Partenkirchen
bei Dr. Grahl
5 August 1933

Lieber und verehrter Herr Dr.! 1

Ich muss Ihnen wiederum vielen und herzlichen Dank sagen für Ihren lieben und schönen Brief. 2 Besonders für das Lob aus Ihrer Feder bezüglich meiner Lieder bin ich sehr empfindlich: ich wüsste mir kein besseres.

Ich muss mich demgegenüber wieder einmal schämen, dass ich Ihren Gebirtstag [sic] übersehen habe. Es ist ja, Gott sei dank, nicht das erste Mal, dass mir das passiert. Aber wenn es mir auch wohl noch einmal unterschlüpfen wird: Ihren 70sten Gebirtstag [sic] werde ich bestimmt nicht vergessen.

Wegen mir brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen; ich werde die Chopin-Arbeiten schon eines Tages weiterführen. Nur bin ich momentan sehr von der Entwicklung der politischen Lage betroffen, da ich nicht weiss, was mir morgen passieren kann und ob ich dann überhaupt noch ein Vaterland haben werde oder ob wir bald alle so von Deutschland niedergetreten werden sollen, wie jetzt Oesterreich. Ich fahre morgen nach Salzburg, wo ich mir mit meiner Frau „Jedermann“ 3 und „Orpheus“ 4 ansehen will. Wir freuen uns sehr darauf; wir haben beide die Festspiele dort noch nie besucht. Ich werde dann von der Gelegenheit Gebrauch machen, und diesen Brief dort absenden.

Die Feuilletons schicke ich Ihnen anbei mit tausend Dank zurück.

Die Polemik des „23“ 5 ist mir ja im Grunde zuwider, aber, ich muss doch immer wieder zugeben, dass sie am Platze ist.

Was Kleiber angeht, so habe ich immer gemeint er wäre Jude.

Zu dem Geleitwort von Max Graf haben Sie ja selber schon treffende Bemerkungen gemacht. Es ist aber gut, dass er wenigstens bei Ihnen stiehlt.

Goos ist einfach lieb. Es muss Ihnen [recte Sie] ja selber wundern, dass Sie nun dorten als Wegbereiter des „seiner selbst bewusst gewordenen Deutschlands“ herangezogen und gefeiert werden. Weiss Goos, welcher infamen Rasse Sie an[ge]hören? 6

{2} Die verlorenen Beethoven-Erinnerungen 7 waren sicher sehr hübsch; die von Rosenthal 8 gefallen mir bei Weitem nicht so gut. Es ist bestimmt schade, das die Prämonstratenser von Strachow 9 das „Rosenkranzfest“ 10 haben hergeben müssen. Aber Geld ist auch etwas wert heutzutage und die Hauptsache ist ja doch, dass es das Werk überhaupt noch gibt.

Die Artikel der D. A. Z. und der sie zusammenfassende der N. F. Pr. habe ich mit Interesse gelesen. Es ist natürlich alles richtig was darin gesagt wird, aber es sind die Stimmen weniger Menschen der älteren Generation und ich fürchte, dass sie verhallen werden gegenüber der viel lauteren des Ministeriums für Propaganda. Auch finde ich sie merkwürdig zwiespältig. Sie enden alle mit ein[em] mehr oder wenig deutliches [recte deutlichen] Bekenntnis zu den „Grundlagen des neuen Staate“, von dem sie zuerst behaupten, er habe nichts mit der Kunst gemein.

Ich hoffe indessen, dass Sie Sich wohl fühlen und dass Ihre Arbeit Ihnen reichlich Entschädigung bietet für all das hässliche, was um uns herum geschieht. Meiner Frau geht es auch viel besser. Sie ist sehr fleissig und die Mandelgeschichte, unter der sie so litt als sie in Wien war, ist gänzlich behoben worden. Hoffentlich kommt diese nicht wieder, wenn wir im Herbst ans Mittelmeer gehen. Im Anschluss daran wollen wir dann, etwa Mitte Oktober, nach Wien kommen.

