16. Schön, 15°.

— An Weisse (K. expreß): bitte ihn für heute 6, ¼7h. — An Oskar Hatschek (K.): erkundige mich nach seinem Befinden. — An Lotte (K.): Lie-Liechen bittet sie für einen beliebigen 14 Tage vorher anzusagenden Abend zum Thee. — An die Erzgießerei (K. Lie-Liechen): bittet dringend um die Klavierlampe. — Um ¼1h erscheint Albersheim: er ist, mit {3392} einem bösen Wort gesagt, wie „ehe-gezeichnet“, zeigt Spuren von Hinfälligkeit, die gewiß noch nicht am Platze sind. Erkundigt sich, ob Frau Flandrak noch kommen werde, ob er Schüler erhoffen dürfe, was er „dem Vater zuliebe“ begrüßen würde, fand er doch zuhause eine Mauer von Mißtrauen. — Nach der Jause bei Thun Ersatzstücke gekauft. — 1 Um ½7h Weisse! bringt die Bagatellen! Das Gespräch ging hin u. her, er bestimmt immer wieder seine Ergebenheit u. Bewunderung, die Bereitschaft, endlich zum Wort zu greifen, um das Heil der neuen Lehre zu verkünden – also bewegt er sich in der Linie des nach Galtür geschriebenen Briefes. Auffällig, die Unbedingtheit von vornherein durch den Gegensatz zu seinem Verhalten in den letzten Jahren, da er förmlich die Gewohnheit hatte, bei seinen ersten Saisonbesuchen sich mit Fragen u. Kritiken einzuführen, die immer seine Unwissenheit bloßstellten, seine Eitelkeit aber eine gewisse Genugtuung zu bieten schienen, namentlich im Beisein der Frau. Dreimal war von jener unsoliden Eitelkeit nichts zu bemerken u. das empfand ich von vornherein als noch unsolider, denn ich kenne ja den armen Jungen. 2

Wir baten ihn mitzuessen, nach Tisch gingen wir ans Klavier u. er spielte die 6 Bagatellen. Das erste Stück ist eine Falschmeldung in Hinsicht der Form u. des Satzes: weder ist das Stück zweistimmig, noch ist es eine zweistimmige Invention. 3 W. gestand schließlich, daß er eine Erweiterung von Bachs Inventionen geplant habe! Als ob man so etwas dadurch erreichen könnte, daß man aus einem allein zuständigen zweistimmigen [Satz] einen dreistimmigen Satz macht oder gar die Fugentechnik mitverwendet. Das zweite Stück bewegt sich in völlig anderer Bahn, so daß der Gedanke nicht ab- {3393} zuweisen ist, der Komponist habe die sogenannte Invention (für die ich den redlicheren Titel „Kleine Toccata“ vorschlage) nur deshalb vorausgeschickt, um sich vor dem Anwurf zu schützen, er sei des gebundenen Satzes nicht mächtig. Die Einleitung zum nächsten Stück ergeht sich fast schon in Quinarten, wie sie vor Jahren Mode waren, jetzt aber doch schon wieder überholt sind. Auch sonst verfängt sich W. in Dissonanzen, die er sichtlich sucht. Die schönen Wendungen können darüber nicht hinwegtäuschen, daß hier ein Talent im Versagen ist; der gerade Weg ist nicht mehr gangbar, so wird ein neuer Weg eingeschlagen, der mehr Erfolg verspricht – es wäre auch denkbar, daß seine Erwartung in Erfüllung geht, doch würde das nicht eine Zunahme der künstlerischen Kraft bedeuten in der Richtung auf die wahre Kunst, sondern nur die Trefflichkeit in der Anpassung an Erfolgsmöglichkeiten. Das ist eben typisches Schicksal eines Nicht-Genies, das sonst allerhand Talente hat, aber keine, die zu den höchsten Zielen befähigen. 4

W. verteidigt sich sozusagen damit, daß er habe zeigen wollen, wie man schließlich auch Dissonanzen gut gebrauchen kann, ohne ins Häßliche zu verfallen wie Schönberg, Hindemith usw. Das ist die Seite, die ihm selbst zugewendet ist: er sieht sich gewiß in Unschuld seiner Wünsche u. Wege, nur übersieht er, daß der Spiegel, in dem er sich sieht nicht der ist, in dem ich u. andere ihn sehen. Hat er sich doch gewiß schöner u. vollkommener immer auch dann gesehen, wenn er eine Ungehörigkeit von sich gegeben hat. So geht es ihm auch jetzt. Er erkennt den Abweg nicht, auch nicht die Gründe die ihn dazu drängen, nicht die Häßlichkeit der Worte „. . vom Druck befreit“ u. ähnlicher Wendungen, die nur den wahren {3394} Sachverhalt verhüllen sollen, er geht in nicht gerade vornehmer Weise gewalttätig egoistisch auf sein kleines Ziel los, sich einen Platz zu erringen, koste was es wolle. Zum Schluß spielte ich ihm Oppels Walzer vor, 5 die ich vorsichtshalber von vornherein als besonders schön empfahl. Es ist für mich kein Zweifel, daß er sich zu einer Anerkennung der kleinen Walzer zwingen mußte – kurz, er war mit der Absicht gekommen, mich wie er glaubte diplomatisch einzufangen, wie er das von seinem Besuch bei Prof. Adler erzählte, wobei das über mich zu schreibende Buch immer die Hauptrolle spielt.

