Bayrisch Gmain b/ Bad Reichenhall
9. Juni 1920.

Lieber, hochverehrter Meister!

Durch 1 Herrn Vrieslander erfuhr ich, dass Sie in diesem Sommer in Schwierigkeiten wegen Erlangung einer Sommerfrische sind. Hoffentlich ist die Lage inzwischen günstiger geworden. Wären die Schwierigkeiten in puncto Verpflegungsbeschaffung nicht so ungeheure, wie gerne würde ich dann nach besten Kräften versuchen, hier wenigstens für einige Zeit ein Asÿl für Sie zu schaffen. Aber von hier aus fahren die Leute nach Salzburg, um sich satt zu essen, wobei allerdings auch die Geldfrage eine grosse Rolle spielt. Wenn nur diese leidigen Umstände erst überwunden wären. Der Ausfall der Wahlen 2 zeigt mit Ausnahme der Grossstädte und der mittel- und westdeutschen Industriegegend einen starken Drang nach neuer Ordnung und Zusammenfassung. Hoffentlich können jetzt schon die rechten oder doch wenigstens bessere als die bisherigen Männer an die leitenden Stellen kommen. Rückwirkungen auf Deutsch-Österreich können dann doch wohl kaum ausbleiben.

Ich mühe mich inzwischen mit der Anfertigung von „Nachahmungen“, figurierten Chorälen, nach Richter, Marx, etc. ab. Alsdann will ich zu an der Hand Richters zur Fuge schreiben. Ich muss nur gestehen, dass mir diese Art der Arbeit oft so zwecklos vorkommt. Andererseits muss ich Richter {2} recht geben, wenn er sagt, dass das Ziel (eine Fuge „schreiben“ zu können) nicht durch Beschreibung und Erkennen der Schönheiten pp. Bach’scher Fugen sondern nur durch äusserste Ausbildung aller mechanischen Hilfsmittel erreicht werden könne. Aber ist das Handwerkliche auf diesem Wege zu erreichen? Es kommt mir vor, als stehe man bei Anfertigung der 10. oder 20. „Übung“ noch immer auf demselben Fleck wie bei der 1. Übung. Würden Sie mir raten, diese Übungen ruhig fortzusetzen und dann ruhig zur Handwerkerfuge l à la Richter fortzuschreiben ? , und diese „Durchführungen“ etc. zu üben, immer wieder, bis sich vielleicht doch so etwas wie „leichtes Handgelenk“ einstellt? Ich verstehe, wie man den Satz eines „strengen Chorals“ üben kann, da doch schliesslich, wenn die Lösung nach den Regeln des strengen Satzes endlich gut gelungen ist, etwas Fertiges dasteht, sozusagen eine Art Kunstwerk. Aber bei Fugen-Übungen nach Richter, Albrechtsberger, Marx!!?? Und doch!: geübt muss doch irgend etwas werden. Es fragt sich nur: was und wie? — —

Kennen Sie ein Werk von Dr. E. Kurth: „Linearer Kontrapunkt. Bachs melodische Polyphonie“? 3 §. 5 sehr interessant, aber stark von Riemann abhängig. — Kennen Sie den Mozarteums-Direktor Dr. Paumgartner in Salzburg? Gibt es sonst zur Zeit kennenswerte Leute in Salzburg? Ich bin jetzt so in der Nähe, dass ich gern einmal herüberfahren möchte.


Inzwischen verbleibe ich mit den herzlichsten Grüssen
an Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin
Ihr stets dankbarst ergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2010


Bavarian Großgmain, near Bad Reichenhall
9. Juni 1920.

Dear, highly revered Master,

Through 1 Vrieslander I have learned that you are in difficulties this summer obtaining a summer residence. Hopefully circumstances have improved in the meantime. Were such difficulties not so tremendous in so far as the procurement of provisions was concerned, how happily would I try to the best of my ability to at least make a temporary asylum for you. But from here people travel to Salzburg to fill their stomachs, in which in any case the question of money plays a great role. If only these exasperating circumstances were resolved. The result of the elections 2 shows me (with the exception of the major cities and the middle- and west-German industrial areas) a strong urge for a new order and organization. Hopefully the right people can come to power, or at the very least someone better than the men in power up to now. Reactions to Germany-Austria can hardly remain absent.