Mit den herzlichsten Grüssen von uns beiden und Empfehlungen an Ihre Frau schliesse ich,


als Ihr ganz ergebener
[unsigned]

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2018


Partenkirchen
c/o Dr. Grahl
August 5, 1933

Dear and revered Dr. [Schenker], 1

I must again express many heartfelt thanks for your kind and good letter. 2 Especially gratifying to me is the praise from your pen regarding my lieder: I would know of none better.

On the other hand I must again be ashamed of myself for having missed your birthday. It is of course, thank God, not the first time that has occurred. But just in case it should happen to escape me one more time: I will certainly not forget your seventieth birthday.

You need not concern yourself about me; I will one day continue the Chopin projects. Only just now I am very concerned with the development of the political situation, since I do not know what can happen to me tomorrow and whether I will then still have a fatherland, at all or whether we will all soon be so oppressed by Germany as Austria is today. I am going to Salzburg tomorrow, where I want to see Jedermann 3 and Orpheus 4 with my wife. We look forward to it very much; we have neither of us yet attended the festival performances. I will then take the opportunity to mail this letter to you from there.

I return the feuilletons to you with many thanks.

The polemic in "23" 5 is basically not to my taste, but I must again admit that it is appropriate.

As far as Kleiber is concerned, I have always thought him to be a Jew.

On the introductory statement by Max Graf, you yourself have already made appropriate comments. It is good, though, that at least he steals from you.

Goos is simply quite naïve. It must be amazing even to you that you are now cited and celebrated there as the trail-blazer of the "now self-aware Germany." Does Goos know of which infamous race you are a member? 6

{2} The lost Beethoven-recollections 7 were certainly very lovely; those by Rosenthal 8 I find far less pleasing. It is certainly a shame that the Premonstratensians of Strahov 9 had to relinquish the "Rosenkranzfest." 10 But money is also worth something these days, and the main thing, after all, is that the work still exists.

The articles from the Deutsche allgemeine Zeitung and the one from the Neue freie Presse into which they are folded I have read with interest. Everything said in them is of course correct, but they are voices of a few people of the older generation, and I fear that they will fade out in comparison to the much louder ones from the Ministry for Propaganda. And too, I find them somewhat divided. They all end with a more-or-less clear avowal of the "foundations of the new nation," of which they first assert that it has nothing in common with art.

I hope, however, that you are feeling well and that your work affords you abundant compensation for all the ugliness that surrounds us. Things are much better too for my wife as well. She is very active, and the tonsillitis from which she suffered so much when she was in Vienna has been cured completely. We hope it does not reoccur when we go to the Mediterranean in the fall. From there we will then come directly to Vienna, around the middle of October.

With warmest greetings from both of us and regards to your wife, I close


as your wholly devoted
[unsigned]

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2018


Partenkirchen
bei Dr. Grahl
5 August 1933

Lieber und verehrter Herr Dr.! 1

Ich muss Ihnen wiederum vielen und herzlichen Dank sagen für Ihren lieben und schönen Brief. 2 Besonders für das Lob aus Ihrer Feder bezüglich meiner Lieder bin ich sehr empfindlich: ich wüsste mir kein besseres.

Ich muss mich demgegenüber wieder einmal schämen, dass ich Ihren Gebirtstag [sic] übersehen habe. Es ist ja, Gott sei dank, nicht das erste Mal, dass mir das passiert. Aber wenn es mir auch wohl noch einmal unterschlüpfen wird: Ihren 70sten Gebirtstag [sic] werde ich bestimmt nicht vergessen.

