Fl! 1

Deine lieben hochgehenden Zeilen= OJ 14/45, [66] hätten wirklich verdient, sofort aufs schönste bedankt zu werden, unmöglich aber war es, mich zu einer würdigen Antwort zu sammlen, da ich Bogenkorrekturen zu machen, Stunden vorzugeben hatte u. förmlich Schüler auf Schüler propfte (um am 25. abreisen zu können), an den letzten Besorgungen teilnehmen usw.

Dein Mistrauen in die aufnehmende Welt, das der Grundzug deiner Betrachtung ist, teile ich vollkommen. Stünde es nicht aber so, daß ich gewissermaßen mit dem Stoff allein bin (ähnlich wie in einem Witz der Jude mit seiner Ente), daß ich mich nur[?] dem Stoff verpflichtet fühle, nicht der Welt, ich würde längst Hirn u. Feder nidergelegt haben. Weder bin ich empfindlich, noch verbittert – warum sollte ich denn auch mehr zu erreichen hoffen, als die großen Meister selber {2} zu erreichen vermochten? – daher kann ich die letzte Redaction des „fr. Satzes“ nun in aller Heiterkeit u. Musse durchführen. Die Unterwelt, will[?] sagen Untermenschheit, atmet Zerstörung aus; womit sie die Oberwelt zerstört, ist die Unbescheidenheit, aller Chaos-Laster Anfang. Freilich ist ihnenr die Unbescheidenheit unbewußt – sie bildet sich sogar das Gegenteil ein –, aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Mench der Unterwelt wirklich bescheiden wird. Wie bescheiden aber waren aller Orten, aller Zeiten die Großen!

Ich weiß nicht, ob ich dir schon von Hobokens neue Stiftung schrieb? Er läßt alle erreichbaren Handschriften der Großen abnahmen, versammelt sie in einem Archiv, das er der Nationalbibl. in Wien zum Geschenk gemacht hat. Ein historisches Verdienst um die Musik, zugleich um Wien, – damit geht ein alter Wunsch von mir in Erfüllung. Ein dreigliedriges Kuratorium (Hob., ich u. ein von der Nationalbibl. zu {3} entsendender dritter, diesmal Dozent Dr Haas), ein eigener Beamter, usw. gehören dazu. Schon im Herbst werden ungeahnte Kostbarkeiten ans Licht steigen, z. B. aus Paris Chop. Scherzo bm. , 2 Ball. fd , 3 mal Berçeuse [sic] , Walzer cism. , andere Walzer, Mazurken, aus Berlin Beeth. VII Sinf., Mozart Zauberflöte, Figaros Hochzeit usw.

Für deine liebe Apostrophierung der Verdienste meines LieLiechens dankt sie dir gewiß, vielleicht noch herzlicher ich selbst. Was tat sie nicht Alles, was tut sie nicht alles zur Förderung der Körperlichen u. Geistigen!

Deine Schwester war kurz vor unserer Abreise bei uns zu einem Abendplausch. Sie zeigte uns des l. Karli schönes Bildchen, nun besitzen wir es von dir nebst deinem Bildchen, wogegen wir dir, von Bild zu Bild gegengrüßend, von uns 3 Bildchen einsenden. Dazu: meine Bildchen sind von einem Köllner [sic] Schüler im Klavierzimmer aufgenommen worden, was schwierg genug war, u. LieLiechens {4} Bildchen ist eine Photographie nach einem Silberstift-Zeichnung von V. Hammer! Leider hat weder sie selbst auf das Mündchen geachtet, noch auch der Zeichner, u. so kam ein gepreßter Zug hervor, der sonst nicht zu finden ist. Und doch, die Zeichnung ist von einem großen Künstler, u. wie sind wir Beide von demselben Manne konterfeit, – das mach mir große Freude.

