11.

Drei deutsche Kreutzer [sic] werden von überlegenen englischen Krieg[s]schiffen versenkt. 1

*

Der Hausherr Kaschlgasse 5 fragt bezüglich der für die Mama zu kündigenden Wohnung {803} an, woraus hervorgeht, daß er mein zweites Schreiben überhaupt nicht gelesen hat. Gerade diese Nachlässigkeit kommt mir aber gegenwärtig zugute u. pneumatisch reguliere ich die Absage mit Einforderung des Geldes aufs deutlichste.

*

Sieht man, wie die Menschen jeglichen Luxus pflegen u. sich selten einen entgehen lassen, so muß man doppelt Vorwürfe wider sie erheben, wenn sie gerade die Kunst als Aschenbrödel betrachten, die doch sicher eine Königin der Luxusse [sic] genannt zu werden verdient. Doch liegt das darin, daß die Kunst sich in ihren tiefsten Aeußerungen nicht blos an das Auge allein wendet, sondern auch das Gehirn in Anspruch nimmt. Das Gehirn aber schalten die Menschen am liebsten aus, um mit ihnen zu sprechen ein Luxus für sie.

*

Brief von Vrieslander mit allerhand Betrachtungen über den Niedergang der Musik, Druckfehlern aus op. 110 u. vor allem mit der Bitte um Intervention bezüglich neuer Arbeiten.

*

Seltsame Stumpfheit einer Schülerin, die nicht einmal durch Not an Stoff dazu zu bringen ist, von ihr hinreißend mitgeteiltem neuem [sic] Material einer anderen Collegin u. Freundin auch nur ein Wörtchen zu vermelden. Im Kleinen ein Abbild der Welt im Großen: wo nicht das Affe-Serum wütet, ist Begeisterung aus den Menschen nicht herauszuschlagen.

*

Sophie mit Kinder chen des Aabends [sic] bei Lie-Liechen.

*

Aufsatz von Prof. Klein im „N. W. Tgbl.“ „Krise des Internationalismus“. 2 Die Toilette des Aufsatzes eine außerordentlich vornehme, der Inhalt selbst aber verrät, daß der Autor bei allem Geist den Urgrund der Probleme nicht kennt. Er kommt nicht darauf, daß, was sich als Internationalismus ausgab, nur ein Titel war, den die Krämerwelt in ihrer Eitelkeit erfunden, der es zur Beschönigung ihres an sich nichts {804} weniger als schönen Berufes sehr wohl gepaßt hat, Exportgeschäfte mit „Kultur“ u. Verträge[,] die auf Sicherung der Exportgeschäfte zielten[,] mit „Internationalismus“ zu benennen. In Wahrheit war u. ist der Handel allezeit nur eben der Handel u. so wenig aus einem Floh ein Elephant werden kann, so wenig kann der Handel schon Internationalismus schon [sic] aus sich selbst werden oder auch nur dahin führen. Daher die Hoffnung, die Klein immerhin bis zu einem gewissen Grade auf die Rekonstruierung des früheren Zustandes äußert, eine sehr kindische ist. Es handelt sich hier um zwei verschiedene Dinge, die niemals dasselbe das selbe werden können. Den Punkt des Nationalismus, der nach Klein die zweite Ursache des Krieges ist, weiß er ebensowenig zur Klärung zu bringen; er ahnt nicht, daß hinter dem Schlagwort eine infame Aufmachung des kleinen u. kleinsten Menschen steckt, die die Strafe eben schon in sich trägt. Es müßte eben jemand kommen, der den Kleinen vom Größenwahn befreit, dann wäre wohl auch diese Gefahr zuende.

*

© Transcription Marko Deisinger.

11.

Three German cruisers are sunk by superior English warships. 1

*

The landlord at Kaschlgasse 5 asks about the notice to be given on the apartment intended for my mother, {803} from which it can be deduced that he has not read my second letter at all. This very negligence, however, is something I can put to good use; and I adjust the cancellation with the clearest request to return the money.

