11. VIII. 14

Von Brünauer trifft erfreulicherweise die Meldung ein, daß er kaum mit dem Militär etwas zu tun haben wird. So lichten sich denn auch meine Besorgnisse bezüglich der Saison.

*

Gegen Abend zum erstenmal zu Fl.; den Gegenbesuch lehnte ich aus sachlichen Gründen ab, wohl aber bat mich Fl. an einem Sonntag schon früher auch zu Tisch zu kommen. Wie traurig, daß ich den Grund nicht ins Gesicht sagen kann, weshalb wir uns Besuche von so langer Dauer lieber versagen; die völlige Apathie u. die Unaufrichtigkeit machen uns unmöglich Diskussionsstoff vorzubringen u. mit Liebe auszugestalten. Noch immer vermeidet Fl., Fragen über seine Geldverhältnisse standzuhalten; erst gestern erfuhren wir, daß er im Vorjahre um dieselbe Zeit je schon 4 Gewinnste hatte. Und wie unklug, daß er sich nicht einmal die Mühe nimmt zu bedenken, daß wir daraus auch auf einen eventuellen Gewinn auch heuer schließen dürfen, je mehr er einen solchen verschweigt. Oder ein anderes Beispiel: Ich frage ihn, wie viel die Strandkörbe, die ich bei ihm zum erstenmal sah, kosten u. er antwortet ausweichend: sie sind sehr praktisch! So menschlich übrigens der Neid an sich ist, halte ich ihn im Falle Fl. für ein unentschuldbares Laster; und nur um das Laster zu biegen u. zu brechen, habe ich mit Absicht von jenen Ansprüchen gesprochen, die ich an meine Schüler, auch vom Honorar abgesehen, zu stellen das Recht habe. Man sehe nur: Ein Mann wie Fl., der von Schülern beinahe Alles erhält, ohne daß er das Recht auf Ansprüche hätte, ist leicht geneigt, meine Ansprüche zu bestreiten, obgleich sie leider nur theoretisch bleiben u. mir gar nichts eintragen. So sehr strebt der Neid darnach, die Anstrengung u. Arbeit des Anderen zu ignorieren, nur um sich selbst Früchte zubilligen zu dürfen, die als Lohn nur demjenigen vorbehalten sein müßten, der die Arbeit geleistet hat. – Und was anderes ist denn Ursache des gegenwärtigen Krieges, als daß Frankreich, England u. Rußland den Deutschen jenen Lohn mißgönnen, den {646} sie für ihre erhöhte Tätigkeit u. Tüchtigkeit gewonnen haben. Wie bequem ist es doch, einfach Hand darauf zu legen, statt 50 Jahre hindurch aufzubauen!

*

Aus Tirol wird der Beitrag Mozios nachgeschickt, was als sehr erfreulich zu bezeichnen ist; habe ich doch befürchtet, daß M., die Situation sich zunutze machend, den Beitrag reduzieren wird!

*

Brief an Cotta mit der Bitte um vorzeitige Tantiemen-Regelung.

*

Brief an Mama mit Absage des Besuches; Karte an Tante u. I. M.. — Der Nachmittag bringt keinerlei Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Die Bevölkerung ist ihrer „Hurrah“-schreierei schon so müde geworden, daß sie die Soldatenzüge stumpf u. dumpf an sich vorüber ziehen läßt. So müssen also die Soldaten selbst sich ihren Jubel herausschlagen u. in den meisten Fällen stacheln nach Art der Theater-Claqueure erst sie die Umstehenden zu patriotischen Rufen an. Das umwandelbare Schicksal der zur Tat bestimmten Menschen: die Stimmung zur Tat u. die Tat selbst aus sich zu gebären.

Die großen Tagesblätter lernen auch in diesen schweren Tagen nicht, sich u. den Lesern die leidigen Feuilletons zu erlassen. Auch in Kriegszeiten lassen sie den Wahn nicht fahren, daß sie auch zur Literatur Verpflichtung haben.

*

© Transcription Marko Deisinger.

August 11, 1914.

From Brünauer, the good news arrives that he shall hardly have anything to do in the armed forces. Thus my concerns about the forthcoming teaching year are also lightened.