© Transcription Marko Deisinger.

16, fair weather, 15°.

— To Weisse (express postcard): I ask him to come today between 6 and 6:15. — To Oskar Hatschek (postcard): I inquire about his health. — To Lotte (postcard): Lie-Liechen asks her to accept an invitation to tea any evening, giving two week's notice. — To the arch-cast-iron-manufacturer (postcard from Lie-Liechen): asks urgently about the piano lamp. — At 12:45 Albersheim appears: he is, {3392} to use a pejorative expression, as if "cut out for marriage," shows signs of decrepitude that are certainly not appropriate. He inquires as to whether Mrs. Flandrak will still be coming, whether he might hope for pupils, for which he would be grateful "to please his father," yet he found at home a wall of distrust. — After teatime, replacement pieces purchased at Thun's. — 1 At 6:30, Weisse! He brings his Bagatelles! The conversation changed subject frequently; he again affirms his devotion and admiration, his readiness finally to take up the pen to proclaim the salvation of the new theory – thus he is moving along the lines of the letter he sent to Galtür. [What is] striking [is] the unconditionality at the outset, in contrast to his attitude in the last few years, since he verily was accustomed, during his visits at the start of the teaching year, to launch questions and critiques that always laid bare his ignorance, though his vanity seemed to offer a certain gratification, especially in the presence of his wife. Three times, nothing could be observed of that unreliable vanity; and this I perceived at the outset as even less reliable, for I know the poor boy. 2

We invited him to eat with us; after supper he played his Six Bagatelles. The first piece is a canard with respect to form and texture: the piece is neither two-part, nor is it a two-part invention. 3 Weisse finally admitted that he has planned an extension of Bach's Inventions! As if one could arrive at something like that by making a three-voice counterpoint from a perfectly self-contained two-part counterpoint, or even by incorporating fugal technique. The second piece moves along a completely different path, so that one cannot dismiss the idea {3393} that the composer preceded it with the so-called "Invention" (for which I suggest the more appropriate title of "Little Toccata") only in order to protect himself from the criticism that he does not have control over strict counterpoint. The introduction to the next piece proceeds almost in fourths, as was fashionable years ago but has now once again been superseded. Elsewhere, too, Weisse becomes entangled in dissonances that he clearly seeks. The attractive ideas cannot disguise the fact that here is a talent at the point of failure; the straight path is no longer accessible, and so a new path is taken, one that promises more success – it would even be imaginable that his expectations will be fulfilled, but that would not mean an increase in artistic power in the direction of true art, but merely his skill in making accommodations to increase his chances of success. This is precisely the typical fate of a non-genius, who otherwise has all sorts of talents but not one that can lead to the highest goals. 4

Weisse defends himself by saying that he wanted to show how one can, after all, even use dissonances well, without deteriorating into the ugliness of Schoenberg, Hindemith, and the like. That is the direction that is marked out for him; he sees himself for sure in the innocence of his desires and directions; it is just that he fails to realize that the mirror in which he sees himself is not the one in which I, and others, see him. He had indeed always shown himself to be more attractive and accomplished, even when he had uttered an inappropriate remark. This is the way things are going for him now, too. He does not recognize the wrong path, nor even the reasons that compel him to it, not the offensiveness of the words "… freed from compulsion" and other expressions, which should now veil the true {3394} situation; he is setting his sights, in a not very elegant way – violently, egotistically – on his little goal to make a name for himself, no matter what the cost. At the end I played him Oppel's waltzes, 5 which I had recommended at the outset – as a precaution – as particularly beautiful. There is little doubt in my mind that he would be persuaded to recognize the worth of these short waltzes – in short, he came with the intention of trapping me in a diplomatic way, so he believed, as he reported this about his visit with Prof. Adler, at which the book to be written about me always plays the principal role.

© Translation William Drabkin.