In the meantime I struggle with the completion of "mimicry": figured chorales according to Richter, Marx, etc. Thereupon I want to write a fugue in the manner of Richter. I just have to admit that to me this type of work appears to be aimless. At the same time I have to give Richter {2} credit when he says that the goal (to be able to "write" a fugue) will not be achieved through the description and knowledge of beauty of a Bach fugue by proxy; rather, only through the utmost training in all mechanical resources can it be achieved. But can the technical elements be obtained in this way? It seems to me as if one stays always in the same place at the tenth or twentieth "exercise" as in the first exercise. Would you advise me to continue these exercises calmly, and then set off to calmly write out fugues in the manner of Richter ? , and practice these "developments" etc. over and over again, until it can be done "off the cuff"? I understand how one can practice the composition of a "strict chorale," so that ultimately, when the solution of a strict composition is finally achieved according to the rules, something finished stands before him, a kind of artwork, so to speak. But by means of fugue exercises according to Richter, Albrechtsberger, Marx!!?? And still!: something must still be practiced. The question is: what and how? – –

Do you know a work by Dr. Ernst Kurth: Linear Counterpoint: Bach’s Melodic Polyphony? 3 Page five is very interesting, but it is highly dependent on Riemann. – Do you know the Director of the Mozarteum in Salzburg, Dr. Paumgartner? Are there any people of worth at the moment in Salzburg? I am now so close to there that I would like to make a trip there some time.


In the meantime I remain, with the warmest greetings
to you and your revered wife,
Your ever-thankful devotee,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2010


Bayrisch Gmain b/ Bad Reichenhall
9. Juni 1920.

Lieber, hochverehrter Meister!

Durch 1 Herrn Vrieslander erfuhr ich, dass Sie in diesem Sommer in Schwierigkeiten wegen Erlangung einer Sommerfrische sind. Hoffentlich ist die Lage inzwischen günstiger geworden. Wären die Schwierigkeiten in puncto Verpflegungsbeschaffung nicht so ungeheure, wie gerne würde ich dann nach besten Kräften versuchen, hier wenigstens für einige Zeit ein Asÿl für Sie zu schaffen. Aber von hier aus fahren die Leute nach Salzburg, um sich satt zu essen, wobei allerdings auch die Geldfrage eine grosse Rolle spielt. Wenn nur diese leidigen Umstände erst überwunden wären. Der Ausfall der Wahlen 2 zeigt mit Ausnahme der Grossstädte und der mittel- und westdeutschen Industriegegend einen starken Drang nach neuer Ordnung und Zusammenfassung. Hoffentlich können jetzt schon die rechten oder doch wenigstens bessere als die bisherigen Männer an die leitenden Stellen kommen. Rückwirkungen auf Deutsch-Österreich können dann doch wohl kaum ausbleiben.

Ich mühe mich inzwischen mit der Anfertigung von „Nachahmungen“, figurierten Chorälen, nach Richter, Marx, etc. ab. Alsdann will ich zu an der Hand Richters zur Fuge schreiben. Ich muss nur gestehen, dass mir diese Art der Arbeit oft so zwecklos vorkommt. Andererseits muss ich Richter {2} recht geben, wenn er sagt, dass das Ziel (eine Fuge „schreiben“ zu können) nicht durch Beschreibung und Erkennen der Schönheiten pp. Bach’scher Fugen sondern nur durch äusserste Ausbildung aller mechanischen Hilfsmittel erreicht werden könne. Aber ist das Handwerkliche auf diesem Wege zu erreichen? Es kommt mir vor, als stehe man bei Anfertigung der 10. oder 20. „Übung“ noch immer auf demselben Fleck wie bei der 1. Übung. Würden Sie mir raten, diese Übungen ruhig fortzusetzen und dann ruhig zur Handwerkerfuge l à la Richter fortzuschreiben ? , und diese „Durchführungen“ etc. zu üben, immer wieder, bis sich vielleicht doch so etwas wie „leichtes Handgelenk“ einstellt? Ich verstehe, wie man den Satz eines „strengen Chorals“ üben kann, da doch schliesslich, wenn die Lösung nach den Regeln des strengen Satzes endlich gut gelungen ist, etwas Fertiges dasteht, sozusagen eine Art Kunstwerk. Aber bei Fugen-Übungen nach Richter, Albrechtsberger, Marx!!?? Und doch!: geübt muss doch irgend etwas werden. Es fragt sich nur: was und wie? — —

