1. XII. 13

Bei Mama, der es Gott sei Dank besser geht. Sie zeigt mir einen Brief meiner Schwester, der von häßlichem Charakter ist. Nur die Rohheit des Briefes, den die Mutter an sie sandte, kann allenfalls zur Entschuldigung dienen u. doch hätte sie niemals einen solchen Ton wider mich anschlagen dürfen. In einem eigenen Brief gebe ich ihr deshalb einen ausdrücklichen Verweis, in dem ich auch für mich Sorgen reklamierte, die sie für sich selbst u. ihre Kinder immer wieder so sehr betont. – Da die Mutter Geld für den Arzt auszuzahlen hatte, so wäre ihr ein Ersatz willkommen gewesen u. daher sagte sie plötzlich, aber nicht mehr zu meiner Ueberraschung: wozu brauchte sie denn den Teppich, sie werde ja ohnehin nicht lange mehr leben! – Es gibt aus solcher Verworrenheit, – die immer nur vom Egoismus geleitet wird – keinerlei befreienden Ausweg; für den mit solchem Egoismus Behafteten gibt es nur: kriegen oder nicht kriegen – für den, der Ausweg schaffen soll, eine viel schwierigere Situation, da er niemals in die Lage kommt einen fundierten Wunsch von einem nicht fundierten unterscheiden zu können!

*

BriefOC B/279 v. Liepmanssohn.

*

Fr. Deutsch gibt ihren Egoismus nicht auf, so viel als wie möglich zu rauben, zu stehlen, zu mißbrauchen – u. immer wieder ersinnt sie neue Wege, auf denen sie, wie sie sagt, zur Glückseligkeit – u. wie ich sage, zur Glückseligkeit des Nehmens gelangen möchte. Sogar Früchte des Unterrichts opfert sie, nur um mit Menschen in Berührung zu kommen, die ihr möglicherweise wieder weitere Kreise eröffnen könnten. Nicht auf ihrem Wissen, nicht auf ihrem Gewissen, nicht auf dem Gefühl des eigenen Wertes will die arme reiche Frau {481} ruhen, sie will von den eigenen Schätzen weg u. lieber unter Menschen gehen, auch wenn diese ihr Wissen u. Gewissen u. ihren Eigenwert zerstören. Freilich wehklagt sie über diese Zerstörung, aber sie wird nicht müde, den Zerstörungen nachzulaufen!

*

Ausführlicher Brief v. Herman Roth bezüglich opus 109. Im Hintergrund steigt eine kühle Berechnung auf, mich für seine Arbeiten zu gewinnen, die er der U. E. übergeben möchte. Verhüllt wird diese Absicht durch eine überaus sorgfältige Teilnahme an op. 109, die er in Form von „Einwänden“ bezeugt, die indessen genau besehen keine Einwände sind. Er teilt nur einfach Gedanken mit in bezug auf Stellen, wo ich selbst eine Vermutung ausspreche oder er gebraucht für seinen Teil eigene aber nicht bessere Worte für das, was ich ausdrücklich selbst sage, usw. Hierfür soll ihm gelegentlich eine Lektion erteilt werden, um ihn für die sicher von Arroganz nicht freie Haltung zu bestrafen.

*

Mittelmann im Caféhaus; erzählt eine Anekdote aus Curtius Memoiren, 1 die in op. 110 Aufnahme finden soll.

*

Abends Fr. I. M. bei uns; die Karte, die ihren Besuch ankündigt[,] verrät mir deutlich, daß offenbar ihr Sohn zu Weihnachten kommt, was für die arme „gefangene Mutter“ so viel bedeutet, als „nicht mehr können“! Sie hüllte übrigens den Besuch auch so ein, daß sie angeblich schon ohnehin in der Stadt weile, u. s. w. Wie schwer haben es doch die Menschen, wenn sie eine Situation nicht ihren wahren Forderungen nach erfüllen können, in Wahrheit dann überhaupt selbst zu bestehen!!

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© Transcription Marko Deisinger.

December 1, 1913.

With Mama who, thank God, is feeling better. She shows me a letter from my sister, which is of an ugly nature. Only the crudeness of the letter that my mother sent to her can at best serve as an excuse; and yet she would have never struck such a tone against me. In a letter of my own, I therefore give her a severe reprimand, in which I also claim compensation for troubles that, time and again, she had so greatly stressed with regard to herself and her children. – As my mother had to pay money for the doctor, a compensation would be welcome to her; and then she asked suddenly, although no longer to my surprise: why does she need the carpet, as she will at any rate not live much longer! – From such a state of perplexity – which always stems from egoism alone – there is no possible liberating escape; for those burdened by such egoism there is only: to get, or not to get. For someone who wants to make an escape, the situation is far more difficult, since he can never distinguish a well-founded wish from one that is not well-founded!