*

When one sees how people cultivate every luxury and seldom give one up, then one must doubly raise objections to them if they regard art as if it were a Cinderella, since art surely deserves to be called the queen of luxuries. But that is because art does not merely address the eye but also takes the brain into consideration. The brain, however, is something that people would rather turn off, it being – as they would say – a luxury for them.

*

Letter from Vrieslander with all sorts of considerations about the decline of music, misprints in Op. 110 , and above all the request for a good word with regard to new pieces of work.

*

Peculiar dullness on the part of a female pupil who cannot be motivated, through lack of [conversational] material, to say so much as a word to a fellow and friend about new material that has been reported to her enthusiastically [by me]. A miniature representation of the world at large: where the ape-serum does not run riot, it is not possible to extract any excitement from people.

*

Sophie with her children in the evening at Lie-Liechen's.

*

Article by Prof. Klein in the Neues Wiener Tagblatt : "The crisis of internationalism." 2 The style of the essay is thoroughly excellent; but the content itself reveals that the author, in spite of his intellect, does not know the ultimate cause of the problems. He does not realize that what is called internationalism was merely a name invented by the business world in its vanity, to which – by decorating their profession, which was in itself no less than a beautiful profession – it served very well {804} to use the term "culture" for their export businesses and "internationalism" for contracts that targeted their export businesses. In truth, trade was – and is – at all times nothing more than trade; and as little as a flea can become an elephant, so little can trade become internationalism on its own, or even lead in that direction. Thus the hope, which Klein nonetheless places to a certain extent on the reconstruction of the earlier situation, is a very childish one. It is a question here of two different things, which can never become the same. The point of nationalism, which according to Klein is the second cause of the war, is something he is just as little able to explain clearly; he does not realize that behind this code-word lies an infamous design of the small and smallest people, which already actually bears the punishment within it. It would actually be necessary for someone to appear who would free the small people from their megalomania; then even this danger would probably be at an end.

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© Translation William Drabkin.

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Drei deutsche Kreutzer [sic] werden von überlegenen englischen Krieg[s]schiffen versenkt. 1

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Der Hausherr Kaschlgasse 5 fragt bezüglich der für die Mama zu kündigenden Wohnung {803} an, woraus hervorgeht, daß er mein zweites Schreiben überhaupt nicht gelesen hat. Gerade diese Nachlässigkeit kommt mir aber gegenwärtig zugute u. pneumatisch reguliere ich die Absage mit Einforderung des Geldes aufs deutlichste.

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Sieht man, wie die Menschen jeglichen Luxus pflegen u. sich selten einen entgehen lassen, so muß man doppelt Vorwürfe wider sie erheben, wenn sie gerade die Kunst als Aschenbrödel betrachten, die doch sicher eine Königin der Luxusse [sic] genannt zu werden verdient. Doch liegt das darin, daß die Kunst sich in ihren tiefsten Aeußerungen nicht blos an das Auge allein wendet, sondern auch das Gehirn in Anspruch nimmt. Das Gehirn aber schalten die Menschen am liebsten aus, um mit ihnen zu sprechen ein Luxus für sie.

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Brief von Vrieslander mit allerhand Betrachtungen über den Niedergang der Musik, Druckfehlern aus op. 110 u. vor allem mit der Bitte um Intervention bezüglich neuer Arbeiten.

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Seltsame Stumpfheit einer Schülerin, die nicht einmal durch Not an Stoff dazu zu bringen ist, von ihr hinreißend mitgeteiltem neuem [sic] Material einer anderen Collegin u. Freundin auch nur ein Wörtchen zu vermelden. Im Kleinen ein Abbild der Welt im Großen: wo nicht das Affe-Serum wütet, ist Begeisterung aus den Menschen nicht herauszuschlagen.

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Sophie mit Kinder chen des Aabends [sic] bei Lie-Liechen.

