27 August 1928


Sehr verehrter und lieber Herr Dr., 1

Bevor der Sommer ganz zu Ende geht und wir uns in Wien wiedersehen möchte ich gerne noch etwas von mir hören lassen.

Also: Wir haben die Autoreise gut überstanden, viele schöne Orte in Deutschland besucht und besichtigt und immer gutes Wetter dabei gehabt. Wir waren auch in Weimar, wo das Wohnhaus Goethe's einen unvergesslichen Eindruck auf uns gemacht hat. In Nürnberg besuchten wir die Dürer-Ausstellung, die sehr schöne war und einen guten Ueberblick über das Schaffen dieses Meisters gab. Wir trafen dort im Hotel Herr[n] von Waltershausen, den münchener Musik-Mussolini, mit dem wir einige gänzlich unverbindliche Worte wechselten. Zum Kyffhäuser führte ich meine Frau, damit sie auch die Wallfahrtstätten des verflossenen Kaiserreiches kennenlernt, die an Geschmacklosigkeit ja nicht leicht zu übertreffen sind. Weiter nördlich kamen wir dann in der grossen [recte die grosse] Hitze, die uns aber nicht sehr geniert hat. Nach einer elftägigen Reise kamen wir auf Sylt an. Wir bewohnen hier ein nettes kleines Haus und gehen zum Essen hinüber nach Kliffende, welches einen [sic] Freund von mir gehört, der es mit seiner Frau auf eine mustergültige Weise führt. Er hat sich eine nette Gästeschar zugelegt worunter einige Berühmtheiten. An deren Spitze steht Thomas Mann, der sich hier mit seinen [sic] körperlichen und geistigen Familienkreis für einigen [sic] Wochen niedergelassen hat. Er ist freundlich und herablassend, taktvoll und bescheiden, aber alles sozusagen vom Olymp herunter. Anders dagegen seine Frau, die wie eine [sic] Rabe aufpasst damit ihr nichts entgehe und sich überall dort einmischt, wo sie nichts zu suchen hat. Ich glaube, sie funktioniert so einigermassen als das Hörrohr des Dichters und es würde mich nicht wundern wenn demnächst, neben dem "Zauberberg", 2 der ja in Arosa spielt, ein "Zaubermeer" entstehen sollte, das hier spielt. Weiter war Generalmusikdirektor Kleiber einige Male hier, doch habe ich ihm [sic] nicht persönlich kennengelernt. Bruno Walter soll noch kommen. Auch die Musikverleger waren vertreten durch die Person des Herrn Dr. Strecker, Mitinhaber der Firma M. [recte B.] Schott & Söhne, Mainz. Er ist nicht gerade ein Licht (einmal konnte er Klavierspiel nicht von einen [sic] Grammophon unterscheiden) {2} und wenn man mit ihm über Musik spricht wird er sichtlich verlegen, Grund warum er sich wohl darauf verlegt haben mag, Verleger zu werden. 3

Aber nicht nur auf Kunstgebiet gibt es hier Grössen [sic], nein, auf anderen Gebieten fehlen sie auch nicht. Herr Gustav Mayer, Inhaber der bedeutendsten Kunsthandlung der Welt in London, nebenbei ein ganz ausgezeichneter Weinkenner, war hier und jetzt ist auch Herr Borchardt, von dem berühmten Fressladen in Berlin, hier eingetroffen.

Die Seeluft hier ist sehr gut und die Landschaft sehr schöne. Sie erinnert sehr an die holländische Dünenlandschaft, nur dass es bei uns kein Wattenmeer gibt und auch keine Heide, so wie hier. Jedenfalls aber begeistert uns die Natur hier dermassen, dass wir uns ein Grundstück gekauft haben um ein Sommerhaus darauf zu bauen. Schade nur, dass das Wetter hier nicht gut ist. Ganz im Gegensatz zu dem Alpengebiet, wo es dieses Jahr besonders schön sein soll, ist hier immer zuviel Wind, zuviel Wolken und öfters Regen.

Wir wollen jetzt noch etwa drei Wochen hier bleiben und dann per Auto die Rückreise antreten. Diesmal geht es durch West-Deutschland und zwar durch Westfalen, Köln, Eifelgebirge, an die [sic] Mosel entlang, nach Strassburg und Colmar, via Freiburg durch den Schwarzwald nach Konstanz und von dort über den Arlberg nach Wien. Ich hoffe unterwegs Vrieslander zu treffen und ihm [sic] nach Wien mitzubringen. Mitte October möchte ich wieder dort sein.