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LetterOC B/279 from Liepmanssohn.

*

Mrs. Deutsch does not abandon her egoism – to take, to steal, to misuse as much as possible – and time and again she thinks up new paths by which she can arrive at what she calls blessedness, and what I call the blessedness of taking. She even sacrifices the fruits of her tuition, only so that she can come into contact with people who might possibly be able to give her access to further circles. The poor, rich woman does not want to rest on her knowledge, nor on her conscience, nor on her feeling of her own value; {481} she wants to be rid of her own virtues and would rather be among people, even if they will destroy her knowledge and conscience and her self-esteem. Admittedly, she complains about this destruction, but she does not tire of running after these acts of destruction!

*

Substantial letter from Herman Roth concerning Opus 109. In the background stands a cool calculation of gaining my support for his work, which he would like to submit to UE. This intention is concealed by a thoroughly thorough appreciation of Op. 109 , to which he attests in the form of "reservations," which when examined carefully prove not to be reservations at all. He merely communicates thoughts in connection with passages where I myself express a conjecture, or he uses for his part his own, but not better, words for that which I expressly say myself, etc. For this he should at some point be taught a lesson, to punish him for an attitude that is certainly not free of arrogance.

*

Mittelmann at the coffee house; he recounts an anecdote from Curtius's memoirs, 1 which ought to find a place in Op. 110 .

*

In the evening, Mrs. I. M. at our place; the postcard that announces her visit betrays to me clearly that her son is evidently coming for Christmas, which means for the poor "trapped mother" the same as "can no longer"! She also explained the visit by saying that, apparently, she was already staying in town anyway, and so on. How difficult indeed it is for people who are unable to deal with a situation in accordance with its true demands – in truth, then, to stand altogether firm themselves!!

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© Translation William Drabkin.

1. XII. 13

Bei Mama, der es Gott sei Dank besser geht. Sie zeigt mir einen Brief meiner Schwester, der von häßlichem Charakter ist. Nur die Rohheit des Briefes, den die Mutter an sie sandte, kann allenfalls zur Entschuldigung dienen u. doch hätte sie niemals einen solchen Ton wider mich anschlagen dürfen. In einem eigenen Brief gebe ich ihr deshalb einen ausdrücklichen Verweis, in dem ich auch für mich Sorgen reklamierte, die sie für sich selbst u. ihre Kinder immer wieder so sehr betont. – Da die Mutter Geld für den Arzt auszuzahlen hatte, so wäre ihr ein Ersatz willkommen gewesen u. daher sagte sie plötzlich, aber nicht mehr zu meiner Ueberraschung: wozu brauchte sie denn den Teppich, sie werde ja ohnehin nicht lange mehr leben! – Es gibt aus solcher Verworrenheit, – die immer nur vom Egoismus geleitet wird – keinerlei befreienden Ausweg; für den mit solchem Egoismus Behafteten gibt es nur: kriegen oder nicht kriegen – für den, der Ausweg schaffen soll, eine viel schwierigere Situation, da er niemals in die Lage kommt einen fundierten Wunsch von einem nicht fundierten unterscheiden zu können!

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BriefOC B/279 v. Liepmanssohn.

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Fr. Deutsch gibt ihren Egoismus nicht auf, so viel als wie möglich zu rauben, zu stehlen, zu mißbrauchen – u. immer wieder ersinnt sie neue Wege, auf denen sie, wie sie sagt, zur Glückseligkeit – u. wie ich sage, zur Glückseligkeit des Nehmens gelangen möchte. Sogar Früchte des Unterrichts opfert sie, nur um mit Menschen in Berührung zu kommen, die ihr möglicherweise wieder weitere Kreise eröffnen könnten. Nicht auf ihrem Wissen, nicht auf ihrem Gewissen, nicht auf dem Gefühl des eigenen Wertes will die arme reiche Frau {481} ruhen, sie will von den eigenen Schätzen weg u. lieber unter Menschen gehen, auch wenn diese ihr Wissen u. Gewissen u. ihren Eigenwert zerstören. Freilich wehklagt sie über diese Zerstörung, aber sie wird nicht müde, den Zerstörungen nachzulaufen!

