3.

An Frau Wally (K.): Dank auf schriftlichem Wege, da wir möglicherweise am Sonntag ausbleiben müßten. Behalten uns auch Verrechnung vor. — An Zuckerkandl (K.): 1 einige tröstende Worte. — An ihn (2. K.): 2 möglicherweise könnte die erste durch Angabe einer falschen Adresse möglicherweise unbestellbar sein. — Von Dahms (Br.): dankt für meinen Brief, hofft bald zu mir kommen zu können, schildert sein gegenwärtiges körperliches Ungemach u. erkundigt sich nach Halm. — An Dahms (K.): nenne die „Freie Schulgemeinde“. — Von Dr. Orlay Rechnung, die postwendend beglichen wird. — Von der Länderbank (Br.): bestätigt den Erhalt des Briefes u. teilt die Absendung des Geldes mit. — Bei Marienberg, 3–4½h nachmittags; dort erhalten wir Auskünfte be- {823} züglich des Kadisch, des Steines, 3 erfahren, daß Grab u. Stein des Vaters unversehrt geblieben u. bezüglich des Alters der Mutter eine, wie uns scheint, glaubhafte Auskunft, daß sie wohl weit über 90 Jahre alt geworden sein müsse; u. zwar wurde das Alter auf folgende Weise errechnet: Der Vater starb im Jahre 1887, nach eigener Angabe 59 Jahre alt, somit wäre er im Jahre 1917 [illeg]89 Jahre alt geworden; nun erinnert sich aber Herr M. ganz genau der ersten Begegnung mit der Mutter in Wisniowczyki, u. nicht nur dem äußeren Eindruck nach, sondern auch aus Mitteilungen anderer wußte er, daß sie älter war als der Vater. Fräulein Sabine war, wie sie uns mitteilt, beim Tode des Vaters im Zimmer anwesend; sie erzählt, daß der Vater Mozio, den man aus Buczacz hat kommen lassen, zu sich ins Bette nahm u. sagte: Leider sterbe ich ja noch jung u. lasse nichts zurück, aber liebet einander, das ist mein bestes Vermächtnis. Ob sich auf eben diese Worte bezieht, was mir die Mutter wiederholt erzählte, daß wie ihr kurz vor dem Tode der Vater sagte, sie möge ruhig zu den Kindern gehen, dann werde alles gut sein, oder ob dies eine zweite selbständige Aeußerung war, kann ich nicht beurteilen. Für alle Fälle ist es wohl mehr als sonderbar zu nennen, wenn gerade das Kind, das unmittelbar die Weisung vom sterbenden Vater empfing, sich an diesem letzten Wunsch so schwer versündigte, wie an Mozio eben zu sehen ist. — An dem Tage, an dem wir bei Marienberg weilten, löste sich nach 14-tägiger Spannung ein schauerliches Rätsel: Die Nichte, die von Geburt aus schwachsinnig gewesen, war vor das Haus gegegangen [sic], um den gewohnten kurzen Spaziergang zu machen, war aber nicht zurückgekehrt u. alles Nachforschungen erwiesen sich als ergebnislos. Das war vor vierzehn Tagen geschehen, u. eben am Tage unseres Besuches erfuhr man, daß sie auf dem Kahlenberg, unter Schnee begraben, aufgefunden worden war. Wie sie dort {824} hingekommen bleibt ein Rätsel selbst noch dann, wenn man bloß annimmt, sie sei vielleicht um die Ecke gebogen u., da sie nicht mehr zurückgefunden u. wegen Schwachsinns keine Fragen zu stellen wußte, einfach solange vor sich hingegangen, bis sie, auf dem Kahlenberg angelangt, dort den Erschöpfungs- u. Erfrierungstod erlitten. Was für ein Aufgebot an Kraft in diesen letzten Stunden des Lebens! Fällt es doch einem gesunden Spaziergänger schwer, unter so ungünstigen Bedingungen, wie sie heute durch schlechte Witterung, hohen Schnee[,] Unterernährung usw. gegeben sind, auf den Kahlenberg zu wandern. Und nun da findet eine Schwachsinnige die Kraft, einen solchen Weg zu vollenden! Es ist kaum anders zu denken, als daß die unbewußten Kräfte des Menschen, selbst die eines schwachsinnigen, größer sind, als sie der Mensch im bewußten Zustande empfindet u. daß ein Nachtwandeln, wie eben dieses, zumal dem Tod entgegen, in mystischen Kräften ruht, deren Umfang zu erkennen der Mensch wohl niemals vermögen wird. — Beim Abschied steckte uns Frl. Sabine einen Karton, angeblich mit Erbsen galizischer Herkunft gefüllt, zu, zuhause fanden wir aber darin außer den Erbsen noch Weizen u. [illeg]Maisgrieß u. ein Päckchen Tee.