*

Towards evening, to Floriz's for the first time; I had rejected a return visit, on objective grounds, but Floriz asked me one Sunday to come to lunch sooner. How sad it is that I cannot tell him face-to-face why we prefer not to have visits that last such a long time; his complete apathy and insincerity make it impossible for us to introduce material for discussion and to develop them with love. Floriz is still avoiding answering my questions about his financial situation; it was not until yesterday that we learned that, in the previous year, he had already four winning lottery tickets around the same time. And how unwise is he not even to take the trouble to consider that, the more he keeps silent about such a thing, the more we will suspect that he has possibly won something this year, too. And take another example: I ask him the price of the wicker chairs which I saw at his place for the first time; and he answered deviously: "They are very practical!" As human, moreover, as envy may intrinsically be, in Floriz's case I regard it as an inexcusable vice; and only to bend and break that vice did I intentionally speak about those claims which I have the right to make upon my pupils, even apart from the lesson fees. Just look: a man like Floriz, who receives virtually everything from his pupils without having the right to claim anything, thinks he has a right to question my demands, although they remain merely theoretical and do not bring me anything at all. So strongly does envy strive to ignore the effort and work of others, only in order to be permitted to award itself fruits that should have been reserved for the one who accomplished the work. – And what else is the cause of the present war than the fact that France, England and Russia resent the Germans for that reward which {646} has one through its greater effort and efficiency. How convenient it is, though, simply to lay one's hand on it instead of building up over a period of half a century!

*

From the Tyrol, Mozio's contribution is forwarded, something that may be described as very fortunate; I have however been concerned that Mozio, taking advantage of the situation, will reduce the size of his contribution!

*

Letter to Cotta with the request for a prompt settlement of my royalties.

*

Letter to Mama with decline of a visit; postcards to my aunt and I. M.. — The afternoon brings no news at all from the war zones. The populace has become so tired of its screams of "Hurrah" that they let the processions of soldiers pass by them in gloomy silence. And so the soldiers must proclaim their jubilation themselves, and in the most instances spur those standing around them to make cries of patriotism, like theater claques. The immutable fate of men who are destined to do things: to create from within themselves the mood in which to do something, and the deed itself.

The great daily papers have not learned even in these difficult times to exempt themselves and their readers from their wretched feuilletons. Even in times of war they do not abandon the idea that they also have an obligation to literature.

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© Translation William Drabkin.

11. VIII. 14

Von Brünauer trifft erfreulicherweise die Meldung ein, daß er kaum mit dem Militär etwas zu tun haben wird. So lichten sich denn auch meine Besorgnisse bezüglich der Saison.

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Gegen Abend zum erstenmal zu Fl.; den Gegenbesuch lehnte ich aus sachlichen Gründen ab, wohl aber bat mich Fl. an einem Sonntag schon früher auch zu Tisch zu kommen. Wie traurig, daß ich den Grund nicht ins Gesicht sagen kann, weshalb wir uns Besuche von so langer Dauer lieber versagen; die völlige Apathie u. die Unaufrichtigkeit machen uns unmöglich Diskussionsstoff vorzubringen u. mit Liebe auszugestalten. Noch immer vermeidet Fl., Fragen über seine Geldverhältnisse standzuhalten; erst gestern erfuhren wir, daß er im Vorjahre um dieselbe Zeit je schon 4 Gewinnste hatte. Und wie unklug, daß er sich nicht einmal die Mühe nimmt zu bedenken, daß wir daraus auch auf einen eventuellen Gewinn auch heuer schließen dürfen, je mehr er einen solchen verschweigt. Oder ein anderes Beispiel: Ich frage ihn, wie viel die Strandkörbe, die ich bei ihm zum erstenmal sah, kosten u. er antwortet ausweichend: sie sind sehr praktisch! So menschlich übrigens der Neid an sich ist, halte ich ihn im Falle Fl. für ein unentschuldbares Laster; und nur um das Laster zu biegen u. zu brechen, habe ich mit Absicht von jenen Ansprüchen gesprochen, die ich an meine Schüler, auch vom Honorar abgesehen, zu stellen das Recht habe. Man sehe nur: Ein Mann wie Fl., der von Schülern beinahe Alles erhält, ohne daß er das Recht auf Ansprüche hätte, ist leicht geneigt, meine Ansprüche zu bestreiten, obgleich sie leider nur theoretisch bleiben u. mir gar nichts eintragen. So sehr strebt der Neid darnach, die Anstrengung u. Arbeit des Anderen zu ignorieren, nur um sich selbst Früchte zubilligen zu dürfen, die als Lohn nur demjenigen vorbehalten sein müßten, der die Arbeit geleistet hat. – Und was anderes ist denn Ursache des gegenwärtigen Krieges, als daß Frankreich, England u. Rußland den Deutschen jenen Lohn mißgönnen, den {646} sie für ihre erhöhte Tätigkeit u. Tüchtigkeit gewonnen haben. Wie bequem ist es doch, einfach Hand darauf zu legen, statt 50 Jahre hindurch aufzubauen!

