Newspaper article from the Duisburger General-Anzeiger, June 28, 1928. A version of this article, with slight modifications and without the final paragraph, appeared on p. 14 of the Rhein- und Ruhr-Zeitung on June 24, 1928. In the transcription of the text, self-evident printing errors have been tacitly corrected.


In diesen Tagen vollendete der bedeutende Musik-Theoretiker Dr. Heinrich Schenker in Wien sein 60. Lebensjahr. Name und Werke dieses einzigartigen Künstlers und Gelehrten – in der Fachwelt teils mit Ehrfurcht genannt, teils heftig diskutiert – sind einem großen Teil der ausübenden, wie der aufnehmenden Musikbeflissenen gleichwohl unbekannt darum, weil seit jeher der wahre Genius Zeitgenosse nicht seiner Umwelt, sondern recht eigentlich erst der Nachwelt gewesen ist.

Aus diesen Anlässen sei allen Kennern und Liebhabern der deutschen Tonkunst einiges aus dem Leben und Wirken des Meisters mitgeteilt.

Die härteste Schule, die das Schicksal für seine Auserwählten bereithält, heißt Armut. Früh, fast noch im Knabenalter, begann auch für Heinrich Schenker die Zeit der Prüfungen. Er verlor seinen Vater, der ein angesehener Landarzt war, und sah sich plötzlich vor die Notwendigkeit gestellt, den Lebensbedarf für die hinterbliebene fünfköpfige Familie zu beschaffen. Mit außergewöhnlicher Energie, zähem Willen und eisernem Fleiß unterzog er sich dieser Aufgabe, die seine Kräfte zu überneigen drohte. Er arbeitete Tage und Nächte, kannte kaum den Schlaf, und achtete keine Entbehrung. Nur durch seine überragenden geistigen Fähigkeiten war es ihm möglich, neben der Sorge um das tägliche Brot, das er durch Erteilung von Musikunterricht verdiente, Erziehung und Ausbildung der Geschwister und das eigne Studium zu Ende zu führen. Nach einigen mißglückten Versuchen gelang es ihm, in der Hauptstadt Wien festen Fuß zu fassen. Am Wiener Konservatorium vervollständigte er seine Studien als Schüler Anton Bruckners in dessen Theorie und Kompositionsklasse. Schon in dieser Zeit erkannte er mit der Schärfe des genialen Geistes den Abgrund, der zwischen den lebendigen Werken der großen Tonmeister und der Möglichkeit ihrer Erklärung durch die unzulänglichen Mittel der üblichen, im starren Doktrinarismus festgefahrenen Musiktheorien klaffte, und entwarf bereits die ersten, weitgespannten Gedankenbrücken, aus denen später seine heute in zwei Erdteilen berühmten Werke entstehen sollten.

In Wien begann man auch ihn aufmerksam zu werden. Die Zahl seiner Schüler wuchs; er hielt vor ständig sich mehrendem Auditorium Reihen musikwissenschaftlicher und geschichtlicher Vorträge. Mit den größten Kunstlern seiner Zeit pflegte er Umgang und Zusammenarbeit; so mit dem Geiger Josef Joachim, und dem unübertroffenen Meister des Gesanges Johannes Meschaert, mit welchem er ausgedehnte Konzertreisen unternahm. Die stärksten Eindrücke empfing er jedoch vom Altmeister Johannes Brahms. Mit wahrer Inbrunst schildert Schenker die Stunden der Zusammenarbeit und des geistigen Austausches mit dem großen Genius. „Daß ich den Letzten, Brahms, erleben, sehen, sprechen, aufführen, hören durfte, über dieses Glück möchte ich Tränen schreiben, wenn ich es könnte!“ Durch Brahms wurden ihm die letzten Geheimnisse der Kunst offenbar, und die Richtigkeit seiner Theorien, die er erst nur „Phantasien“ nannte, bestätigt. Und als Brahms dahinging, da vermeinte er mit dem Tode des Meisters, den er „den Abendhimmel der Musik“ nennt, die Tonkunst selbst in finstere Grabesnacht versinken zu sehen.