© Transcription Marko Deisinger.

3

To Mrs. Wally (postcard): thanks in writing, since we might have to stay away on Sunday. — To Zuckerkandl (postcard): 1 a few words of consolation. — To him (second postcard): 2 the first [postcard] may possibly have gone undelivered because the wrong address was given. — From Dahms (letter): thanks [me] for my letter, hopes to be able to visit me soon, describes his present ailment, and inquires after Halm. — To Dahms (postcard): I give the name of the "Free School Community." — From Dr. Orlay, bill, which is settled by return post. — From the Provincial Bank (letter): confirms receipt of my letter and reports dispatch of the money. — At the Marienberg’s place, from 3:00 to 3:30 pm; there we receive information regarding {823} the kaddish [and] the gravestone, 3 learn that [my] father’s grave and gravestone have remained intact, and what appears to us credible information regarding the age of my mother: that she must have been well over 90 years old; what’s more, her age was reckoned up as follows: my father died in 1887 at 59 years of age on his own account, on which basis he would in 1917 have reached the age of [illeg]89; but now Mr. M. remembers quite precisely [my father’s] first meeting with my mother in Wisniowczyk, and he knew, not just from the outward impression, but also from the statements of others, that she was older than my father. Miss Sabine was, as she informs us, present in the room at my father’s death; she recounts that father called Mozio, who had been summoned from Buczacz, to his bedside and said: Sadly, I am dying while still young, and I am leaving nothing behind; but love one another — that is my best legacy. Whether these words have any relation to what my mother oftentimes recounted, that how shortly before his death my father said to her that she might go in tranquillity to the children, then all would be well, or whether the latter is a second separate remark I cannot judge. At all events, it must be considered all the more remarkable if the very child who received the instruction directly from the dying father sinned so gravely against this last wish, as can be seen with Mozio. — On the day we stayed at the Marienberg’s, a gruesome puzzle was solved after two weeks of suspense: the niece, who had been feeble-minded since birth, had gone out of the house to take her accustomed short walk, but had not returned, and all searches proved in vain. This had happened two weeks earlier, and on the very day of our visit we learned that she had been discovered buried under snow on the Kahlenberg. How she had got there {824} remains a puzzle, even if one supposes simply that she had perhaps gone round the corner and, since she could no longer find her way back and because of feeble-mindedness did not know how to ask questions, merely kept walking straight ahead until she reached the Kahlenberg and there suffered death from exhaustion and freezing. What a summoning of her energies in these last hours of her life! It is difficult even for a healthy walker to go up on the Kahlenberg under such unfavorable conditions as occur today because of bad weather, deep snow, under-nourishment, etc. And yet then a feeble-minded [girl] finds the strength to complete such a path! It is hard to think other than that the unconscious reserves of man, even those of a feeble-minded person, are greater than those that man experiences when conscious, and that sleep-walking, just like this, especially leading to death, possesses mystical powers the scale of which man will undoubtedly never be able to discover. — On saying goodbye, Miss Sabine slipped us a cardboard box, which she said was filled with peas from Galicia; but when we got home, we found in addition to the peas also wheat and hominy grits, and a packet of tea.

© Translation Ian Bent.

3.

