6. XII.

Ausnahmsweise nach Tisch bei Mama; sie klagt über zunehmende Schwäche u. Vereinsamung; letzte erklärt sie sich hilfloserweise damit, daß sie ja – wie sie sagt – Niemand mehr braucht. Als ob es nicht eine Vereinsamung gäbe aus dem Grunde, weil der Einsame die Menschen weder brauchen will noch kann. Auf meine Anklage der falschen Familienliebe erzählt sie mir zur Bestätigung folgenden Fall: Einmal, vor sehr langer Zeit, hatte der Arzt in Buczacz Geld gebraucht u. wie des öftern [sic] wieder einmal bei ihr, respektive beim Vater angeklopft. Die Eltern girirten den Betrag von 300 fl zugunsten des Onkels, doch dachte der Onkel niemals daran, diesen Betrag zurückzuzahlen, so daß den Eltern das Giro fortlastete. Eine seltsame Fügung des Schicksals wollte es, daß die Frau, die das Geld zur Verfügung gestellt, gestorben ist u. daß merkwürdigerweise kein Erbe das Geld einforderte, so daß bis heutigen Tags die Schuld des Onkels unbeglichen ist. Aber alle Gefälligkeiten, die die Eltern den Verwandten machten, haben sie statt dankbarer nur noch anspruchsvoller gemacht!

*

{484}

© Transcription Marko Deisinger.

December 6.

Exceptionally, at my mother's after lunch; she complains about increasing weakness and loneliness; the latter she explains in a helpless way by saying that no one needs her any longer. As if there were not a loneliness that arises from the situation that the lonely one neither wishes to, nor can make use of people. Upon my accusation of false familial love, she recounted the following confirmatory case: once, a very long time ago, the doctor in Buczacz needed money, and, as was so often the case, he appealed to her – that is, to my father. My parents agreed to a payment of 300 florins on behalf of my uncle; but my uncle never thought of paying back this sum, so that the debt remained a burden to my parents. By a strange coincidence, the lady who lent the money died and, remarkably, no heir claimed the money, so that to this day my uncle's debt has not been paid. But all the kindnesses that my parents made to their relatives has not made them more grateful, only more demanding!

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© Translation William Drabkin.

6. XII.

Ausnahmsweise nach Tisch bei Mama; sie klagt über zunehmende Schwäche u. Vereinsamung; letzte erklärt sie sich hilfloserweise damit, daß sie ja – wie sie sagt – Niemand mehr braucht. Als ob es nicht eine Vereinsamung gäbe aus dem Grunde, weil der Einsame die Menschen weder brauchen will noch kann. Auf meine Anklage der falschen Familienliebe erzählt sie mir zur Bestätigung folgenden Fall: Einmal, vor sehr langer Zeit, hatte der Arzt in Buczacz Geld gebraucht u. wie des öftern [sic] wieder einmal bei ihr, respektive beim Vater angeklopft. Die Eltern girirten den Betrag von 300 fl zugunsten des Onkels, doch dachte der Onkel niemals daran, diesen Betrag zurückzuzahlen, so daß den Eltern das Giro fortlastete. Eine seltsame Fügung des Schicksals wollte es, daß die Frau, die das Geld zur Verfügung gestellt, gestorben ist u. daß merkwürdigerweise kein Erbe das Geld einforderte, so daß bis heutigen Tags die Schuld des Onkels unbeglichen ist. Aber alle Gefälligkeiten, die die Eltern den Verwandten machten, haben sie statt dankbarer nur noch anspruchsvoller gemacht!

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© Transcription Marko Deisinger.

December 6.

Exceptionally, at my mother's after lunch; she complains about increasing weakness and loneliness; the latter she explains in a helpless way by saying that no one needs her any longer. As if there were not a loneliness that arises from the situation that the lonely one neither wishes to, nor can make use of people. Upon my accusation of false familial love, she recounted the following confirmatory case: once, a very long time ago, the doctor in Buczacz needed money, and, as was so often the case, he appealed to her – that is, to my father. My parents agreed to a payment of 300 florins on behalf of my uncle; but my uncle never thought of paying back this sum, so that the debt remained a burden to my parents. By a strange coincidence, the lady who lent the money died and, remarkably, no heir claimed the money, so that to this day my uncle's debt has not been paid. But all the kindnesses that my parents made to their relatives has not made them more grateful, only more demanding!

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© Translation William Drabkin.