25. IX. 14

[illeg] KarteOJ 13/30 von Roth mit Mitteilung, daß sowohl er als wie auch Vrieslander vorläufig noch zuhause ist. [ — ] Karte von Herrn Breisach, der mich um eine Unterredung ersucht. — Antwort an Breisach. — Antwort an die Steuerbehörde mit dem Ersuchen um Sistierung bis 5. Oktober.

*

Vormittags erscheint der neue Schüler, der mir sofort den Eindruck eines sehr intelligenten jungen Mannes macht. So weit kennt er auch sein Ziel, daß er schon jetzt auf ein Doctorat der Musik verzichtet, blos weil ihm die Dozenten zu wenig sagen.

*

Nach Tisch bei Fl. im Caféhaus; er ergänzt seine telefonischen Mitteilungen, die indessen nicht viel mehr Ertrag liefern. Vermutlich, meint er, werden doch alle Aerzte des Reichs aufgerufen werden, man brauche überall Aerzte, das stehe fest. dDie von Prof. Fränkel angegebenen Adressen haben auch ihren Wert – kurz, eine Menge Anhaltspunkte, von denen keiner aber ins Schwarze trifft. – Ich zeige Fl. das 1. Exemplar von op. 110. – Fr. Hauser ladet in unserer Gegenwart zum Abendessen auch Herrn Brandstätter ein, ohne auch uns mit einzuladen.

*

Nachmittags Karte von Brünauer, der plötzlich mein „Mißgeschick“ in 3 Worten beklagt, u., wie ich es erwartet habe, ein eigenes ankündigt, das vorzutragen die Dauer eines Besuches bei mir in Anspruch nimmt.

*

Karte von Lemberger, der sich selbst für Samstag ansagt. Das Gesetz der Serie scheint zu wirken. — Karte von Fr. Deutsch, die ihr Kommen ankündigt u. auch Hilfe für den Schwager in Aussicht stellt.

*

Bezüglich der Antwort an Fr. Pairamall hatte ich anfangs den Plan, sie von der Frau Colbert dadurch zu trennen, daß ich meine Haltung gegenüber der letzteren wahrheitsgemäß erläutere. Da ich nämlich Gefahr laufe, daß nun beide Frauen, vom Geldschmutz beseelt, meine Haltung wissentlich falsch deuten, nur um über eigenen Schmutz hinwegzukommen, lag {722} mir fürs Erste daran, Frau Colbert als erste Empfängerin meines Entgegenkommens vor Fr. P. zu entlarven für den Fall, daß sie gelogen hätte. Wenn schon in meinem Briefe an Fr. C. das Bild der Fr. P. von mir selbst autentisch [sic] gezeichnet wurde, so wollte ich auch umgekehrt zu Konfrontationszwecken im Brief an Fr. D. das Bild der Fr. C. feststellen. Lie-Liechen war aber dagegen u. zw. gegen jede Weitläufigkeit prinzipiell u. aus taktischen Gründen; u. als sich ihrer Meinung auch Fl. zuneigte, bin ich ohne weiteres dem Ratschlag beider gefolgt, weniger etwa aus Ueberzeugung, als aus purer Bequemlichkeit, da es mir für alle Fälle zu lästig gefallen wäre, den Brief fortzusetzen. N Da nun eben einmal die Sache zu einem Abschluß gebracht werden sollte, so konnte ich darauf verzichten, tiefsinnige Aufklärungen über Schmutz, Laster des Reichtums, u. s. f. zu geben. Und so schrieb ich endlich einen kurzen 3 Seiten langen Brief, worin ich den Unterschied der beiden Fälle darlegte, um zu dem Schluß zu gelangen, daß es weit eher geboten war, mir einen Credit für 2–3 Jahre zu gewähren, als ihn von mir in Anspruch zu nehmen.

*

Mittelmann sucht uns sowohl im Caféhaus als wie auch zuhause.

*

Karte an Herrn Lemberger, an Fr. Deutsch mit Bitte um Hilfe für den Schwager u. 2. Karte an Brünauer, die sein Kommen partout verhüten soll.

*

© Transcription Marko Deisinger.

September 25, 1914.

PostcardOJ 13/30, [14] from Roth, telling me that both he and Vrieslander are, for the time being, still at home. [—] Postcard from Mr. Breisach, who seeks a meeting with me. — Reply to Breisach. — Reply to the tax authorities with the request for a suspension until October 5.

*

In the morning my new pupil appears, who immediately gives me the impression of being a very intelligent young man. He understands his goal so well that he is even now declining to take a doctorate in music, merely because his lecturers tell him too little.