Kennen Sie ein Werk von Dr. E. Kurth: „Linearer Kontrapunkt. Bachs melodische Polyphonie“? 3 §. 5 sehr interessant, aber stark von Riemann abhängig. — Kennen Sie den Mozarteums-Direktor Dr. Paumgartner in Salzburg? Gibt es sonst zur Zeit kennenswerte Leute in Salzburg? Ich bin jetzt so in der Nähe, dass ich gern einmal herüberfahren möchte.


Inzwischen verbleibe ich mit den herzlichsten Grüssen
an Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin
Ihr stets dankbarst ergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2010


Bavarian Großgmain, near Bad Reichenhall
9. Juni 1920.

Dear, highly revered Master,

Through 1 Vrieslander I have learned that you are in difficulties this summer obtaining a summer residence. Hopefully circumstances have improved in the meantime. Were such difficulties not so tremendous in so far as the procurement of provisions was concerned, how happily would I try to the best of my ability to at least make a temporary asylum for you. But from here people travel to Salzburg to fill their stomachs, in which in any case the question of money plays a great role. If only these exasperating circumstances were resolved. The result of the elections 2 shows me (with the exception of the major cities and the middle- and west-German industrial areas) a strong urge for a new order and organization. Hopefully the right people can come to power, or at the very least someone better than the men in power up to now. Reactions to Germany-Austria can hardly remain absent.

In the meantime I struggle with the completion of "mimicry": figured chorales according to Richter, Marx, etc. Thereupon I want to write a fugue in the manner of Richter. I just have to admit that to me this type of work appears to be aimless. At the same time I have to give Richter {2} credit when he says that the goal (to be able to "write" a fugue) will not be achieved through the description and knowledge of beauty of a Bach fugue by proxy; rather, only through the utmost training in all mechanical resources can it be achieved. But can the technical elements be obtained in this way? It seems to me as if one stays always in the same place at the tenth or twentieth "exercise" as in the first exercise. Would you advise me to continue these exercises calmly, and then set off to calmly write out fugues in the manner of Richter ? , and practice these "developments" etc. over and over again, until it can be done "off the cuff"? I understand how one can practice the composition of a "strict chorale," so that ultimately, when the solution of a strict composition is finally achieved according to the rules, something finished stands before him, a kind of artwork, so to speak. But by means of fugue exercises according to Richter, Albrechtsberger, Marx!!?? And still!: something must still be practiced. The question is: what and how? – –

Do you know a work by Dr. Ernst Kurth: Linear Counterpoint: Bach’s Melodic Polyphony? 3 Page five is very interesting, but it is highly dependent on Riemann. – Do you know the Director of the Mozarteum in Salzburg, Dr. Paumgartner? Are there any people of worth at the moment in Salzburg? I am now so close to there that I would like to make a trip there some time.


In the meantime I remain, with the warmest greetings
to you and your revered wife,
Your ever-thankful devotee,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2010

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/1, p. 2234, June 14, 1920: "Von Dahms (Br.): fragt, ob er denn so weiter nach Richter, Marx fortfahren solle?" ("From Dahms (letter): asks whether he should continue with Richter [and] Marx."). His reply is recorded immediately after: "An Dahms u. Vrieslander Karten: über Galltür". ("To Dahms and Vrieslander postcards: about Galtür.").

2 The second federal elections in the Weimar Republic were held on June 6, 1920.

3 Ernst Kurth, Grundlagen des linearen Kontrapunkts: Einführung in Stil und Technik von Bach's melodischer Polyphonie (Bern: Max Drechsel, 1917; Berlin: Max Hesse, 1922).

Commentary

Format
2p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-05-05