10.

Der Fall von Antwerpen! 1

*

Vormittags sucht mich Gärtner auf, um das Versäumte nachzuholen u. mich um Verwendung bei Weisse zu bitten, damit er an meiner Stelle den Unterricht seines Sohnes übernehme. Nur ein eitler Sänger bringt es fertig, von einem ihm völlig fremden Menschen eine Leistung solcher Art, zumal unentgeltlich, zu verlangen. Möglicherweise denkt er daran, sich mit dem Vortrag von Weisses Kompositionen zu revanchieren. Aber auch dieser [sic] Entgelt sozusagen ist vom Standpunkt Weisses nur cum [illeg]grano salis zu nehmen, da die Idee desselben von einem Sänger ausgeht, der seine eigenen Leistungen stets nur als Gnade selbst noch dann aufgefaßt wissen will, auch wenn er zu tausendfach größerem Dank verpflichtet wäreist. Es wäre indessen nicht tragisch, wenn unter vielen anderen auch Weisse die schmerzliche Erfahrung machen würde, mehr zu geben, als zu empfangen.

*

Karte der Erinnerung an Fr. Colbert wegen der Montag-Stunde.

*

Die Entlarvung der englischen Borniertheit ist sozusagen die Sensation des Krieges. Obgleich man aus der Geschichte des englischen Volkes, aus seinem Leben u. Verhalten hinreichend genug Beweise für die Annahme seiner Borniertheit hatte, ließ man sich durch den Hochmut u. sonstigen Unarten derart imponieren, daß man Unfähigkeit allzu schmeichelhaft mit „Conservatismus“ umschrieb. Mich selbst erinnert das an den ständigen Witz, den ich Schülern gegenüber gebrauche, wenn sie nach ehrlich getaner Arbeit Scham darüber emp- {740} finden, nicht zum entsprechenden Resultat gelangt zu sein. Sagen sie da: „Ich hatte wirklich geglaubt, die Lösung erraten zu haben“, so erwidere ich: Eine Schande ist es ja nur, wenn man einem Durchschnittsmenschen aufsitzt, niemals aber, wenn man hinter einem Genie zurückbleibt, um dessen Rätsel man sich ehrlich bemüht. Darin liegt ja eben das Genie, daß es Durchschnittstalente hinter sich läßt; aber vielmehr Gewissen sollte man sich daraus machen, wenn man z. B. einem Engländer, Franzosen oder sonstigen Menschenpack aufsitzt.

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© Transcription Marko Deisinger.

10.

The fall of Antwerp! 1

*

In the morning, Gärtner looks for me in order to retrieve what he had missed and to ask to intercede with Weisse, so that he can take over the tuition of his son in my place. Only a vain singer can succeed in demanding a service from person who is completely unknown to him, and all the more so without pay. Perhaps he is thinking of compensating by performing Weisse's compositions. But even this reward should be taken by Weisse with a grain of salt, since the idea is coming from a singer who understands his own accomplishments only as a favor, even when he is obliged to give a thousandfold greater thanks. It would, however, not be tragic for Weisse, like all the many others, were to have the painful experience of giving more than he takes.

*

Reminder postcard sent to Mrs. Colbert concerning Monday's lesson.

*

The unmasking of the English narrowmindedness is, so to speak, the sensation of the war. Although one had sufficient evidence of their narrow-mindedness from the history of the English people, and from their lives and behavior, one allowed oneself to be impressed by their pride and other vices in such a way as to describe their lack of ability all too flatteringly as "conservatism." This reminded me of the quip that I always use with my pupils when, after completing an honest piece of work, they are embarrassed {740} by not having reached the corresponding goal. They say: "I really thought I had found the solution," to which I reply that it is only a shame if one is fooled by a mediocre person, never when one is left standing behind a genius whose puzzles one has honestly strived after. That is the very nature of genius, that it leaves mediocre talents behind it; but one should rather feel guilty about having been taken in by an Englishman, a Frenchman, or some other human trash.

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© Translation William Drabkin.

