Vent, 11/VII-28.

Lieber Herr Doktor! 1

Es gab in den letzten Wochen zu Hause noch so viel zu tun, daß ich doch erst am 7. Juli Wien verlassen konnte. Ich fuhr vorerst mit meiner Prager Schwester nach Zell a/ See und verbrachte dort mit ihr und ihren Kindern 1½ Tagen. Von dort aus ging es zunächst nach Ötztal , wo ich im Ötztaler Hof übernachtete. Gestern abends kam ich endlich in Vent 2 an und bin nun glücklich, in dieser herrlichen Gegend bleiben zu können.

Da ich hier nun einen Ruhepunkt gefunden {2} habe, ist es mein erstes, Ihnen zu sagen, wie sehr es mich freute zu hören, daß Sie mit meiner Arbeit an Ihrem op 4 No.1 3 nicht unzufrieden waren. Es gibt mir dies weiteren Mut zum Vorwärtsschreiten und nimmt mir etwas von der steten Sorge, im Verhältnis zu dem, was Sie mir geben, viel zu wenig zu leisten. Wenn mir die Portraitierung 4 Ihres op 4 No.1 halbwegs gelungen ist, so habe ich ja auch das Ihnen allein zu verdanken, da mir ohne Ihr Zutun das Verständnis für die Werke unserer großen Meister und somit auch für Ihre Tonstücke versagt gewesen wäre.

Es wird mich freuen im Oktober 5 zu erfahren, {3} was Sie an meiner Darstellung noch auszusetzen hätten und dann die Möglichkeit zu haben die verborgensten Feinheiten in Ihrem wundervollen Klavierstucke zu hören.

Sie werden wohl am 19. Juni 6 viel Gluckwünsche aus aller Welt erhalten haben, die Ihnen, von wahren Freunden der Tonkunst stammend, die wissen was sie Ihnen zu verdanken haben, mehr Freude gemacht haben dürften, als jede öffentliche Feier.

Vrieslanders Monographie 7 muß ja nun auch schon erschienen in Ihren Händen sein. Ich würde sie gerne lesen und wäre Ihnen sehr erkenntlich, wenn Sie mir mitteilen wollten, wo und in welcher Form sie erschienen ist.

{4} Hoffentlich haben Sie und Ihre liebe Frau sich in Galtür bereits von den Mühen der letzten Wochen in Wien erholt. Das Wetter dürfte auch bei Ihnen günstig gewesen sein, so hoffe ich daß Ihnen der Aufenthalt in Tirol in jeder Weise zusagt.

Für die Empfehlung der Stifter-Ausstellung danke ich noch herzlichst. Es gelang mir noch vor meiner Abreise einen Sprung dorthin zu machen. Auch die Schubert -Ausstellung 8 habe ich (wenn auch nur flüchtig) gesehen. Das weitaus interessanteste war dort eine Nebeneinanderstellung vom Autograph des Erlkönigs und der Erstausgabe. Welche Verschiedenheit der Vortragsbezeichnungen auf den allein sichtbaren ersten zwei Seiten!

Ich habe hier schöne Ruhe und beabsichtige viel zu lesen. Vor allem aber will ich mich am Jahrbuch II erfreuen.


Beste Wünsche für Ihren weiteren Aufenthalt
und herzliche Grüsse Ihnen und Ihrer lieben Frau
von Ihrer
[signed:] Angi Elias

© Transcription Michaela Searfoorce, 2006, 2019


Vent, July 11, 1928

Dear Dr. [Schenker], 1

There was still so much to do in recent weeks at home that I could not leave Vienna until July 7. I traveled first – with my Prague-based sister – to Zell am See and spent a day-and-a-half there with her and her children. From there I went first to Ötztal, where I spent the night in the Ötztaler Hof. Yesterday evening I finally arrived in Vent 2 and am now happily able to remain in this marvelous area.

Since I have now found a resting place here, {2} it is my first task to tell you how very happy I was to hear that you were not dissatisfied with my work on your Op. 4 No. 1. 3 This gives me the extra courage to press on, and relieves me somewhat of the constant worry that I achieve far too little in proportion to what you give me. If my depiction 4 of your Op. 4 No. 1 has been halfway successful, I have you alone to thank for it, because without your support an understanding of the works of our great masters and therefore also of your compositions would have been denied me.

I will be glad to learn in October 5 {3} what else you still have to criticize about my representation and then to have the possibility of hearing the most hidden subtleties in your wonderful piano piece.

On June 19, 6 you will have received many congratulations from all and sundry, which ‒ coming from true friends of music who know what they have to thank you for ‒ should have given you more joy than any public celebration.

Vrieslander's monograph 7 must surely by now already have appeared be in your hands . I would love to read it, and should be very grateful to you if you would let me know where and in what form it has been published.

