9. VIII. 14

Von Kriegsschauplätzen selbst sparsame Mitteilungen; Einnahme von Miechov durch galizische Jungschützen, 1 vor allem aber die Proklamation an das polnische Volk (s. Beilage!). 2 Die N. Fr. Pr. Proklamation gebraucht das starke Wort „Befreiung vom Moskowitischen Joch“, eine Wendung, die beim Oberkommando das Bewußtsein barbarischer Zustände im s russischen Reich voraussetzt. — Aus Frankreich u. Belgien werden Züge barbarischen Betragens der Bevölkerung gemeldet. 3 Kein Wunder; wer als Individuum oder Staat es erst bis zu Worten gebracht hat, bleibt hinter den Worten noch lange das rohe Tier! Das Wort ist der erste Deckmantel der Tierheit, kann aber nach Belieben gebraucht u. erlernt werden. Nur das Wort ist erlernbar, nicht aber die Tat, u. darin was sie erlernen scheiden sich Individuen u. Nationen. Leicht erlernbar verbirgt das Wort auch den schnödesten Inhalt, was er, frei von jeder Sentimentalität, der Tierheit in solchem Falle schuldet: sie einfach auszurotten! In Ungarn werden endlich französische Waren boycottiert, 4 – man hätte das besser in Friedenszeiten tun sollen. Aber noch schwerer als Völker zu züchtigen u. zu erziehen wird es fallen, Frauen, die in Ermangelung eines für das Leben ausreichenden Inhaltes nur vom Schein u. für den Schein leben, Waren von dort zu entziehen, wo auch wieder nur der Schein Leere u. Charakterlosigkeit verbirgt. Wenn bis heute Frauen nach französischen Waren schmachteten, so war sollte es ja nur eine Steigerung der Waffen des Scheines bedeuten. Könnten Frauen mehr Inhalt erlangen, so brauchten sie aufgehäufte Werkzeuge des Scheins nicht mehr. Jedenfalls aber wäre zu hoffen, daß sie nach dem Kriege sich mit dem Schein bescheiden werden, den sie auch ohne französische Steigerungs mittel vorstellen. Vom erzieherischen Standpunkt würde sich da die Volkstracht empfehlen.

*

Brief von Mama.

*

Ich hege den Verdacht, daß der stupide englische Krämer sich [illeg]grotteskerweise noch stupider stellt als er ist u. Germanophobie vortäuscht, um irgend eine Ausrede für den Krieg gegen Deutschland zu finden. Die Deutschen hätten aus langjährigem Verkehr {644} die Engländer besser kennen müssen – vgl. Bernard Shaws „John Bull’s andere Insel“ 5 – um ihnen auf diese Ausrede nicht hineinzufallen.

Die Zeitungen melden einige Erfolge von fast sämtlichen Grenzen – dennoch ist mir bange um die Zukunft[,] wenn ich bedenke, daß der Krieg mit unendlicher Uebermacht wider die beiden Staaten geführt wird u. alle Geldspekulationen auf der gegnerischen Seite entfesselt sind, in deren Zeichen sich die sonst widersprechendsten Nationen zusammenfinden. Italiens Haltung ist überaus dunkel, der Orient schläft, da es dort offenbar an einem Mann fehlt, der die Millionen gegen England in Bewegung setzen würde. Die Türkei ist entrüstet über die Wegnahme ihres Schiffes, mobilisiert, 6 wird aber sicher wieder bald einschlafen. Ein oesterreichischer Hauptmann sagte kürzlich in einem Geschäft: Auch das wird vorübergehen! So scheint das Militär die Sache sub species [sic] aeternitatis zu nehmen u. offenbar die Tragweite für die nächste Zukunft gar nicht zu verstehen. Die Wiener lassen sich’s nicht nehmen, so viel als wie möglich im Widerspruch zur schweren Zeit zu verbleiben: Auf den Lippen Besorgnis – auf den Leibern Toiletten.

*

Karte von Mama. — Karte an Elias mit Frage wegen ihres Bruders. — Antwort an Fr. Deutsch.