An Frau Wally (K.): Dank auf schriftlichem Wege, da wir möglicherweise am Sonntag ausbleiben müßten. Behalten uns auch Verrechnung vor. — An Zuckerkandl (K.): 1 einige tröstende Worte. — An ihn (2. K.): 2 möglicherweise könnte die erste durch Angabe einer falschen Adresse möglicherweise unbestellbar sein. — Von Dahms (Br.): dankt für meinen Brief, hofft bald zu mir kommen zu können, schildert sein gegenwärtiges körperliches Ungemach u. erkundigt sich nach Halm. — An Dahms (K.): nenne die „Freie Schulgemeinde“. — Von Dr. Orlay Rechnung, die postwendend beglichen wird. — Von der Länderbank (Br.): bestätigt den Erhalt des Briefes u. teilt die Absendung des Geldes mit. — Bei Marienberg, 3–4½h nachmittags; dort erhalten wir Auskünfte be- {823} züglich des Kadisch, des Steines, 3 erfahren, daß Grab u. Stein des Vaters unversehrt geblieben u. bezüglich des Alters der Mutter eine, wie uns scheint, glaubhafte Auskunft, daß sie wohl weit über 90 Jahre alt geworden sein müsse; u. zwar wurde das Alter auf folgende Weise errechnet: Der Vater starb im Jahre 1887, nach eigener Angabe 59 Jahre alt, somit wäre er im Jahre 1917 [illeg]89 Jahre alt geworden; nun erinnert sich aber Herr M. ganz genau der ersten Begegnung mit der Mutter in Wisniowczyki, u. nicht nur dem äußeren Eindruck nach, sondern auch aus Mitteilungen anderer wußte er, daß sie älter war als der Vater. Fräulein Sabine war, wie sie uns mitteilt, beim Tode des Vaters im Zimmer anwesend; sie erzählt, daß der Vater Mozio, den man aus Buczacz hat kommen lassen, zu sich ins Bette nahm u. sagte: Leider sterbe ich ja noch jung u. lasse nichts zurück, aber liebet einander, das ist mein bestes Vermächtnis. Ob sich auf eben diese Worte bezieht, was mir die Mutter wiederholt erzählte, daß wie ihr kurz vor dem Tode der Vater sagte, sie möge ruhig zu den Kindern gehen, dann werde alles gut sein, oder ob dies eine zweite selbständige Aeußerung war, kann ich nicht beurteilen. Für alle Fälle ist es wohl mehr als sonderbar zu nennen, wenn gerade das Kind, das unmittelbar die Weisung vom sterbenden Vater empfing, sich an diesem letzten Wunsch so schwer versündigte, wie an Mozio eben zu sehen ist. — An dem Tage, an dem wir bei Marienberg weilten, löste sich nach 14-tägiger Spannung ein schauerliches Rätsel: Die Nichte, die von Geburt aus schwachsinnig gewesen, war vor das Haus gegegangen [sic], um den gewohnten kurzen Spaziergang zu machen, war aber nicht zurückgekehrt u. alles Nachforschungen erwiesen sich als ergebnislos. Das war vor vierzehn Tagen geschehen, u. eben am Tage unseres Besuches erfuhr man, daß sie auf dem Kahlenberg, unter Schnee begraben, aufgefunden worden war. Wie sie dort {824} hingekommen bleibt ein Rätsel selbst noch dann, wenn man bloß annimmt, sie sei vielleicht um die Ecke gebogen u., da sie nicht mehr zurückgefunden u. wegen Schwachsinns keine Fragen zu stellen wußte, einfach solange vor sich hingegangen, bis sie, auf dem Kahlenberg angelangt, dort den Erschöpfungs- u. Erfrierungstod erlitten. Was für ein Aufgebot an Kraft in diesen letzten Stunden des Lebens! Fällt es doch einem gesunden Spaziergänger schwer, unter so ungünstigen Bedingungen, wie sie heute durch schlechte Witterung, hohen Schnee[,] Unterernährung usw. gegeben sind, auf den Kahlenberg zu wandern. Und nun da findet eine Schwachsinnige die Kraft, einen solchen Weg zu vollenden! Es ist kaum anders zu denken, als daß die unbewußten Kräfte des Menschen, selbst die eines schwachsinnigen, größer sind, als sie der Mensch im bewußten Zustande empfindet u. daß ein Nachtwandeln, wie eben dieses, zumal dem Tod entgegen, in mystischen Kräften ruht, deren Umfang zu erkennen der Mensch wohl niemals vermögen wird. — Beim Abschied steckte uns Frl. Sabine einen Karton, angeblich mit Erbsen galizischer Herkunft gefüllt, zu, zuhause fanden wir aber darin außer den Erbsen noch Weizen u. [illeg]Maisgrieß u. ein Päckchen Tee.