Jäh faßte ihn Schmerz. In fieberhaftem Drange, aus quellendem Ueberfluß schöpfend, begann er seine Gedanken aufs Papier zu werfen, eine Brücke zu schlagen über das Nichts zu einem noch ungewissen Ufer. Mit verblüffender Sehergabe sagte er alle Kunstkrisen wie Futurismus, Expressionismus, Dadaismus und Atonalismus vor zwei Jahrzehnten voraus. Er schrieb sein Vermächtnis. So entstanden nacheinander die unter dem Titel „Neue musikalische Theorien und Phantasien“ bekannten Werke über Harmonielehre, Contrapunkt und freien Satz, in denen Schenker jahrhundertalte Irrtümer berichtigt, insbesondere die irrationale Verschmelzung von Harmonie- und Stimmführungslehre beseitigt, und Stufen und strenge Satzlehre gesondert mit ebensoviel Scharfsinn als Gefühlstiefe offenbart. Im „freien Satz” bezw. den vorausgeschickten Jahrbüchern „das Meisterwerk in der Musik” demonstriert Schenker seine neue, vollkommen überraschende Theorie der musikalischen „Urlinie” als dem eigentlichen Inhalt, Beweggrund, und – im umgekehrten Sinne – Wertmaßstab eines Tonkunstwerkes. Diese Theorie erhellt durchaus das mystische Dunkel, das bis heute noch um die schöpferischen Vorgänge beim Entstehen eines Tonkunstwerkes gebreitet liegt, und gewährt Einblicke in die Schaffensweise der großen Komponisten, wie sie in solcher Klarheit {2} und mit so zwingender Ueberzeugunskraft noch nie geboten wurden.

Besondere Verdienste um den Fortbestand unersetzlichen musikalischen Kulturgutes erwarb sich Heinrich Schenker durch seine fortgesetzten Arbeiten an der Wiederherstellung der ursprünglichen Lesarten der Meisterwerke der Musik und seine steten Hinweise auf die künstlerische und pädagogische Wichtigkeit der originalen Schreib- und Bezeichnungsweise der großen Tonmeister. Vergleicht man die heute überwiegend im Gebrauch befindlichen Neuausgaben mit den Handschriften, so muß man gewahr werden, daß die Lesarten der Neuausgaben dem Urtext nicht mehr entsprechen. In den meisten Fällen sind die vom Komponisten angebrachten Vortragsbezeichnungen, vielfach aber auch die Anordnung der Noten und nicht selten sogar diese selbst den vereinten Bemühungen der Revisoren und Herausgeber zum Opfer gefallen, und damit die wahre und ursprüngliche Absicht der Komponisten unkenntlich geworden. In manchen besonderen krassen Fällen ist eine Aehnlichkeit des jetzigen mit dem ursprünglichen Notenbilde kaum noch festzustellen. Wer aber vermöchte in Wahrheit Rechtschreibung, Vortragsbezeichnung und Notenanordnung eines Tonkunstwerkes besser zu besorgen als eben der Komponist selbst? Wagte man es, einem {3} Goetheschen Text mit willkürlicher Aenderung der Interpunktion, Zeilenanordnung und ähnlichem zu Leibe zu gehen? Gewiß nicht! Aber Beethoven, Mozart und Haydn scheinen in dieser Hinsicht vogelfrei.

Begreiflicherweise haben solche Unternehmungen wie die Dr. Schenkers oder auch von Körperschaften wie z. B. der Bachgesellschaft mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, die die Arbeit erschweren, aufhalten, und die rasche Verbreitung wirklich einwandfreier Literatur unmöglich machen. Umsomehr ist zu begrüßen, daß die Wiener Nationalbibliothek ihrer Musiksammlung kürzlich ein Archiv für Photogramme von Meisterhandschriften angliederte, das unter Schenkers Mitarbeit von dem holländischen Musikfreund A. von Hoboken aus eigenen Mitteln errichtet und dem Institut gewidmet wurde. In diesem Archiv werden photographische Negative aller erreichbaren Meisterhandschriften aufbewahrt. Von diesen können Positivabzüge, die nachweisbar Studienzwecken dienen sollen, gegen Ersatz der Vervielfältigungskosten abgegeben werden. Es ist wohl außer Zweifel, daß die Originalhandschrift dem nachschaffenden Musiker Wesensfeinheiten der großen Komponisten offenbaren kann, die selbst durch die besten gestochenen Ausgaben nicht mehr hindurchzuschimmern vermögen!