{4} I hope that you and your dear wife have already recovered in Galtür from the exertions of recent weeks in Vienna. The weather even where you are should have been favorable, and I hope that your stay in the Tyrol suits you in every way.

I thank you most cordially for the recommendation to the Stifter exhibition. I was able to make a quick visit to it just before my departure. I have also seen the Schubert exhibition, 8 if only fleetingly. The most interesting thing by far was the juxtaposition of the Erlkönig autograph and the first edition. What a difference in the performance indications in the first two pages, which was all that was visible!

I am having a nice rest here and intend to read a lot. But above all, I am going to enjoy Yearbook II.


Best wishes for the remainder of your stay,
and cordial greetings to you and your dear wife
from your
[signed:] Angi Elias

© Translation Michaela Searfoorce, 2006, 2019


Vent, 11/VII-28.

Lieber Herr Doktor! 1

Es gab in den letzten Wochen zu Hause noch so viel zu tun, daß ich doch erst am 7. Juli Wien verlassen konnte. Ich fuhr vorerst mit meiner Prager Schwester nach Zell a/ See und verbrachte dort mit ihr und ihren Kindern 1½ Tagen. Von dort aus ging es zunächst nach Ötztal , wo ich im Ötztaler Hof übernachtete. Gestern abends kam ich endlich in Vent 2 an und bin nun glücklich, in dieser herrlichen Gegend bleiben zu können.

Da ich hier nun einen Ruhepunkt gefunden {2} habe, ist es mein erstes, Ihnen zu sagen, wie sehr es mich freute zu hören, daß Sie mit meiner Arbeit an Ihrem op 4 No.1 3 nicht unzufrieden waren. Es gibt mir dies weiteren Mut zum Vorwärtsschreiten und nimmt mir etwas von der steten Sorge, im Verhältnis zu dem, was Sie mir geben, viel zu wenig zu leisten. Wenn mir die Portraitierung 4 Ihres op 4 No.1 halbwegs gelungen ist, so habe ich ja auch das Ihnen allein zu verdanken, da mir ohne Ihr Zutun das Verständnis für die Werke unserer großen Meister und somit auch für Ihre Tonstücke versagt gewesen wäre.

Es wird mich freuen im Oktober 5 zu erfahren, {3} was Sie an meiner Darstellung noch auszusetzen hätten und dann die Möglichkeit zu haben die verborgensten Feinheiten in Ihrem wundervollen Klavierstucke zu hören.

Sie werden wohl am 19. Juni 6 viel Gluckwünsche aus aller Welt erhalten haben, die Ihnen, von wahren Freunden der Tonkunst stammend, die wissen was sie Ihnen zu verdanken haben, mehr Freude gemacht haben dürften, als jede öffentliche Feier.

Vrieslanders Monographie 7 muß ja nun auch schon erschienen in Ihren Händen sein. Ich würde sie gerne lesen und wäre Ihnen sehr erkenntlich, wenn Sie mir mitteilen wollten, wo und in welcher Form sie erschienen ist.

{4} Hoffentlich haben Sie und Ihre liebe Frau sich in Galtür bereits von den Mühen der letzten Wochen in Wien erholt. Das Wetter dürfte auch bei Ihnen günstig gewesen sein, so hoffe ich daß Ihnen der Aufenthalt in Tirol in jeder Weise zusagt.

Für die Empfehlung der Stifter-Ausstellung danke ich noch herzlichst. Es gelang mir noch vor meiner Abreise einen Sprung dorthin zu machen. Auch die Schubert -Ausstellung 8 habe ich (wenn auch nur flüchtig) gesehen. Das weitaus interessanteste war dort eine Nebeneinanderstellung vom Autograph des Erlkönigs und der Erstausgabe. Welche Verschiedenheit der Vortragsbezeichnungen auf den allein sichtbaren ersten zwei Seiten!

Ich habe hier schöne Ruhe und beabsichtige viel zu lesen. Vor allem aber will ich mich am Jahrbuch II erfreuen.


Beste Wünsche für Ihren weiteren Aufenthalt
und herzliche Grüsse Ihnen und Ihrer lieben Frau
von Ihrer
[signed:] Angi Elias

© Transcription Michaela Searfoorce, 2006, 2019


Vent, July 11, 1928

Dear Dr. [Schenker], 1

There was still so much to do in recent weeks at home that I could not leave Vienna until July 7. I traveled first – with my Prague-based sister – to Zell am See and spent a day-and-a-half there with her and her children. From there I went first to Ötztal, where I spent the night in the Ötztaler Hof. Yesterday evening I finally arrived in Vent 2 and am now happily able to remain in this marvelous area.

