5.

von Cube (Br.): werde zu Weisses Vortrag reisen, um die Konjunktur nicht zu versäumen; bittet um die Adresse des Instituts u. die Daten der Vorträge. — An v. Cube (K.= OJ 5/7a, [33]): Adresse u. Daten. — An Vrieslander (Br.): ob {3552} nun eine Zusage an Rinn möglich wäre? Ob er seine Bachiana von Strache heimgeholt hat? Wie ist Dahms Adresse? — Von Haas (K.= OJ 11/32, [6] expreß): Absage für Abend. — Nachmittag schneeiges Wetter. — Wege: kaufen schöne Nelken. — 1 Von ½7–¼10h: Weisses Vortrag! Anwesend: Albersheim, Brünauer, Elias, Bamberger, Kahn, Rothberger, Deutsch, Frau Hertha; Deutsch hat sich, wie angekündigt, zurückgezogen, – ohne vorherige Ankündigung, doch unter Entschuldigung, ist auch Brünauer abgegangen. Der Hauptinhalt des Lehrstoffes u. die Wiedergabe in Wort u. Vortrag war ganz ausgezeichnet, wie ich aber befürchtete, versagte er bei den Stimmführungs schichten. Ich bedauere, daß er in den Händen seiner Zuhörer dieses corpus delicti zurückläßt – hoffen wir aber, daß es niemals gegen ihn zeugen werde, aus Mangel an Besserwissern. Nicht nur war es mangelhaft durchdacht u. empfunden, deutlich hörte man dem Vortrag an, wie sehr er in Unsicherheit hing! Was er gegen Schönbergs „schwebende Tonalität“ vorbrachte, daß offenbar Schönberg schwebe –, gilt von Weisse selbst: auch er schwebt, was man deutlich hören konnte! Mit großem Wortgepolter, immer vorgreifend u. zurückgreifend, sucht er sich zu betäuben, sich hinwegzuhelfen, – alles war vergeblich. 2

Unbegreiflich bleibt mir, wie er den Haupttrumpf, den ich ihm bei der Invention in die Hand gespielt, sich konnte entgehen lassen – hat das Gedächtnis versagt, die Auffassung? Da er doch die Ą als Lösung brachte u. in Zusammenhang damit einen anderen Bass, als ich ihn lese? 3 Jedenfalls ist sein Angriff wider Lorenz gerettet u. das genügt! Brahms Intermezzo, Beethovens op. 90 sind in Einzelheiten ebenfalls unrichtig – u. doch wirkte der Vortrag {3553} hinreißend durch die Sprachgewalt u. Sachlichkeit, vor allem durch treueste Ueberzeugung. Der Anruf zuletzt, im Sinne meines „Tonwille“, „An die Jugend“, war ein prächtig wirksamer Abschluß, ich kann kaum glauben, daß er vor den Hörern vergeblich gesprochen haben sollte! Ich habe ihm größtes Lob gespendet, ohne mich über die Fehler zu äußern, ich ging darüber hinweg u. betonte immer wieder, daß es ihm sicher gelingen werde, die Lehre vom Zusammenhang ordentlich in die Ohren zu treiben, u. das sei genug! Ich meinte nebenbei auch, daß diese Lehre nicht eigentlich schulmäßig behandelt werden könne, daß er daher gegebenen Falles bei Kestenberg eine ganz freie, hochschulmäßige Behandlung der Materie vereinbare. Er erwiderte, offenbar mit Ueberzeugung, daß er auch an die Möglichkeit einer schulmäßigen Darstellung glaube.

© Transcription Marko Deisinger.

5.