{4} Nicht nur als Schriftsteller und Gelehrter, besonders auch als Pädagoge besitzt Professor Dr. Schenker Weltruf. In dem großen Kreise seiner persönlichen und indirekten Schüler finden sich Angehörige fast aller Kulturnationen. Professoren bekannter Konservatorien haben die Reise nach Wien unternommen, um sich dort persönlich Aufschluß über Schenkers Theorien zu holen. Zu erwähnen bleibt noch die Einführung seiner Lehren an mehreren der größten in- und außereuropäischen Musiklehranstalten, von denen das Landeskonservatorium Leipzig (Lektorat Prof. Dr. Oppel), die Universität Edinburgh, Schottland (Lektorat Prof. John Petrie Dunn), und das Walther Damrosch-Konservatorium in Newyork, U. S. A., hervorzuheben sind.

F. E. von Cube *

Anläßlich des sechzigsten Geburtstages von H. Schenker veranstaltet die Duisburger Buchhandlung Scheuermann eine Sonderausstellung seiner Werke. Gleichzeitig werden eine Anzahl Photogramme von Handschriften J. S. Bachs, Haydns, Mozarts, Beethovens, Schuberts und Chopins gezeigt, die aus den Beständen des Archivs der Nationalbibliothek in Wien vom Kuratorium bereitwilligst zur Verfügung gestellt wurden.

© Transcription William Drabkin, 2012

In the last few days, the important music theorist Dr. Heinrich Schenker completed the sixtieth year of his life in Vienna. If the name and works of this unique artist and scholar – venerated by some in the professional world, fiercely contested by others – are nonetheless unknown to a large proportion of practicing musicians as well as keen listeners, that is because a true genius has never been at home in his own world, but really belongs only to posterity.

For these reasons, a few words about the life and work of this master may be communicated to all connoisseurs and amateurs of the German art of music.

The hardest school that Fate holds for its chosen ones is called Poverty. Early – almost as early as his childhood years – the period of trials began also for Heinrich Schenker. He lost his father, who was a respected country doctor, and saw himself suddenly obliged to take care of the life's needs of a family of five that had been left behind. With extraordinary energy, an iron will and steady nerves, he dedicated himself to this task, which threatened to overpower him. He worked day and night, hardly knowing sleep, and did not mind any deprivation. It was only through his formidable intellectual abilities that he was able, in addition to earning his daily bread by giving music lessons, to see to his siblings' upbringing and education and to complete his own studies. After a few unsuccessful attempts, he was able to establish himself in the capital city of Vienna. At the Viennese Conservatory he completed his studies as a pupil of Anton Bruckner in theory and composition. Even at this time he recognized, with his brilliant acuteness of mind, the gaping chasm between the living works of the great composers and the the attempt to explain them with the insufficient means of the traditional music theories, which had become stuck in their rigid doctrinairism; and at that time he laid plans for the first wide-span bridges of thought that were to form the basis of his written works, which are famous in two continents.

In Vienna, one began also to take note of him. The number of his pupils grew; he gave series of musicological and historical lectures before a steadily increasing number of listeners. He enjoyed contact and collaboration with the greatest artists of his time, e.g. with the violinist Joseph Joachim and the incomparable master of singing, Johannes Messchaert, with whom he undertook extensive concert tours. But the strongest impressions were made upon him by old Master Brahms. With true fervor, Schenker describes the hours of collaboration and intellectual exchange with the great genius. "That I was permitted to experience, see, speak with, play for, listen to the last master – Brahms – is a joy about which I would like to write tears, if I could." Through Brahms the deepest secrets of music were made manifest to him, and the rightness of his theories, which he initially called "fantasies," were confirmed. And as Brahms passed away, he believed that, with the death of the master, whom he called "the evening sky of music," he saw music itself sinking into sepulchral night.