*

Lie-Liechen tauscht beim silbernen Kreuz den Ehering gegen einen eisernen aus: u. wird auf diese würdige Art das Dokument der ersten Verbindung los, bei der jeglicher gute Geist fehlte.

*

© Transcription Marko Deisinger.

August 9, 1914.

From the war fronts themselves, sparing reports; capture of Miechov by Galician cadets, 1 above all the proclamation to the Polish people (see the newspaper supplement!). 2 The proclamation uses the strong words "liberation from Muscovy bondage," an expression that presupposes on the part of the high command their consciousness of barbaric conditions in the Russian empire. — From France and Belgium, evidence of barbaric behavior by the populace reported. 3 Hardly surprising: any individual or state who has gone so far as to use words will remain a brute animal behind those words for a long time! The word is the first disguise of beastliness, but it can be used and acquired at will. But only the word can be acquired, not the deed; and what they acquire in that respect distinguishes individuals and nations. Easily learned, the word also masks the most disdainful content that, freed of all sentimentality, it owes to beastliness in such a case: to simply eradicate it! In Hungary, French goods are finally being boycotted, 4 – it would have better to do so in times of peace. But even more difficult than to tame and educate people will it be for women, in the absence of a content that is sufficient for life, to live only from appearance and for sake of appearance: to remove wares from whence, once again, the appearance merely conceals emptiness and characterlessness. If until now women yearned for French wares, that ought to signify merely an increase of the weapons of appearance. If women were able to obtain more content, they would no longer need the amassed tools of appearance. In any event, however, it is to be hoped that after the war they will become modest about their appearance, which they can present even without French means of enhancement. From an educational point of view, traditional costume is to be recommended here.

*

Letter from Mama.

*

I harbor the suspicion that the stupid English businessman grotesquely pretends that he is even stupider than he is, and feigns Germanophobia just to find any excuse for the war against Germany. The Germans ought to have known the English better, through many years of association {644} – see Bernard Shaw's John Bull’s Other Island 5 – in order not to fall in upon this excuse.

The newspapers report a few successes on almost all fronts – yet I fear for the future when I consider that the war will be conducted with unceasing superiority against the two states, and that all currency speculations will be unleashed on the opposing side, in whose signs the nations that otherwise oppose each other will converge. Italy's behavior is thoroughly enigmatic; the Orient is asleep, since there the man who would mobilize the millions against England is missing. Turkey is indignant about the confiscation of its ship, 6 is mobilizing, but will soon fall asleep again. An Austrian captain said recently in a shop: "That, too, will pass by!" Thus the military seems to be taking the matter sub specie aeternitatis and apparently has not understand at all its consequences for the immediate future. The Viennese insist on remaining as much as possible in contradiction to the difficult times: concern on their lips, [fine] apparel on their bodies.

*

Postcard from Mama. — Postcard to Elias with a question about her brother. — Reply to Mrs. Deutsch.

*

Lie-Liechen exchanges her wedding ring for an iron one at the Silver Cross and in this noble way is liberated from the token of her first liaison, from which every good spirit was missing.

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© Translation William Drabkin.