From Cube (letter): he will travel to hear Weisse's lecture, so as not to miss the important event; he asks for the address of the Institute and the dates of the lectures. — To Cube (postcard= OJ 5/7a, [33]): address and dates. — To Vrieslander (letter): {3552} would a positive reply to Rinn now be possible? Has he taken his Bach studies home with him from Strache? What is Dahms's address? — From Haas (express postcard= OJ 11/32, [6]): negative reply for the evening. — In the afternoon, snowy weather. — Errands: we buy beautiful carnations. — 1 From 6:30 to 9:15, Weisse's lecture! Present: Albersheim, Brünauer, Elias, Bamberger, Kahn, Rothberger, Deutsch, Hertha; Deutsch left early, as he had informed us; without informing us previously, but with an apology, Brünauer also left early. The principal content of the theoretical material and its reproduction was, in content and delivery, thoroughly outstanding; but, as I feared, he failed with the voice-leading layers. I regret that, in the hands of his listeners, this corpus delicti will leave him wanting – let us hope, however, that there will be a shortage of smart-alecs [in the audience], so that this [inadequacy] will never be held as evidence against him. Not only was it insufficiently thought out and felt, one could hear distinctly from his performance how much he hung in insecurity! What he said in opposition to Schoenberg's "floating tonality," that Schoenberg appears to float about, applies to Weisse himself: he too floats about, as one can clearly hear! With a great thundering of words, always reaching forward and reaching backward, he seeks to intoxicate himself, to see himself through – all in vain. 2

I still cannot understand how he could have missed playing the top trump-card, which I played into his hand with the Invention. – had his memory failed him, his understanding? That he nonetheless introduced the Ą as the solution, and in connection with a different bass line than the one I read 3 At any rate, his attack on Lorenz was saved, and that is sufficient! Some of the details of Brahms's Intermezzo and Beethoven's Op. 90 are likewise incorrect – and yet the lecture had a captivating effect {3553} thanks to its linguistic power and objectivity, above all from the most faithful conviction. The appeal at the end, in terms of my Tonwille , "to the youth," was a superb ending; I can hardly believe that he will have spoken in vain before his listeners! I conferred the greatest praise on him, without saying anything about the mistakes; I passed over them and continually stressed that he will certainly succeed in properly driving the theory of coherence into their ears, and that is sufficient! I also remarked in passing that this theory cannot actually be treated in textbook fashion and that he therefore might, if the occasion arose, arrange a completely free, Hochschule-style treatment of the material with Kestenberg. He replied, evidently with conviction, that he also believes in the possibility of a textbook-like treatment.

© Translation William Drabkin.

5.

von Cube (Br.): werde zu Weisses Vortrag reisen, um die Konjunktur nicht zu versäumen; bittet um die Adresse des Instituts u. die Daten der Vorträge. — An v. Cube (K.= OJ 5/7a, [33]): Adresse u. Daten. — An Vrieslander (Br.): ob {3552} nun eine Zusage an Rinn möglich wäre? Ob er seine Bachiana von Strache heimgeholt hat? Wie ist Dahms Adresse? — Von Haas (K.= OJ 11/32, [6] expreß): Absage für Abend. — Nachmittag schneeiges Wetter. — Wege: kaufen schöne Nelken. — 1 Von ½7–¼10h: Weisses Vortrag! Anwesend: Albersheim, Brünauer, Elias, Bamberger, Kahn, Rothberger, Deutsch, Frau Hertha; Deutsch hat sich, wie angekündigt, zurückgezogen, – ohne vorherige Ankündigung, doch unter Entschuldigung, ist auch Brünauer abgegangen. Der Hauptinhalt des Lehrstoffes u. die Wiedergabe in Wort u. Vortrag war ganz ausgezeichnet, wie ich aber befürchtete, versagte er bei den Stimmführungs schichten. Ich bedauere, daß er in den Händen seiner Zuhörer dieses corpus delicti zurückläßt – hoffen wir aber, daß es niemals gegen ihn zeugen werde, aus Mangel an Besserwissern. Nicht nur war es mangelhaft durchdacht u. empfunden, deutlich hörte man dem Vortrag an, wie sehr er in Unsicherheit hing! Was er gegen Schönbergs „schwebende Tonalität“ vorbrachte, daß offenbar Schönberg schwebe –, gilt von Weisse selbst: auch er schwebt, was man deutlich hören konnte! Mit großem Wortgepolter, immer vorgreifend u. zurückgreifend, sucht er sich zu betäuben, sich hinwegzuhelfen, – alles war vergeblich. 2