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Der Fall von Antwerpen! 1

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Vormittags sucht mich Gärtner auf, um das Versäumte nachzuholen u. mich um Verwendung bei Weisse zu bitten, damit er an meiner Stelle den Unterricht seines Sohnes übernehme. Nur ein eitler Sänger bringt es fertig, von einem ihm völlig fremden Menschen eine Leistung solcher Art, zumal unentgeltlich, zu verlangen. Möglicherweise denkt er daran, sich mit dem Vortrag von Weisses Kompositionen zu revanchieren. Aber auch dieser [sic] Entgelt sozusagen ist vom Standpunkt Weisses nur cum [illeg]grano salis zu nehmen, da die Idee desselben von einem Sänger ausgeht, der seine eigenen Leistungen stets nur als Gnade selbst noch dann aufgefaßt wissen will, auch wenn er zu tausendfach größerem Dank verpflichtet wäreist. Es wäre indessen nicht tragisch, wenn unter vielen anderen auch Weisse die schmerzliche Erfahrung machen würde, mehr zu geben, als zu empfangen.

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Karte der Erinnerung an Fr. Colbert wegen der Montag-Stunde.

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Die Entlarvung der englischen Borniertheit ist sozusagen die Sensation des Krieges. Obgleich man aus der Geschichte des englischen Volkes, aus seinem Leben u. Verhalten hinreichend genug Beweise für die Annahme seiner Borniertheit hatte, ließ man sich durch den Hochmut u. sonstigen Unarten derart imponieren, daß man Unfähigkeit allzu schmeichelhaft mit „Conservatismus“ umschrieb. Mich selbst erinnert das an den ständigen Witz, den ich Schülern gegenüber gebrauche, wenn sie nach ehrlich getaner Arbeit Scham darüber emp- {740} finden, nicht zum entsprechenden Resultat gelangt zu sein. Sagen sie da: „Ich hatte wirklich geglaubt, die Lösung erraten zu haben“, so erwidere ich: Eine Schande ist es ja nur, wenn man einem Durchschnittsmenschen aufsitzt, niemals aber, wenn man hinter einem Genie zurückbleibt, um dessen Rätsel man sich ehrlich bemüht. Darin liegt ja eben das Genie, daß es Durchschnittstalente hinter sich läßt; aber vielmehr Gewissen sollte man sich daraus machen, wenn man z. B. einem Engländer, Franzosen oder sonstigen Menschenpack aufsitzt.

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© Transcription Marko Deisinger.

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The fall of Antwerp! 1

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In the morning, Gärtner looks for me in order to retrieve what he had missed and to ask to intercede with Weisse, so that he can take over the tuition of his son in my place. Only a vain singer can succeed in demanding a service from person who is completely unknown to him, and all the more so without pay. Perhaps he is thinking of compensating by performing Weisse's compositions. But even this reward should be taken by Weisse with a grain of salt, since the idea is coming from a singer who understands his own accomplishments only as a favor, even when he is obliged to give a thousandfold greater thanks. It would, however, not be tragic for Weisse, like all the many others, were to have the painful experience of giving more than he takes.

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Reminder postcard sent to Mrs. Colbert concerning Monday's lesson.

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The unmasking of the English narrowmindedness is, so to speak, the sensation of the war. Although one had sufficient evidence of their narrow-mindedness from the history of the English people, and from their lives and behavior, one allowed oneself to be impressed by their pride and other vices in such a way as to describe their lack of ability all too flatteringly as "conservatism." This reminded me of the quip that I always use with my pupils when, after completing an honest piece of work, they are embarrassed {740} by not having reached the corresponding goal. They say: "I really thought I had found the solution," to which I reply that it is only a shame if one is fooled by a mediocre person, never when one is left standing behind a genius whose puzzles one has honestly strived after. That is the very nature of genius, that it leaves mediocre talents behind it; but one should rather feel guilty about having been taken in by an Englishman, a Frenchman, or some other human trash.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Antwerpen gefallen," Neue Freie Presse, No. 18006, October 10, 1914, morning edition, p. 1.