9. VIII. 14

Von Kriegsschauplätzen selbst sparsame Mitteilungen; Einnahme von Miechov durch galizische Jungschützen, 1 vor allem aber die Proklamation an das polnische Volk (s. Beilage!). 2 Die N. Fr. Pr. Proklamation gebraucht das starke Wort „Befreiung vom Moskowitischen Joch“, eine Wendung, die beim Oberkommando das Bewußtsein barbarischer Zustände im s russischen Reich voraussetzt. — Aus Frankreich u. Belgien werden Züge barbarischen Betragens der Bevölkerung gemeldet. 3 Kein Wunder; wer als Individuum oder Staat es erst bis zu Worten gebracht hat, bleibt hinter den Worten noch lange das rohe Tier! Das Wort ist der erste Deckmantel der Tierheit, kann aber nach Belieben gebraucht u. erlernt werden. Nur das Wort ist erlernbar, nicht aber die Tat, u. darin was sie erlernen scheiden sich Individuen u. Nationen. Leicht erlernbar verbirgt das Wort auch den schnödesten Inhalt, was er, frei von jeder Sentimentalität, der Tierheit in solchem Falle schuldet: sie einfach auszurotten! In Ungarn werden endlich französische Waren boycottiert, 4 – man hätte das besser in Friedenszeiten tun sollen. Aber noch schwerer als Völker zu züchtigen u. zu erziehen wird es fallen, Frauen, die in Ermangelung eines für das Leben ausreichenden Inhaltes nur vom Schein u. für den Schein leben, Waren von dort zu entziehen, wo auch wieder nur der Schein Leere u. Charakterlosigkeit verbirgt. Wenn bis heute Frauen nach französischen Waren schmachteten, so war sollte es ja nur eine Steigerung der Waffen des Scheines bedeuten. Könnten Frauen mehr Inhalt erlangen, so brauchten sie aufgehäufte Werkzeuge des Scheins nicht mehr. Jedenfalls aber wäre zu hoffen, daß sie nach dem Kriege sich mit dem Schein bescheiden werden, den sie auch ohne französische Steigerungs mittel vorstellen. Vom erzieherischen Standpunkt würde sich da die Volkstracht empfehlen.

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Brief von Mama.

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Ich hege den Verdacht, daß der stupide englische Krämer sich [illeg]grotteskerweise noch stupider stellt als er ist u. Germanophobie vortäuscht, um irgend eine Ausrede für den Krieg gegen Deutschland zu finden. Die Deutschen hätten aus langjährigem Verkehr {644} die Engländer besser kennen müssen – vgl. Bernard Shaws „John Bull’s andere Insel“ 5 – um ihnen auf diese Ausrede nicht hineinzufallen.

Die Zeitungen melden einige Erfolge von fast sämtlichen Grenzen – dennoch ist mir bange um die Zukunft[,] wenn ich bedenke, daß der Krieg mit unendlicher Uebermacht wider die beiden Staaten geführt wird u. alle Geldspekulationen auf der gegnerischen Seite entfesselt sind, in deren Zeichen sich die sonst widersprechendsten Nationen zusammenfinden. Italiens Haltung ist überaus dunkel, der Orient schläft, da es dort offenbar an einem Mann fehlt, der die Millionen gegen England in Bewegung setzen würde. Die Türkei ist entrüstet über die Wegnahme ihres Schiffes, mobilisiert, 6 wird aber sicher wieder bald einschlafen. Ein oesterreichischer Hauptmann sagte kürzlich in einem Geschäft: Auch das wird vorübergehen! So scheint das Militär die Sache sub species [sic] aeternitatis zu nehmen u. offenbar die Tragweite für die nächste Zukunft gar nicht zu verstehen. Die Wiener lassen sich’s nicht nehmen, so viel als wie möglich im Widerspruch zur schweren Zeit zu verbleiben: Auf den Lippen Besorgnis – auf den Leibern Toiletten.

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Karte von Mama. — Karte an Elias mit Frage wegen ihres Bruders. — Antwort an Fr. Deutsch.

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Lie-Liechen tauscht beim silbernen Kreuz den Ehering gegen einen eisernen aus: u. wird auf diese würdige Art das Dokument der ersten Verbindung los, bei der jeglicher gute Geist fehlte.

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© Transcription Marko Deisinger.

August 9, 1914.