Wegen mir brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen; ich werde die Chopin-Arbeiten schon eines Tages weiterführen. Nur bin ich momentan sehr von der Entwicklung der politischen Lage betroffen, da ich nicht weiss, was mir morgen passieren kann und ob ich dann überhaupt noch ein Vaterland haben werde oder ob wir bald alle so von Deutschland niedergetreten werden sollen, wie jetzt Oesterreich. Ich fahre morgen nach Salzburg, wo ich mir mit meiner Frau „Jedermann“ 3 und „Orpheus“ 4 ansehen will. Wir freuen uns sehr darauf; wir haben beide die Festspiele dort noch nie besucht. Ich werde dann von der Gelegenheit Gebrauch machen, und diesen Brief dort absenden.

Die Feuilletons schicke ich Ihnen anbei mit tausend Dank zurück.

Die Polemik des „23“ 5 ist mir ja im Grunde zuwider, aber, ich muss doch immer wieder zugeben, dass sie am Platze ist.

Was Kleiber angeht, so habe ich immer gemeint er wäre Jude.

Zu dem Geleitwort von Max Graf haben Sie ja selber schon treffende Bemerkungen gemacht. Es ist aber gut, dass er wenigstens bei Ihnen stiehlt.

Goos ist einfach lieb. Es muss Ihnen [recte Sie] ja selber wundern, dass Sie nun dorten als Wegbereiter des „seiner selbst bewusst gewordenen Deutschlands“ herangezogen und gefeiert werden. Weiss Goos, welcher infamen Rasse Sie an[ge]hören? 6

{2} Die verlorenen Beethoven-Erinnerungen 7 waren sicher sehr hübsch; die von Rosenthal 8 gefallen mir bei Weitem nicht so gut. Es ist bestimmt schade, das die Prämonstratenser von Strachow 9 das „Rosenkranzfest“ 10 haben hergeben müssen. Aber Geld ist auch etwas wert heutzutage und die Hauptsache ist ja doch, dass es das Werk überhaupt noch gibt.

Die Artikel der D. A. Z. und der sie zusammenfassende der N. F. Pr. habe ich mit Interesse gelesen. Es ist natürlich alles richtig was darin gesagt wird, aber es sind die Stimmen weniger Menschen der älteren Generation und ich fürchte, dass sie verhallen werden gegenüber der viel lauteren des Ministeriums für Propaganda. Auch finde ich sie merkwürdig zwiespältig. Sie enden alle mit ein[em] mehr oder wenig deutliches [recte deutlichen] Bekenntnis zu den „Grundlagen des neuen Staate“, von dem sie zuerst behaupten, er habe nichts mit der Kunst gemein.

Ich hoffe indessen, dass Sie Sich wohl fühlen und dass Ihre Arbeit Ihnen reichlich Entschädigung bietet für all das hässliche, was um uns herum geschieht. Meiner Frau geht es auch viel besser. Sie ist sehr fleissig und die Mandelgeschichte, unter der sie so litt als sie in Wien war, ist gänzlich behoben worden. Hoffentlich kommt diese nicht wieder, wenn wir im Herbst ans Mittelmeer gehen. Im Anschluss daran wollen wir dann, etwa Mitte Oktober, nach Wien kommen.

Mit den herzlichsten Grüssen von uns beiden und Empfehlungen an Ihre Frau schliesse ich,


als Ihr ganz ergebener
[unsigned]

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2018


Partenkirchen
c/o Dr. Grahl
August 5, 1933

Dear and revered Dr. [Schenker], 1

I must again express many heartfelt thanks for your kind and good letter. 2 Especially gratifying to me is the praise from your pen regarding my lieder: I would know of none better.

On the other hand I must again be ashamed of myself for having missed your birthday. It is of course, thank God, not the first time that has occurred. But just in case it should happen to escape me one more time: I will certainly not forget your seventieth birthday.

You need not concern yourself about me; I will one day continue the Chopin projects. Only just now I am very concerned with the development of the political situation, since I do not know what can happen to me tomorrow and whether I will then still have a fatherland, at all or whether we will all soon be so oppressed by Germany as Austria is today. I am going to Salzburg tomorrow, where I want to see Jedermann 3 and Orpheus 4 with my wife. We look forward to it very much; we have neither of us yet attended the festival performances. I will then take the opportunity to mail this letter to you from there.