Unbegreiflich bleibt mir, wie er den Haupttrumpf, den ich ihm bei der Invention in die Hand gespielt, sich konnte entgehen lassen – hat das Gedächtnis versagt, die Auffassung? Da er doch die Ą als Lösung brachte u. in Zusammenhang damit einen anderen Bass, als ich ihn lese? 3 Jedenfalls ist sein Angriff wider Lorenz gerettet u. das genügt! Brahms Intermezzo, Beethovens op. 90 sind in Einzelheiten ebenfalls unrichtig – u. doch wirkte der Vortrag {3553} hinreißend durch die Sprachgewalt u. Sachlichkeit, vor allem durch treueste Ueberzeugung. Der Anruf zuletzt, im Sinne meines „Tonwille“, „An die Jugend“, war ein prächtig wirksamer Abschluß, ich kann kaum glauben, daß er vor den Hörern vergeblich gesprochen haben sollte! Ich habe ihm größtes Lob gespendet, ohne mich über die Fehler zu äußern, ich ging darüber hinweg u. betonte immer wieder, daß es ihm sicher gelingen werde, die Lehre vom Zusammenhang ordentlich in die Ohren zu treiben, u. das sei genug! Ich meinte nebenbei auch, daß diese Lehre nicht eigentlich schulmäßig behandelt werden könne, daß er daher gegebenen Falles bei Kestenberg eine ganz freie, hochschulmäßige Behandlung der Materie vereinbare. Er erwiderte, offenbar mit Ueberzeugung, daß er auch an die Möglichkeit einer schulmäßigen Darstellung glaube.

© Transcription Marko Deisinger.

5.

From Cube (letter): he will travel to hear Weisse's lecture, so as not to miss the important event; he asks for the address of the Institute and the dates of the lectures. — To Cube (postcard= OJ 5/7a, [33]): address and dates. — To Vrieslander (letter): {3552} would a positive reply to Rinn now be possible? Has he taken his Bach studies home with him from Strache? What is Dahms's address? — From Haas (express postcard= OJ 11/32, [6]): negative reply for the evening. — In the afternoon, snowy weather. — Errands: we buy beautiful carnations. — 1 From 6:30 to 9:15, Weisse's lecture! Present: Albersheim, Brünauer, Elias, Bamberger, Kahn, Rothberger, Deutsch, Hertha; Deutsch left early, as he had informed us; without informing us previously, but with an apology, Brünauer also left early. The principal content of the theoretical material and its reproduction was, in content and delivery, thoroughly outstanding; but, as I feared, he failed with the voice-leading layers. I regret that, in the hands of his listeners, this corpus delicti will leave him wanting – let us hope, however, that there will be a shortage of smart-alecs [in the audience], so that this [inadequacy] will never be held as evidence against him. Not only was it insufficiently thought out and felt, one could hear distinctly from his performance how much he hung in insecurity! What he said in opposition to Schoenberg's "floating tonality," that Schoenberg appears to float about, applies to Weisse himself: he too floats about, as one can clearly hear! With a great thundering of words, always reaching forward and reaching backward, he seeks to intoxicate himself, to see himself through – all in vain. 2

I still cannot understand how he could have missed playing the top trump-card, which I played into his hand with the Invention. – had his memory failed him, his understanding? That he nonetheless introduced the Ą as the solution, and in connection with a different bass line than the one I read 3 At any rate, his attack on Lorenz was saved, and that is sufficient! Some of the details of Brahms's Intermezzo and Beethoven's Op. 90 are likewise incorrect – and yet the lecture had a captivating effect {3553} thanks to its linguistic power and objectivity, above all from the most faithful conviction. The appeal at the end, in terms of my Tonwille , "to the youth," was a superb ending; I can hardly believe that he will have spoken in vain before his listeners! I conferred the greatest praise on him, without saying anything about the mistakes; I passed over them and continually stressed that he will certainly succeed in properly driving the theory of coherence into their ears, and that is sufficient! I also remarked in passing that this theory cannot actually be treated in textbook fashion and that he therefore might, if the occasion arose, arrange a completely free, Hochschule-style treatment of the material with Kestenberg. He replied, evidently with conviction, that he also believes in the possibility of a textbook-like treatment.

© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 No paragraph-break in source.

2 No paragraph-break in source.

3 See entries for October 17, 18 and 27, 1930.