From the war fronts themselves, sparing reports; capture of Miechov by Galician cadets, 1 above all the proclamation to the Polish people (see the newspaper supplement!). 2 The proclamation uses the strong words "liberation from Muscovy bondage," an expression that presupposes on the part of the high command their consciousness of barbaric conditions in the Russian empire. — From France and Belgium, evidence of barbaric behavior by the populace reported. 3 Hardly surprising: any individual or state who has gone so far as to use words will remain a brute animal behind those words for a long time! The word is the first disguise of beastliness, but it can be used and acquired at will. But only the word can be acquired, not the deed; and what they acquire in that respect distinguishes individuals and nations. Easily learned, the word also masks the most disdainful content that, freed of all sentimentality, it owes to beastliness in such a case: to simply eradicate it! In Hungary, French goods are finally being boycotted, 4 – it would have better to do so in times of peace. But even more difficult than to tame and educate people will it be for women, in the absence of a content that is sufficient for life, to live only from appearance and for sake of appearance: to remove wares from whence, once again, the appearance merely conceals emptiness and characterlessness. If until now women yearned for French wares, that ought to signify merely an increase of the weapons of appearance. If women were able to obtain more content, they would no longer need the amassed tools of appearance. In any event, however, it is to be hoped that after the war they will become modest about their appearance, which they can present even without French means of enhancement. From an educational point of view, traditional costume is to be recommended here.

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Letter from Mama.

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I harbor the suspicion that the stupid English businessman grotesquely pretends that he is even stupider than he is, and feigns Germanophobia just to find any excuse for the war against Germany. The Germans ought to have known the English better, through many years of association {644} – see Bernard Shaw's John Bull’s Other Island 5 – in order not to fall in upon this excuse.

The newspapers report a few successes on almost all fronts – yet I fear for the future when I consider that the war will be conducted with unceasing superiority against the two states, and that all currency speculations will be unleashed on the opposing side, in whose signs the nations that otherwise oppose each other will converge. Italy's behavior is thoroughly enigmatic; the Orient is asleep, since there the man who would mobilize the millions against England is missing. Turkey is indignant about the confiscation of its ship, 6 is mobilizing, but will soon fall asleep again. An Austrian captain said recently in a shop: "That, too, will pass by!" Thus the military seems to be taking the matter sub specie aeternitatis and apparently has not understand at all its consequences for the immediate future. The Viennese insist on remaining as much as possible in contradiction to the difficult times: concern on their lips, [fine] apparel on their bodies.

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Postcard from Mama. — Postcard to Elias with a question about her brother. — Reply to Mrs. Deutsch.

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Lie-Liechen exchanges her wedding ring for an iron one at the Silver Cross and in this noble way is liberated from the token of her first liaison, from which every good spirit was missing.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Die polnischen Jungschützen im Kampfe," Neue Freie Presse, No. 17944, August 9, 1914, morning edition, p. 4. On August 8, 1914, soldiers of the First Cadre Company entered Miechów, on their way to Kielce. The First Cadre Company (Polish: Pierwsza Kompania Kadrowa) was a Polish military formation created in the Austro-Hungarian Army at the outbreak of World War I. It was the predecessor of the Polish

2 This proclamation is reproduced in "Der Aufruf an das polnische Volk. Kundmachung bei Überschreitung der Grenze von Russisch-Polen durch die österreichisch-ungarischen Truppen," Neue Freie Presse, No. 17944, August 9, 1914, morning edition, pp. 3–4.

3 "Kriegführung mit völkerrechtswidrigen Mitteln. Angriffe auf deutsche Truppen durch belgische und französische Nichtkombattanten," Neue Freie Presse, No. 17944, August 9, 1914, morning edition, p. 4. "Brutale Ausschreitungen gegen Oesterreicher und Deutsche in Paris. Plünderungen in deutschen Wohnungen und Geschäftsläden, Insultierungen in den Straßen, untätiges Zusehen der Polizei," Neue Freie Presse, No. 17944, August 9, 1914, morning edition, p. 6.

4 "Boykott gegen französische Waren in Budapest," Neue Freie Presse, No. 17945, August 10, 1914, evening edition, p. 3.

5 George Bernard Shaw’s comedy John Bull's Other Island, concerning an Englishman in Ireland, premiered in London at the Royal Court Theater on November 1, 1904.

6 On August 1, 1914, English sequestered the Turkish battleships Reşadiye and Sultan Osman I, which led to a further rapprochement of the Ottoman Empire on the Central Powers, with whom they eventually formed a military alliance.