16. Schön, 15°.

— An Weisse (K. expreß): bitte ihn für heute 6, ¼7h. — An Oskar Hatschek (K.): erkundige mich nach seinem Befinden. — An Lotte (K.): Lie-Liechen bittet sie für einen beliebigen 14 Tage vorher anzusagenden Abend zum Thee. — An die Erzgießerei (K. Lie-Liechen): bittet dringend um die Klavierlampe. — Um ¼1h erscheint Albersheim: er ist, mit {3392} einem bösen Wort gesagt, wie „ehe-gezeichnet“, zeigt Spuren von Hinfälligkeit, die gewiß noch nicht am Platze sind. Erkundigt sich, ob Frau Flandrak noch kommen werde, ob er Schüler erhoffen dürfe, was er „dem Vater zuliebe“ begrüßen würde, fand er doch zuhause eine Mauer von Mißtrauen. — Nach der Jause bei Thun Ersatzstücke gekauft. — 1 Um ½7h Weisse! bringt die Bagatellen! Das Gespräch ging hin u. her, er bestimmt immer wieder seine Ergebenheit u. Bewunderung, die Bereitschaft, endlich zum Wort zu greifen, um das Heil der neuen Lehre zu verkünden – also bewegt er sich in der Linie des nach Galtür geschriebenen Briefes. Auffällig, die Unbedingtheit von vornherein durch den Gegensatz zu seinem Verhalten in den letzten Jahren, da er förmlich die Gewohnheit hatte, bei seinen ersten Saisonbesuchen sich mit Fragen u. Kritiken einzuführen, die immer seine Unwissenheit bloßstellten, seine Eitelkeit aber eine gewisse Genugtuung zu bieten schienen, namentlich im Beisein der Frau. Dreimal war von jener unsoliden Eitelkeit nichts zu bemerken u. das empfand ich von vornherein als noch unsolider, denn ich kenne ja den armen Jungen. 2

Wir baten ihn mitzuessen, nach Tisch gingen wir ans Klavier u. er spielte die 6 Bagatellen. Das erste Stück ist eine Falschmeldung in Hinsicht der Form u. des Satzes: weder ist das Stück zweistimmig, noch ist es eine zweistimmige Invention. 3 W. gestand schließlich, daß er eine Erweiterung von Bachs Inventionen geplant habe! Als ob man so etwas dadurch erreichen könnte, daß man aus einem allein zuständigen zweistimmigen [Satz] einen dreistimmigen Satz macht oder gar die Fugentechnik mitverwendet. Das zweite Stück bewegt sich in völlig anderer Bahn, so daß der Gedanke nicht ab- {3393} zuweisen ist, der Komponist habe die sogenannte Invention (für die ich den redlicheren Titel „Kleine Toccata“ vorschlage) nur deshalb vorausgeschickt, um sich vor dem Anwurf zu schützen, er sei des gebundenen Satzes nicht mächtig. Die Einleitung zum nächsten Stück ergeht sich fast schon in Quinarten, wie sie vor Jahren Mode waren, jetzt aber doch schon wieder überholt sind. Auch sonst verfängt sich W. in Dissonanzen, die er sichtlich sucht. Die schönen Wendungen können darüber nicht hinwegtäuschen, daß hier ein Talent im Versagen ist; der gerade Weg ist nicht mehr gangbar, so wird ein neuer Weg eingeschlagen, der mehr Erfolg verspricht – es wäre auch denkbar, daß seine Erwartung in Erfüllung geht, doch würde das nicht eine Zunahme der künstlerischen Kraft bedeuten in der Richtung auf die wahre Kunst, sondern nur die Trefflichkeit in der Anpassung an Erfolgsmöglichkeiten. Das ist eben typisches Schicksal eines Nicht-Genies, das sonst allerhand Talente hat, aber keine, die zu den höchsten Zielen befähigen. 4

W. verteidigt sich sozusagen damit, daß er habe zeigen wollen, wie man schließlich auch Dissonanzen gut gebrauchen kann, ohne ins Häßliche zu verfallen wie Schönberg, Hindemith usw. Das ist die Seite, die ihm selbst zugewendet ist: er sieht sich gewiß in Unschuld seiner Wünsche u. Wege, nur übersieht er, daß der Spiegel, in dem er sich sieht nicht der ist, in dem ich u. andere ihn sehen. Hat er sich doch gewiß schöner u. vollkommener immer auch dann gesehen, wenn er eine Ungehörigkeit von sich gegeben hat. So geht es ihm auch jetzt. Er erkennt den Abweg nicht, auch nicht die Gründe die ihn dazu drängen, nicht die Häßlichkeit der Worte „. . vom Druck befreit“ u. ähnlicher Wendungen, die nur den wahren {3394} Sachverhalt verhüllen sollen, er geht in nicht gerade vornehmer Weise gewalttätig egoistisch auf sein kleines Ziel los, sich einen Platz zu erringen, koste was es wolle. Zum Schluß spielte ich ihm Oppels Walzer vor, 5 die ich vorsichtshalber von vornherein als besonders schön empfahl. Es ist für mich kein Zweifel, daß er sich zu einer Anerkennung der kleinen Walzer zwingen mußte – kurz, er war mit der Absicht gekommen, mich wie er glaubte diplomatisch einzufangen, wie er das von seinem Besuch bei Prof. Adler erzählte, wobei das über mich zu schreibende Buch immer die Hauptrolle spielt.