*

After lunch, with Floriz at the coffee house; he augments his telephone communications, which however do not yield much more fruit. Presumably, he says, all the doctors of the empire will be summoned; one needs doctors everywhere, that much is certain. The addresses provided by Prof. Fraenkel will also be of value – in short, a great number of pointers, none of which hit the mark. – I show Floriz the first copy of Op. 110 . – Mrs. Hauser invites [Floriz], and also Mr. Brandstätter, to dinner, without inviting us as well.

*

In the afternoon, postcard from Brünauer, who suddenly laments my "misfortune" in three words and, as I expected, announces one of his own, the explanation of which would take up a visit to me.

*

Postcard from Lemberger, who announces that he will come on Saturday. The law of the series seems to be working. — Postcard from Mrs. Deutsch, who announces that she will be coming and also holds out the prospect of help for my brother-in-law.

*

Regarding Mrs. Pairamall's reply, I originally had planned to keep her separate from Mrs. Colbert by explaining my attitude towards the latter truthfully. Since I run the risk that now both women, filled with greed, will deliberately misinterpret my behavior, only to overcome their own greed, {722} it was my present idea to reveal to Mrs. P. that I had first approached Mrs. Colbert, in the event that the former had lied. Even though my description of Mrs. P. in my letters to Mrs. C. had been described by myself as authentic, I wished also conversely, for purposes of confrontation, to set out my picture of Mrs. C. in the letter to Mrs. D. But Lie-Liechen was against this and indeed against all circuitousness, in principle and on tactical grounds. And as Floriz, too, agreed with her, I followed the advice of both of them without further ado – less out of conviction than out of simple convenience, since it would have in any event been too burdensome to continue writing the letter. Since the matter should finally be brought to a conclusion, I can refrain from offering profound explanations of greed, the vices of wealth, and so on. And so finally I wrote a short letter, three pages long, in which I set out the difference between the two cases, in order to arrive at the conclusion that it was much more appropriate to grant me a credit for two to three years than to accept one from me.

*

Mittelmann looks for us, both at the coffee house and also at home.

*

Postcard to Mr. Lemberger, and to Mrs. Deutsch with a request for help for my brother-in-law; and a second postcard to Brünauer, which is intended to prevent his coming in any event.

*

© Translation William Drabkin.

25. IX. 14

[illeg] KarteOJ 13/30 von Roth mit Mitteilung, daß sowohl er als wie auch Vrieslander vorläufig noch zuhause ist. [ — ] Karte von Herrn Breisach, der mich um eine Unterredung ersucht. — Antwort an Breisach. — Antwort an die Steuerbehörde mit dem Ersuchen um Sistierung bis 5. Oktober.

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Vormittags erscheint der neue Schüler, der mir sofort den Eindruck eines sehr intelligenten jungen Mannes macht. So weit kennt er auch sein Ziel, daß er schon jetzt auf ein Doctorat der Musik verzichtet, blos weil ihm die Dozenten zu wenig sagen.

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Nach Tisch bei Fl. im Caféhaus; er ergänzt seine telefonischen Mitteilungen, die indessen nicht viel mehr Ertrag liefern. Vermutlich, meint er, werden doch alle Aerzte des Reichs aufgerufen werden, man brauche überall Aerzte, das stehe fest. dDie von Prof. Fränkel angegebenen Adressen haben auch ihren Wert – kurz, eine Menge Anhaltspunkte, von denen keiner aber ins Schwarze trifft. – Ich zeige Fl. das 1. Exemplar von op. 110. – Fr. Hauser ladet in unserer Gegenwart zum Abendessen auch Herrn Brandstätter ein, ohne auch uns mit einzuladen.

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Nachmittags Karte von Brünauer, der plötzlich mein „Mißgeschick“ in 3 Worten beklagt, u., wie ich es erwartet habe, ein eigenes ankündigt, das vorzutragen die Dauer eines Besuches bei mir in Anspruch nimmt.

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Karte von Lemberger, der sich selbst für Samstag ansagt. Das Gesetz der Serie scheint zu wirken. — Karte von Fr. Deutsch, die ihr Kommen ankündigt u. auch Hilfe für den Schwager in Aussicht stellt.