Ich hoffe, Sie haben einen schönen Sommer verbracht bezw. werden noch schöne Tage in Galtür verbringen und grüsse Sie, wie auch Ihre Frau Gemahlin, mit namens meiner Frau, als


Ihr ganz ergebener
[signed:] AvHoboken

Dr Haas hat eine Auszeichnung erhalte: die Silberne Medaille.

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2009, 2011


August 27, 1928


Highly revered and dear Dr. [Schenker] , 1

Before the summer reaches its end and we meet in Vienna, I would like to send a few more lines.

To wit: we have survived the auto tour well, have visited and viewed many beautiful places in Germany, and had good weather all the while. We were also in Weimar, where Goethe’s residence made an unforgettable impression on us. In Nuremberg we visited the Dürer exhibition, which was very beautiful and provided a good survey of this master’s work. There, in the Hotel, we met Mr. Waltershausen, the Munich music-Mussolini, with whom we bandied a few trivial words. I drove my wife to Kyffhäuser, so that she too could learn of the pilgrimage places of the bygone German empire, which cannot easily be surpassed in tastelessness. Further to the North we encountered the great heat, which did not bother us much, however. After an eleven-day journey we arrived at Sylt. We are staying in a nice small house and go for meals over to Kliffende, which belongs to a friend of mine, who runs it, with his wife, in an exemplary fashion. He has assembled a nice assortment of guests including several luminaries, of whom the leading member is Thomas Mann, who has settled in here for several weeks with his biological and intellectual family circle. He is friendly and relaxed, tactful and unpretentious, but all, so to speak, from his Olympian heights. Another matter, though, is his wife, who watches everything like a hawk so as to miss nothing, and meddles where she has no business. I believe she thus functions somehow as the poet's ear-horn, and it would not surprise me if in no time, along with the "Zauberberg," 2 which is indeed playing in Arosa, there should appear a "Zaubermeer" playing here. General Music Director Kleiber was here several times as well, but I have never met him personally. Bruno Walter is to come later. Music publishers too were represented in the person of Dr. Strecker, co-proprietor of the firm M. [recte B.] Schott & Sons, Mainz. He is not exactly a shining light (on one occasion he was unable to distinguish piano playing from a phonograph), {2} and when you talk with him about music, he is visibly embarrassed, the reason being that he may have taken to the business of being a publisher. 3

But it is not only greats in the field of Art that are present here; no, they are not lacking in other areas either. Mr. Gustav Mayer, proprietor of the world’s most important art dealership in London, and incidentally a great wine-connoisseur, was here, and now Mr. Borchardt, from the famous gourmand-emporium in Berlin, has arrived.

The sea air here is very good and the landscape quite beautiful; it is very reminiscent of the Dutch dune-landscape, except that there is no tidal land in our area, also no heath, as here. But in any case we are so enthusiastic about nature here that we have bought a lot on which to build a summer house. Pity only that the weather here is not good. Completely different from the Alpine region, where this year it is said to be especially beautiful, here there is always too much wind, too many clouds, and often rain.

We want to stay here about three more weeks and then begin the journey back by auto. This time it will take us through western Germany and specifically through Westphalia, Cologne, the Eifel range along the Mosel, to Strassburg and Colmar, by way of Freiburg through the Black Forest to Constance, and from there over the Arlberg to Vienna. I hope to meet Vrieslander along the way and bring him with us to Vienna. I would like to be back there mid-October.

I hope that you have enjoyed a good summer, or rather will still have fine days to enjoy in Galtür, and greet you, and your wife as well, on behalf of my wife, as


Yours most sincerely,
[signed:] A. v. Hoboken

Dr. Haas has received a distinction: the Silver Medal.

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2009, 2011


27 August 1928


Sehr verehrter und lieber Herr Dr., 1

Bevor der Sommer ganz zu Ende geht und wir uns in Wien wiedersehen möchte ich gerne noch etwas von mir hören lassen.

