7. VI. 14

Ungeduldigen Schülern, die aus Eitelkeit sich darüber grämen, daß sie mit den bei mehreren Stücken erworbenen Resultaten noch immer ihr definitives Auslangen für alle anderen Fälle nicht finden, gebe ich zur Antwort: Auch das Genie, der Schöpfer des Werkes, kommt mit früheren Erfahrungen in einer neuen Situation noch durchaus nicht ganz aus. Auch ein Beethoven, ein Brahms werden durch die Motive in neue Situationen versetzt, die neue Erfahrungen u. Lösungen veranlassen. Und genau so, wie die Meister selbst an der Hand ihrer eigenen Schöpfungen ihre Erfahrungen erneuern u. erweitern ist es nur am Platze, wenn die Schüler unverdrossen neue Erfahrungen auch selbst machen.

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Mein Zahnarzt tat kürzlich den Ausspruch, es tue in der Ehe gut, von Zeit zu Zeit eine kleine Streiterei zu absolvieren. Man könnte fürs erste in diesem Ausspruch ein Paradoxon vermuten. u. eine Hausmaßregel von geradezu hygienischem Wert. Doch würde man mit solcher Auffassung dem Ausspruch zu viel Ehre erweisen. Denn in Wahrheit dient der Streit nicht etwa dazu, um den Eheleuten neue Anregung zu geben, sondern als Mittel zur Zerstreuung; das Ehepaar entbehrt einfach nützlicher Zerstreuungen u. verfällt so nolens volens auf den Streit, den es nachträglich später fälschlicherweise für ein Hausmittel ausgibt. Kein Zweifel, daß eine Ehe ohne Streit viel weiter führt u. die den Menschen unentbehrlichen Reibungen besser nur auf die Außenwelt beschränkt bleiben sollten, in der sie sicher Niemand erspart bleiben.

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Das „Neue Wiener Journal“ vom 7. VI. bringt ein Zitat von Ilya Tolstoi über seinen Vater, das lautet: „Die Mama kann ich [recte man] belügen, aber den Papa nicht, weil er sogleich durch einen durchsieht; deshalb versucht es auch Niemand [recte niemand].“ 1 Sehr richtig; wer lügt ist dumm, u. eben wegen solcher Dummheit kann er angelogen werden. Wer nicht lügt ist klug u. seine Klugheit verhindert, daß er angelogen wird. Nebenher läuft eine andere Wirkung: Die Dummheit macht einen {589} zum Lügner, hat aber auch zur Folge, daß auch andere zu Lügnern werden, weil sie sich aus dem Anlügen des Dummen einen Vorteil versprechen. Man sieht an allem Ecken u. Enden , welche Nachteile Dummheit mit sich bringt u. in welche Gefahren sie auch andere stürtzt [sic]. Wäre nur nicht „Vorteil“ ein so lockendes u. nächstliegendes Etwas, so würden alle Menschen längst gelernt haben, Klugheit u. deren Tochter, die Wahrhaftigkeit, als die vornehmste Eigenschaft zu schätzen!

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© Transcription Marko Deisinger.

June 7, 1914.

To impatient pupils who fret out of vanity that they are unable, on the basis of the results obtained from studying several pieces, to find the definitive solution to all other cases, I offer the following reply: Even the genius, the creator of the works, is not by any means [always] able to handle a new situation on the basis of previous experiences. Even a Beethoven or a Brahms will be placed as a result of his thematic material in new situations, which give rise to new experiences and solutions. And just as the masters themselves renewed and expanded their experiences on the basis of their creations, so it is only fitting that my pupils are also not deterred from gaining new experiences themselves.

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My dentist recently expressed the idea that it is good for marriage if, from time to time, one experiences a little conflict. In this saying one can at first suspect a paradox, and a domestic regulation of an altogether hygienic value. But with such an interpretation one attributes to the saying too much honor. For in truth the conflict does not really serve to give the married couple new impetus, but is rather a means of distraction; the couple simply forgo useful distractions and thus resort to the conflict, which they later take – mistakenly – for a home remedy. There is no doubt that a marriage without conflict leads much further, and that if there must be strife among people, it were best restricted to the world outside where, for sure, no one will be spared it.

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The Neues Wiener Journal of June 7 prints a quotation from Ilya Tolstoi about her father, which says: "One can lie to one's mother, but not to one's father, because he will see through you immediately; for this reason, too, no one tries to do so." 1 Quite right: anyone who lies is stupid, and because of this very stupidity he can be lied to. Anyone who does not lie is smart; and his smartness prevents him from being lied to. Another, related effect: stupidity makes one {589} a liar, but also has the consequence that others become liars because they expect benefit from the stupid person's lying. One can see in every nook and cranny the disadvantages brought about by stupidity, and to what dangers it subjects others. If only "benefit" were not such an enticing, obvious something, then mankind would have learned long ago to treasure smartness and its daughter, truthfulness, as the greatest virtues!

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© Translation William Drabkin.

