9.

Ueberraschung eines überaus milden warmen Frühlingswetters, um die Mittagszeit 23° in der Sonne.

*

Wieder einmal der Frau Deutsch Belehrung darüber gegeben, daß man mit böswilligen Personen nicht debattieren soll, u. mein Bedauern darüber ausgesprochen, daß ich in ihrem Hause fast immer nur böswilliges Volk treffe. Freilich – an die letzte Ursache der Duldung solcher Menschen durfte ich nicht rühren: Unwandelbarer Schmutz hält wertvollere Menschen von ihr fern, weshalb sie mit wertlosen vorlieb nehmen muß, wenn sie nicht völlig alleinstehen oder irgend Anstrengungen feinerer Natur machen will.

*

Nach Tisch u. nach Erwägung sämtlicher Begleitumstände den ersten Betrag im Bankhaus deponiert.

*

Brief von Vrieslander aus Bonn, der einen krassen Unterschied zwischen oesterreichischen u. deutschen Mäzenen aufdeckt. In Oesterreich stehen die Mäzene auf dem Standpunkt des Kunst-Trinkgeld-Nehmens Gebens; ihr Beifall: Zigarre oder Café sollen dem Künstler genug des Lohnes sein für seine Leistungen, die sie am liebsten als Geschenk der Natur auffassen, um sich einem solchen gegenüber jeder weiteren {535} Verpflichtung entschlagen zu können. Es ist eben der Menschheit nicht aus dem Kopfe zu schlagen, daß geistiges Eigentum Aller Eigentum sei u. daß das wahre Eigentum erst bei materiellen Werten beginne. Sofern nun das geistige Eigentum zu einem materiellen sich in der Hand von Verlegern verdichtet hat, wird auch dieses zur Not geschützt, aber auch diesen Standpunkt gibt die Menschheit nur sehr ungern zu, da sie am liebsten auf Alles Hand legen möchte, was ihr geistigen Genuß bereitet, aber keine Kosten verursacht. Nicht gerne hört u. glaubt sie daher an die Mühen u. Anstrengungen der Schaffenden, denn unter diesem Gesichtspunkt könnten auch diese Ersatz der Hervorbringungskosten begehren.

*

Bei Beurteilung der großen Männer, insbesondere ihrer moralischen rein menschlichen Qualitäten, suchen die Niedrigen gerne Mängel u. Schwächen auf, nur um den vorgefassten Standpunkt „daß es nichts Vollkommenes auf Erden gebe“ zum Siege zu verhelfen. Wenn ich davon absehe, daß Verkleinerungssucht u. Neid dabei im Spiele sind, so bleibt immerhin noch übrig, die großen Menschen gegen das Urteil jener zu verteidigen, die es wirklich ehrlich ehrlich meinen; u. da muß ich wohl entgegnen, daß es unangebracht ist, etwa als Fehler oder Mängel dem großen Manne anzurechnen, was sonst als solche anzurechnen wäre, wenn nicht eine Notwehr beim großen Manne angenommen werden müßte. Es ist doch etwas anderes, wenn ein niedrigerer Mensch aus Mangel an entsprechendem Lebensinhalt z. B. in Rohheiten, Ausschweifungen, Trunksucht sich verliert, ein anderes, wenn ein großer Mann in Bedrängnis, Verzweiflung oder Abwehr des ihm zugefügten Unrechtes zu Handlungen sich hinreissen läßt, die als Fehler zu bezeichnen wären, wenn es nicht gestattet wäre, die Ursache abzuziehen. Mit anderen Worten: Wer z. B. auf Unarten Beethovens hinweist übersieht, daß er unerlaubterweise von der Voraussetzung einer allzeit correkten Umgebung ausgeht. Würde man aber die Umstände vorher prüfen, in denen sich Beethoven, wie man sagt, zu einer fehlerhaften Handlung hinreissen läßt ließ, so würde man die Abwehr nur billigen u. {536} nicht selbst schon als Fehler hinstellen. – Wenn z. B. Brahms öfter in einem angeheiterten Zustand ge zusehen ward, so ist – davon abgesehen, daß er unmöglich die Wirkung alle Zeit genau voraussehen konnte – dringend zu erwägen, daß ihn seine Umgebung, mit der er nichts anzufangen wußte, oft wahrlich dazu trieb!

*

Hofft Rechnet bei Gelegenheit der Mensch damit, „daß Nichts herauskommt“, so „kommt“ mit Sicherheit „heraus“, daß er sich zu einer gemeinen Handlung hat hinreissen läßt! ließ! lassen!

*

© Transcription Marko Deisinger.

9.

The surprise of a thoroughly mild, warm spring weather, with a temperature of 23° in the sun at midday.

*

Once again, I give Mrs. Deutsch instructions that one should not debate with malicious persons, and I express my regret that I almost always meet malicious people at her house. Admittedly – I may not express the ultimate cause of why such people are tolerated: immutable greed keeps more worthy people far from her; for this reason, she must make do with worthless people if she does not wish to stand completely alone or make some effort towards a more refined nature.