Also: Wir haben die Autoreise gut überstanden, viele schöne Orte in Deutschland besucht und besichtigt und immer gutes Wetter dabei gehabt. Wir waren auch in Weimar, wo das Wohnhaus Goethe's einen unvergesslichen Eindruck auf uns gemacht hat. In Nürnberg besuchten wir die Dürer-Ausstellung, die sehr schöne war und einen guten Ueberblick über das Schaffen dieses Meisters gab. Wir trafen dort im Hotel Herr[n] von Waltershausen, den münchener Musik-Mussolini, mit dem wir einige gänzlich unverbindliche Worte wechselten. Zum Kyffhäuser führte ich meine Frau, damit sie auch die Wallfahrtstätten des verflossenen Kaiserreiches kennenlernt, die an Geschmacklosigkeit ja nicht leicht zu übertreffen sind. Weiter nördlich kamen wir dann in der grossen [recte die grosse] Hitze, die uns aber nicht sehr geniert hat. Nach einer elftägigen Reise kamen wir auf Sylt an. Wir bewohnen hier ein nettes kleines Haus und gehen zum Essen hinüber nach Kliffende, welches einen [sic] Freund von mir gehört, der es mit seiner Frau auf eine mustergültige Weise führt. Er hat sich eine nette Gästeschar zugelegt worunter einige Berühmtheiten. An deren Spitze steht Thomas Mann, der sich hier mit seinen [sic] körperlichen und geistigen Familienkreis für einigen [sic] Wochen niedergelassen hat. Er ist freundlich und herablassend, taktvoll und bescheiden, aber alles sozusagen vom Olymp herunter. Anders dagegen seine Frau, die wie eine [sic] Rabe aufpasst damit ihr nichts entgehe und sich überall dort einmischt, wo sie nichts zu suchen hat. Ich glaube, sie funktioniert so einigermassen als das Hörrohr des Dichters und es würde mich nicht wundern wenn demnächst, neben dem "Zauberberg", 2 der ja in Arosa spielt, ein "Zaubermeer" entstehen sollte, das hier spielt. Weiter war Generalmusikdirektor Kleiber einige Male hier, doch habe ich ihm [sic] nicht persönlich kennengelernt. Bruno Walter soll noch kommen. Auch die Musikverleger waren vertreten durch die Person des Herrn Dr. Strecker, Mitinhaber der Firma M. [recte B.] Schott & Söhne, Mainz. Er ist nicht gerade ein Licht (einmal konnte er Klavierspiel nicht von einen [sic] Grammophon unterscheiden) {2} und wenn man mit ihm über Musik spricht wird er sichtlich verlegen, Grund warum er sich wohl darauf verlegt haben mag, Verleger zu werden. 3

Aber nicht nur auf Kunstgebiet gibt es hier Grössen [sic], nein, auf anderen Gebieten fehlen sie auch nicht. Herr Gustav Mayer, Inhaber der bedeutendsten Kunsthandlung der Welt in London, nebenbei ein ganz ausgezeichneter Weinkenner, war hier und jetzt ist auch Herr Borchardt, von dem berühmten Fressladen in Berlin, hier eingetroffen.

Die Seeluft hier ist sehr gut und die Landschaft sehr schöne. Sie erinnert sehr an die holländische Dünenlandschaft, nur dass es bei uns kein Wattenmeer gibt und auch keine Heide, so wie hier. Jedenfalls aber begeistert uns die Natur hier dermassen, dass wir uns ein Grundstück gekauft haben um ein Sommerhaus darauf zu bauen. Schade nur, dass das Wetter hier nicht gut ist. Ganz im Gegensatz zu dem Alpengebiet, wo es dieses Jahr besonders schön sein soll, ist hier immer zuviel Wind, zuviel Wolken und öfters Regen.

Wir wollen jetzt noch etwa drei Wochen hier bleiben und dann per Auto die Rückreise antreten. Diesmal geht es durch West-Deutschland und zwar durch Westfalen, Köln, Eifelgebirge, an die [sic] Mosel entlang, nach Strassburg und Colmar, via Freiburg durch den Schwarzwald nach Konstanz und von dort über den Arlberg nach Wien. Ich hoffe unterwegs Vrieslander zu treffen und ihm [sic] nach Wien mitzubringen. Mitte October möchte ich wieder dort sein.

Ich hoffe, Sie haben einen schönen Sommer verbracht bezw. werden noch schöne Tage in Galtür verbringen und grüsse Sie, wie auch Ihre Frau Gemahlin, mit namens meiner Frau, als


Ihr ganz ergebener
[signed:] AvHoboken

Dr Haas hat eine Auszeichnung erhalte: die Silberne Medaille.