He was suddenly seized with pain. In a feverish stress, creating from an overabundant flow, he began to set his ideas on paper, striking a bridge across the abyss to another, as yet unknown, shore. With an astounding gift of foresight, he predicted all artistic crises, such as Futurism, Expressionism, Dadaism, and Atonalism two decades ahead of time. He wrote his testament. Thus were conceived, in succession, the well-known works in the series of "New Musical Theories and Fantasies" on harmony, counterpoint, and free composition, in which Schenker corrects errors that were hundreds of years old, in particular the irrational conflation of the teaching of harmony and counterpoint, and reveals the theories of scale-step and strict counterpoint with equal perspicuity and depth of feeling. In Der freie Satz – specifically, in the two yearbooks Das Meisterwerk in der Musik that precede it – he demonstrates his new, utterly astonishing theory of the musical "Urlinie" as the actual content, the motivation and – conversely ‒ the artistic standard of a musical work. This theory sheds a bright light on the mystic darkness which, to this day, is widespread as concerns the compositional procedures in the genesis of a musical work, and furnishes insights into the creative methods of the great composers, {2} as they had never before revealed with such clarity and such convincing persuasiveness.

Heinrich Schenker rendered special services to the preservation of music-cultural artifacts through his continued work on the restoration of original readings in the masterworks of music, and his continued references to the artistic and pedagogical importance of the original notation and markings of the great composers. If one compares the new editions that are predominantly in use today with the autograph manuscripts, then one will be well aware that the readings of the new editions no longer correspond to the original text. In the majority of cases the performance markings indicated by the composers have fallen victim to the collective efforts of the editors and publishers; but often the grouping of the notes and not seldom the notes themselves have been sacrificed; and in this way the true and original intentions of the composers have been made unrecognizable. In several especially extreme situations, a relationship between the current musical picture and the original is barely recognizable. But who is, in truth, better equipped to take care of the notation, performance markings, and note groupings of a musical work than the composer himself? Would anyone dare {3} to bear down upon a text by Goethe with arbitrary changes in punctuation, ordering of the lines, and the like? Of course not! But Beethoven, Mozart, and Haydn seem in this respect to be fair game.

It is all too understandable that such undertakings as those of Dr. Schenker, or of organizations like the Bach Society, have met with great resistance; this has made their work more difficult, held it up, and made the rapid dissemination of truly flawless literature impossible. It is all the more welcome, then, that the National Library in Vienna has recently added to its music collection an archive of photographic reproductions of important autograph manuscripts, which has, with Schenker's collaboration, been set up by the Dutch friend of music Anthony van Hoboken by his own means and has been donated to the library. In this archive, photographic negatives of all accessible autographs of great composers will be preserved. From these, positive copies can be produced, to serve any demonstrable purpose of study, for the cost of reproduction. It is surely without doubt that the original manuscript can reveal to the performing musician subtleties of meaning that can no longer possibly shine through the best printed editions!

{4} Not only as a writer and a scholar but also as a teacher, Professor Schenker is renowned throughout the world. The wide circle of personal pupils and those with whom he has had indirect contact include people of almost every nation of culture. Professors from well-known conservatories have undertaken the journey to Vienna to received direct access to Schenker's theories. There also remains to be mentioned the introduction of his theories in several of the great European and non-European musical institutions, of which the Leipzig Conservatory (lecturer: Prof. Dr. [Reinhard] Oppel), the University of Edinburgh in Scotland (lecturer: Prof. John Petrie Dun) and the Walter Damrosch Conservatory in New York, U. S. A. may be singled out.

F. E. von Cube *

On the occasion of Heinrich Schenker's sixtieth birthday, the Duisburg bookshop Scheuermann is mounting a special exhibit of his works. At the same time there will be a display of a number of photographic reproductions of manuscripts of Bach, Haydn, Mozart, Schubert and Chopin from the collection of the Archive of the National Library in Vienna, which have most generously been made available by the Board of Trustees.