© Transcription Marko Deisinger.

16, fair weather, 15°.

— To Weisse (express postcard): I ask him to come today between 6 and 6:15. — To Oskar Hatschek (postcard): I inquire about his health. — To Lotte (postcard): Lie-Liechen asks her to accept an invitation to tea any evening, giving two week's notice. — To the arch-cast-iron-manufacturer (postcard from Lie-Liechen): asks urgently about the piano lamp. — At 12:45 Albersheim appears: he is, {3392} to use a pejorative expression, as if "cut out for marriage," shows signs of decrepitude that are certainly not appropriate. He inquires as to whether Mrs. Flandrak will still be coming, whether he might hope for pupils, for which he would be grateful "to please his father," yet he found at home a wall of distrust. — After teatime, replacement pieces purchased at Thun's. — 1 At 6:30, Weisse! He brings his Bagatelles! The conversation changed subject frequently; he again affirms his devotion and admiration, his readiness finally to take up the pen to proclaim the salvation of the new theory – thus he is moving along the lines of the letter he sent to Galtür. [What is] striking [is] the unconditionality at the outset, in contrast to his attitude in the last few years, since he verily was accustomed, during his visits at the start of the teaching year, to launch questions and critiques that always laid bare his ignorance, though his vanity seemed to offer a certain gratification, especially in the presence of his wife. Three times, nothing could be observed of that unreliable vanity; and this I perceived at the outset as even less reliable, for I know the poor boy. 2

We invited him to eat with us; after supper he played his Six Bagatelles. The first piece is a canard with respect to form and texture: the piece is neither two-part, nor is it a two-part invention. 3 Weisse finally admitted that he has planned an extension of Bach's Inventions! As if one could arrive at something like that by making a three-voice counterpoint from a perfectly self-contained two-part counterpoint, or even by incorporating fugal technique. The second piece moves along a completely different path, so that one cannot dismiss the idea {3393} that the composer preceded it with the so-called "Invention" (for which I suggest the more appropriate title of "Little Toccata") only in order to protect himself from the criticism that he does not have control over strict counterpoint. The introduction to the next piece proceeds almost in fourths, as was fashionable years ago but has now once again been superseded. Elsewhere, too, Weisse becomes entangled in dissonances that he clearly seeks. The attractive ideas cannot disguise the fact that here is a talent at the point of failure; the straight path is no longer accessible, and so a new path is taken, one that promises more success – it would even be imaginable that his expectations will be fulfilled, but that would not mean an increase in artistic power in the direction of true art, but merely his skill in making accommodations to increase his chances of success. This is precisely the typical fate of a non-genius, who otherwise has all sorts of talents but not one that can lead to the highest goals. 4

Weisse defends himself by saying that he wanted to show how one can, after all, even use dissonances well, without deteriorating into the ugliness of Schoenberg, Hindemith, and the like. That is the direction that is marked out for him; he sees himself for sure in the innocence of his desires and directions; it is just that he fails to realize that the mirror in which he sees himself is not the one in which I, and others, see him. He had indeed always shown himself to be more attractive and accomplished, even when he had uttered an inappropriate remark. This is the way things are going for him now, too. He does not recognize the wrong path, nor even the reasons that compel him to it, not the offensiveness of the words "… freed from compulsion" and other expressions, which should now veil the true {3394} situation; he is setting his sights, in a not very elegant way – violently, egotistically – on his little goal to make a name for himself, no matter what the cost. At the end I played him Oppel's waltzes, 5 which I had recommended at the outset – as a precaution – as particularly beautiful. There is little doubt in my mind that he would be persuaded to recognize the worth of these short waltzes – in short, he came with the intention of trapping me in a diplomatic way, so he believed, as he reported this about his visit with Prof. Adler, at which the book to be written about me always plays the principal role.

© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 No paragraph-break in source.

2 No paragraph-break in source.

3 A copy of Weisse's first bagatelle, entitled "Zweistimmige Invention" (Two-part invention), survives in the archives of the Mannes College of Music.

4 No paragraph-break in source.

5 These waltzes survive as OJ 32/10: "Walzer für Klavier," nine pieces, four MS leaves in Oppel's hand, with dedication: "Frau L. Schenker zur Erinnerung an den Sommer 1929 in Galtür. Reinhard Oppel VIII 1929."