7. VI. 14

Ungeduldigen Schülern, die aus Eitelkeit sich darüber grämen, daß sie mit den bei mehreren Stücken erworbenen Resultaten noch immer ihr definitives Auslangen für alle anderen Fälle nicht finden, gebe ich zur Antwort: Auch das Genie, der Schöpfer des Werkes, kommt mit früheren Erfahrungen in einer neuen Situation noch durchaus nicht ganz aus. Auch ein Beethoven, ein Brahms werden durch die Motive in neue Situationen versetzt, die neue Erfahrungen u. Lösungen veranlassen. Und genau so, wie die Meister selbst an der Hand ihrer eigenen Schöpfungen ihre Erfahrungen erneuern u. erweitern ist es nur am Platze, wenn die Schüler unverdrossen neue Erfahrungen auch selbst machen.

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Mein Zahnarzt tat kürzlich den Ausspruch, es tue in der Ehe gut, von Zeit zu Zeit eine kleine Streiterei zu absolvieren. Man könnte fürs erste in diesem Ausspruch ein Paradoxon vermuten. u. eine Hausmaßregel von geradezu hygienischem Wert. Doch würde man mit solcher Auffassung dem Ausspruch zu viel Ehre erweisen. Denn in Wahrheit dient der Streit nicht etwa dazu, um den Eheleuten neue Anregung zu geben, sondern als Mittel zur Zerstreuung; das Ehepaar entbehrt einfach nützlicher Zerstreuungen u. verfällt so nolens volens auf den Streit, den es nachträglich später fälschlicherweise für ein Hausmittel ausgibt. Kein Zweifel, daß eine Ehe ohne Streit viel weiter führt u. die den Menschen unentbehrlichen Reibungen besser nur auf die Außenwelt beschränkt bleiben sollten, in der sie sicher Niemand erspart bleiben.

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Das „Neue Wiener Journal“ vom 7. VI. bringt ein Zitat von Ilya Tolstoi über seinen Vater, das lautet: „Die Mama kann ich [recte man] belügen, aber den Papa nicht, weil er sogleich durch einen durchsieht; deshalb versucht es auch Niemand [recte niemand].“ 1 Sehr richtig; wer lügt ist dumm, u. eben wegen solcher Dummheit kann er angelogen werden. Wer nicht lügt ist klug u. seine Klugheit verhindert, daß er angelogen wird. Nebenher läuft eine andere Wirkung: Die Dummheit macht einen {589} zum Lügner, hat aber auch zur Folge, daß auch andere zu Lügnern werden, weil sie sich aus dem Anlügen des Dummen einen Vorteil versprechen. Man sieht an allem Ecken u. Enden , welche Nachteile Dummheit mit sich bringt u. in welche Gefahren sie auch andere stürtzt [sic]. Wäre nur nicht „Vorteil“ ein so lockendes u. nächstliegendes Etwas, so würden alle Menschen längst gelernt haben, Klugheit u. deren Tochter, die Wahrhaftigkeit, als die vornehmste Eigenschaft zu schätzen!

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© Transcription Marko Deisinger.

June 7, 1914.

To impatient pupils who fret out of vanity that they are unable, on the basis of the results obtained from studying several pieces, to find the definitive solution to all other cases, I offer the following reply: Even the genius, the creator of the works, is not by any means [always] able to handle a new situation on the basis of previous experiences. Even a Beethoven or a Brahms will be placed as a result of his thematic material in new situations, which give rise to new experiences and solutions. And just as the masters themselves renewed and expanded their experiences on the basis of their creations, so it is only fitting that my pupils are also not deterred from gaining new experiences themselves.

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My dentist recently expressed the idea that it is good for marriage if, from time to time, one experiences a little conflict. In this saying one can at first suspect a paradox, and a domestic regulation of an altogether hygienic value. But with such an interpretation one attributes to the saying too much honor. For in truth the conflict does not really serve to give the married couple new impetus, but is rather a means of distraction; the couple simply forgo useful distractions and thus resort to the conflict, which they later take – mistakenly – for a home remedy. There is no doubt that a marriage without conflict leads much further, and that if there must be strife among people, it were best restricted to the world outside where, for sure, no one will be spared it.

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The Neues Wiener Journal of June 7 prints a quotation from Ilya Tolstoi about her father, which says: "One can lie to one's mother, but not to one's father, because he will see through you immediately; for this reason, too, no one tries to do so." 1 Quite right: anyone who lies is stupid, and because of this very stupidity he can be lied to. Anyone who does not lie is smart; and his smartness prevents him from being lied to. Another, related effect: stupidity makes one {589} a liar, but also has the consequence that others become liars because they expect benefit from the stupid person's lying. One can see in every nook and cranny the disadvantages brought about by stupidity, and to what dangers it subjects others. If only "benefit" were not such an enticing, obvious something, then mankind would have learned long ago to treasure smartness and its daughter, truthfulness, as the greatest virtues!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Aus aller Welt. – Bilder aus dem häuslichen Leben Tolstois," Neues Wiener Journal, No. 7404, June 7, 1914, 22nd year, p. 12.