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Aufsatz von Prof. Klein im „N. W. Tgbl.“ „Krise des Internationalismus“. 2 Die Toilette des Aufsatzes eine außerordentlich vornehme, der Inhalt selbst aber verrät, daß der Autor bei allem Geist den Urgrund der Probleme nicht kennt. Er kommt nicht darauf, daß, was sich als Internationalismus ausgab, nur ein Titel war, den die Krämerwelt in ihrer Eitelkeit erfunden, der es zur Beschönigung ihres an sich nichts {804} weniger als schönen Berufes sehr wohl gepaßt hat, Exportgeschäfte mit „Kultur“ u. Verträge[,] die auf Sicherung der Exportgeschäfte zielten[,] mit „Internationalismus“ zu benennen. In Wahrheit war u. ist der Handel allezeit nur eben der Handel u. so wenig aus einem Floh ein Elephant werden kann, so wenig kann der Handel schon Internationalismus schon [sic] aus sich selbst werden oder auch nur dahin führen. Daher die Hoffnung, die Klein immerhin bis zu einem gewissen Grade auf die Rekonstruierung des früheren Zustandes äußert, eine sehr kindische ist. Es handelt sich hier um zwei verschiedene Dinge, die niemals dasselbe das selbe werden können. Den Punkt des Nationalismus, der nach Klein die zweite Ursache des Krieges ist, weiß er ebensowenig zur Klärung zu bringen; er ahnt nicht, daß hinter dem Schlagwort eine infame Aufmachung des kleinen u. kleinsten Menschen steckt, die die Strafe eben schon in sich trägt. Es müßte eben jemand kommen, der den Kleinen vom Größenwahn befreit, dann wäre wohl auch diese Gefahr zuende.

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© Transcription Marko Deisinger.

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Three German cruisers are sunk by superior English warships. 1

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The landlord at Kaschlgasse 5 asks about the notice to be given on the apartment intended for my mother, {803} from which it can be deduced that he has not read my second letter at all. This very negligence, however, is something I can put to good use; and I adjust the cancellation with the clearest request to return the money.

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When one sees how people cultivate every luxury and seldom give one up, then one must doubly raise objections to them if they regard art as if it were a Cinderella, since art surely deserves to be called the queen of luxuries. But that is because art does not merely address the eye but also takes the brain into consideration. The brain, however, is something that people would rather turn off, it being – as they would say – a luxury for them.

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Letter from Vrieslander with all sorts of considerations about the decline of music, misprints in Op. 110 , and above all the request for a good word with regard to new pieces of work.

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Peculiar dullness on the part of a female pupil who cannot be motivated, through lack of [conversational] material, to say so much as a word to a fellow and friend about new material that has been reported to her enthusiastically [by me]. A miniature representation of the world at large: where the ape-serum does not run riot, it is not possible to extract any excitement from people.

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Sophie with her children in the evening at Lie-Liechen's.

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Article by Prof. Klein in the Neues Wiener Tagblatt : "The crisis of internationalism." 2 The style of the essay is thoroughly excellent; but the content itself reveals that the author, in spite of his intellect, does not know the ultimate cause of the problems. He does not realize that what is called internationalism was merely a name invented by the business world in its vanity, to which – by decorating their profession, which was in itself no less than a beautiful profession – it served very well {804} to use the term "culture" for their export businesses and "internationalism" for contracts that targeted their export businesses. In truth, trade was – and is – at all times nothing more than trade; and as little as a flea can become an elephant, so little can trade become internationalism on its own, or even lead in that direction. Thus the hope, which Klein nonetheless places to a certain extent on the reconstruction of the earlier situation, is a very childish one. It is a question here of two different things, which can never become the same. The point of nationalism, which according to Klein is the second cause of the war, is something he is just as little able to explain clearly; he does not realize that behind this code-word lies an infamous design of the small and smallest people, which already actually bears the punishment within it. It would actually be necessary for someone to appear who would free the small people from their megalomania; then even this danger would probably be at an end.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Die Seeschlacht bei den Falklandinseln," Neue Freie Presse, No. 18063, December 11, 1914, morning edition, p. 1.

2 F. Klein, "Die Krise des Internationalismus," Neues Wiener Tagblatt, No. 343, December 12, 1914, pp. 1–5 (part 1) and No. 344, December 13, 1914, pp. 4–5 (part 2).