahren Erhöhung des eigenen Selbst die Gründe dafür in der Erkenntnis später gründlich nachzuholen wären.

*

Einer Journalisten-Version: „Von Brahms angekränkelt“ könnte man mit ebensoviel Widersinn z. B.: „Von Reger angesündelt“ entgegensetzen!

*

© Transcription Marko Deisinger.

June 12, 1913.

In the evening at a women's meeting, at which voting rights are on the agenda. For me, the most interesting thing to observe is that, even with reference to such a point, the women behave in the same way as the men! The order of the meeting as well as the oratorical accomplishments show good imitation; the difference – apart from male political geniuses who, like geniuses in general, shall according to my firm conviction always be absent from the female sex – may consist entirely in the fact that the drive of the women is animated, or disfigured by stronger degrees of vanity. To be sure, vanity is also not foreign to the male sex; I would even like to say that the male sex is vainer than the female; it is just that there exists between the vanities of the two sexes the significant difference that the women express all brilliance by clothing, the men on the other hand more by words and deeds. And this is again ultimately connected with the essence of the woman herself who, as I have so often said, will gladly turn even her innermost being outwards and strives to gain recognition primarily for her exterior.

*

To one of my critics, Dr. Réti: 1 the deceitful arrogance of the younger generation in the face of the older, always "having some advantage"; basically this amounts to nothing more than the hollow, animal-like consciousness of belonging to a later generation! But since it would probably mean too little to one's vanity merely to be obliged to say "if I have nothing else by way of advantage, then at least this: that I shall outlive"– something which however, in itself and for a fact can surely not be called an "advantage." This is the way the insatiable vanity of these youths are able to reinterpret their "being born lately" into an advantage; and it is on this path, then, that the craze for "progress" comes into being. —Vienna in "musical progress": barely anything other than a newly baptized Jew who shows all the ugly characteristics of tenderfootedness. {365} Suddenly, Vienna wants to be more progressive than the rest of Germany, and moreover actually in a field in which the proud classical tradition alone would have secured for the city the glory of real progress for all time!

*

Another path to the inner progress of the soul: do not immediately subject the judgment or the advice, in short the ideas of a stronger person, to criticism in order simply to test whether they are worth appropriating; instead, share and observe them first, showing confidence in the superiority of the adviser as something that has been thoroughly thought about, and investigate the arguments afterwards. Apparently a difficult and disagreeable demand upon the weaker person; its justification may be explained that, in the majority of cases, an action is needed that cannot actually be postponed, i.e. it cannot wait until the weaker one arrives at a decision after a thorough examination. It is thus desirable that the weaker person should gain awareness above all of how much all the thoughts of the superior person are directed exclusively and completely towards a deed. Only the latter understands the importance of the deed and the way it is to be realized; as a consequence, it can also be in the interests of the weaker person to obtain what is of importance – which does not at all mean to deny that, for the exercise of intellectual powers and for the true raising of one's own self, the arguments for it should later be thoroughly brought to recognition.

*

A journalist's expression, "brought to sickness by Brahms" could be countered by just as much nonsense with, for example, "brought to sin by Reger"!

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© Translation William Drabkin.

12. VI. 13

Abends in einer Frauenversammlung, die das Stimmrecht zum Programm hat. Am interessantesten war mir zu beobachten, daß auch in bezug auf einen solchen Punkt die Frauen dasselbe wie die Männer treffen! Das Arrangement der Versammlung, sowie die oratorischen Leistungen zeigen gute Nachahmung der Männer an; der Unterschied mag nun also, – von genialen männlichen Politikern abgesehen, die wie Genies überhaupt dem weiblichen Geschlecht, meiner bestimmten Ueberzeugung nach, stets fehlen werden – einzig darin bestehen, daß das Treiben der Frauen durch starke stärkere Grade von Eitelkeit belebt, bezw. verunstaltet wird. Gewiß ist Eitelkeit auch dem männlichen Geschlecht nicht fremd, ich möchte sogar meinen, es sei eitler, als das weibliche; nur besteht zwischen den Eitelkeiten beider Geschlechter der beträchtliche Unterschied, daß die Frauen allen Schein lediglich durch Kleidung ausdrücken, die Männer dagegen mehr indurch Worten u. Taten. Und dieses wieder hängt im letzten Grunde vom Wesen der Frau selbst ab, die, wie ich schon oft sagte, auch ihr Innerstes gerne nach außen wendet u. Anerkennung zunächst für ihr Aeußeres zu erzwingen sich bestrebt.

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An einen meiner Kritiker, Dr. Réti: 1 Die trügerische Einbildung der Jüngeren vor den Aelteren, immer etwas „voraus zu haben“; im Grunde steckt darin bloß das hohle animalische Bewußtsein, einer späteren Generation anzugehören! Da es aber der Eitelkeit wohl zuwenig bedeuten würde, sich blos zu sagen zu müssen: „wenn ich sonst nichts voraus habe, so mindestens dieses, daß ich später lebe“ – was doch an sich u. eigentlich sicher kein „Voraushaben“ genannt werden darf – so weiß es die nimmersatte Eitelkeit des Jüngeren eben das sSpätgeborensein dennoch in ein Voraushaben umzudeuten u. auf solchem, sage u. schreibe solchem Wege entsteht dann der Wahn des „Fortschrittes“. !Wien im „musikalischen Fortschritt“ kaum etwas anderes als ein frischgetaufter Jude, der alle häßlichen Eigenschaften des Neophyitismus zeigt. {365} Plötzlich will Wien fortschrittlicher als das übrige Deutschland sein u. überdies gar auf einem Gebiete, auf dem die stolze Klassiker-Tradition allein wohl der Stadt für alle Zeiten den Ruhm wirklichen Fortschritts gesichert haben würde!

