[written above salutation, around date:]
Bitte sehr, die unliebliche Form zu entschuldigen. Soeben ist Tinte eingeschüttet worden, wir sind erst im Auspacken . .
5. 9. 28

Lieber Herr van Hoboken! 1

Noch hoffe ich Sie in Kliffende zu erreichen, da Sie in Ihrem letzten Schreiben, für das ich herzlichst danke, 2 Ihren Aufenthalt noch mit weiteren 3 Wochen bemessen haben. Die Phantastik Ihrer Reise aus Sylt hat mich verführt, noch phantastischer zu werden: ich dachte, wer weiß, wer Sie mit Ihrer hochverehrten Gattin, bei Ihrer vollständigen Auto-Unabhängigkeit u. einfach aus Laune, herumtreiben mögen. Ich frug auch bei Vrieslander einmal an, aber er wußte keine Auskunft zu geben.

{2} Das schlechte Wetter hat Ihnen, wie ich Ihrem Briefchen entnehmen, nichts anhaben können: Sie haben Ihre Humore [sic] in der Betrachtung u. Schilderung bewahrt. Die Gallerie Ihrer Sylt-Prominenten sieht sich heiter an. Ach, die „Prominenten“ von heute: Wort u. Begriff sind von heute, leider auch der - Wert nur von heute. Kennen Sie auch „Tristan“ von Thomas Mann ? 3 (Reclambändchen). Lachen Sie sich auf der Heimreise durch.

Wir hatten in Galtür bis +50° in der Sonne, im Schatten bis 30° — ununterbrochen wolkenlos, eine Luft- u. Hitzefülle, die Augen u. Nerven niederschlug. Der älteste Galtürer, 90-jährig, kann sich einer solchen Übertriebenheit der Natur {3} in Galtür nicht erinnern. Ich mußte zum „fr. S.“ die allerersten Sonnestunden (ab 5h früh) benützen, so ungewohnt gestaltet sich der Tag. Ende Juli erschien Prof. Oppel mit 2 Jungen u. blieb bei uns 5 Tage. Dann folgten Besuche, bis wir am 29ten abreisten u. Halt in Salzburg machten. Eine herrliche Welt war es, die da Mozart zuerst erblickte, aber dem Jüngling ward sie bald unerträglich — eng, er mußte um seines Genies Willen in die große Welt hinaus, möchte sie auch häßlicher sein als die Salzburger. In der großen Welt trug er dann seine eigene Welt mit, die doch noch größer war (jedenfalls auch schöner.) Mozart als Hotelkellner, als {4} Musikkellner, ich kann da nicht mit. Wie war es noch vor 25 Jahren schön in Salzburg, da aufeinmal Mahler vortrat (mit Andrade, Farrar u.s.w.) u. noch kein Mensch die „Festspiele“ ahnte! Dieses ewige Abgrasen der hilflosen Kunst!

Ich freue mich schon sehr Ihrer Rückkehr. Vieles ist vorgemerkt.

Von Oppel ist ein Strquartett bei Peters herausgekommen. Er kommt Oktober nach Wien.

Dr Haas habe ich gratuliert. Bei allem persönlichen Widerwillen wider den heutigen Orden-Hagel freute ich mich aufrichtig, daß das Ministerium einmal auch dorthin schaute wo unser Präsident nicht einmal Kuhfladen sah.

Wir sind mitten im Auspacken der Wohnung, grüßen Sie u. Ihre hochverehrte Gattin herzlichst [continued in left margin, written vertically, including signature:] u. wünschen flotte, heiterste Heimreise!


Ihr
[signed:] HSchenker

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2009, 2011

[written above salutation, around date:]
Please forgive the unprepossessing form. Ink has just been poured; we are only starting to unpack. . .
September 5, 1928

Dear Mr. van Hoboken, 1

It is my hope still to reach you in Kliffende, as you mentioned in your last letter (for which I thank you very much) 2 your plan to extend the sojourn by three more weeks. The fantastic nature of your travels from Sylt seduced me to even greater fantasies: I thought, who knows where you and your dear wife might meander, just on a whim, with your complete automobile-independence. I asked Vrieslander too at one point, but he had no information to give.