Since I have now found a resting place here, {2} it is my first task to tell you how very happy I was to hear that you were not dissatisfied with my work on your Op. 4 No. 1. 3 This gives me the extra courage to press on, and relieves me somewhat of the constant worry that I achieve far too little in proportion to what you give me. If my depiction 4 of your Op. 4 No. 1 has been halfway successful, I have you alone to thank for it, because without your support an understanding of the works of our great masters and therefore also of your compositions would have been denied me.

I will be glad to learn in October 5 {3} what else you still have to criticize about my representation and then to have the possibility of hearing the most hidden subtleties in your wonderful piano piece.

On June 19, 6 you will have received many congratulations from all and sundry, which ‒ coming from true friends of music who know what they have to thank you for ‒ should have given you more joy than any public celebration.

Vrieslander's monograph 7 must surely by now already have appeared be in your hands . I would love to read it, and should be very grateful to you if you would let me know where and in what form it has been published.

{4} I hope that you and your dear wife have already recovered in Galtür from the exertions of recent weeks in Vienna. The weather even where you are should have been favorable, and I hope that your stay in the Tyrol suits you in every way.

I thank you most cordially for the recommendation to the Stifter exhibition. I was able to make a quick visit to it just before my departure. I have also seen the Schubert exhibition, 8 if only fleetingly. The most interesting thing by far was the juxtaposition of the Erlkönig autograph and the first edition. What a difference in the performance indications in the first two pages, which was all that was visible!

I am having a nice rest here and intend to read a lot. But above all, I am going to enjoy Yearbook II.


Best wishes for the remainder of your stay,
and cordial greetings to you and your dear wife
from your
[signed:] Angi Elias

© Translation Michaela Searfoorce, 2006, 2019

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/1, p. 3226, July 13, 1928: "Von Frl. Elias (Br. aus Vent): dankt für meine Aufmunterung; erkundigt sich nach der Monographie." ("From Miss Elias (letter from Vent): she thanks me for my encouragement, asks about the monograph.").

2 Vent: ski village in the foothills of the Wildspitze mountain, near to Obergurgl and Sölden, in the Ötztal region.

3 Schenker, Fünf Klavierstücke, Op. 4, No. 1, Andante (Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1898). An analysis of this piece in Angi Elias's hand, and circumstantially datable to 1928, is preserved at OC 15/18‒22. It comprises two foreground graphs, two layered graphs (18‒20), and various sketches (21‒22). Adjacent to these items are her graphings of Schenker's Zwei Klavierstücke, Op. 1, No. 2, Capriccio, OC 15/15‒17.
Schenker's diary for June 15, 1928 records: "Frl. Elias bringt in Fortsetzung des Weihnachtsgeschenkes [...] eine Urlinie zu meinem op. 4 No. 1, die schon auf den ersten Blick eine treffliche Lösung verrät." ("Miss Elias brings, as a sequel to her Christmas present, [...] an Urlinie [graph] for my Op. 4, No. 1, which at first glance reveals a splendid solution."). The diary for June 21 records: "An Frl. Elias (Br.): habe bei besserer Gelegenheit das Bild meines op. 4 angesehen u. gut gefunden, bis auf Unwesentliches. Spende ihr im Zusammenhang damit ein Lob ihrer Beharrlichkeit, die sie so weit geführt hat." ("To Miss Elias (letter): I have had a better chance to look at her graph of my Op. 4 and have found it to be good, apart from some minor details. In this connection I praise her perseverance, which has taken her so far.").

4 "Portraitierung": lit. making a portrait: stresses the visual nature of her analysis.

5 i.e. when Elias resumes lessons with Schenker. Her first lesson was on October 2, the second on October 4, the lessonbook (1928/29, p. 16) for the latter reading: "Schenker op.4I Bild korrigirt" ("Schenker Op. 4, No. 1 corrected").

6 Schenker's 60th birthday. Schenker's diary for June 19 records "Von Frl. Kahn u. Frl. Elias Telegramm." ("From Miss Kahn and Miss Elias, telegram.").

7 Either Otto Vrieslander's monograph Carl Philipp Emanuel Bach (Munich: Piper, 1923) or his paper "Das Organische in Schuberts 'himmlischer Länge'," Bericht über den internationalen Kongress für Schubertforschung (1928), pp. 219‒32. Alternatively, she may be referring to Vrieslander's proposed Festschrift (for which "monograph" is an incorrect description) for Schenker's 60th birthday, which did not come to fruition.

8 1928 was the anniversary of Schubert’s death, and throughout Austria many exhibitions were laid on.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs or representatives of Angi Elias; deemed to be in the public domain
License
Deemed to be in the public domain. All reasonable efforts have been made to identify any heirs or representatives of Angi Elias. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk.

Digital version created: 2019-02-01
Last updated: 2011-03-05