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Auch ein Weg zum inneren Fortschritt der Seele: Das Urteil oder den Rat, kurz die Gedanken eines Stärkeren nicht erst alsogleich einer Kritik unterwerfen, um erst zu prüfen, ob sie der Aneignung wert sind, sondern sie im Vertrauen auf die Ueberlegenheit des Ratgebers als Fertiggedachtes zunächst teilen u. befolgen u. nachher die Gründe zu erforschen. Scheinbar eine harte u. unbekömmliche Forderung an den Schwächeren; ihre Raison besteht indessen darin, daß in den meisten Fällen die eine Tat nottut, die ja nicht hinausgeschoben werden, also darauf nicht warten kann, bis der schwächere Teil nach reiflicher Prüfung den Entschluß fassen würde. Es ist also wünschenswert, daß der Schwächere vor allem zum Bewußtsein gelange, wie sehr alle Gedanken des Ueberlegenen einzig u. allein auf eine Tat hinzielen. Nur eben er weiß die Notwendigkeit der Tat u. die Art der Ausführung, folglich kann es auch im Interesse des Schwächeren liegen das Notwendige zu besorgen, was durchaus nicht ausschließt, daß zur Uebung der Geisteskräfte u. zur wahren Erhöhung des eigenen Selbst die Gründe dafür in der Erkenntnis später gründlich nachzuholen wären.

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Einer Journalisten-Version: „Von Brahms angekränkelt“ könnte man mit ebensoviel Widersinn z. B.: „Von Reger angesündelt“ entgegensetzen!

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© Transcription Marko Deisinger.

June 12, 1913.

In the evening at a women's meeting, at which voting rights are on the agenda. For me, the most interesting thing to observe is that, even with reference to such a point, the women behave in the same way as the men! The order of the meeting as well as the oratorical accomplishments show good imitation; the difference – apart from male political geniuses who, like geniuses in general, shall according to my firm conviction always be absent from the female sex – may consist entirely in the fact that the drive of the women is animated, or disfigured by stronger degrees of vanity. To be sure, vanity is also not foreign to the male sex; I would even like to say that the male sex is vainer than the female; it is just that there exists between the vanities of the two sexes the significant difference that the women express all brilliance by clothing, the men on the other hand more by words and deeds. And this is again ultimately connected with the essence of the woman herself who, as I have so often said, will gladly turn even her innermost being outwards and strives to gain recognition primarily for her exterior.

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To one of my critics, Dr. Réti: 1 the deceitful arrogance of the younger generation in the face of the older, always "having some advantage"; basically this amounts to nothing more than the hollow, animal-like consciousness of belonging to a later generation! But since it would probably mean too little to one's vanity merely to be obliged to say "if I have nothing else by way of advantage, then at least this: that I shall outlive"– something which however, in itself and for a fact can surely not be called an "advantage." This is the way the insatiable vanity of these youths are able to reinterpret their "being born lately" into an advantage; and it is on this path, then, that the craze for "progress" comes into being. —Vienna in "musical progress": barely anything other than a newly baptized Jew who shows all the ugly characteristics of tenderfootedness. {365} Suddenly, Vienna wants to be more progressive than the rest of Germany, and moreover actually in a field in which the proud classical tradition alone would have secured for the city the glory of real progress for all time!

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Another path to the inner progress of the soul: do not immediately subject the judgment or the advice, in short the ideas of a stronger person, to criticism in order simply to test whether they are worth appropriating; instead, share and observe them first, showing confidence in the superiority of the adviser as something that has been thoroughly thought about, and investigate the arguments afterwards. Apparently a difficult and disagreeable demand upon the weaker person; its justification may be explained that, in the majority of cases, an action is needed that cannot actually be postponed, i.e. it cannot wait until the weaker one arrives at a decision after a thorough examination. It is thus desirable that the weaker person should gain awareness above all of how much all the thoughts of the superior person are directed exclusively and completely towards a deed. Only the latter understands the importance of the deed and the way it is to be realized; as a consequence, it can also be in the interests of the weaker person to obtain what is of importance – which does not at all mean to deny that, for the exercise of intellectual powers and for the true raising of one's own self, the arguments for it should later be thoroughly brought to recognition.

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A journalist's expression, "brought to sickness by Brahms" could be countered by just as much nonsense with, for example, "brought to sin by Reger"!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 This is written in response to Rudolf Réti's, "27 Paragraphen über das musikalische Einzelphänomen, mit einem Erklärungsversuch zeitgenössischer 'moderner' Harmonik," Die Musik 12/47 (1912/13), pp. 67–88, a copy of which is preserved in Schenker's scrapbook at OC 2, page 45.