*

After lunch, and after considering all attendant circumstances, the first payment deposited in the bank.

*

Letter from Vrieslander from Bonn, who has discovered a crude difference between Austrian and German benefactors. In Austria, benefactors are inclined to think of giving gratuities for art; the expression of their approval: a cigar or a cup of coffee should be sufficient reward for the artist's accomplishments, which they prefer to construe as a gift of nature, so that they can free themselves from any further obligation to such a person. {535} One cannot rid humanity of the idea that intellectual property is the property of everyone, and that true property begins only with material values. Once, however, intellectual property has been consolidated into a material one, in the hand of publishers, then this will of necessity be protected; but even this standpoint is accepted by humanity with great reluctance, as they would much prefer to get their hands on everything that provides spiritual enjoyment to them, but without incurring any costs. Thus they do not like to hear about, or believe in, the troubles and toils of the ones who create since, viewed in this way, the latter could also seek compensation for the production costs.

*

When judging great men, in particular their moral, purely human qualities, the inferior are keen to find shortcomings and weaknesses, only to help them to triumph in their preconceived notion "that there is nothing perfect on earth." Ignoring the fact that jealousy and an attempt to diminish are at play here, an obligation nonetheless still remains to defend the great people against those who actually mean to be fair; and here I must perhaps counter by saying that it is inappropriate to attribute an error or shortcoming to a great man, which would otherwise be regarded as such were it not taken to be a necessary means of self-defense on his part. It is an entirely different matter if an inferior person loses himself, for example in barbarisms, excesses, or drunkenness, because he lacks a suitable purpose in life; but a different matter if a great man who, in distress, desperation or in resistance to a wrong inflicted upon him, gets carried away into doing things that would be regarded as errors were it not permitted to discount their cause. In other words: anyone who points to Beethoven's bad habits ignores the fact that he is proceeding – mistakenly – from the assumption of an ever-correct environment. If, however, one examined in advance the circumstances in which Beethoven, so to speak, got carried away and behaved badly, then one would only approve his defense and {536} not condemn it as an error. – If, for example, Brahms was often seen in an inebriated state, then – apart from the fact that it was impossible for him to anticipate precisely its effects at all times – one must urgently consider that his environment, with which he did not know how to cope, often verily drove him to it!

*

If a person should by chance reckon "that nothing will come as a result of it," then it will surely "come as a result" that he has been carried away into performing an abhorrent act!

*

© Translation William Drabkin.

9.

Ueberraschung eines überaus milden warmen Frühlingswetters, um die Mittagszeit 23° in der Sonne.

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Wieder einmal der Frau Deutsch Belehrung darüber gegeben, daß man mit böswilligen Personen nicht debattieren soll, u. mein Bedauern darüber ausgesprochen, daß ich in ihrem Hause fast immer nur böswilliges Volk treffe. Freilich – an die letzte Ursache der Duldung solcher Menschen durfte ich nicht rühren: Unwandelbarer Schmutz hält wertvollere Menschen von ihr fern, weshalb sie mit wertlosen vorlieb nehmen muß, wenn sie nicht völlig alleinstehen oder irgend Anstrengungen feinerer Natur machen will.

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Nach Tisch u. nach Erwägung sämtlicher Begleitumstände den ersten Betrag im Bankhaus deponiert.

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Brief von Vrieslander aus Bonn, der einen krassen Unterschied zwischen oesterreichischen u. deutschen Mäzenen aufdeckt. In Oesterreich stehen die Mäzene auf dem Standpunkt des Kunst-Trinkgeld-Nehmens Gebens; ihr Beifall: Zigarre oder Café sollen dem Künstler genug des Lohnes sein für seine Leistungen, die sie am liebsten als Geschenk der Natur auffassen, um sich einem solchen gegenüber jeder weiteren {535} Verpflichtung entschlagen zu können. Es ist eben der Menschheit nicht aus dem Kopfe zu schlagen, daß geistiges Eigentum Aller Eigentum sei u. daß das wahre Eigentum erst bei materiellen Werten beginne. Sofern nun das geistige Eigentum zu einem materiellen sich in der Hand von Verlegern verdichtet hat, wird auch dieses zur Not geschützt, aber auch diesen Standpunkt gibt die Menschheit nur sehr ungern zu, da sie am liebsten auf Alles Hand legen möchte, was ihr geistigen Genuß bereitet, aber keine Kosten verursacht. Nicht gerne hört u. glaubt sie daher an die Mühen u. Anstrengungen der Schaffenden, denn unter diesem Gesichtspunkt könnten auch diese Ersatz der Hervorbringungskosten begehren.