{2} The bad weather, as I gather from your note, has not been able to cramp your style: you have kept your senses [sic] of humor in observing and depicting. The gallery of your Sylt-personalities looks amusing. Alas, the "personalities" of today: today's word and idea, unfortunately also only today's — value. Do you also know Tristan by Thomas Mann? 3 (Reklam booklet.) Have a good laugh on the trip home.

In Galtür we had +50° in the sun, up to 30° in the shade — continuously clear skies, an intensity of air and heat that finished off eyes and nerves. The oldest man in Galtür, age 90, cannot recall such an excess {3} in Galtür on Nature's part. I had to use the very first daylight hours (starting at 5 a.m.) for Free Composition — that's how strangely the day took shape. At the end of July Prof. Oppel arrived with two boys, and stayed with us five days. Then visits followed, until on the 29th we departed and made a stop in Salzburg. It was a magnificent world that Mozart first glimpsed there, but for the youth it soon became intolerably — well, narrow; for the sake of his genius, he had to go out into the wide world, though it may have been uglier than the world of Salzburg. Once out in the big world, he carried along his own world, which however was still bigger (and certainly more beautiful as well). Mozart as hotel-waiter, as {4} music-waiter — that I cannot imagine. How beautiful it was in Salzburg twenty-five years ago, when Mahler suddenly appeared (with Andrade, Farrar, etc.), and nobody had yet dreamed of the "festivals"! This endless exploitation of helpless Art!

I look forward with great pleasure to your return. Much is planned.

A string quartet by Oppel has been published by Peters. He will come to Vienna in October.

I have congratulated Dr. Haas. With all my personal antipathy toward the contemporary hail of honors I was truly happy that the Ministry for once has looked where our president couldn't even see cow-pies.

We are in the midst of unpacking — we send warmest greetings to you and your spouse. [continued in left margin, written vertically, including signature:] and wish a speedy, most carefree journey home!


Your
[signed:] HSchenker

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2009, 2011

[written above salutation, around date:]
Bitte sehr, die unliebliche Form zu entschuldigen. Soeben ist Tinte eingeschüttet worden, wir sind erst im Auspacken . .
5. 9. 28

Lieber Herr van Hoboken! 1

Noch hoffe ich Sie in Kliffende zu erreichen, da Sie in Ihrem letzten Schreiben, für das ich herzlichst danke, 2 Ihren Aufenthalt noch mit weiteren 3 Wochen bemessen haben. Die Phantastik Ihrer Reise aus Sylt hat mich verführt, noch phantastischer zu werden: ich dachte, wer weiß, wer Sie mit Ihrer hochverehrten Gattin, bei Ihrer vollständigen Auto-Unabhängigkeit u. einfach aus Laune, herumtreiben mögen. Ich frug auch bei Vrieslander einmal an, aber er wußte keine Auskunft zu geben.

{2} Das schlechte Wetter hat Ihnen, wie ich Ihrem Briefchen entnehmen, nichts anhaben können: Sie haben Ihre Humore [sic] in der Betrachtung u. Schilderung bewahrt. Die Gallerie Ihrer Sylt-Prominenten sieht sich heiter an. Ach, die „Prominenten“ von heute: Wort u. Begriff sind von heute, leider auch der - Wert nur von heute. Kennen Sie auch „Tristan“ von Thomas Mann ? 3 (Reclambändchen). Lachen Sie sich auf der Heimreise durch.

Wir hatten in Galtür bis +50° in der Sonne, im Schatten bis 30° — ununterbrochen wolkenlos, eine Luft- u. Hitzefülle, die Augen u. Nerven niederschlug. Der älteste Galtürer, 90-jährig, kann sich einer solchen Übertriebenheit der Natur {3} in Galtür nicht erinnern. Ich mußte zum „fr. S.“ die allerersten Sonnestunden (ab 5h früh) benützen, so ungewohnt gestaltet sich der Tag. Ende Juli erschien Prof. Oppel mit 2 Jungen u. blieb bei uns 5 Tage. Dann folgten Besuche, bis wir am 29ten abreisten u. Halt in Salzburg machten. Eine herrliche Welt war es, die da Mozart zuerst erblickte, aber dem Jüngling ward sie bald unerträglich — eng, er mußte um seines Genies Willen in die große Welt hinaus, möchte sie auch häßlicher sein als die Salzburger. In der großen Welt trug er dann seine eigene Welt mit, die doch noch größer war (jedenfalls auch schöner.) Mozart als Hotelkellner, als {4} Musikkellner, ich kann da nicht mit. Wie war es noch vor 25 Jahren schön in Salzburg, da aufeinmal Mahler vortrat (mit Andrade, Farrar u.s.w.) u. noch kein Mensch die „Festspiele“ ahnte! Dieses ewige Abgrasen der hilflosen Kunst!