I return the feuilletons to you with many thanks.

The polemic in "23" 5 is basically not to my taste, but I must again admit that it is appropriate.

As far as Kleiber is concerned, I have always thought him to be a Jew.

On the introductory statement by Max Graf, you yourself have already made appropriate comments. It is good, though, that at least he steals from you.

Goos is simply quite naïve. It must be amazing even to you that you are now cited and celebrated there as the trail-blazer of the "now self-aware Germany." Does Goos know of which infamous race you are a member? 6

{2} The lost Beethoven-recollections 7 were certainly very lovely; those by Rosenthal 8 I find far less pleasing. It is certainly a shame that the Premonstratensians of Strahov 9 had to relinquish the "Rosenkranzfest." 10 But money is also worth something these days, and the main thing, after all, is that the work still exists.

The articles from the Deutsche allgemeine Zeitung and the one from the Neue freie Presse into which they are folded I have read with interest. Everything said in them is of course correct, but they are voices of a few people of the older generation, and I fear that they will fade out in comparison to the much louder ones from the Ministry for Propaganda. And too, I find them somewhat divided. They all end with a more-or-less clear avowal of the "foundations of the new nation," of which they first assert that it has nothing in common with art.

I hope, however, that you are feeling well and that your work affords you abundant compensation for all the ugliness that surrounds us. Things are much better too for my wife as well. She is very active, and the tonsillitis from which she suffered so much when she was in Vienna has been cured completely. We hope it does not reoccur when we go to the Mediterranean in the fall. From there we will then come directly to Vienna, around the middle of October.

With warmest greetings from both of us and regards to your wife, I close


as your wholly devoted
[unsigned]

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2018

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/6, p. 3856, August 8, 1933: "Von v. Hoboken (Br. rec.): alle Exzerpte zurück u. Dank für mein Urteil über seine Lieder; verspricht die Arbeiten nicht in Stich zu lassen, macht gute Bemerkungen zu den Ausschnitten. Will in Salzburg „Jedermann“ u. „Orpheus“ hören, dann eine „Mittelmeerreise“, hofft im Oktober in Wien zu sein." ("From Hoboken (registered letter): all excerpts returned, and thanks for my judgment about his songs; promises not to leave these works in the lurch, makes intelligent remarks on the clippings. He wants to hear Jedermann and Orpheus in Salzburg, then undertake a "trip to the Mediterranean." Hopes to be in Vienna in October.").

2 = OJ 89/6, [9], dated July 25, 1933.

3 The play by Hugo von Hofmannsthal, performed annually (with some exceptions) at the Salzburg Festival.

4 Gluck's Orfeo ed Euridice, conducted by Bruno Walter, was on the playbill for the Salzburg season.

5 23: Eine Wiener Musikzeitschrift. The "23" in the title "is derived from the paragraph number of the Austrian press law to be invoked by one seeking to correct a newspaper article containing false information" (information from Wikisource).

6 Cf. OJ 5/18, [41], to Oswald Jonas, dated April 23, 1934.

7 [footnote to be supplied]

8 [footnote to be supplied]

9 The Premonstratensian Strahov Monastery in Prague.

10 A famous altarpiece of 1506 by Albrecht Dürer. The painting was received into the collection of the Strahov Monastery (see note 9) in 1793, and was relinquished in 1930 to the National Gallery in Prague. It is this latter transfer to which Hoboken's present observation refers.

Commentary

Rights Holder
Heirs of Anthony van Hoboken, published here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Anthony van Hoboken February 3, 2007. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
2p letter, carbon copy, typewritten salutation, message, and valediction (no signature)
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans (19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)

Digital version created: 2018-03-23
Last updated: 2012-11-19