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Bei Beurteilung der großen Männer, insbesondere ihrer moralischen rein menschlichen Qualitäten, suchen die Niedrigen gerne Mängel u. Schwächen auf, nur um den vorgefassten Standpunkt „daß es nichts Vollkommenes auf Erden gebe“ zum Siege zu verhelfen. Wenn ich davon absehe, daß Verkleinerungssucht u. Neid dabei im Spiele sind, so bleibt immerhin noch übrig, die großen Menschen gegen das Urteil jener zu verteidigen, die es wirklich ehrlich ehrlich meinen; u. da muß ich wohl entgegnen, daß es unangebracht ist, etwa als Fehler oder Mängel dem großen Manne anzurechnen, was sonst als solche anzurechnen wäre, wenn nicht eine Notwehr beim großen Manne angenommen werden müßte. Es ist doch etwas anderes, wenn ein niedrigerer Mensch aus Mangel an entsprechendem Lebensinhalt z. B. in Rohheiten, Ausschweifungen, Trunksucht sich verliert, ein anderes, wenn ein großer Mann in Bedrängnis, Verzweiflung oder Abwehr des ihm zugefügten Unrechtes zu Handlungen sich hinreissen läßt, die als Fehler zu bezeichnen wären, wenn es nicht gestattet wäre, die Ursache abzuziehen. Mit anderen Worten: Wer z. B. auf Unarten Beethovens hinweist übersieht, daß er unerlaubterweise von der Voraussetzung einer allzeit correkten Umgebung ausgeht. Würde man aber die Umstände vorher prüfen, in denen sich Beethoven, wie man sagt, zu einer fehlerhaften Handlung hinreissen läßt ließ, so würde man die Abwehr nur billigen u. {536} nicht selbst schon als Fehler hinstellen. – Wenn z. B. Brahms öfter in einem angeheiterten Zustand ge zusehen ward, so ist – davon abgesehen, daß er unmöglich die Wirkung alle Zeit genau voraussehen konnte – dringend zu erwägen, daß ihn seine Umgebung, mit der er nichts anzufangen wußte, oft wahrlich dazu trieb!

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Hofft Rechnet bei Gelegenheit der Mensch damit, „daß Nichts herauskommt“, so „kommt“ mit Sicherheit „heraus“, daß er sich zu einer gemeinen Handlung hat hinreissen läßt! ließ! lassen!

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© Transcription Marko Deisinger.

9.

The surprise of a thoroughly mild, warm spring weather, with a temperature of 23° in the sun at midday.

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Once again, I give Mrs. Deutsch instructions that one should not debate with malicious persons, and I express my regret that I almost always meet malicious people at her house. Admittedly – I may not express the ultimate cause of why such people are tolerated: immutable greed keeps more worthy people far from her; for this reason, she must make do with worthless people if she does not wish to stand completely alone or make some effort towards a more refined nature.

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After lunch, and after considering all attendant circumstances, the first payment deposited in the bank.

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Letter from Vrieslander from Bonn, who has discovered a crude difference between Austrian and German benefactors. In Austria, benefactors are inclined to think of giving gratuities for art; the expression of their approval: a cigar or a cup of coffee should be sufficient reward for the artist's accomplishments, which they prefer to construe as a gift of nature, so that they can free themselves from any further obligation to such a person. {535} One cannot rid humanity of the idea that intellectual property is the property of everyone, and that true property begins only with material values. Once, however, intellectual property has been consolidated into a material one, in the hand of publishers, then this will of necessity be protected; but even this standpoint is accepted by humanity with great reluctance, as they would much prefer to get their hands on everything that provides spiritual enjoyment to them, but without incurring any costs. Thus they do not like to hear about, or believe in, the troubles and toils of the ones who create since, viewed in this way, the latter could also seek compensation for the production costs.

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When judging great men, in particular their moral, purely human qualities, the inferior are keen to find shortcomings and weaknesses, only to help them to triumph in their preconceived notion "that there is nothing perfect on earth." Ignoring the fact that jealousy and an attempt to diminish are at play here, an obligation nonetheless still remains to defend the great people against those who actually mean to be fair; and here I must perhaps counter by saying that it is inappropriate to attribute an error or shortcoming to a great man, which would otherwise be regarded as such were it not taken to be a necessary means of self-defense on his part. It is an entirely different matter if an inferior person loses himself, for example in barbarisms, excesses, or drunkenness, because he lacks a suitable purpose in life; but a different matter if a great man who, in distress, desperation or in resistance to a wrong inflicted upon him, gets carried away into doing things that would be regarded as errors were it not permitted to discount their cause. In other words: anyone who points to Beethoven's bad habits ignores the fact that he is proceeding – mistakenly – from the assumption of an ever-correct environment. If, however, one examined in advance the circumstances in which Beethoven, so to speak, got carried away and behaved badly, then one would only approve his defense and {536} not condemn it as an error. – If, for example, Brahms was often seen in an inebriated state, then – apart from the fact that it was impossible for him to anticipate precisely its effects at all times – one must urgently consider that his environment, with which he did not know how to cope, often verily drove him to it!

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If a person should by chance reckon "that nothing will come as a result of it," then it will surely "come as a result" that he has been carried away into performing an abhorrent act!

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© Translation William Drabkin.