© Translation William Drabkin, 2012


In diesen Tagen vollendete der bedeutende Musik-Theoretiker Dr. Heinrich Schenker in Wien sein 60. Lebensjahr. Name und Werke dieses einzigartigen Künstlers und Gelehrten – in der Fachwelt teils mit Ehrfurcht genannt, teils heftig diskutiert – sind einem großen Teil der ausübenden, wie der aufnehmenden Musikbeflissenen gleichwohl unbekannt darum, weil seit jeher der wahre Genius Zeitgenosse nicht seiner Umwelt, sondern recht eigentlich erst der Nachwelt gewesen ist.

Aus diesen Anlässen sei allen Kennern und Liebhabern der deutschen Tonkunst einiges aus dem Leben und Wirken des Meisters mitgeteilt.

Die härteste Schule, die das Schicksal für seine Auserwählten bereithält, heißt Armut. Früh, fast noch im Knabenalter, begann auch für Heinrich Schenker die Zeit der Prüfungen. Er verlor seinen Vater, der ein angesehener Landarzt war, und sah sich plötzlich vor die Notwendigkeit gestellt, den Lebensbedarf für die hinterbliebene fünfköpfige Familie zu beschaffen. Mit außergewöhnlicher Energie, zähem Willen und eisernem Fleiß unterzog er sich dieser Aufgabe, die seine Kräfte zu überneigen drohte. Er arbeitete Tage und Nächte, kannte kaum den Schlaf, und achtete keine Entbehrung. Nur durch seine überragenden geistigen Fähigkeiten war es ihm möglich, neben der Sorge um das tägliche Brot, das er durch Erteilung von Musikunterricht verdiente, Erziehung und Ausbildung der Geschwister und das eigne Studium zu Ende zu führen. Nach einigen mißglückten Versuchen gelang es ihm, in der Hauptstadt Wien festen Fuß zu fassen. Am Wiener Konservatorium vervollständigte er seine Studien als Schüler Anton Bruckners in dessen Theorie und Kompositionsklasse. Schon in dieser Zeit erkannte er mit der Schärfe des genialen Geistes den Abgrund, der zwischen den lebendigen Werken der großen Tonmeister und der Möglichkeit ihrer Erklärung durch die unzulänglichen Mittel der üblichen, im starren Doktrinarismus festgefahrenen Musiktheorien klaffte, und entwarf bereits die ersten, weitgespannten Gedankenbrücken, aus denen später seine heute in zwei Erdteilen berühmten Werke entstehen sollten.

In Wien begann man auch ihn aufmerksam zu werden. Die Zahl seiner Schüler wuchs; er hielt vor ständig sich mehrendem Auditorium Reihen musikwissenschaftlicher und geschichtlicher Vorträge. Mit den größten Kunstlern seiner Zeit pflegte er Umgang und Zusammenarbeit; so mit dem Geiger Josef Joachim, und dem unübertroffenen Meister des Gesanges Johannes Meschaert, mit welchem er ausgedehnte Konzertreisen unternahm. Die stärksten Eindrücke empfing er jedoch vom Altmeister Johannes Brahms. Mit wahrer Inbrunst schildert Schenker die Stunden der Zusammenarbeit und des geistigen Austausches mit dem großen Genius. „Daß ich den Letzten, Brahms, erleben, sehen, sprechen, aufführen, hören durfte, über dieses Glück möchte ich Tränen schreiben, wenn ich es könnte!“ Durch Brahms wurden ihm die letzten Geheimnisse der Kunst offenbar, und die Richtigkeit seiner Theorien, die er erst nur „Phantasien“ nannte, bestätigt. Und als Brahms dahinging, da vermeinte er mit dem Tode des Meisters, den er „den Abendhimmel der Musik“ nennt, die Tonkunst selbst in finstere Grabesnacht versinken zu sehen.