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Ausführlicher Brief v. Herman Roth bezüglich opus 109. Im Hintergrund steigt eine kühle Berechnung auf, mich für seine Arbeiten zu gewinnen, die er der U. E. übergeben möchte. Verhüllt wird diese Absicht durch eine überaus sorgfältige Teilnahme an op. 109, die er in Form von „Einwänden“ bezeugt, die indessen genau besehen keine Einwände sind. Er teilt nur einfach Gedanken mit in bezug auf Stellen, wo ich selbst eine Vermutung ausspreche oder er gebraucht für seinen Teil eigene aber nicht bessere Worte für das, was ich ausdrücklich selbst sage, usw. Hierfür soll ihm gelegentlich eine Lektion erteilt werden, um ihn für die sicher von Arroganz nicht freie Haltung zu bestrafen.

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Mittelmann im Caféhaus; erzählt eine Anekdote aus Curtius Memoiren, 1 die in op. 110 Aufnahme finden soll.

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Abends Fr. I. M. bei uns; die Karte, die ihren Besuch ankündigt[,] verrät mir deutlich, daß offenbar ihr Sohn zu Weihnachten kommt, was für die arme „gefangene Mutter“ so viel bedeutet, als „nicht mehr können“! Sie hüllte übrigens den Besuch auch so ein, daß sie angeblich schon ohnehin in der Stadt weile, u. s. w. Wie schwer haben es doch die Menschen, wenn sie eine Situation nicht ihren wahren Forderungen nach erfüllen können, in Wahrheit dann überhaupt selbst zu bestehen!!

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© Transcription Marko Deisinger.

December 1, 1913.

With Mama who, thank God, is feeling better. She shows me a letter from my sister, which is of an ugly nature. Only the crudeness of the letter that my mother sent to her can at best serve as an excuse; and yet she would have never struck such a tone against me. In a letter of my own, I therefore give her a severe reprimand, in which I also claim compensation for troubles that, time and again, she had so greatly stressed with regard to herself and her children. – As my mother had to pay money for the doctor, a compensation would be welcome to her; and then she asked suddenly, although no longer to my surprise: why does she need the carpet, as she will at any rate not live much longer! – From such a state of perplexity – which always stems from egoism alone – there is no possible liberating escape; for those burdened by such egoism there is only: to get, or not to get. For someone who wants to make an escape, the situation is far more difficult, since he can never distinguish a well-founded wish from one that is not well-founded!

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LetterOC B/279 from Liepmanssohn.

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Mrs. Deutsch does not abandon her egoism – to take, to steal, to misuse as much as possible – and time and again she thinks up new paths by which she can arrive at what she calls blessedness, and what I call the blessedness of taking. She even sacrifices the fruits of her tuition, only so that she can come into contact with people who might possibly be able to give her access to further circles. The poor, rich woman does not want to rest on her knowledge, nor on her conscience, nor on her feeling of her own value; {481} she wants to be rid of her own virtues and would rather be among people, even if they will destroy her knowledge and conscience and her self-esteem. Admittedly, she complains about this destruction, but she does not tire of running after these acts of destruction!

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Substantial letter from Herman Roth concerning Opus 109. In the background stands a cool calculation of gaining my support for his work, which he would like to submit to UE. This intention is concealed by a thoroughly thorough appreciation of Op. 109 , to which he attests in the form of "reservations," which when examined carefully prove not to be reservations at all. He merely communicates thoughts in connection with passages where I myself express a conjecture, or he uses for his part his own, but not better, words for that which I expressly say myself, etc. For this he should at some point be taught a lesson, to punish him for an attitude that is certainly not free of arrogance.

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Mittelmann at the coffee house; he recounts an anecdote from Curtius's memoirs, 1 which ought to find a place in Op. 110 .

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In the evening, Mrs. I. M. at our place; the postcard that announces her visit betrays to me clearly that her son is evidently coming for Christmas, which means for the poor "trapped mother" the same as "can no longer"! She also explained the visit by saying that, apparently, she was already staying in town anyway, and so on. How difficult indeed it is for people who are unable to deal with a situation in accordance with its true demands – in truth, then, to stand altogether firm themselves!!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Possibly Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, 2 vols, ed. Friedrich Curtius (Stuttgart–Leipzig : Deutsche Verlags-Anstalt, 1906/1907).