Deine Fanny hat uns erzählt, daß du doch Absichten auf einen Sommerurlaub hast, brauchen wir dir erst zu sagen, wie wir uns freuten, wenn du zur Heilnatur in Galtür Zuflucht nähmest (wo wir schon zum 7. Male sind)?! Also mache den Sprung. Mein LieLiechen hat im Winter wieder 5 Kg verloren, hier wird sie sie nun[?] aufladen. Ich bin im Gleichen[?].


Dir u. all den l. deinen unser Beider herzlichste Grüße
Die Eueren
[signed:] Heinrich u. LieLie
30.6.27
Galtür, Tirol

© Transcription William Drabkin, 2013

Your kind, effusive lines= OJ 14/45, [66] truly deserved an immediate expression of thanks, in the most beautiful possible way. It was impossible, however, for me to summon myself to a worthy reply, as I had to correct page-proofs and give lessons, to squeeze in one pupil after another (so that we could depart on the 25th), and to run final errands.

Your mistrust of the world at large, which is the basis of your reflections, is something I share completely. If however it were not the case that to a certain extent I stand on my own with the material [of music theory] (similarly to the Jew and his duck, as in a joke), that I feel obligations only to the material, and not the world, then I would have laid down my brain and my pen long ago. I am neither sensitive nor embittered – why should I, after all, hope to achieve even more than the great Masters {2} were able to achieve? – for this reason I am able to carry out the final revision of Der freie Satz now in all peace and tranquility. The underworld, by which I mean the lower level of humanity, breathes destruction; in this way it destroys the upper world, it is immodesty, the beginning of all the vice of Chaos. Admittedly, its immodesty is unconscious – it actually imagines the opposite – but a camel would sooner pass through the eye of a needle than a person of the underworld become truly modest. How modest, however, were the great Masters of all places, of all times!

I do not know whether I have already written to you about Hoboken's new donation. He is having reproductions made of all accessible autograph manuscripts of the great masters, collecting them in an archive of which he is making a gift to the National Library in Vienna. A historical service to music, and at the same time to Vienna – by his doing so, an old wish of mine is being fulfilled. A Board of Trustees comprising three members (Hoboken, myself, and someone from the the National Library, {3} in this case Dr. Haas), an officer of its own, etc. will be part of it. As early as the autumn, unimagined treasures will come to light, e.g. from Paris Chopin's Scherzo in B flat minor, 2 the Ballade in F major, three manuscripts of the Berceuse, the Waltz in C sharp minor, other waltzes and mazurkas; from Berlin Beethoven's Seventh Symphony and Mozart's Magic Flute and Marriage of Figaro , etc.

For your kind apostrophizing of the services of my Lie-Liechen, she certainly expresses her gratitude, as do I myself perhaps even more affectionately. What has she not done, what is she not doing, to promote my physical and mental well-being!

Shortly before our departure, your sister was at our place for an evening chat. She showed us the lovely picture of little Karl; now we have it from you, together with your picture, in return for which we are sending you three pictures of us, to match picture for picture. Note: my pictures were taken by a pupil from Cologne in the music room, which was difficult enough; and Lie-Liechen's {4} picture is a photograph taken from a silver-point drawing by V. Hammer! Unfortunately neither she nor the artist paid attention to her mouth, and thus a strained feature, which is otherwise not to be found, came to the fore. And yet, the drawing is made by a great artist; and as both of us have had have our likenesses made by the same man, I am greatly pleased by this.

Your sister Fanny has told us that you intend to take a summer holiday after all. We hardly have to say how much it would please us if you were to take refuge in the Galtür (where we are visiting for the seventh time) for your restoration! So, take the leap. My Lie-Liechen lost 5 kg during the winter; here she will put them back on. I am at the same [weight].