Jäh faßte ihn Schmerz. In fieberhaftem Drange, aus quellendem Ueberfluß schöpfend, begann er seine Gedanken aufs Papier zu werfen, eine Brücke zu schlagen über das Nichts zu einem noch ungewissen Ufer. Mit verblüffender Sehergabe sagte er alle Kunstkrisen wie Futurismus, Expressionismus, Dadaismus und Atonalismus vor zwei Jahrzehnten voraus. Er schrieb sein Vermächtnis. So entstanden nacheinander die unter dem Titel „Neue musikalische Theorien und Phantasien“ bekannten Werke über Harmonielehre, Contrapunkt und freien Satz, in denen Schenker jahrhundertalte Irrtümer berichtigt, insbesondere die irrationale Verschmelzung von Harmonie- und Stimmführungslehre beseitigt, und Stufen und strenge Satzlehre gesondert mit ebensoviel Scharfsinn als Gefühlstiefe offenbart. Im „freien Satz” bezw. den vorausgeschickten Jahrbüchern „das Meisterwerk in der Musik” demonstriert Schenker seine neue, vollkommen überraschende Theorie der musikalischen „Urlinie” als dem eigentlichen Inhalt, Beweggrund, und – im umgekehrten Sinne – Wertmaßstab eines Tonkunstwerkes. Diese Theorie erhellt durchaus das mystische Dunkel, das bis heute noch um die schöpferischen Vorgänge beim Entstehen eines Tonkunstwerkes gebreitet liegt, und gewährt Einblicke in die Schaffensweise der großen Komponisten, wie sie in solcher Klarheit {2} und mit so zwingender Ueberzeugunskraft noch nie geboten wurden.

Besondere Verdienste um den Fortbestand unersetzlichen musikalischen Kulturgutes erwarb sich Heinrich Schenker durch seine fortgesetzten Arbeiten an der Wiederherstellung der ursprünglichen Lesarten der Meisterwerke der Musik und seine steten Hinweise auf die künstlerische und pädagogische Wichtigkeit der originalen Schreib- und Bezeichnungsweise der großen Tonmeister. Vergleicht man die heute überwiegend im Gebrauch befindlichen Neuausgaben mit den Handschriften, so muß man gewahr werden, daß die Lesarten der Neuausgaben dem Urtext nicht mehr entsprechen. In den meisten Fällen sind die vom Komponisten angebrachten Vortragsbezeichnungen, vielfach aber auch die Anordnung der Noten und nicht selten sogar diese selbst den vereinten Bemühungen der Revisoren und Herausgeber zum Opfer gefallen, und damit die wahre und ursprüngliche Absicht der Komponisten unkenntlich geworden. In manchen besonderen krassen Fällen ist eine Aehnlichkeit des jetzigen mit dem ursprünglichen Notenbilde kaum noch festzustellen. Wer aber vermöchte in Wahrheit Rechtschreibung, Vortragsbezeichnung und Notenanordnung eines Tonkunstwerkes besser zu besorgen als eben der Komponist selbst? Wagte man es, einem {3} Goetheschen Text mit willkürlicher Aenderung der Interpunktion, Zeilenanordnung und ähnlichem zu Leibe zu gehen? Gewiß nicht! Aber Beethoven, Mozart und Haydn scheinen in dieser Hinsicht vogelfrei.

Begreiflicherweise haben solche Unternehmungen wie die Dr. Schenkers oder auch von Körperschaften wie z. B. der Bachgesellschaft mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, die die Arbeit erschweren, aufhalten, und die rasche Verbreitung wirklich einwandfreier Literatur unmöglich machen. Umsomehr ist zu begrüßen, daß die Wiener Nationalbibliothek ihrer Musiksammlung kürzlich ein Archiv für Photogramme von Meisterhandschriften angliederte, das unter Schenkers Mitarbeit von dem holländischen Musikfreund A. von Hoboken aus eigenen Mitteln errichtet und dem Institut gewidmet wurde. In diesem Archiv werden photographische Negative aller erreichbaren Meisterhandschriften aufbewahrt. Von diesen können Positivabzüge, die nachweisbar Studienzwecken dienen sollen, gegen Ersatz der Vervielfältigungskosten abgegeben werden. Es ist wohl außer Zweifel, daß die Originalhandschrift dem nachschaffenden Musiker Wesensfeinheiten der großen Komponisten offenbaren kann, die selbst durch die besten gestochenen Ausgaben nicht mehr hindurchzuschimmern vermögen!