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Bezüglich der Antwort an Fr. Pairamall hatte ich anfangs den Plan, sie von der Frau Colbert dadurch zu trennen, daß ich meine Haltung gegenüber der letzteren wahrheitsgemäß erläutere. Da ich nämlich Gefahr laufe, daß nun beide Frauen, vom Geldschmutz beseelt, meine Haltung wissentlich falsch deuten, nur um über eigenen Schmutz hinwegzukommen, lag {722} mir fürs Erste daran, Frau Colbert als erste Empfängerin meines Entgegenkommens vor Fr. P. zu entlarven für den Fall, daß sie gelogen hätte. Wenn schon in meinem Briefe an Fr. C. das Bild der Fr. P. von mir selbst autentisch [sic] gezeichnet wurde, so wollte ich auch umgekehrt zu Konfrontationszwecken im Brief an Fr. D. das Bild der Fr. C. feststellen. Lie-Liechen war aber dagegen u. zw. gegen jede Weitläufigkeit prinzipiell u. aus taktischen Gründen; u. als sich ihrer Meinung auch Fl. zuneigte, bin ich ohne weiteres dem Ratschlag beider gefolgt, weniger etwa aus Ueberzeugung, als aus purer Bequemlichkeit, da es mir für alle Fälle zu lästig gefallen wäre, den Brief fortzusetzen. N Da nun eben einmal die Sache zu einem Abschluß gebracht werden sollte, so konnte ich darauf verzichten, tiefsinnige Aufklärungen über Schmutz, Laster des Reichtums, u. s. f. zu geben. Und so schrieb ich endlich einen kurzen 3 Seiten langen Brief, worin ich den Unterschied der beiden Fälle darlegte, um zu dem Schluß zu gelangen, daß es weit eher geboten war, mir einen Credit für 2–3 Jahre zu gewähren, als ihn von mir in Anspruch zu nehmen.

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Mittelmann sucht uns sowohl im Caféhaus als wie auch zuhause.

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Karte an Herrn Lemberger, an Fr. Deutsch mit Bitte um Hilfe für den Schwager u. 2. Karte an Brünauer, die sein Kommen partout verhüten soll.

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© Transcription Marko Deisinger.

September 25, 1914.

PostcardOJ 13/30, [14] from Roth, telling me that both he and Vrieslander are, for the time being, still at home. [—] Postcard from Mr. Breisach, who seeks a meeting with me. — Reply to Breisach. — Reply to the tax authorities with the request for a suspension until October 5.

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In the morning my new pupil appears, who immediately gives me the impression of being a very intelligent young man. He understands his goal so well that he is even now declining to take a doctorate in music, merely because his lecturers tell him too little.

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After lunch, with Floriz at the coffee house; he augments his telephone communications, which however do not yield much more fruit. Presumably, he says, all the doctors of the empire will be summoned; one needs doctors everywhere, that much is certain. The addresses provided by Prof. Fraenkel will also be of value – in short, a great number of pointers, none of which hit the mark. – I show Floriz the first copy of Op. 110 . – Mrs. Hauser invites [Floriz], and also Mr. Brandstätter, to dinner, without inviting us as well.

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In the afternoon, postcard from Brünauer, who suddenly laments my "misfortune" in three words and, as I expected, announces one of his own, the explanation of which would take up a visit to me.

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Postcard from Lemberger, who announces that he will come on Saturday. The law of the series seems to be working. — Postcard from Mrs. Deutsch, who announces that she will be coming and also holds out the prospect of help for my brother-in-law.

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Regarding Mrs. Pairamall's reply, I originally had planned to keep her separate from Mrs. Colbert by explaining my attitude towards the latter truthfully. Since I run the risk that now both women, filled with greed, will deliberately misinterpret my behavior, only to overcome their own greed, {722} it was my present idea to reveal to Mrs. P. that I had first approached Mrs. Colbert, in the event that the former had lied. Even though my description of Mrs. P. in my letters to Mrs. C. had been described by myself as authentic, I wished also conversely, for purposes of confrontation, to set out my picture of Mrs. C. in the letter to Mrs. D. But Lie-Liechen was against this and indeed against all circuitousness, in principle and on tactical grounds. And as Floriz, too, agreed with her, I followed the advice of both of them without further ado – less out of conviction than out of simple convenience, since it would have in any event been too burdensome to continue writing the letter. Since the matter should finally be brought to a conclusion, I can refrain from offering profound explanations of greed, the vices of wealth, and so on. And so finally I wrote a short letter, three pages long, in which I set out the difference between the two cases, in order to arrive at the conclusion that it was much more appropriate to grant me a credit for two to three years than to accept one from me.

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Mittelmann looks for us, both at the coffee house and also at home.

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Postcard to Mr. Lemberger, and to Mrs. Deutsch with a request for help for my brother-in-law; and a second postcard to Brünauer, which is intended to prevent his coming in any event.

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© Translation William Drabkin.