© Transcription Marko Deisinger.

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To Mrs. Wally (postcard): thanks in writing, since we might have to stay away on Sunday. — To Zuckerkandl (postcard): 1 a few words of consolation. — To him (second postcard): 2 the first [postcard] may possibly have gone undelivered because the wrong address was given. — From Dahms (letter): thanks [me] for my letter, hopes to be able to visit me soon, describes his present ailment, and inquires after Halm. — To Dahms (postcard): I give the name of the "Free School Community." — From Dr. Orlay, bill, which is settled by return post. — From the Provincial Bank (letter): confirms receipt of my letter and reports dispatch of the money. — At the Marienberg’s place, from 3:00 to 3:30 pm; there we receive information regarding {823} the kaddish [and] the gravestone, 3 learn that [my] father’s grave and gravestone have remained intact, and what appears to us credible information regarding the age of my mother: that she must have been well over 90 years old; what’s more, her age was reckoned up as follows: my father died in 1887 at 59 years of age on his own account, on which basis he would in 1917 have reached the age of [illeg]89; but now Mr. M. remembers quite precisely [my father’s] first meeting with my mother in Wisniowczyk, and he knew, not just from the outward impression, but also from the statements of others, that she was older than my father. Miss Sabine was, as she informs us, present in the room at my father’s death; she recounts that father called Mozio, who had been summoned from Buczacz, to his bedside and said: Sadly, I am dying while still young, and I am leaving nothing behind; but love one another — that is my best legacy. Whether these words have any relation to what my mother oftentimes recounted, that how shortly before his death my father said to her that she might go in tranquillity to the children, then all would be well, or whether the latter is a second separate remark I cannot judge. At all events, it must be considered all the more remarkable if the very child who received the instruction directly from the dying father sinned so gravely against this last wish, as can be seen with Mozio. — On the day we stayed at the Marienberg’s, a gruesome puzzle was solved after two weeks of suspense: the niece, who had been feeble-minded since birth, had gone out of the house to take her accustomed short walk, but had not returned, and all searches proved in vain. This had happened two weeks earlier, and on the very day of our visit we learned that she had been discovered buried under snow on the Kahlenberg. How she had got there {824} remains a puzzle, even if one supposes simply that she had perhaps gone round the corner and, since she could no longer find her way back and because of feeble-mindedness did not know how to ask questions, merely kept walking straight ahead until she reached the Kahlenberg and there suffered death from exhaustion and freezing. What a summoning of her energies in these last hours of her life! It is difficult even for a healthy walker to go up on the Kahlenberg under such unfavorable conditions as occur today because of bad weather, deep snow, under-nourishment, etc. And yet then a feeble-minded [girl] finds the strength to complete such a path! It is hard to think other than that the unconscious reserves of man, even those of a feeble-minded person, are greater than those that man experiences when conscious, and that sleep-walking, just like this, especially leading to death, possesses mystical powers the scale of which man will undoubtedly never be able to discover. — On saying goodbye, Miss Sabine slipped us a cardboard box, which she said was filled with peas from Galicia; but when we got home, we found in addition to the peas also wheat and hominy grits, and a packet of tea.

© Translation Ian Bent.

Footnotes

1 No letters or postcards from Schenker to Zuckerkandl are known to have survived. This card is referred to in OJ 15/34, [3], January 4, 1918 as having still not arrived.

2 No letters or postcards from Schenker to Zuckerkandl are known to have survived. This card is acknowledged in OJ 15/34, [3], January 4, 1918 as having been received.

3 The gravestone for Schenker’s mother’s, Julia’s grave. Since she died December 22, 1917, her gravestone will be erected at the ceremony comprising a eulogy and the unveiling of the stone one year after death. This ceremony concludes the one-year mourning period.