Ich freue mich schon sehr Ihrer Rückkehr. Vieles ist vorgemerkt.

Von Oppel ist ein Strquartett bei Peters herausgekommen. Er kommt Oktober nach Wien.

Dr Haas habe ich gratuliert. Bei allem persönlichen Widerwillen wider den heutigen Orden-Hagel freute ich mich aufrichtig, daß das Ministerium einmal auch dorthin schaute wo unser Präsident nicht einmal Kuhfladen sah.

Wir sind mitten im Auspacken der Wohnung, grüßen Sie u. Ihre hochverehrte Gattin herzlichst [continued in left margin, written vertically, including signature:] u. wünschen flotte, heiterste Heimreise!


Ihr
[signed:] HSchenker

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2009, 2011

[written above salutation, around date:]
Please forgive the unprepossessing form. Ink has just been poured; we are only starting to unpack. . .
September 5, 1928

Dear Mr. van Hoboken, 1

It is my hope still to reach you in Kliffende, as you mentioned in your last letter (for which I thank you very much) 2 your plan to extend the sojourn by three more weeks. The fantastic nature of your travels from Sylt seduced me to even greater fantasies: I thought, who knows where you and your dear wife might meander, just on a whim, with your complete automobile-independence. I asked Vrieslander too at one point, but he had no information to give.

{2} The bad weather, as I gather from your note, has not been able to cramp your style: you have kept your senses [sic] of humor in observing and depicting. The gallery of your Sylt-personalities looks amusing. Alas, the "personalities" of today: today's word and idea, unfortunately also only today's — value. Do you also know Tristan by Thomas Mann? 3 (Reklam booklet.) Have a good laugh on the trip home.

In Galtür we had +50° in the sun, up to 30° in the shade — continuously clear skies, an intensity of air and heat that finished off eyes and nerves. The oldest man in Galtür, age 90, cannot recall such an excess {3} in Galtür on Nature's part. I had to use the very first daylight hours (starting at 5 a.m.) for Free Composition — that's how strangely the day took shape. At the end of July Prof. Oppel arrived with two boys, and stayed with us five days. Then visits followed, until on the 29th we departed and made a stop in Salzburg. It was a magnificent world that Mozart first glimpsed there, but for the youth it soon became intolerably — well, narrow; for the sake of his genius, he had to go out into the wide world, though it may have been uglier than the world of Salzburg. Once out in the big world, he carried along his own world, which however was still bigger (and certainly more beautiful as well). Mozart as hotel-waiter, as {4} music-waiter — that I cannot imagine. How beautiful it was in Salzburg twenty-five years ago, when Mahler suddenly appeared (with Andrade, Farrar, etc.), and nobody had yet dreamed of the "festivals"! This endless exploitation of helpless Art!

I look forward with great pleasure to your return. Much is planned.

A string quartet by Oppel has been published by Peters. He will come to Vienna in October.

I have congratulated Dr. Haas. With all my personal antipathy toward the contemporary hail of honors I was truly happy that the Ministry for once has looked where our president couldn't even see cow-pies.

We are in the midst of unpacking — we send warmest greetings to you and your spouse. [continued in left margin, written vertically, including signature:] and wish a speedy, most carefree journey home!


Your
[signed:] HSchenker

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2009, 2011

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/1, p. 3252, September 5, 1928: "An v. Hoboken (Br.): über die Hitze in Galtür u.a." ("To van Hoboken (letter): about the heat in Galtür, among other things.").

2 = OJ 11/54, [24].

3 Thomas Mann's novella Tristan, 1903.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans(19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)
Rights Holder
IPR: Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-12-22
Last updated: 2011-12-22