{4} Nicht nur als Schriftsteller und Gelehrter, besonders auch als Pädagoge besitzt Professor Dr. Schenker Weltruf. In dem großen Kreise seiner persönlichen und indirekten Schüler finden sich Angehörige fast aller Kulturnationen. Professoren bekannter Konservatorien haben die Reise nach Wien unternommen, um sich dort persönlich Aufschluß über Schenkers Theorien zu holen. Zu erwähnen bleibt noch die Einführung seiner Lehren an mehreren der größten in- und außereuropäischen Musiklehranstalten, von denen das Landeskonservatorium Leipzig (Lektorat Prof. Dr. Oppel), die Universität Edinburgh, Schottland (Lektorat Prof. John Petrie Dunn), und das Walther Damrosch-Konservatorium in Newyork, U. S. A., hervorzuheben sind.

F. E. von Cube *

Anläßlich des sechzigsten Geburtstages von H. Schenker veranstaltet die Duisburger Buchhandlung Scheuermann eine Sonderausstellung seiner Werke. Gleichzeitig werden eine Anzahl Photogramme von Handschriften J. S. Bachs, Haydns, Mozarts, Beethovens, Schuberts und Chopins gezeigt, die aus den Beständen des Archivs der Nationalbibliothek in Wien vom Kuratorium bereitwilligst zur Verfügung gestellt wurden.

© Transcription William Drabkin, 2012

In the last few days, the important music theorist Dr. Heinrich Schenker completed the sixtieth year of his life in Vienna. If the name and works of this unique artist and scholar – venerated by some in the professional world, fiercely contested by others – are nonetheless unknown to a large proportion of practicing musicians as well as keen listeners, that is because a true genius has never been at home in his own world, but really belongs only to posterity.

For these reasons, a few words about the life and work of this master may be communicated to all connoisseurs and amateurs of the German art of music.

The hardest school that Fate holds for its chosen ones is called Poverty. Early – almost as early as his childhood years – the period of trials began also for Heinrich Schenker. He lost his father, who was a respected country doctor, and saw himself suddenly obliged to take care of the life's needs of a family of five that had been left behind. With extraordinary energy, an iron will and steady nerves, he dedicated himself to this task, which threatened to overpower him. He worked day and night, hardly knowing sleep, and did not mind any deprivation. It was only through his formidable intellectual abilities that he was able, in addition to earning his daily bread by giving music lessons, to see to his siblings' upbringing and education and to complete his own studies. After a few unsuccessful attempts, he was able to establish himself in the capital city of Vienna. At the Viennese Conservatory he completed his studies as a pupil of Anton Bruckner in theory and composition. Even at this time he recognized, with his brilliant acuteness of mind, the gaping chasm between the living works of the great composers and the the attempt to explain them with the insufficient means of the traditional music theories, which had become stuck in their rigid doctrinairism; and at that time he laid plans for the first wide-span bridges of thought that were to form the basis of his written works, which are famous in two continents.

In Vienna, one began also to take note of him. The number of his pupils grew; he gave series of musicological and historical lectures before a steadily increasing number of listeners. He enjoyed contact and collaboration with the greatest artists of his time, e.g. with the violinist Joseph Joachim and the incomparable master of singing, Johannes Messchaert, with whom he undertook extensive concert tours. But the strongest impressions were made upon him by old Master Brahms. With true fervor, Schenker describes the hours of collaboration and intellectual exchange with the great genius. "That I was permitted to experience, see, speak with, play for, listen to the last master – Brahms – is a joy about which I would like to write tears, if I could." Through Brahms the deepest secrets of music were made manifest to him, and the rightness of his theories, which he initially called "fantasies," were confirmed. And as Brahms passed away, he believed that, with the death of the master, whom he called "the evening sky of music," he saw music itself sinking into sepulchral night.