To you, and to all your dear ones, best wishes from the two of us.
Yours,
[signed:] Heinrich and LieLie
June 30, 1927
Galtür, Tirol

© Translation William Drabkin, 2013



Fl! 1

Deine lieben hochgehenden Zeilen= OJ 14/45, [66] hätten wirklich verdient, sofort aufs schönste bedankt zu werden, unmöglich aber war es, mich zu einer würdigen Antwort zu sammlen, da ich Bogenkorrekturen zu machen, Stunden vorzugeben hatte u. förmlich Schüler auf Schüler propfte (um am 25. abreisen zu können), an den letzten Besorgungen teilnehmen usw.

Dein Mistrauen in die aufnehmende Welt, das der Grundzug deiner Betrachtung ist, teile ich vollkommen. Stünde es nicht aber so, daß ich gewissermaßen mit dem Stoff allein bin (ähnlich wie in einem Witz der Jude mit seiner Ente), daß ich mich nur[?] dem Stoff verpflichtet fühle, nicht der Welt, ich würde längst Hirn u. Feder nidergelegt haben. Weder bin ich empfindlich, noch verbittert – warum sollte ich denn auch mehr zu erreichen hoffen, als die großen Meister selber {2} zu erreichen vermochten? – daher kann ich die letzte Redaction des „fr. Satzes“ nun in aller Heiterkeit u. Musse durchführen. Die Unterwelt, will[?] sagen Untermenschheit, atmet Zerstörung aus; womit sie die Oberwelt zerstört, ist die Unbescheidenheit, aller Chaos-Laster Anfang. Freilich ist ihnenr die Unbescheidenheit unbewußt – sie bildet sich sogar das Gegenteil ein –, aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Mench der Unterwelt wirklich bescheiden wird. Wie bescheiden aber waren aller Orten, aller Zeiten die Großen!

Ich weiß nicht, ob ich dir schon von Hobokens neue Stiftung schrieb? Er läßt alle erreichbaren Handschriften der Großen abnahmen, versammelt sie in einem Archiv, das er der Nationalbibl. in Wien zum Geschenk gemacht hat. Ein historisches Verdienst um die Musik, zugleich um Wien, – damit geht ein alter Wunsch von mir in Erfüllung. Ein dreigliedriges Kuratorium (Hob., ich u. ein von der Nationalbibl. zu {3} entsendender dritter, diesmal Dozent Dr Haas), ein eigener Beamter, usw. gehören dazu. Schon im Herbst werden ungeahnte Kostbarkeiten ans Licht steigen, z. B. aus Paris Chop. Scherzo bm. , 2 Ball. fd , 3 mal Berçeuse [sic] , Walzer cism. , andere Walzer, Mazurken, aus Berlin Beeth. VII Sinf., Mozart Zauberflöte, Figaros Hochzeit usw.

Für deine liebe Apostrophierung der Verdienste meines LieLiechens dankt sie dir gewiß, vielleicht noch herzlicher ich selbst. Was tat sie nicht Alles, was tut sie nicht alles zur Förderung der Körperlichen u. Geistigen!

Deine Schwester war kurz vor unserer Abreise bei uns zu einem Abendplausch. Sie zeigte uns des l. Karli schönes Bildchen, nun besitzen wir es von dir nebst deinem Bildchen, wogegen wir dir, von Bild zu Bild gegengrüßend, von uns 3 Bildchen einsenden. Dazu: meine Bildchen sind von einem Köllner [sic] Schüler im Klavierzimmer aufgenommen worden, was schwierg genug war, u. LieLiechens {4} Bildchen ist eine Photographie nach einem Silberstift-Zeichnung von V. Hammer! Leider hat weder sie selbst auf das Mündchen geachtet, noch auch der Zeichner, u. so kam ein gepreßter Zug hervor, der sonst nicht zu finden ist. Und doch, die Zeichnung ist von einem großen Künstler, u. wie sind wir Beide von demselben Manne konterfeit, – das mach mir große Freude.