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2009, 2011


August 27, 1928


Highly revered and dear Dr. [Schenker] , 1

Before the summer reaches its end and we meet in Vienna, I would like to send a few more lines.

To wit: we have survived the auto tour well, have visited and viewed many beautiful places in Germany, and had good weather all the while. We were also in Weimar, where Goethe’s residence made an unforgettable impression on us. In Nuremberg we visited the Dürer exhibition, which was very beautiful and provided a good survey of this master’s work. There, in the Hotel, we met Mr. Waltershausen, the Munich music-Mussolini, with whom we bandied a few trivial words. I drove my wife to Kyffhäuser, so that she too could learn of the pilgrimage places of the bygone German empire, which cannot easily be surpassed in tastelessness. Further to the North we encountered the great heat, which did not bother us much, however. After an eleven-day journey we arrived at Sylt. We are staying in a nice small house and go for meals over to Kliffende, which belongs to a friend of mine, who runs it, with his wife, in an exemplary fashion. He has assembled a nice assortment of guests including several luminaries, of whom the leading member is Thomas Mann, who has settled in here for several weeks with his biological and intellectual family circle. He is friendly and relaxed, tactful and unpretentious, but all, so to speak, from his Olympian heights. Another matter, though, is his wife, who watches everything like a hawk so as to miss nothing, and meddles where she has no business. I believe she thus functions somehow as the poet's ear-horn, and it would not surprise me if in no time, along with the "Zauberberg," 2 which is indeed playing in Arosa, there should appear a "Zaubermeer" playing here. General Music Director Kleiber was here several times as well, but I have never met him personally. Bruno Walter is to come later. Music publishers too were represented in the person of Dr. Strecker, co-proprietor of the firm M. [recte B.] Schott & Sons, Mainz. He is not exactly a shining light (on one occasion he was unable to distinguish piano playing from a phonograph), {2} and when you talk with him about music, he is visibly embarrassed, the reason being that he may have taken to the business of being a publisher. 3

But it is not only greats in the field of Art that are present here; no, they are not lacking in other areas either. Mr. Gustav Mayer, proprietor of the world’s most important art dealership in London, and incidentally a great wine-connoisseur, was here, and now Mr. Borchardt, from the famous gourmand-emporium in Berlin, has arrived.

The sea air here is very good and the landscape quite beautiful; it is very reminiscent of the Dutch dune-landscape, except that there is no tidal land in our area, also no heath, as here. But in any case we are so enthusiastic about nature here that we have bought a lot on which to build a summer house. Pity only that the weather here is not good. Completely different from the Alpine region, where this year it is said to be especially beautiful, here there is always too much wind, too many clouds, and often rain.

We want to stay here about three more weeks and then begin the journey back by auto. This time it will take us through western Germany and specifically through Westphalia, Cologne, the Eifel range along the Mosel, to Strassburg and Colmar, by way of Freiburg through the Black Forest to Constance, and from there over the Arlberg to Vienna. I hope to meet Vrieslander along the way and bring him with us to Vienna. I would like to be back there mid-October.

I hope that you have enjoyed a good summer, or rather will still have fine days to enjoy in Galtür, and greet you, and your wife as well, on behalf of my wife, as


Yours most sincerely,
[signed:] A. v. Hoboken

Dr. Haas has received a distinction: the Silver Medal.

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2009, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/1, p. 3252: "Von v. Hoboken (Br. aus Sylt): über die prominenten Gäste dort, das Programm der Heimreise usw." (From van Hoboken (letter from Sylt): about the famous guests there, his plan for the journey home, etc."). Obvious typing errors and corrections are not shown in this transcription.

2 A reference to Mann's novel Der Zauberberg (The Magic Mountain) (1924), and a play on words with Zaubermeer, "magic lake."

3 "verlegen . . . (sich) verlegt . . . Verleger": an untranslatable play on words in which the root word has entirely different meanings in its three manifestations.

Commentary

Format
2p letter, typed message, holograph signature and postscript
Provenance
Schenker, Heinrich ([document date]-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
IPR: Heirs of Anthony van Hoboken, published here with kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Anthony van Hoboken February 3, 2007. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-12-21
Last updated: 2011-12-21