He was suddenly seized with pain. In a feverish stress, creating from an overabundant flow, he began to set his ideas on paper, striking a bridge across the abyss to another, as yet unknown, shore. With an astounding gift of foresight, he predicted all artistic crises, such as Futurism, Expressionism, Dadaism, and Atonalism two decades ahead of time. He wrote his testament. Thus were conceived, in succession, the well-known works in the series of "New Musical Theories and Fantasies" on harmony, counterpoint, and free composition, in which Schenker corrects errors that were hundreds of years old, in particular the irrational conflation of the teaching of harmony and counterpoint, and reveals the theories of scale-step and strict counterpoint with equal perspicuity and depth of feeling. In Der freie Satz – specifically, in the two yearbooks Das Meisterwerk in der Musik that precede it – he demonstrates his new, utterly astonishing theory of the musical "Urlinie" as the actual content, the motivation and – conversely ‒ the artistic standard of a musical work. This theory sheds a bright light on the mystic darkness which, to this day, is widespread as concerns the compositional procedures in the genesis of a musical work, and furnishes insights into the creative methods of the great composers, {2} as they had never before revealed with such clarity and such convincing persuasiveness.

Heinrich Schenker rendered special services to the preservation of music-cultural artifacts through his continued work on the restoration of original readings in the masterworks of music, and his continued references to the artistic and pedagogical importance of the original notation and markings of the great composers. If one compares the new editions that are predominantly in use today with the autograph manuscripts, then one will be well aware that the readings of the new editions no longer correspond to the original text. In the majority of cases the performance markings indicated by the composers have fallen victim to the collective efforts of the editors and publishers; but often the grouping of the notes and not seldom the notes themselves have been sacrificed; and in this way the true and original intentions of the composers have been made unrecognizable. In several especially extreme situations, a relationship between the current musical picture and the original is barely recognizable. But who is, in truth, better equipped to take care of the notation, performance markings, and note groupings of a musical work than the composer himself? Would anyone dare {3} to bear down upon a text by Goethe with arbitrary changes in punctuation, ordering of the lines, and the like? Of course not! But Beethoven, Mozart, and Haydn seem in this respect to be fair game.

It is all too understandable that such undertakings as those of Dr. Schenker, or of organizations like the Bach Society, have met with great resistance; this has made their work more difficult, held it up, and made the rapid dissemination of truly flawless literature impossible. It is all the more welcome, then, that the National Library in Vienna has recently added to its music collection an archive of photographic reproductions of important autograph manuscripts, which has, with Schenker's collaboration, been set up by the Dutch friend of music Anthony van Hoboken by his own means and has been donated to the library. In this archive, photographic negatives of all accessible autographs of great composers will be preserved. From these, positive copies can be produced, to serve any demonstrable purpose of study, for the cost of reproduction. It is surely without doubt that the original manuscript can reveal to the performing musician subtleties of meaning that can no longer possibly shine through the best printed editions!

{4} Not only as a writer and a scholar but also as a teacher, Professor Schenker is renowned throughout the world. The wide circle of personal pupils and those with whom he has had indirect contact include people of almost every nation of culture. Professors from well-known conservatories have undertaken the journey to Vienna to received direct access to Schenker's theories. There also remains to be mentioned the introduction of his theories in several of the great European and non-European musical institutions, of which the Leipzig Conservatory (lecturer: Prof. Dr. [Reinhard] Oppel), the University of Edinburgh in Scotland (lecturer: Prof. John Petrie Dun) and the Walter Damrosch Conservatory in New York, U. S. A. may be singled out.

F. E. von Cube *

On the occasion of Heinrich Schenker's sixtieth birthday, the Duisburg bookshop Scheuermann is mounting a special exhibit of his works. At the same time there will be a display of a number of photographic reproductions of manuscripts of Bach, Haydn, Mozart, Schubert and Chopin from the collection of the Archive of the National Library in Vienna, which have most generously been made available by the Board of Trustees.

© Translation William Drabkin, 2012