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Aus Tirol wird der Beitrag Mozios nachgeschickt, was als sehr erfreulich zu bezeichnen ist; habe ich doch befürchtet, daß M., die Situation sich zunutze machend, den Beitrag reduzieren wird!

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Brief an Cotta mit der Bitte um vorzeitige Tantiemen-Regelung.

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Brief an Mama mit Absage des Besuches; Karte an Tante u. I. M.. — Der Nachmittag bringt keinerlei Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Die Bevölkerung ist ihrer „Hurrah“-schreierei schon so müde geworden, daß sie die Soldatenzüge stumpf u. dumpf an sich vorüber ziehen läßt. So müssen also die Soldaten selbst sich ihren Jubel herausschlagen u. in den meisten Fällen stacheln nach Art der Theater-Claqueure erst sie die Umstehenden zu patriotischen Rufen an. Das umwandelbare Schicksal der zur Tat bestimmten Menschen: die Stimmung zur Tat u. die Tat selbst aus sich zu gebären.

Die großen Tagesblätter lernen auch in diesen schweren Tagen nicht, sich u. den Lesern die leidigen Feuilletons zu erlassen. Auch in Kriegszeiten lassen sie den Wahn nicht fahren, daß sie auch zur Literatur Verpflichtung haben.

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© Transcription Marko Deisinger.

August 11, 1914.

From Brünauer, the good news arrives that he shall hardly have anything to do in the armed forces. Thus my concerns about the forthcoming teaching year are also lightened.

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Towards evening, to Floriz's for the first time; I had rejected a return visit, on objective grounds, but Floriz asked me one Sunday to come to lunch sooner. How sad it is that I cannot tell him face-to-face why we prefer not to have visits that last such a long time; his complete apathy and insincerity make it impossible for us to introduce material for discussion and to develop them with love. Floriz is still avoiding answering my questions about his financial situation; it was not until yesterday that we learned that, in the previous year, he had already four winning lottery tickets around the same time. And how unwise is he not even to take the trouble to consider that, the more he keeps silent about such a thing, the more we will suspect that he has possibly won something this year, too. And take another example: I ask him the price of the wicker chairs which I saw at his place for the first time; and he answered deviously: "They are very practical!" As human, moreover, as envy may intrinsically be, in Floriz's case I regard it as an inexcusable vice; and only to bend and break that vice did I intentionally speak about those claims which I have the right to make upon my pupils, even apart from the lesson fees. Just look: a man like Floriz, who receives virtually everything from his pupils without having the right to claim anything, thinks he has a right to question my demands, although they remain merely theoretical and do not bring me anything at all. So strongly does envy strive to ignore the effort and work of others, only in order to be permitted to award itself fruits that should have been reserved for the one who accomplished the work. – And what else is the cause of the present war than the fact that France, England and Russia resent the Germans for that reward which {646} has one through its greater effort and efficiency. How convenient it is, though, simply to lay one's hand on it instead of building up over a period of half a century!

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From the Tyrol, Mozio's contribution is forwarded, something that may be described as very fortunate; I have however been concerned that Mozio, taking advantage of the situation, will reduce the size of his contribution!

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Letter to Cotta with the request for a prompt settlement of my royalties.

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Letter to Mama with decline of a visit; postcards to my aunt and I. M.. — The afternoon brings no news at all from the war zones. The populace has become so tired of its screams of "Hurrah" that they let the processions of soldiers pass by them in gloomy silence. And so the soldiers must proclaim their jubilation themselves, and in the most instances spur those standing around them to make cries of patriotism, like theater claques. The immutable fate of men who are destined to do things: to create from within themselves the mood in which to do something, and the deed itself.

The great daily papers have not learned even in these difficult times to exempt themselves and their readers from their wretched feuilletons. Even in times of war they do not abandon the idea that they also have an obligation to literature.

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© Translation William Drabkin.