Deine Fanny hat uns erzählt, daß du doch Absichten auf einen Sommerurlaub hast, brauchen wir dir erst zu sagen, wie wir uns freuten, wenn du zur Heilnatur in Galtür Zuflucht nähmest (wo wir schon zum 7. Male sind)?! Also mache den Sprung. Mein LieLiechen hat im Winter wieder 5 Kg verloren, hier wird sie sie nun[?] aufladen. Ich bin im Gleichen[?].


Dir u. all den l. deinen unser Beider herzlichste Grüße
Die Eueren
[signed:] Heinrich u. LieLie
30.6.27
Galtür, Tirol

© Transcription William Drabkin, 2013

Your kind, effusive lines= OJ 14/45, [66] truly deserved an immediate expression of thanks, in the most beautiful possible way. It was impossible, however, for me to summon myself to a worthy reply, as I had to correct page-proofs and give lessons, to squeeze in one pupil after another (so that we could depart on the 25th), and to run final errands.

Your mistrust of the world at large, which is the basis of your reflections, is something I share completely. If however it were not the case that to a certain extent I stand on my own with the material [of music theory] (similarly to the Jew and his duck, as in a joke), that I feel obligations only to the material, and not the world, then I would have laid down my brain and my pen long ago. I am neither sensitive nor embittered – why should I, after all, hope to achieve even more than the great Masters {2} were able to achieve? – for this reason I am able to carry out the final revision of Der freie Satz now in all peace and tranquility. The underworld, by which I mean the lower level of humanity, breathes destruction; in this way it destroys the upper world, it is immodesty, the beginning of all the vice of Chaos. Admittedly, its immodesty is unconscious – it actually imagines the opposite – but a camel would sooner pass through the eye of a needle than a person of the underworld become truly modest. How modest, however, were the great Masters of all places, of all times!

I do not know whether I have already written to you about Hoboken's new donation. He is having reproductions made of all accessible autograph manuscripts of the great masters, collecting them in an archive of which he is making a gift to the National Library in Vienna. A historical service to music, and at the same time to Vienna – by his doing so, an old wish of mine is being fulfilled. A Board of Trustees comprising three members (Hoboken, myself, and someone from the the National Library, {3} in this case Dr. Haas), an officer of its own, etc. will be part of it. As early as the autumn, unimagined treasures will come to light, e.g. from Paris Chopin's Scherzo in B flat minor, 2 the Ballade in F major, three manuscripts of the Berceuse, the Waltz in C sharp minor, other waltzes and mazurkas; from Berlin Beethoven's Seventh Symphony and Mozart's Magic Flute and Marriage of Figaro , etc.

For your kind apostrophizing of the services of my Lie-Liechen, she certainly expresses her gratitude, as do I myself perhaps even more affectionately. What has she not done, what is she not doing, to promote my physical and mental well-being!

Shortly before our departure, your sister was at our place for an evening chat. She showed us the lovely picture of little Karl; now we have it from you, together with your picture, in return for which we are sending you three pictures of us, to match picture for picture. Note: my pictures were taken by a pupil from Cologne in the music room, which was difficult enough; and Lie-Liechen's {4} picture is a photograph taken from a silver-point drawing by V. Hammer! Unfortunately neither she nor the artist paid attention to her mouth, and thus a strained feature, which is otherwise not to be found, came to the fore. And yet, the drawing is made by a great artist; and as both of us have had have our likenesses made by the same man, I am greatly pleased by this.

Your sister Fanny has told us that you intend to take a summer holiday after all. We hardly have to say how much it would please us if you were to take refuge in the Galtür (where we are visiting for the seventh time) for your restoration! So, take the leap. My Lie-Liechen lost 5 kg during the winter; here she will put them back on. I am at the same [weight].


To you, and to all your dear ones, best wishes from the two of us.
Yours,
[signed:] Heinrich and LieLie
June 30, 1927
Galtür, Tirol

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Writing of this letter is not recorded in Schenker's diary.

2 In later writings, Schenker was to insist that Chopin's Scherzo No. 2 should be understood as being in D flat major, not B flat minor.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2013-06-13
Last updated: 2013-06-13